Eine kurze weite Reise

“Alida, ist Mirarthris eine alte Stadt?” Sie kam mir modern vor, mit ihren großen Gebäuden, den Marktständen, dem Verkehr..Gleiter, viele Gleiter, in verschiedenen Größen. “Ja, schon, aber damals wurde sie völlig zerstört. Es gab nur wenige Mélanaden hier, nicht genug. Die Straße nach Atlantis blieb trocken, und die Häuser dort, aber die stehen heute auch nicht mehr. Die Stadt wurde völlig neu aufgebaut. Das ist allerdings lange her, wäre hier Europa, würde man von einer uralten Stadt sprechen.” - “Wie lange?” - “Etwa viertausend Jahre zusammen, Neuaufbau vor etwa dreitausendzweihundert.....” - “Huiii...”

So sah es nicht aus. Alles bestens in Ordnung, und überall dieser Baustil, den ich schon innen in der Kristallwelt bewundert hatte. Dennoch, jedes Haus war anders, in Größe, Farben, und Bemalung. Viele hatten Dachgärten oder -Terassen. Dann fielen mir die Menschen auf; tatsächlich, alle in dieser luftigen, freizügigen Kleidung und alle schienen jung zu sein, und schlank. Aber das sah ich ja an Alida, ihre sechzig Jahre sah man ihr nicht an. Freundlich auch; viele kannten Alida offenbar, grüßten sie, grüßten mich...und...ich verstand sie. Alida bemerkte das “du lernst schnell...denke nicht, hier würde jemand deutsch sprechen. Das können nur wenige. Du verstehst sie direkt, und dein Gehirn macht deutsch daraus. Siehst du, an deiner Kleidung bist du nicht zu erkennen, und an deiner Sprache auch nicht. “ - “Was denn...wenn ich ‘guten Tag ‘ sage, verstehen die das?” - “Ja sicher. Alàre vador schreibt sich das, aber sag ruhig ‘guten Tag ’ - du wirst verstanden.” - “Woher kannst du deutsch?” - “Ich habe Goethe gelesen, das hat mir gefallen. Dann war ich zwei Jahre in Köln. Hamburg habe ich übrigens besucht...das hat mir nicht so gut gefallen. Aber auch nur kurz.” - “Wann denn?” - “Vor zehn Jahren. Als ich mich auf den Job als Einführerin vorbereitet habe. Ich war auch kurz in England, aber englisch habe ich in Köln gelernt.” - “Bist du auch noch woanders hin gereist?” - “Nein. das war kompliziert genug, eure Behörden sind ja furchtbar. Ich hatte einen falschen Paß dabei. Den hätten sie fast verworfen. Na, es ging und hat mir gefallen. Besonders der Rhein. So große Flüsse haben wir nicht.” - “Gibt es hier keine Behörden?” - “Nur die Wächter, ein paar Schreiber - ist anders organisiert, das lernst du noch kennen. Und unser Paß ist einfach, nicht? Du hast ihn oder nicht. Verfallen kann er nicht, nur verlieren darfst du ihn nicht.”

Wir gingen durch eine überfüllte Straße, wieder kam ein Mann auf Alida zu, begrüßte sie herzlich, kam zu mir, sagte ‘guten Tag’ oder Alàre vador, und ich probierte es. Er hieß Sanedor, das hatte ich mitbekommen. “Und, Sanedor, was hast du heute gemacht?” - “Oh, Norman, ich war in Atlantis. Habe mir einige Bücher geholt, und gut gegessen. Jetzt gehe ich mit den Kindern an den Strand.  Einen schönen Abend, ihr zwei. Gratuliere, Alida. Entschuldigt mich, die Kleinen warten.” - “Ja, sicher. machs gut.” Alida strahlte mich an “Siehst du?” Ich war gebügelt. Es hatte wie deutsch geklungen. “Alida, ich habe ihm nicht meinen Namen genannt.” - “Doch, sicher. Du hast ihn nur nicht ausgesprochen. Denk mal an die Wächter, die wußten ihn doch auch, und daß du aus Hamburg kommst.” - “Dann wissen die ja auch, daß ich ein Fremder bin.” - “Aber nein. Du wärst überrascht, wie viele nicht hier geboren sind. Es gibt viele Menschen, die den Ärger da oben hinter sich gelassen haben...so wie du, mit deinem Schiff. Du könntest schon lange hier leben; damit wärst du einer von uns. Sie würden es merken, wenn du sie nicht verstehst oder rumläufst wie Malcolm, mit Bierbauch, dreckigen Sachen und Alkoholfahne.” - “ A-ha. Wo gehen wir eigentlich hin?” - “Zu so etwas wie einem Bahnhof. Wir nehmen uns einen Gleiter, fahren nach Atlantis. Dort geben wir ihn wieder ab, und gehen zu meinem Haus. “ - “Wozu hat er gratuliert?”  Ihr schönes Gesicht lächelte wie ein Engel. “Zu meiner neuen Liebe.” Wieder war ich sprachlos. Sie hatte nichts gesagt...klar, gedacht, oder?  “Nein, das sieht man uns an.” sagte sie und weiter ging es.

Der ‘Bahnhof’ war ein großer Platz, ständig kamen und fuhren Gleiter, große, kleine, riesige. Alida ging vor, durch Reihen von abgestellten Gleitern, blieb stehen “Nehmen wir den? Groß genug ist er. “ Das ‘Gleiter’ Boot war wohl alt, fast schwarz, mit vier Plätzen und etwas Stauraum, Vorder-und Hinterdeck geschnitzt, eine Darstellung von Adlern. “Du weißt Bescheid, ich folge dir.” Sie stieg ein, ich auch, sie nahm den Bügel hoch und schon waren wir drei Meter hoch, über den Leuten und den anderen Booten. “Können die Dinger auch auf Wasser fahren?” - “Na klar, wenn du es langsam magst und geschaukelt werden willst. Soll ich dir zeigen, was damit geht?” - “mach nur.” - “Au ja.”

Sie fuhr erst langsam durch, oder über, belebte Straßen, wich geschickt anderen Fahrzeugen aus, mal neben ihnen, mal drüber oder drunter. Machte einen Hüpfer über ein Haus “sieh mal, die Gärten auf den Dächern.” - “Sagenhaft...Kann man nicht rausfallen?” - “Springen schon, aber laß das. Drinnen macht dein Körper jede Bewegung mit, die ich mit dem Mélanaden vorgebe. Willst du mal?” - fast nichts los...“Nein, lieber nicht. Zeig mir dein Land.” - “Bin schon dabei.” Die Häuser blieben zurück, Felder, Gärten, Bäche. Sie hielt auf schwarze Berge zu die ziemlich bedrohlich aussahen, aber der Gleiter sauste an den Hängen hinauf wie ein Jagdflugzeug, nur nicht so laut, völlig geräuschlos. Einige Vögel begleiteten uns ein Stück weit, einer setzte sich sogar vorn auf die Spitze, flog wieder auf als Alida nach unten in ein Tal steuerte. “Willst du mal in einen Vulkan sehen?” - “Mach nur, aber grill uns nicht.” - “Nein. Das ist die Westkette, da ist eigentlich immer einer aktiv. Ja, da drüben, der Karaklan. Obacht, steil.” Sie zog scharf nach oben, aus dem grünen Tal ging es rasend schnell auf einen schwarzen Kegel zu, es roch nicht gut, und Dampfschwaden zogen vorbei.  Sie bremste ab, zog vorsichtig über den Kraterrand “och, schade, der raucht nur. Na egal, sieht auch gut aus, nicht?” - “Ja, aber der Kerl stinkt.” - “Haha, sicher. Das geht noch, du solltest mal den Sindarian erleben. Da wirst du grün im Gesicht...hey, da drüben, der kleine Nebenkrater, der kokelt...” Sie hielt darauf zu, aber bevor wir dort ankamen, schoß eine schwarze Wolke heraus, Feuer folgte. “Wir müssen auf Abstand bleiben..der schmeißt mit Steinen.” sagte sie und stoppte den Gleiter. Wir standen still in der Luft, keine hundert Meter von dem rauchenden Schlot. Es krachte gewaltig, und eine Art Feuerwerk ging los, ein sagenhafter Anblick vor der nachtschwarzen Wolke, die gerade abzog.  Sie riß den Gleiter schnell zurück “wenn das runterkommt, sehen wir aus als hätten wir uns im Schlamm gewälzt” sagte sie und machte einen weiten Bogen um den Krater. Die Luft wurde besser, als wir die Wolke hinter uns hatten hielt ich den Atem an. “Ist das der Atalan?” Ein Riese von Vulkan, blendendes Licht auf dem Gipfel, alles andere konnte ich nicht erkennen. “Ja, das ist er. Nicht direkt hineinsehen! Es geht runter nach Atlantis.”

Die Landschaft wurde freundlicher. Wiesen, Wälder, Bäche und Straßen sah ich unter uns, wir waren noch sehr hoch. Dann sah ich die sagenhafte Stadt, am Fuß des Atalan. Sie reichte bis ans Meer, hatte wohl zwei Zentren, und den von Plato bekannten großen Hafen. Ein großer Platz schloß sich daran an, umstanden von Gebäuden, die auch ich als sehr alt erkannte. Etwas weiter weg vom Atalan, gab es noch ein Zentrum ohne monumentale Bauten, wohl die neue Stadt. Langsam ging der Gleiter herunter, sie machte noch eine Runde über den Hafen, dann wurde es belebter, Gleiter über uns, unter uns, neben uns . Wir ordneten uns ein, und in einer Spirale landeten wir. Das war beim Hafen, dem Berg gegenüber, dort war auch so ein “Gleiterbahnhof”. Wir stellten das Ding ab, stiegen aus. Mir war als schwanke der Boden...Alida lächelte “ein Seemann sollte damit umgehen können.” - “Na hör mal, das Ding macht ja Sprünge...mit meiner Saskia könnte ich das nur einmal machen, dann müßte ich schwimmen.” - “Ist ja gut. Jetzt laufen wir nur noch. Nun, das ist Atlantis, die alte Stadt. Lebendig, nicht?”

Das stimmte. Dutzende Boote lagen im Hafen, auch größere Schiffe - alle aus Holz. Fische wurden angeboten, Baumstämme an Land gebracht, Netze geflickt. Wie am Mittelmeer, dachte ich, nur ein wenig wie früher. “Alida, keine Segelschiffe?” - “Nicht so kleine, heute sind auch keine da. Mit den Kristallen geht das viel besser, und viel Wind haben wir ja nicht; auch sie haben eine Kristallsteuerung. Damit kannst du einfach über ein Riff schweben.” Ich schüttelte nur den Kopf..über ein Riff schweben...geil...”Alida, die großen Pötte auch??” - “Ja klar. Macht man nur nicht so oft, wegen der Ladung. Aber bevor man aufläuft, sicher. Na, komm, es wird spät.”

Ich hatte gar nicht gemerkt daß der Tag schon fast vergangen war. Alida ging zielsicher am Kai entlang, grüßte hier, grüßte dort.  Dann ging es über den großen Platz “da drüben ist Malcolms Stammkneipe. Einer der wenigen Plätze hier, wo es Alkohol gibt. Das Zeug ist unbeliebt, es macht alt und dumm. Na, einige mögen es trotzdem. Meistens Zugereiste...und du, Norman?” - “Wein, ab und zu. Bier, wenn es sehr heiß ist. Sonst nichts, und auch nicht viel.” - “Tja, Pech. Bier bekommst du hier nicht immer und Wein...wenig, wenig. Am Hang vom Atalan, da ist einer, der kam aus Italien. Der macht ein wenig Wein, die Leute sagen er wäre richtig gut. Ich weiß es nicht, am Rhein, damals in Köln, habe ich mal probiert. Es war mir zu sauer.” - Unwichtig, Alida. Eure Getränke gefallen mir gut.” - “Dann lebst du auch länger.”

Wir hatten den Platz überquert, vorbei an einem großen Gebäude mit Freitreppe davor bog sie in eine enge Gasse ein,  viele Leute, Läden, und überall Kristalleuchter. Atlantis hatte mich schon gefangen, ich war begeistert. Die Stadt hatte etwas von einem Hafen an der Adria, ein bißchen Venedig, ein bißchen Dubrovnik, aber ihre Größe merkte man nicht. Die Leute kannten sich offenbar alle, ständig grüßte Alida jemanden und überall standen Grüppchen und redeten - Alida blieb stehen. “Atlantis besichtigen oder....?” - “Dich. Die Stadt morgen.” - “Tja, dann - wir sind da. Das ist mein Haus.”  Ich sah hoch, ein nicht so großes Haus, zweistöckig, massiv. Dachterasse. Bögen im Erdgeschoß, große, reich verzierte Fenster weiter oben. Rankenpflanzen. Urgemütlich... .”Alida, sagtest du nicht, ihr hättet euch ein Haus gebaut? Und, dieses wäre viertausend Jahre alt? Wie das?” - “Das Neue haben jetzt die Kinder. Dieses wurde frei..ist es nicht schön?” - “Oh ja, sehr schön. Zeig es mir.” Sie öffnete die Tür, ohne Schlüssel, und ging rein. Drinnen gab es wieder dieses weiche, rosa Licht; Mélanaden an den Säulen. Schwere, hölzerne Möbel und Treppen. Atalan, nachts Sie zeigte mir jedes Zimmer, drei pro Etage. Viel Platz, und oben die Dachterasse. Die Silhouette des Atalan beherrschte den Nachthimmel.. .hoppla, Nachthimmel? “Alida, leuchten die großen Steine nicht nachts?” - “Sie werden nachts abgedeckt.  So ein wenig Tag und Nacht imitieren, weißt du? Einige kleinere bleiben offen, es wird nie völlig dunkel; und in den Städten bleiben alle offen. Komm, nun mach mal Schluß für heute. Ich sitze hier abends gern, bis es auch unten in den Straßen ruhiger wird. Gefällt es dir?”

Gefallen war gar kein Ausdruck...

Es war ein Streit in mir, was zuerst; die Stadt und dieses ungewöhniche Land faszinierten mich sehr, ich hätte tagelang nur fragen und besichtigen können. Aber da war auch Alida, und eine solche Frau war mir noch nie begegnet; außerdem brannte es in mir, stärker als jemals früher, als ich noch jung war - ich entschied mich, Avalonia würde mir nicht weglaufen, aber Alida könnte es. “Und du hast im Ernst überlegt, ob du und ich ein Paar sein könnten?” - “ich denke, für einige Zeit sind wir es. Und ich hoffe es wird so gut sein daß wir es bleiben wollen.” - “Alida, ich bin ein alter Mann. “ - “Nun hör aber auf. Ich bin doch nicht jünger...” - “Gut, du siehst aber so aus. Ich war eigentlich immer allein, mit kleinen Unterbrechungen.” - “Und? War das gut?” - “Es war einfach so. Ich hätte es ja gern geändert, aber das Glück kam nicht vorbei.” - “Und wenn es heute vorbei kommt?” - “Dann lassen wir es herein, klar. Ich kann es nur nicht glauben.” - “ich schon..wenn es so weiter geht...sag mal, diese Frau die dich neulich so beeindruckt hat, und wohl auch erschreckt...” - “Lorna. “ - “Ja, Lorna. War das wirklich nur weil sie einfach so mit dir zusammen sein wollte?” - “Teils ja. Sie hat aber auch erzählt, daß sie mit ihrer Freundin schläft..und zwar lieber, als mit Männern in der Nähe.” - “Ja, und? Sie will nicht jeden. Willst du jede Frau? Dann wäre es wohl nichts mit uns.” - “Sicher nicht. Würdest du mit einer Frau schlafen?” - “Ja.” - “Einfach ja?” - “Ja, wenn ich niemanden finde wie dich. Norman, ich will ehrlich sein. Ich habe auch mit einer Freundin geschlafen, oft sogar, seit mein Mann nicht mehr da ist. Und, daß ich nicht einfach irgendeinen Mann nehme, das sage ich auch. Herrgott, ja, jeder braucht Zärtlichkeit. Ich auch, und es war nicht einfach als mein Mann gestorben ist und niemand da war. Mit Yanerdia war es schön, zärtlich...aber sie ist kein Mann. Also..das sollst du wissen...ich war jahrelang mit meinem verstorbenen Mann zusammen, nur mit ihm, und das war es. Und, Norman...wir lieben uns. Bitte sei nicht dumm, und nimm das wichtiger als irgendetwas das einmal war.  Seit du da bist, schlägt mein Herz wieder stark...das muß dir doch auch so gehen.” - “Das ist so, ja. Ich komme mir vor wie ein ganz junger Kerl, ich bin es nur nicht. Und Lorna hat mich damit kalt erwischt, das kannte ich nicht, so wie du das jetzt sagst, verstehe ich es besser. Und du würdest alles hier verlassen, wegen mir?” - “ Wenn es so bleibt zwischen uns, und es nicht anders geht, ja.” - “Du wirst es ja schon wissen...ich auch.”

Ihre Erleichterung war deutlich, obwohl sie es ja wohl ohne Worte schon wußte. Meine auch, ich mußte es ihr einfach sagen. Wir saßen schweigend da, nur unsere Hände sprachen miteinander. Dann gingen wir ebenso still rein und nahmen uns alle Zeit für uns, endlich...Wort paßte zu Wort, Gefühl zu Gefühl, Gedanke zu Gedanke, und schließlich liebten wir uns. Das zu beschreiben, das lasse ich lieber, es würde doch nur dumm klingen. Nur soviel, so eine Nacht hatte ich noch nie erlebt...und es gibt nicht genug Nächte, um dieses Glück zu erleben....

Ein Tag wie eine alte Sage

Ich wachte auf, von draußen kam der Lärm einer erwachenden Stadt. Alida war schon aufgestanden, kramte im Haus herum und kam dann herein “na, Norman ? Wieder da? Du hast ja geschlafen wie ein Stein.” Kein Wunder, so wie wir die Nacht verbracht hatten. Am frühen Morgen war ich dann wohl weggedämmert, jetzt war ich hungrig. Das Frühstück brachte mich aber schnell auf Touren, und meine Neugier war auch wieder da. Zwischen Alida und mir gab es nichts mehr zu besprechen, wie wir es hinbekommen würden auch zusammen zu leben, das vertagten wir gern. Ich wollte die Stadt besichtigen, und sie mir alles zeigen . Sofort nach dem Frühstück verließen wir das Haus. Sie ging ohne viel zu fragen zu dem großen Gebäude am zentralen Platz, stieg die Freitreppe hinauf, blieb oben stehen “na, kannst du dir denken wo wir hier sind?” - “Wenn ich den Plato richtig gelesen habe, müßte das der Königspalast sein.” - “Das ist richtig . Heute ist er zum Teil ein Museum, aber zum Teil noch immer der Königspalast. Nur kleiner, es gibt ja nur noch ein Staatsoberhaupt, Rathurnida. Gehen wir rein?” - “Ja..kann man denn einfach so reinspazieren?” - “Du kannst Rathurnia sogar besuchen, und das solltest du auch. Wenn sie zuhause ist und keine wichtigen Dinge zu tun hat, sonst müßten wir später wiederkommen. Komm, sehen wir mal ob sie Zeit hat.” - “dazu reicht dein direktes Verstehen also nicht, das zu wissen?” - “Haha, nein. Das geht nur wenn man jemandem nahe ist, nicht auf Distanz. Mal sehen..”.

Es ging also wieder so weiter, staunen, Neues kennen lernen, weiter staunen....Alida schob eine der zwölf großen Türen auf, wir betraten eine Halle. Erstaunlich schlicht sah das aus, geräumig, aber fast ohne Schmuck, von großen Pflanzen abgesehen die sich um die Säulen rankten, die eine Empore trugen. Dort oben sah ich viele Türen, unten war offenbar der ganze Bau eine große offene Halle. Wir waren nicht allein, etwa zwanzig Leute standen in kleinen Gruppen in der Halle, im Gespräch. Alida ging zu einem großen Tisch, hinter dem eine Frau und ein Mann saßen, ein Buch vor sich, sonst war die große Platte leer. “Fenador, ich bringe einen Besucher. Das ist Norman von Hamburg, er ist mit Malcolm gekommen. Ist Rathurnida im Haus?” - “Malcolm war schon hier, Alida. Willkommen, Norman. Rathurnida wird gleich kommen, sie führt einige Kinder herum. Darf man schon gratulieren?” - “Halt dich etwas zurück, Fenador. Norman ist gestern hier angekommen und weiß gar nicht was er zuerst ansehen soll. Erschlagt ihn nicht mit zuviel Zuwendung..Hamburger sind da empfindlich.” Ich winkte ab “wir lernen aber schnell, Fenador. Hat Malcolm geplaudert?” - “Kein Wort. Aber du müßtest euch mal im Spiegel sehen...aber gut, ein Händedruck muß sein, komm her, dann sagen wir nichts mehr. Celinda, komm...machen wir’s kurz.” Beide kamen um den Tisch, drückten uns die Hände, dann zeigten sie auf das Buch. “Schreib’ deinen Namen, Norman. Und wenn du willst, einen Spruch.” - “Auf deutsch?” - “Avalonisch wirst du ja noch nicht können, so schnell. Natürlich auf deutsch. Nur keine falsche Scheu, in diesem Buch sind viele Sprachen.”

Das war so, ich sah spanische, englische, und mir völlig fremde Eintragungen...und die von Malcolm. Ich schrieb meinen Namen, ein Spruch fiel mir nicht ein . Dann gingen wir durch die Halle, ich bewunderte Wandgemälde, kam aber nicht weit. Kinderlärm kam auf, eine Gruppe von etwa zehnjährigen kam die Treppe herunter, dahinter folgte eine hochgewachsene Frau, ebenso schlicht gekleidet wie alle hier, nur ihr Gürtel war golden..das mußte Rathurnida sein. Ich staunte...weiße Haare ließen auf hohes Alter schließen, aber was die Kleidung von ihrem Körper sehen ließ, das sah nach einer dreißigjährigen aus. “ Nun gaff nicht so, Rathurnida ist fast hundert. Komm, bevor sie sich anderen Leuten zuwendet.” Rathurnida verabschiedete sich herzlich von den Kleinen, brachte sie zu einer Tür, hielt sie auf und wartete bis alle draußen waren. Dann wandte sie sich um, kam auf uns zu. “Alida, Norman. Willkommen in meinem Haus.” Was dann kam, verschlug mir völlig die Sprache. Sie begrüßte Alida mit Handschlag, mich mit einer angedeuteten Verbeugung und einer Umarmung. Ich dachte sofort, danach werde ich später fragen. Eine Königin verbeugt sich vor mir? Wer bin ich denn?

“Warum nicht sofort, Norman?” sagte sie lächelnd “Ich bin nicht deine Königin, ich bin nur eine Frau die einen Gast begrüßt. Vor Alida verbeuge ich mich aber nicht.” - “Ja - müßte nicht Alida niederknien, oder so ähnlich? Oder kennt ihr euch schon lange?” - “Niemand muß vor mir knien. Und ich kenne Alida schon lange, ja. Ich war eine ihrer Lehrer. Norman, wir sind nicht so hochnäsig wie manche hohe Herrschaften bei euch da oben; auch die Königin nicht. Alida könnte eines Tages an meiner Stelle stehen, wer weiß? Ich darf sie doch nicht erniedrigen. Tu mir einen Gefallen, fange nicht mit Ehrfurcht an, sonst können wir uns nicht frei unterhalten, ja? Ich nehme an, du willst dieses Haus kennenlernen?” - “Ja, das Haus, dich, alles hier.” - “Fangen wir mit dem Haus an. Den Platz hast du gesehen, die Freitreppe, die Terasse? Das gehört dazu. Dort finden die Beratungen statt. Wer sprechen will, geht auf die Treppe, auf der Terasse treffen sich die Bürger mit meinen Leuten, wenn es Dinge zu regeln gibt. Sieh hier, so sieht das aus.” Sie ging zu einem großen Wandbild, das zeigte eine große Menschenmenge auf dem Platz, Redner auf der Treppe, und auch viele Leute auf der Terasse. “Rathurnida nimmt nicht teil, Norman.” sagte Alida ergänzend “es sei denn, sie wollte etwas vorschlagen, dann geht sie auf die Treppe wie jeder andere auch. Sie ist aber dabei und hört sich alles an.” Rathurnida nickte dazu “Es ist eine gute Gelegenheit Freunde zu sehen die weit weg wohnen. Ich bin dran, wenn die Bürger etwas beschlossen haben. Ich und meine Leute.” - “Du kannst nichts anordnen?” - “Kann ich schon, ist aber nicht so klug. Das mache ich nur selten, wenn die Beratungen ergeben daß es sein muß und die Bürger sich nicht eindeutig entscheiden können. Dann muß ich aber bei der nächsten Beratung erneut deren Zustimmung suchen. Auf Dauer kann nur gelten, was in Einigkeit beschlossen ist.” - “Einigkeit...wie wird die festgestellt?” - “Ganz einfach. Der Widerspruch - wenn es ihn gibt - muß so leise sein, daß meine Leute, die am hinteren Ende des Platzes stehen, jedes Wort hören das auf der Treppe gesprochen wird.” Sie sah daß ich schluckte und ohne Worte ganz erschlagen war....”Du mußt immer bedenken, daß Avalonia viel kleiner ist als dein Land, und auch nicht so dicht bewohnt. Bei euch ginge das sicher nicht so einfach.” Ich grinste “Bei uns ist gar nichts einfach.” - “ich weiß.”

Sie ging die Treppe hinauf, und oben von Tür zu Tür; öffnete Türen halb, ließ mich hineinsehen - große Räume, Schreibtische, große Fenster, bequeme Sitzmöbel. “Im alten Avalonia saß in jedem Zimmer ein König. Heute sind es Büros, wie ihr sagen würdet. Es geht hier um Schulen, die Straßen, die Wächter , Häfen..und so weiter. Also alles was nicht die Familien allein regeln können. Hat dir Alida von den Lagerhäusern berichtet?” Ich nickte nur. “Ja, um die geht es hier.” Sie öffnete eine Tür ganz, trat ein “kommt, das ist mein Raum. Sieh dir die Bilder an..das sind sie. Avalonia wird ja langsam wieder größer, oder trockener. Es werden immer wieder neue Häuser gebraucht.” - “Wie läuft das praktisch? Du hörst also, in West-Avalonia fehlt so ein Haus. Und dann?” - “Alida hat dir vom Westen erzählt? Gut. Ja, dort fehlen noch Häuser. Nun, zunächst legen die Fachleute aus der Kristallwelt eine Region trocken, bauen also Türme und Leuchter. Dann kommen Bürger, meist junge Paare, und bauen sich dort Wohnhäuser. Das Material bekommen sie von schon vorhandenen Lagerhäusern; oder sie besorgen es sich selbst. Wenn viele Wohnhäuser stehen, höre ich irgendwann Klagen, man müsse ständig weit fahren um den Zehnten zu bringen oder etwas abzuholen. Ich lasse mir genau sagen, wo das ist, und den neuen Ort in die Karte dort eintragen. Dann..” sie lächelte verschmitzt “...muß ich dieses Haus verlassen. Ich gehe runter in die Stadt, sehe mich um wo Menschen sitzen, die nichts tun. Zum Beispiel am Hafen, in den Kneipen, oder in den Parks am Meer. Das braucht Zeit, bis ich sehe wer nur kurz dort ist, und wer immer dort sitzt. Mit diesen “Sitzern” spreche ich dann, und jeder weiß, wenn ich sie dann bitte ein Lagerhaus zu bauen, ist das eine wertvolle Aufgabe und bringt viel Lob ein. Einer oder zwei von ihnen können dann auch das Lagerhaus leiten, wenn es fertig ist. Manche kommen auch hierher und fragen ob es etwas zu tun gibt. Alida wird dir sicher bald eine solche Baustelle zeigen, nicht? “ - “Habe ich vor, ja. Wo wird gerade gebaut?” Rathurnida beugte sich über die Karte “Im Medurna-Tal. Da kannst du ihm auch gleich zeigen wie so ein Turm aussieht; sie wollen versuchen das ganze Tal endlich trocken zu legen.” - “Das wäre das erste Tal dort, das wir ganz zurück hätten..” - “Und das Schönste. Ja. Wenn der Mélanade nicht wieder zerbricht. Nun, hoffen wir das Beste. Das ist doch sicher nicht alles, was ich dir beantworten kann?”

“Du hast wohl kaum genug Zeit für so viele Fragen. Nur eines will mir gar nicht in den Kopf, Alida hat es mir auch nicht erklärt. Ihr hebt also das Wasser an, um diese Welt trocken zu halten. Ich habe aber Flüsse gesehen, es muß also auch Regen geben. Warum fliegt der nicht nach oben?” Rathurnida lächelte mich an “das ist einfacher als du denkst. Also, wir sind ja von allen Seiten von Wasser umgeben, Feuchtigkeit ist also genug vorhanden. Es stimmt auch, daß die Mélanaden sie nach oben drücken; unter der Wasserfläche über uns schweben ständig Wolken. Aber sie wirken nur nach oben; und die Großen stehen auf den Bergen. Nun überleg mal selbst...?” - “Wenn Wolken unter den Leuchtern entstehen?” - “Ja, genau. Und dafür sorgen die Vulkane, ihre heißen Quellen, das warme Meer um uns herum. Wolken unter den Leuchtern lassen es regnen, meistens nachts. Alida, vergiß dich nicht derart in deiner Liebe, daß Norman vor Rätseln steht. Norman, darf ich dich jetzt wieder Alida überlassen? Unten warten noch Bürger aus Mirarthris, ich will sie nicht zu lange warten lassen.” - “Aber ja..danke für die Führung... und einen guten Tag.” - “Ein gutes Leben, euch beiden..” sagte sie lächelnd “und sagt mir, wenn es soweit ist.”

Sie begleitete uns nach unten, bis zur Tür, wir traten hinaus auf die helle Terasse. Ich suchte mir eine Bank, setzte mich hin und atmete etliche Male tief durch. Alida saß still bei mir und wartete ab. Ich sah auf “..unglaublich.” - “Sie ist nett, nicht? Sie war auch eine gute Lehrerin.” - “Sie ist hundert Jahre alt...und außer den weißen Haaren sieht man nichts davon...wie macht ihr das nur?” - “Ach, wir machen nichts besonderes. Wir haben nur gründlich studiert, welche Nahrung nützt, welche nicht, und welche schadet. Ja, und einen Segen hat es auch, daß hier keine Sonne scheint. Sie ist schön, aber sie macht auch Falten auf der Haut. Das ist doch eines der Merkmale, an denen ihr das Alter erkennt. Ich weiß noch wie geschockt ich war, als ich eure alten Menschen gesehen habe. Ich dachte, die sind krank oder halb verhungert. Dabei war das nur die Sonne...” - “Ja, aber...bei uns werden sie müde, schwach, sehen nicht mehr gut, vergessen oft alles..das passiert euch nicht?” - “In den letzten Wochen. Daran merken wir, daß die Zeit für uns endet. Es bleibt noch Zeit sich zu verabschieden, aber wenn das kommt, ist es bald vorbei. Es dauert nicht sehr lange.”

“Na, hoffentlich haben wir zwei noch viel Zeit...” - “Du fängst an dich darauf zu freuen.” - “Allerdings...ich hätte als junger Mann hierher kommen sollen.” - “Komm, komm..dann hättest du Rathurnidas Vorgänger interviewt, wärst schnell wieder abgereist und hättest das Interview veröffentlicht. Mehr nicht.” - “Stimmt auch wieder. Aber so werde ich wohl vor dir abtreten müssen.” - “Wer sagt denn das? Du magst unsere Nahrung. Die wird schon dafür sorgen, daß du nicht zu schnell alterst. Und wenn du lernst sie zuzubereiten, kannst du auch oben so essen; wir haben keine anderen Früchte, Fische, Tiere oder Gemüse als ihr da oben; wir gehen nur anders damit um und mischen die Sachen anders. Sollen wir mal richtig toll essen gehen?” - “Das würde genau passen..gern.” - “Dann komm.”

Wir gingen wieder zum Hafen; und was da aufgetragen wurde, in einem kleinen Lokal dicht am Wasser, das war mir nicht alles fremd. Das grüne Getränk war dabei, aber auch Kartoffeln, Fisch, Muscheln und Gemüse, das ich allerdings nicht erkannte, es schmeckte wie Wirsing. Die Meeresfrüchte waren nicht in Öl oder Fett gebraten; sie kamen in einer sagenhaften Sauce, die ich nicht kannte. Salz war offenbar drin, sonst war der Geschmack fremd, aber gut. Ich schaffte die Portion kaum, und als wir fertig waren fragte Alida den Wirt, ob er Wein servieren könnte. “Ich muß nachsehen...Wein wird selten verlangt.” Er ging, und kam zurück mit einer Karaffe und Gläsern. “Er ist schon etwas alt...ich hoffe ihr mögt ihn, ich habe nur diese eine Sorte.”- “Von wo kommt er?” fragte ich sofort und der Wirt zeigte auf den Atalan. “Da oben, halbe Höhe, der Mann ist aus Frankreich gekommen. Er ist freundlich, aber mehr weiß ich nicht. Entschuldigen sie, aber ich trinke das Zeug nicht. Prüfen sie selbst, ob der Franzose es kann.”

Ich goß auch Alida ein, und probierte. Sagenhaft, stellte ich fest, erdig, nicht zu sauer,  stark. “Trink langsam, Alida. Der taugt was.” Alida probierte und strahlte auf “Das schmeckt wirklich gut. Ich weiß, nicht zu viel...ich habe das in Köln erlebt.” Sie lachte “sonst fange ich an, Unsinn zu reden oder ich singe. .aber falsch.” - “Ja, so etwa. Wenig, und langsam. Und ab und an etwas Brot dazwischen..ja, Brot..habt ihr das?” - “Nein. Aber...” Sie rief den Wirt “Davorian, der Wein ist in Ordnung. Bring etwas Kropakon.” Davorian freute sich sichtlich und kam mit einer Schale der Cracker, die ich schon kannte. Ich probierte, er wartete ab bis ich sagte, sie wären gut. “Sagen sie mir: gehört das zum Wein? Wenn das so ist, mache ich es immer so.” - “Nicht zwingend, ist aber besser. Kropakon..das schmeckt wie chinesisches Krabbenbrot, Kropoek. Ist es das?” - “Ja, es wird aus Krabben gemacht. Getrocknet, gemahlen, gebacken. Das kommt aus China? Wir haben das schon immer, soweit ich weiß.”

Er ging ab, wir hatten wirklich Freude an diesem Wein, und mir tat es gut die Hafenathmosphäre zu erleben, fand es nur schade daß die alte Saskia nicht am Kai lag - ich wäre zu gern ein wenig auf dem Meer herumgeschippert. “Aber das können wir doch sofort tun” sagte Alida “mit einem Gleiter. Wenn du ihn steuerst, auf dem Wasser kenne ich mich nicht aus.” - “Wenn du mir zeigst, wie - nur zu gern. Sag mal, wie weit reicht das Meer, und wie endet das? Da muß doch irgendwo eine Wasserwand stehen?” - “So ähnlich, ja. Das ist aber nicht gefährlich, man sieht es und der Gleiter geht nicht hinein, er ist ja aus Holz. Es wird dunkler, und geht aufwärts. Die Luft -Wasser - Grenze ist unruhig, da fällt Wasser herunter oder steigt auf...man wird naß. Dann siehst du Fische vor dir. .und weiter geht es einfach nicht.” - “Dann laß uns das sofort machen. Mußt du eigentlich nicht arbeiten?” - “Kann jederzeit sein. Wenn ein Besucher aus Deutschland oder England kommt, und niemand sonst Zeit hat - sie kommen zu meinem Haus, wenn ich nicht da bin, nehmen sie jemand anderen. Es gibt einige Einführer.” -”na dann, los.”

Wir gingen zum Gleiterbahnhof, nahmen einen kleinen Gleiter und Alida steuerte ihn in das Hafenbecken. Langsam setzte das Boot auf, und fing an sanft zu schaukeln. “Nun bist du dran..nimm den Bügel, und sei vorsichtig. Anheben lenkt ihn nach oben, nicht ruckartig anheben und vorher hochsehen, ob niemand über uns ist. Nach vorne läßt ihn vorwärts fahren, nach hinten rückwärts. Neigen macht eine Kurve...ähnlich wie bei euren Motorrädern.” Sie gab mir den Bügel, und schon fuhren wir eine Kurve. Ich rutschte mehr zur Mitte und probierte vorsichtig, wie das ging. Einfach, stellte ich fest, einfacher als die Saskia. Langsam umfuhr ich Schiffe, aus dem Hafenbecken, ein Kanal. Rechts und links zweigten weitere Kanäle ab, dann zwei große Leuchter auf den letzten Mauern, und wir fuhren auf das Meer. Ich schob den Bügel vor und staunte wie kräftig es vorwärts ging; bis wir dann nach einer Welle einen Luftsprung machten, dann zog ich etwas zurück. Angenehm war das, leicht zu steuern und so leise..nur das Rauschen der Bugwelle, und die Vögel über uns. “Alida, wo könnte ich hinfahren? Voraus aufs Meer? An der Küste entlang? Mach einen Vorschlag.” - “Na, voraus ist langweilig. Da gibt es nur eine häßliche kleine Vulkaninsel mit scharfen Klippen. Fahr links herum, dann siehst du bald den neuen Atalan, die große Bucht davor, und die Ruinen von Vanartis. Das wird dir gefallen.” - “Gut, links herum.”

Hinter uns verschwand Atlantis als wir um eine Landzunge herum fuhren, vor uns lag die geschwungene Küstenlinie, mit einem klotzigen Berg am Ende einer weiten Bucht. “Die Bucht von Vanartis, und der neue Atalan.” sagte Alida “heute ist er faul. Gestern hat er so schön geleuchtet, nun schläft er.” - “Wieso, das blendet doch geradezu.” - “Das ist der Leuchter auf dem Gipfel, Norman. Auf jedem Berg stehen Leuchter, du weißt warum. Auch wenn wir sie ständig reparieren oder reinigen müssen, wie bei diesem hier. Der Atalan behängt ihn mit Lavafetzen, oder er reißt ihn ab. Manchmal müssen wir ihn wieder höher setzen, weil der Berg gewachsen ist, aber die Dinger sind nun mal lebenswichtig.” - “Ist das nicht gefährlich?” - neuer Atalan“Nein. Der Atalan ist gutmütig, er macht einen Höllenlärm bevor er ausbricht. Dann muß man halt schnell in den Gleiter, und nichts wie weg.”

 “Alter Atalan, neuer Atalan. Erklär mir das.” - “Der Alte ist der höchste Berg auf Avalonia. Es ist hunderte Jahre her, da wurde er so hoch, daß er nicht mehr ausbrechen konnte - immer öfter ist er seitlich aufgerissen, hat Atlantis mit Asche bedeckt oder ganze Straßen mit Lava aufgefüllt. Das ging nicht so weiter, wir wollten die alte Stadt nicht verlieren wie später Vanartis. Als dann ein Riß in der östlichen Ebene davor entstand, direkt ins Meer floß die Lava, haben wir Mélan und Wasser hinein geschüttet, das hat den Riß aufgesprengt...ein bißchen wie das Unglück, nur kleiner. Da ist dann der neue Atalan entstanden, den du siehst. Er ist niedriger, die Lava kann frei abfließen; und der Alte lebt noch, du kannst oben reinsehen und siehst das Feuer, tief unten. Aber mehr als rauchen kann er nicht mehr, wir haben einen Aufzug eingebaut in dem wir die Mélanaden runterfahren um sie aufzufrischen; und drei große Leuchter aufgestellt, die von überall zu sehen sind. Tja, alles hat seinen Preis. Süd - Vanartis, das Alte, das lag hier an der Bucht. Wir mußten es teilweise aufgeben als der neue Atalan wuchs; aber Vanartis war weniger wichtig als Atlantis. Heute ist sogar schon die Straße verschwunden und Vanartis nur noch halb so groß wie früher; es ist ungewiß ob man dort noch lange leben kann.  Fahr näher heran...”

Klein war dieser Berg nun gerade nicht. Ich staunte wieder, diesesmal über die Wiesen und Buschwälder an seinen Hängen, nur von Vanartis sah ich fast nichts. Alida mußte mir erklären daß die kleinen braunen Klötze am Ufer nicht Felsen, sondern Häuser waren, die langsam von den Asche - und Lavaströmen verschlungen wurden; dann sagte sie, ich sollte den Bügel heben und zum Gipfel hinauf gleiten; etwas zittrig und sehr vorsichtig probierte ich das. “Halt nur den Leuchter hinter uns, wir haben keinen Schutz dabei, er würde uns blind machen, in der Nähe.” Ich zog also an der Steilwand entlang hoch und weiter oben senkrecht hoch, es brodelt am Meeresgrund..mit dem Rücken zum Gipfel. Es fühlte sich an, als brenne tropische Sonne uns auf den Buckel...”setz auf” sagte Alida über einem Aschefeld dicht unter dem Gipfel, wo ein Felsblock uns Schatten gab. Wir stiegen aus, die Aussicht war traumhaft, und jetzt sah ich auch die Reste von Vanartis, tief unten, und den seltsamen Horizont, so dunkel....das Land verlor sich in immer kleineren Inseln.

“Nord-Avalonia.” sagte Alida, und hatte Tränen in den Augen. - “Oh mein Gott...wir hätten nicht herkommen sollen. Das muß dir doch sehr weh tun.” - “Ja, das tut es auch, und das wird immer so sein. Eliador ist da unten geblieben, mit seinem Freund, mit seinem Schiff...er hat wohl einen Fehler gemacht, ist gegen eine dieser feurigen Klippen gefahren und gesunken. Aber er lebt...in unseren Kindern, in mir. Daß ich noch einmal lieben könnte, hätte ich nie gedacht....und nun mußt du verstehen, daß er immer da sein wird. Er würde es richtig finden, daß ich bei dir sein will. Wäre ich da unten, ich würde es ihm auch gönnen...aber halt mich bitte, leicht ist es nicht.” Ich nahm sie in den Arm, wir standen schweigend dort, ich sah die Wolken ziehen und spürte wie sie ruhiger wurde. “Dieses Land war schön” sagte sie schließlich und war wieder da. “Ein hohes Gebirge, tiefe Wälder, kleine Orte, kleine Städte, ein alter Kriegshafen. Es gibt in Atlantis noch viele alte Bilder davon. Na, du hast Rathurnida gehört; West-Avalonia bekommen wir allmählich wieder, und das war auch wunderschön, nur  eben kein Gebirge.” - “Leuchter stehen nicht im Norden, oder?” - “Unsichtbare. Sonst wäre es ganz unter Wasser. Sie stehen nicht auf Bergen, sondern in Schluchten oder Gruben, erhellen also das bißchen  Land nicht. Der Himmel ist dort entsprechend tief, man kann dort auch nicht leben. Erdbeben, giftige Dämpfe, Feuer unter Wasser und manchmal auch darüber. Wir erneuern die Leuchter nur, weil es einen Rest Hoffnung gibt daß das alles sich einmal beruhigt. Und wegen der Steinfischer...du, laß uns fahren. Ich mag nicht trauern, das ist vorbei, und es hilft Eliador sicher nicht.”

“Ja - aber mach mal langsam. Du bist zwar meistens schlauer als ich, aber eines weiß ich schon: es ist lange her und macht sicher Sinn, dich daran zu gewöhnen daß er da war und nicht mehr ist, und daß dieses Land nichts dafür kann. Also, was sehe ich dort im Norden?” Alida schluckte und nickte schließlich “Das Land kann nichts dafür...seltsamer Satz, aber nicht falsch. Gut...also direkt vor uns, Vanartis, das ganz früher einmal die Hauptstadt war. Dann, rechts und langgestreckt, Illardia - das frühere Hochgebirge, nur die Gipfel, und die bilden eine lange schmale Insel. Dort lag der Kriegshafen von Kavothrakis, und einige kleinere Orte - heute wohnt dort niemand mehr, wie überall nördlich von Vanartis. Dahinter - zwei blaue Berge - Arganthia, die nördlichste Insel. Sie ist die einzige ohne Vulkan. Links von Illardia liegt Delios, eine Insel und eine ehemalige Stadt, verlassen und schwer beschädigt. Nördlich davon viele kleine Inseln, Kyklos, Darnios und Tenardia sind die größten davon. Dazwischen das nördliche Meer, es sieht von hier oben schön und friedlich aus. Ab und zu siehst du einen weißen Punkt irgendwo...aus der Nähe sind das Fontänen aus Wasser und Feuer, kurz aber heftig, und für kleine Schiffe eine üble Schweinerei  - ganz aus der Nähe eine tödliche Gefahr. Östlich von Illardia oder westlich von Delios ist das Meer friedlich und ohne Inseln. Genug erklärt?”

Na also, sie lächelte wieder. “Ja, genug. Also, was ich sehe gefällt mir.” - “Aus der Nähe würdest du dich über den Schwefelgeruch beschweren” lächelte sie “jedenfalls oft und fast überall, außer auf Arganthia. Und dann wäre noch der Lärm, die gelegentlichen Steinlawinen, oder Ascheregen, oder Erdbeben....alles klar?” Sie deutete zum Gleiter.  In diesem Moment rumpelte es leise unter uns, und kleine Ascheströme fingen an, abwärts zu kriechen. “Geht es jetzt wieder los?” Alida winkte ab. “Das wäre tausendmal lauter. Ab und zu rührt er sich ein wenig, aber da er gestern aktiv war, gibt es wohl ein paar Tage Ruhe. Der funktioniert fast wie ein Uhrwerk, ein-zwei Tage Getöse und Rauch, dann eine Woche nichts - und eher selten ein großer Ausbruch, der dann auch ein par Tage dauert. Fahren wir also..?”

Wir stiegen wieder ein und fuhren zurück, erst am Atalan entlang, dann wieder auf dem Meer. Alida war still, aber ganz nah bei mir. Wir gaben den Gleiter ab, wollten zu ihrem Haus gehen, kamen bei der Kneipe vorbei...Malcolm war dort, kam sofort auf uns zu “Da seid ihr ja. Nun, Alida, sieh mich mal an.” Ich hatte es nicht bemerkt, aber er trug jetzt Landeskleidung. “Rathurnida hat mich umgestimmt. Steh zu deinem Bierbauch, hat sie gesagt. Gut, das mache ich - schlimm?” Alida kicherte. “Du mußt das schleppen...aber sei ganz beruhigt, Norman hat mich verführt...ich habe Wein getrunken, und ich muß sagen, der hat mir geschmeckt.” - “Du machst Fortschritte” grinste er “ein Bierchen?” - “Nein danke. Ich hatte schon so einen Bauch, aber weil ein Kind drin war. Das habe ich ja eingesehen, aber angenehm war das nicht. Grundlos...nie im Leben. Hast du Vahrsonia gesehen?” - “Sie ist drinnen. Kommt doch rein, euren grünen Saft hat der alte Polardor doch auch. Ihr seid eingeladen, kommt schon.”

 Atlantischer Kneipendunst

Ich dachte mir, das könnte Alida gut tun, nach der Berührung mit Nord-Avalonia heute. Sie kam auch gern mit, und ich stellte fest daß mir der Alkoholdunst drinnen gar nicht gefiel. Gemütlich war die Kneipe ja, Fässer als Tische, und Fische überall...ausgestopft, clever aufgehängt, wie schwebend erweckten sie den Eindruck, mitten im Meer zu sein, mit all den Fischen über uns. Polardor kam sofort auf uns zu, begrüßte uns herzlich “Na, Alida? Wohl kein Alkohol? Cualarin?”- “Ja, zweimal.” - “Oh dein Gast auch? Gern...Norman, du kannst auch Wein haben.” - “Nein, danke. Hatte ich schon, drüben bei..?” - “Davorian.” sagte Alida und Polardor stutzte “Soso...macht der mir Konkurrenz...ob ich wohl mal Fische anbiete?” Dann lachte er, ging, und kam mit mit zwei Gläsern Cualarin zurück, dem grünen Getränk das Malcolm nicht mochte. Wir gingen damit zu Malcolm und Vahrsonia, noch eine Begrüßung, sehr herzlich, mit Vahrsonia. Wieder staunte ich daß diese Frau, die ich nicht kannte, mich so eng umarmte daß ich schon wieder erregt war..sie mußte das spüren. Und, natürlich...sie wußte was ich dachte. “Norman, gewöhn dich daran. Wenn sich nichts rühren würde, das könnte die eine oder andere Frau hier irritieren, dann läuft sie zum nächsten Spiegel und schaut sich zweifelnd an, ob sie irgendwie abstoßend aussieht. “ Dann sah sie zu Alida “soll ich ihn loslassen? Oder kann ich ihn schon so begrüßen wie es hier normal ist?”  - “Er will nicht als Fremder auffallen.” - “Gut!  Dann küssen wir uns, Norman.” Huiiii..sie küßte gut, und lang, wenn auch natürlich anders als Alida, und Alida umarmte Malcolm auch so, küßte ihn auch, ebenfalls nicht zu kurz.  Mein Herz klopfte gewaltig, als ich total erhitzt wieder allein da stand, Vahrsonia zu Malcolm ging und Alida zu mir kam “ohne seinen Bierbauch hätte ich ja mehr davon...” grinste sie und legte einen Arm um mich. “Vahrsonia, er hat mich schon sehr ausgefragt zu unseren  Gewohnheiten, was das angeht. Nun erklär du mal, sonst denkt er noch, ich wäre hemmungslos oder sowas, wie man in Deutschland sagt.” - “Ach komm, ich bin grade am überlegen wieviel schöner es wäre wenn das bei uns auch so üblich wäre.” - “Solange ihr das Wort “Eifersucht” noch buchstabieren könnt, wird das wohl nichts” lachte Alida.

Wir standen um das Faß, Vahrsonia trank Cualarin, setzte das Glas ab “also, vorneweg, du hättest auch Rathurnida so ähnlich begrüßen können. Sie tut das nicht, weil Fremde das oft mißverstehen. Es ist so: wir sind ziemlich freizügig, könntet ihr sagen, wenn wir uns begrüßen. Alida muß dir das schon gesagt haben, nicht?” - “Hat sie, ja. Nur eben war das erste Mal daß ich dem nahe kam..” - “Du wirst es überleben. Nahe, mehr nicht.  Also...unter Freunden, nicht unter Fremden. Wir stehen total auf Kinder...und tun das auch noch, wenn wir dafür zu alt sind. Das heißt aber nicht, daß ich mit dir schlafen würde, also ganz allein mit dir eine Nacht verbringen. Das wäre nicht anständig, ich bin Malcolms Freundin. Bevor wir das Versprechen geben, also noch Jungfrau sind, tun wir das nicht. Mensch, Alida, du kannst das besser.” - “Ja gut. Also, eine verheiratete Frau - so sagt ihr ja - darf entscheiden ob sie das tut oder nicht. Ich habe Eliadors oder meine Freunde fast nie so intim begrüßt,  das muß ich ja nicht tun und als ich jünger war, mochte ich das auch nicht.. Der Mann darf es nicht erzwingen. Die Frau aber auch nicht...es passiert, oder auch nicht. Einmal, zur Begrüßung.  Und..nun sage ich etwas mehr als du schon weißt...eine verheiratete Frau kann sich mit ihrer ebenfalls verheirateten Freundin auch etwas mehr erlauben...dafür ziehen sie sich zurück, die Männer dürfen das auch, aber auch das tun nicht sehr viele. Ich habe das nicht getan, als ich verheiratet..versprochen..mit Eliador gelebt habe; aber danach.” - “Also, mit dem Versprechen wird das erlaubt, und das bleibt dann so.” - “Ja. Wichtig ist, daß alles freiwillig geschieht, und nichts geschehen muß; wer nichts davon tut könnte als etwas kühl eingeschätzt werden, aber auch nur wenn sich das auch anders zeigt.” - “Ungewohnt..aber extrem lebensfroh, gefällt mir, aber habt ihr nicht Sorge es könnten sich Krankheiten ausbreiten?” - “Trink Cualarin, und nichts wird sich ausbreiten.” - “Das Zeug ist Medizin?” - “Das nicht, aber es kräftigt derart, daß so etwas nicht passiert. Mag aber auch sein daß wir bei aller Freizügigkeit doch nicht so unbeherrscht sind wie ich das in Köln erlebt habe - das weiß ich nicht, so lange war ich nicht dort.”

Ich nahm sofort einen tiefen Schluck und gab mir einen Stoß, innerlich “dann würde ich dich gern noch einmal begrüßen, Vahrsonia.” - “halb, Norman. Ein bißchen, aber nicht alles...geh es langsam an, ich sehe doch, du bist nicht völlig einverstanden damit.” - “Ja, stimmt schon, bei uns wäre das total unanständig...aber ich verstehe es schon.” Sie umarmte mich, schmiegte sich an mich, wir küßten uns. “Bevor du weiter gehst, Norman, warte ab bis du es ganz verstehst, nicht nur im Kopf. Schmusen wir ein wenig, und dann...nun, sieh dich um wie es alle machen.” Wir küßten uns also weiter, ich ließ Vahrsonia bestimmen wie lange. Einige Minuten waren das schon... Etwas erhitzt, leerte ich mein Glas ganz und sah mich um, die Kneipe war voll, aber niemand hatte davon Notiz genommen. Am Eingang begrüßten sich gerade vier Leute ebenso....”Alida, wer viele Freunde hat, der ist aber abends so erschöpft, daß seine Frau nichts mehr von ihm hat, oder?” - “nein, nein..” lächelte sie “erstens, freund-lich sind wir hier zu jedem; aber ein Freund, das ist mehr. Freunde hat man nur wenige. Außerdem, denk daran, du mußt nicht, du darfst. Dazu gehören zwei, die es so wollen und dann muß sich jeder immer noch überlegen, wie oft er das will und ob das klug ist. Erwachsen muß man dafür schon sein...”

Das leuchtete mir ein. Ich fragte Alida noch, ob ich Rathurnida auch so hätte begrüßen können, und sie sagte nein. Küssen vielleicht, und lange umarmen; aber mehr nur, wenn sie es mir angeboten hätte “das würde sie aber kaum tun. Als Königin begrüßt sie viele Leute, da wäre sie ganz schön überfordert, das ist nicht Sinn der Sache. Es ist auch wohl nicht so, daß eine Königin mehr gute Freunde hätte als ich etwa. Stell dir mal vor, es kommt jemand aus England, und wird so begrüßt. Der ergreift doch sofort die Flucht...”. Alida kicherte, ich stellte mir vor, jemand wäre aus Paderborn, oder Passau...völlig klar. Dann hörte ich mehr zu als ich sagte, schnappte manches von Nebentischen auf, sah noch so eine Begrüßung und fragte mich warum “wir da oben” uns das Leben so kompliziert machten....”Alida, wie viele Männer hast du so umarmt?” - “Warte mal...so etwa drei in vierzg Jahren. Das war es auch schon” - “Und..dabei hast du nie Lust bekommen, ein Verhältnis anzufangen?” - “Aber nein! Das fängt doch nicht so an. Das fängt im Herzen an, und wenn man liebt, passiert das gar nicht...und wenn man nicht liebt, gibt man kein Versprechen. Du kannst dich hier gern durchfragen, sowas kennen wir nicht. In Köln, da habe ich oft solche Dinge erlebt..also nicht ich, sondern Frauen die ich kannte, auch verheiratete.  Versuch mal zu denken, warum sollte man das tun, wenn man doch Gelegenheiten hat, ein wenig zu naschen ohne gleich Schaden anzurichten.” - “Ich denke es ja...aber, nochmal was, Vahrsonia und ich haben uns nicht die Freundschaft erklärt.” - “Doch, gerade eben. Frag sie selbst, sie und ich, wir sind befreundet. Malcolm und du auch. Du und ich, Malcolm und Vahrsonia. Es ist normal, daß sie dir einigermaßen nahe gekommen ist - mehr gibts aber nur wenn ihr euch länger kennt” - “Aha. jetzt habe ich es. Küssen beim Begrüßen ist normal.” - “Zwischen Freunden.” - “Und, als sie mich länger geküßt hat, hat sie damit gesagt, laß uns richtig gute Freunde sein.” - “Ja, richtig. “ - “Und das heißt, du darfst auch mehr..?” - “Nein. Das hättest du schon bemerkt - sag mal, du bist doch kein Jungspund...das würdest du schon merken. Es steht dir völlig frei; du kannst auch den Kuß verweigern; das heißt aber dann, du willst nicht ihr Freund sein. Hier, unter uns vieren, hätte sie sich aber schon arg darüber gewundert..und nachgefragt, warum” - “Ja, klar. Gut, ich hab’s begriffen. Sie ist ja auch lieb...muß sie ja sein, wenn sie einen Bären wie Malcolm liebt .” Alida lachte “Ja, wirklich. Können wir das Thema abschließen?” - “Ja. Bestellen wir uns noch einen. Aber eines würde ich doch noch gern wissen...” Alida stöhnte etwas theatralisch “dann soll der Malcolm das erklären, der kennt sich besser aus als er zugibt. Malcolm?” - “Ja, mach ich...Norman?”

 “Ja. Also, diese Toleranz hier, die erscheint mir geradezu grenzenlos. Gibt es da keine Linie an der sie endet, nicht nur für Jugendliche?” Er schüttelte den Kopf. “Du mußt wissen, das hat Alida nicht erwähnt, sie unterscheiden in öffentliche und familiäre Angelegenheiten. Öffentliche Dinge sind klar geregelt, und die Regelungen gelten für alle und werden notfalls von den Wächtern durchgesetzt. Familiäre Dinge, da mischt sich niemand ein, der nicht zur Familie gehört. Aber auch das ist üblicherweise so wie die öffentlichen Beratungen; sagen wir mal, ich wäre der Meinung, Vahrsonia hätte sich eben mit dir etwas zu weit vorgewagt. Ich kann ihr das sagen, klar, aber wenn sie sagt, sie denkt das wäre nicht so, dann könnte ich höchstens den Rat ihrer Familie suchen. Wenn die dann alle sagen, Vahrsonia, das war nicht so gut, dann habe ich meinen Standpunkt durchgesetzt; sagen sie aber, das war in Ordnung, heißt das ‘Malcolm, du bist zu streng’ und ich sollte darüber nachdenken. So ist das, und kein Richter hilft dir gegen den Rat der Familie.” - “Findet sowas oft statt?” Alida winkte ab, Vahrsonia kicherte, Malcolm sagte nein. “Würdest du gern über das Verhalten deiner...sagen wir mal, Schwester, beraten?” Hoffnungslos, dachte ich. Die Ursel und ich sind fast nie einer Meinung. “Ist gut, Malcolm. Ich hab’s begriffen - Hamburg ist spießig.” Er grinste “was denkst du wie ich zuerst reagiert habe.. .” Polardor kam mit vollen Gläsern. 

 Vahrsonia, Alida und ich tranken Cualarin, Malcolm Wein. Er nahm aber auch schon mal kleine Schlucke aus Vahrsonias Glas; und grinste wenn ich das sah. Später kamen noch andere Leute an unser Faß, wir redeten und redeten...wie in einer Kneipe bei uns, aber außer Malcolm sah ich nur Wenige, die etwas alkoholisches tranken. Schließlich orderte auch Malcolm ein Glas Cualarin und trank es sichtlich mit Genuß. Spät verließen wir das Lokal und bummelten an der Hafenmole entlang, noch immer kamen und gingen kleine Schiffe; auf den großen war Ruhe. Die Stadt war noch lebendig, aber ruhiger als am Tag, das große Licht auf dem Atalan brannte nicht, in der Ferne sah ich die kleinen Lichtpunkte auf der Westkette. Wir plauderten weiter, bis sich Vahrsonia und Malcolm verabschiedeten. Ich war froh daß es kein Abschiedsritual gab, das mir unbekannt wäre...Alida und ich setzten uns an den Molenrand und atmeten die Nachtluft ein, nicht müde und nicht bereit den Tag zu beenden. “Ich würde es sehr vermissen” sagte sie ohne daß ich etwas gesagt hätte, aber ich wußte was sie meinte. “Alida, jetzt bin ich dran mit einem Ritual. Hat der Polardor noch offen, oder ist es zu spät?” - “Wenn er noch Gäste hat, schließt er nicht.” - “dann trinken wir zwei jetzt noch ein Glas Wein, ja?” - “Gern. Was ist das Ritual?” - “Wir haben etwas schwieriges zu besprechen, nicht? Bei uns heißt es, im Wein liegt Wahrheit. Wir können ja nicht Gedanken lesen. Da helfen wir uns damit...” - “Ja, gut. Ich bin neugierig.”

Poseidon’s Faß war tatsächlich noch geöffnet, wenn auch nicht mehr so voll. Es war stiller, von den wenigen Sitzecken waren einige frei. Wir setzten uns in eine kleine Nische, und orderten Wein. Polardor sah Alida erstaunt an, sie nickte “mach nur. Du hast richtig gehört.” Er kam mit der Karaffe, diesmal war es roter. Ein feuriger, fruchtiger Wein, Alida wunderte sich. “Schmeckt nicht Wein wie Wein? Dieser ist ganz anders.” - “Anderer Boden, anderer Winzer, andere Fässer. Wein ist vielfältig.” - “Ja wirklich. Nun..?” Ich hob mein Glas “Auf die Liebe.” Sie tat es mir nach “Auf die Liebe. Du, das gefällt mir. Ein Wunsch...” - “Ein großer.” Wir tranken, sahen uns an, schwiegen. Der Wein machte Hitze, ihr Gesicht rötete sich. Sie legte den Kopf an meine Schulter “du hast von deinem Opa gesprochen, und daß du dich wie ein kleiner Junge gefühlt hast. Nun machst du ein kleines Mädchen aus mir. Das ist großartig.” - “Ja, und gut daß es hier Wein gibt. Alida, das läßt nicht nach. Ich denke, wir können den Gedanken mal sehen ob es anhält begraben.” - “Das geht mir auch so. Sollen wir uns das Versprechen geben? Ich will es.” - “Ein bißchen langsamer, Liebes. Die Liebe gewinnen, Heimat und Freunde verlieren, das steht doch auch im Raum.” Sie seufzte “Ja, leider. Der Preis ist aber sicher dabei.” - “Wirklich sicher? Alida, reist du gern?” - “Aber ja..warum? Oh, ich weiß...das wäre zu schön, du meinst...” - “Hamburg, wenn wir wollen. Avalonia, wenn wir wollen. Und wenn wir eines Tages den Ort nicht mehr wechseln, ist es auch gut. So kann das Leben entscheiden wann und ob wir an einem Ort bleiben - oder auch nicht, und wir müssen unser Glück nicht damit belasten.” - “Für mich ist das einfach, aber für dich? Reisen kostet da oben ja Geld.” - “Naja, wir müssen ja nicht täglich herumreisen. Ich habe viel gearbeitet und wenig ausgegeben, und ich kann auch noch weiter arbeiten. Manchmal. Glaub mir, das geht.” - “Das wäre wunderbar. Und ich...in Deutschland? Mit falschem Paß? Anders komme ich doch nicht rein.” - “Also, rein kommst du mit meiner Saskia, ohne Kontrolle. Alida, heirate mich. Dann bekommst du einen neuen Paß, bist Deutsche ..und hier, mit dem Stein-Paß, kommen wir ja auch mühelos rein.”

Alida lachte und strahlte. “Versprechen und heiraten. Perfekter geht es wohl nicht...ja, Norman. Ja.” Mir fehlten die Worte. Wie sehr hatte ich mir das gewünscht, vor langer Zeit. Alida sagte auch lange nichts, dann sprach sie ganz leise, sehr feierlich “ ich verspreche dir zu gehören. Ich werde jeden Weg mit dir gehen, bis Gott es anders bestimmt. Ich werde niemals die Tür für dich verschließen .” Dann sah sie mich an, ich sagte die gleichen Worte. Wir umarmten uns, Alida weinte leise...ich hatte eine Frau gefunden.

Wir schwiegen lange, tranken, sahen uns an. Meine Hände zitterten. Dann gingen wir langsam, eng zusammen, heim zu ihr und verbrachten wieder eine himmlische Nacht.

 

West-Avalonia

“Wir müssen aber nicht sofort aufbrechen, oder?” fragte sie als ich noch gar nicht ganz wach war. “Aufbrechen? Warum? Nein, ich habe noch nicht genug gesehen. Ein bißchen Fremdenführer mußt du schon noch spielen.” - “Gut. Gerne. Dann gehen wir heute nach West-Avalonia, wie Rathurnida gesagt hat, ich bin sehr neugierig darauf zu sehen wie das Wasser zurück geht.” So schnell kamen wir gar nicht aus dem Bett. Wir turtelten, kamen nur langsam in die Gänge , frühstückten ausgiebig und dann, es war schon Mittag, nahmen wir einen Gleiter und hielten auf die Westkette zu. Alida steuerte, ich traute mich nicht so recht den Weg durch diese Vulkankette zu fahren. nur eine Kleinigkeit...Das war auch ganz berechtigt, ich erschrak schon sehr als es über uns krachte, gerade als wir durch ein Tal zwischen zwei Kegeln sausten. Alida blieb ganz ruhig; hielt das Tempo und die Richtung “keine Sorge. Bis das runter kommt, sind wir schon aus dem Tal raus. “ Ich sah nach oben und zog unwillkürlich den Kopf ein...

Es war nur eine Kleinigkeit, sofort war wieder Ruhe. “Die Westkette ist ständig aktiv, aber ungefährlich.” sagte sie dazu “kleine Feuerchen, aber nie eine große Sauerei. Nur zu dicht rangehen darf man nicht. So ein Knall kann dich glatt abstürzen lassen. Am neuen Atalan dagegen, da kannst du nur abhauen, wenn es losgeht. Er warnt rechtzeitig, und dann wird es dunkel. Was da runterkommt, das ist viel und heiß...manchmal läuft die Lava runter bis ins Meer, und dann verschwindet alles im Dampf. Man sieht nichts, Felsen rollen den Hang runter, Spalte tun sich auf, na, danke. Früher hat man versucht, die alte Straße zu erhalten, an der Küste entlang nach Vanartis. Aber da hat es Tote gegeben, heute läßt man die Gegend ganz in Ruhe. Man kann hin , wie gestern, wenn er schläft. Aber man muß sofort aufbrechen, wenn es rumpelt.” - “Und diese Feuerhalle? Gibt es die noch?” - “Oh ja, dort werden Mélanaden geholt. Das geht, da ist ja massiver Fels drüber, man kann nichts auf den Kopf bekommen. Nur die Luft wird schlecht wenn es losgeht, aber von da kann man gut weg. Am alten Atalan entlang, durch Bergwerke, oder übers Meer. Früher war’s ja sogar ein geschützter Hafen, aber den brauchen wir nicht mehr. Du wirst es zu sehen bekommen. Jetzt sieh nach vorn, wir sind gleich da.”

Das Tal öffnete sich, vor uns lag ein flach abfallendes, kahles Land das von Flüssen unterteilt wurde, die aus den Tälern der Westkette kamen. Nur direkt am Fuß der Berge gab es Wälder, dann eine Fläche mit grünen Flecken, dann, dicht am Meer, nur Sand oder Kies. Wir wurden langsamer, gingen tiefer, folgten einem Fluß. Dann sah ich unser Ziel, ein Turm, gut fünfzig Meter hoch und massiv gemauert bis auf den Aufsatz, der war aus strahlendem Metall; dort strahlte er das bekannte Licht ab, nicht weit davon mehrere Baustellen. Auch das würden einmal massive Steinhäuser sein, ich sah fasziniert wie Gebäude entstanden die ich nur als römische oder griechische Ruinen kannte; sehr starke Wände, Rundbögen, Säulen, breite Treppen, und Wege die mit großen Steinplatten belegt wurden. Wir landeten vor einer solchen Baustelle, stiegen aus. Sofort legte dort ein junger Mann das Werkzeug weg, kam auf uns zu “Alida! Willkommen! Kennst du meine Frau schon? Selingha, komm mal.” Dann schüttelte er mir die Hände, eine junge Frau kam aus dem halbfertigen Bau, im Kittel, farbig befleckt von oben bis unten “das ist also Alida. Hey, Guten Tag. Hallo, Norman.”

Ich hatte mich schon daran gewöhnt meinen Namen nicht nennen zu müssen...”du malst ein Lagerhaus aus?” - “Ja, komm rein. Es ist noch nicht fertig, aber sieh mal..magst du es?” Wir folgten ihnen, drinnen gab es schon eine Decke, und halb bemalte Wände. Die Schönheit dieses Bildes  raubte mir die Sprache . Eine Landschaft, gut zehn Meter lang, drei Meter hoch. Schwarze Berge, blauer Himmel darüber, Wälder vor den Bergen und ganz im Vordergrund ein See , an dem Kinder spielten. “das ist ja diese Gegend hier...aber so sieht sie doch nicht aus.” - “Noch nicht, oder nicht mehr.  Das Wasser ist hier wo wir stehen, erst vor einem halben Jahr gewichen. Geht mal zur Küste, ihr könnt es fliehen sehen. Letzte Woche haben sie wieder einen Turm erleuchtet. Tja..und die Kinder sind ja auch noch nicht da..aber die kriegen wir, bald, wenn die Häuser fertig sind. Hènandor, zeig ihnen den Weg.” - ”Langsam, langsam.” sagte Alida “Hènandor, erklär Norman mal, wie du  diese großen Blöcke einbaust.”

Hier hatte sie mich falsch gelesen. Sicher, ich hatte erstaunt auf Blöcke gesehen die drei mal fünf Meter groß waren, und keinen Baukran gesehen. Aber dann hatte mich Selinghas pure Freude verblüfft, und ich dachte an Vorschriften, die Kindern das Spielen verbieten, eingezäunte Spielplätze, Antibabypille und Yuppies...ich riß mich los.  “Ich zeig’s ihm..Moment mal, wieso weiß er das nicht? Ach so, zugewandert. Sieh zu, Norman.” Er ging zu einem Block, stellte eine Leiter an, stieg darauf und nahm so ein Gestell, ähnlich denen in den Gleitern. Darunter hing ein Werkzeug das ich aus dem Museum kannte, ein Wolf. Den hakte er am Block fest, und hob leicht das Gestell an. Der Block hob sich mitsamt Hénandor vom Boden, schwebte auf die Außenmauer zu, mit leichten Bewegungen dirigierte er das Trumm exakt auf die Mauer und setzte ihn dort ab. “Bei Wind ist es schwieriger”  sagte er und turnte herunter. “Hénandor, das mag eine dumme Frage sein, aber ich dachte die Mélanaden wirken auf Wasser?” - “Ja. Das ist nicht dumm. Wir verwenden Sandstein, und den begießen wir wochenlang ständig mit Süßwasser aus dem Fluß - klar, sonst geht  das nicht.” - “Vulkanstein könnt ihr also nicht verwenden.” - “Doch, schon, aber kleinere Stücke und dann binden wir ein Faß drauf, und heben das...oder es müssen viele Arme zupacken. Ist schwieriger, aber Sandstein ist auch schöner. Wollt ihr sehen wie das Meer zurückweicht? Kommt mit..”

Er ging vor, am Fluß entlang, und ich sah klares Wasser - das hatte ich nicht erwartet, kam es doch aus dem Tal in dem wir eben den aktiven Vulkan erlebt hatten. Atlantik, auf dem RückzugNicht weit, mündete der Fluß ins Meer. Man sah es sofort, das Wasser war gefallen. “Stellt euch ins flache Wasser, und wartet ab bis ihr auf dem Trockenen steht” sagte er “ich geh zurück, ihr kommt alleine klar?” - “Ja, geh nur” sagte Alida und wir gingen ein wenig ins Wasser. Das Meer war ganz still..”Alida, dort drüben, dort fällt es nicht, oder täusche ich mich?” - “Da, am Hügel? Da wird noch ein Turm fehlen.”

Tatsächlich, wenige Minuten, und wir standen auf Sand, die Füße trockneten schnell und die Wasserlinie entfernte sich allmählich. “Das ist schön zu sehen” sagte Alida verträumt “Ich habe oft vor den alten Bildern gestanden, die dieses Land zeigen. Und jetzt erlebe ich wie ein Kindertraum wahr wird...schon damals, als ich klein war, wurde davon gesprochen; aber mit natürlichen Mélanaden geht das nicht, sie sind zu klein.” - “Ebbe und Flut - gibt es das hier?”  - “Nein, oder ganz gering. Nein, was wir erleben ist die Wirkung eines neuen Turms; das Wasser geht nicht schlagartig zurück, es weicht nur langsam. Man kann schlecht abschätzen wie weit, man wartet es ab, bevor man den nächsten Turm baut. Türme reichen auch nicht aus; sie heben den Himmel an und drängen das Wasser seitlich ab; es braucht auch Steine genau auf dem Wasserniveau, die müssen gar nicht sichtbar sein, oder sind auf Bojen. Nach unten tun sie ja nur wenig, man könnte sie sogar ins Wasser werfen - das ergäbe eine Art Trichter. Aber solche Spielchen machen wir nicht, es soll so natürlich wie möglich sein. Da siehst du es, schon wieder fünf Meter West-Avalonia gewonnen.” - “Wie weit ging das Land, von hier nach Westen?” - “Von hier aus so etwa hundert Kilometer, langsam abfallend, mit kleinen Hügeln. Da vorn, das ist heute eine Sandbank - morgen wird es eine kleine Anhöhe sein.” - “Und dann? Abwarten, ob es grün wird?” - “Nein, Gärtner beschäftigen. Wir haben Baumschulen, Graszüchter, Bodenleger. Das geht ganz schnell, wenn es ein paarmal geregnet hat und das Salz weg ist.”

Wir standen dort eine Weile und folgten dem Wassersaum. Ein stilles, wunderbares Erlebnis... und ihr Glück dabei steigerte das noch. Dann bummelten wir langsam zurück. “Alida, die beiden sind also keine Freunde.” - “Nein..ach so...weil ich nicht...Norman, man könnte meinen du wärst achtzehn.” - “manchmal fühle ich mich auch so.” - “Ich auch...seit du da bist. Nein, “Hénandor war einer der ersten die ich eingebürgert habe, nachdem ich angefangen hatte als Einweiser zu arbeiten.” - “Der Name ist aber doch hiesig?” - “Er hieß Francois, wollte aber einen avalonischen Namen annehmen. Nun hat er eine Frau gefunden und baut ein Haus, und nebenbei arbeiten sie am Lagerhaus - wie alle neuen Siedler hier. Fahren wir zurück?” - “Ganz wie du willst. Das hier ist dein Traum.” - “Ja. Wir könnten ja wiederkommen?” - “Gern, öfter. Alida...die Frau, die du geliebt hast als du allein warst...lerne ich die kennen?” - “Nicht geliebt, Norman. Das gibt es bei uns fast gar nicht, daß man die eigene Art liebt, wir nennen das ‘ die griechische Krankheit ’ , es ist ganz selten. Unsere Ärzte glauben, das kommt von Unfreundlichkeit...” - “Und die ist hier unüblich.” - “Ja, richtig. Ja, Yanerdia...sie ist lieb, sehr lieb, und war die Frau von Berinador, dem Freund und Partner von Eliador, meinem früheren Mann. Sie sind zusammen untergegangen...wir haben zusammen geweint, später haben wir uns auch geliebt, es hat uns getröstet, wir sind dabei geblieben. Aber ich sage ‘geliebt’ so wie ihr das Wort verwendet, es bedeutet also nicht Liebe, nur Zärtlichkeit. Ich möchte sogar daß du sie kennen lernst, wie auch meine Kinder. Du wirst mir doch auch deine Lieben vorstellen, wenn wir in Hamburg sind?” - “Aber ja doch. Ist sie noch allein?” - “Vielleicht nicht...ich habe sie lange nicht gesehen, das könnte einen Grund haben. Sollen wir sie besuchen?” - “Gern. Wo?” - “Das paßt. Neu-Atlantis, wie auch die Kinder. “ - “Wird sie nicht traurig sein, weil du jetzt mit mir zusammen bist?” - “aber nein, sie wird sich mit uns freuen. Nochmal, du irrst dich. Was zwischen dir und mir ist, davon war nie eine Spur bei Yanerdia und mir; wir haben uns nur über die einsame Zeit geholfen ..nun, für mich ist diese Zeit ja wohl vorbei.” - “ich werde mein bestes tun.” - “Das weiß ich doch. Also, keine Scheu vor ihr..du wirst sie mögen.”

 Wir waren wieder an der Baustelle angekommen, winkten noch zu dem jungen Paar hinüber und starteten wieder. Alida vermied das vulkanische Tal, umfuhr die Westkette über Mirarthris und wir schwebten dann knapp über das Meer,  aber nicht bis zum alten Hafen von Atlantis, bei einem Wald der fast bis ins Wasser reichte, bog sie ab, wir erreichten die neue Stadt mit dem alten Namen. Und, natürlich...ich mochte nicht sofort Leute besuchen. Ich bremste sie, sah mir dies und das an und blieb schließlich vor einem dampfenden Bach stehen, der direkt vor uns in einem steinernen Kasten verschwand. “Das ist wie in unseren Städten” sagte ich etwas erstaunt “alles Stein, nur keine Natur im Stadtzentrum.”

“Nein, da irrst du dich” sagte Alida nachsichtig “das ist ein heißer Bach, er kommt von der Westkette und wird genutzt. Seine Wärme hält die Straßen trocken und die Häuser warm, und wenn du warmes Wasser brauchst dann kommt das von solchen Bächen. Die sind dann natürlich unterirdisch, aber dafür haben wir keine rauchenden Kamine auf den Häusern. Wenn hier etwas raucht, ist es ein Vulkan.”  - “Ach so...praktisch. Ja, und rauchen...hier raucht kein Mensch, oder ?” - “Selten, und er muß selbst für Tabak sorgen. Das ist eine der wenigen Pflanzen die im Licht der Mélanaden nicht so recht wachsen. Und, weil Tabak ja schädlich ist, wird das Zeug auch nicht importiert, wie etwa Kaffee. Der wächst hier auch nicht so gut.” - “Es gibt richtigen Import? Wie denn, durch dieses enge Bergwerk?” - “Ach was, das wäre schlecht möglich. Es gibt einen Trick...vielleicht zeige ich dir das einmal, wenn wir wirklich so viel reisen wie wir es gesagt haben. Der Atalan ist sehr hoch, weißt du. Darüber ist nicht mehr viel Wasser...mit manchen großen Gleitern kann man über dem Gipfel direkt hoch fahren. Ist etwas riskant, weil man ja mitten im Meer auftaucht und von unten nicht sehen kann was für Wetter da oben ist; aber es geht. Kerle wie Malcolm machen so etwas, und in so einem Gleiter kann man schon eine Menge Zeug mitnehmen. Aber stell dir das nicht so einfach vor. Wir haben ja kein Geld hier unten, aber oben braucht man es um etwas zu kaufen - also muß etwas exportiert werden, um etwas importieren zu können.”

“Was exportiert denn Avalonia?” - “Ach, für uns wertloses Zeug, Gold zum Beispiel. Es gibt kleine Goldgruben, in der Westkette, aber wir haben wenig Verwendung dafür. Mélaneisen ist ebenso schön, aber härter und leichter. Oben bekommen wir aber für wenig Gold viel Geld, und das hilft enorm.”  - Wertloses Zeug...” ich lachte und fragte mich was noch alles käme. “ich nehme an, Diamanten sind hier auch nichts wert?” - “Diamanten? Ja klar, fast nichts. Die sind aber auch selten...nein, Mélanaden sind schöner, auch als Schmuck. Diamanten leuchten nicht, und sind sehr schwer zu bearbeiten. Aber die werden nicht exportiert, es gibt nicht genug davon. Man macht Werkzeuge daraus.” - “Und Perlen, andere Edelsteine?” - “Sieh dich um, Norman. Das ist hier anders als bei euch, da oben ist etwas wertvoll wenn es selten ist. Hier nur, wenn es großen Nutzen bringt. Das ist der Vorteil, wenn es kein Geld gibt - es gibt keinen Markt wie bei euch, kein Preis kann ins unermeßliche hochgehen  weil es zuwenig Ware gibt. Wir machen ja Tauschhandel, nicht Marktwirtschaft.” - “Aber irgendwie gibt es doch Wertbegriffe. Wenn ihr den Zehnten entrichtet...” - “Das ist der Zehnte der Menge, Norman. Egal was du hast...zehn Fische, einer geht ins Lagerhaus. Zehn Balken..und so weiter.” 

“Dann sagen wir mal, ich breche in einem Bergwerk zehn große Mélanaden, die haben großen Nutzen. Du nähst zehn Taschentücher, die haben weitaus weniger Nutzen. Und doch entrichten wir beide den Zehnten, als wären sie gleichviel wert.” - “Stimmt und stimmt doch nicht, Norman. Jeder nach seinen Möglichkeiten, und die sind nun mal verschieden. Nochmal, die unterschiedlichen Werte sind Markt-Werte, frag dich lieber mal wie gerecht das ist, wenn etwas mehr wert wird weil nicht genug davon da ist.”

Ich schwieg betreten. Die Unterschiede zwischen oben und unten gingen viel tiefer als ich es verstanden hatte. Und das lag nicht nur daran wie ich anfangs gedacht hatte, daß Avalonia verhältnismäßig klein ist und nicht so dicht besiedelt; man hatte hier auch einfachere Wege gefunden als bei uns. Und was gerecht ist...ein Thema für Generationen, hier, aber auch in meiner alten Heimat. “Man kann also gar keine Reichtümer anhäufen?” - “Nein, wie denn. Du kannst ungestört sammeln was du willst - aber nicht etwa den Preis einer Ware hochtreiben, indem du sie hortest. Es gibt ja keinen Preis. Wird etwas knapp, produziert man eben mehr oder holt es von Orten, wo mehr vorhanden ist - das machen die Lagerhäuser. Also, selbst wenn es Geld und Preise gäbe, das würde ausgeglichen. Aber weißt du, versuch es einmal ganz vom Prinzip her zu sehen. Es gibt keine materielle Gerechtigkeit, das ist nur eine Idee. Wenn du Schiffe liebst, kannst du nicht genug Schiffe haben. Aber so Mancher würde das sinnlos finden, weil er Musik liebt. Schiffe würden ihm gar nichts bringen. Gerecht ist, wenn Jeder bekommt was er braucht und was er liebt - egal wie viel das ist. Überleg’ mal.”

Alida ging jetzt schneller, ich nahm die Umgebung kaum wahr, so nahmen mich diese Gedanken in den Griff. “Da könnte also einer wertloses Zeug einsammeln - Gold zum Beispiel - und sich aus dem Staub machen, das Gold in New York verkaufen und er wäre ein reicher Mann.” - “Ja sicher, in New York. Hier nicht.” - “Kommt sowas denn vor?” - “Manchmal. Wenn jemand wertloses Zeug wichtiger findet als freundliche Menschen - Dummköpfe gib es überall, auch hier.”

Und die exportiert man wohl, oder sie exportieren sich selbst, dachte ich. Ihr Kommentar war nur ein leichtes Lächeln....

weiter: Neubürger...

 

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Vulkane (auch News)