Die Zeit vor der Umkehr

Nun hat es mich also erwischt. Lange Zeit habe ich etwas amüsiert betrachtet wie Norman versuchte, seine Eindrücke von meinem Land in Worte zu formen und diese über eine seltsame Maschine in eine Sammlung von Seiten einzubinden; etwas, das keiner von uns versuchen würde. Nun hat er es geschafft mich zu bewegen das auch zu tun, nicht so umfänglich wie er, und nur zu einem Thema, eine Sage, dir auch real ist, die nach und nach unser Land durchdrungen hat und so eine Verwandlung bewirkte; aus einem kriegerischen Volk wurde ein liebendes Volk, mein Volk, die Avalonier.

Hier erzähle also ich, Alida Mercuria Weinstein.

Norman hat es ja schon erzählt, so wie er es erfahren hat, scheibchenweise, wie unsere Vorfahren sich bekehrten von großen Kolonialisten und Kriegern zu friedlichen Menschen; wir nennen diesen lang zurück liegenden Vorgang die Umkehr. Er begann etwa hundert Jahre vor dem großen Unglück und dauerte lange, sehr lange...etwa so lange wie eine eigenartige Erzählung brauchte, von der Insel Arganthia ganz im Norden ihren Weg zu machen bis nach Tenar im äußersten Süden; eine Erzählung von der niemand weiß ob sie korrekt überliefert ist und die auch nie aufgeschrieben wurde, bis zum heutigen Tag, da ich es versuche. Die Hauptfiguren gab es aber, nur wissen wir nicht so genau was nun von ihnen selbst ist und was später dazukam.

Es war die Zeit der zwölf Könige in Atlantis, das noch eine neue Stadt war, gebaut um die Pracht und Macht unseres Landes zu zeigen und als Sitz der Königsthrone, auch der Verwaltung. Die zwölf Könige herrschten über die zwölf Regionen von Avalonia, und jede dieser Regionen hatte sich auch eine Kolonie zugeeignet - Mirarthris herrschte über Westafrika, Conartis über Teile von Südamerika, Vanartis über Ägypten, Kavothrakis über  Nordafrika..und so weiter. Diese Länder sind so verschieden wie Länder nur sein können, nur eines hatten sie gemeinsam: ihre Kultur war rückständiger, grausamer und ärmer als die Unsere. Wir hatten für jede Kolonie eine Stadt gegründet die von unserer Lebensart durchdrungen war, und hofften daß die Kolonien dort lernen würden menschenwürdig zu leben. Das geschah auch teilweise; unterschiedlich, je nach Land, übernahmen die Menschen dort was sie bei uns lernen konnten - die Ägypter am meisten, die Moccé weniger, die Phönizier nur Dinge die sich um Seefahrt drehten, die Mauren Architektur...

Allen blieb gemeinsam daß sie kriegerisch waren. So kam es daß immer wieder unsere Städte überfallen und ausgeraubt wurden, weil die Krieger vor allem an materiellen Gütern interessiert waren und nicht verstanden, daß nur ein hoher Geist solche Güter machen kann - raubt man sie, verkommen sie bald und nichts bleibt übrig als die Trauer um die im Krieg geopferten Menschenleben. Norman hat das schon erzählt, wie das dazu führte daß unsere Vorfahren auch Krieg führten und dieser Krieg auch zu uns kam und dieses herrliche Land erniedrigte. Ich will also nicht erneut diesen alten Schmutz aufwühlen.

Elévra von Arganthia

Arganthia war die nördlichste große Insel von Avalonia. Sie war nicht groß und nicht vulkanisch, zwei weniger hohe Berge, ein kleiner Fluß und gewaltige Wälder bildeten ihre Gestalt, und sie war nicht bewohnt. Das Meer um diese Insel war gefährlich, das war wohl der Grund dafür; denn die Insel selbst war schön. Gleiter gab es noch nicht, und dorthin zu gelangen war lebensgefährlich, dennoch wagten es manche, um einmal einen Tag in größter Stille zu verbringen; aber so mancher kam nie zurück. Strömungen rissen dort Schiffe nach Norden, und Stürme vernichteten sie dann in den Weiten des Atlantik, denn von dort aus gab es keine günstigen Winde nach Westen, die ein Schiff schnell nach Amerika brachten - oder nach Osten, um nach Afrika zu segeln.

Es war eine dunkle Zeit. Die Xanthor lag fast nie in ihrem Heimathafen Kavothrakis, denn sie fuhr immer wieder gegen Flotten der Ägypter und Phönizier, und mit ihr eine Flotte großer Segler, die immer neue Männer benötigten wenn ihre Mannschaften in einem Krieg geschmolzen waren wie Wachs in der Sonne... .es gab zu wenige Männer in Avalonia, und das Leid der Frauen war groß. Kinder wuchsen ohne Väter auf, und auch der Kinder waren zu wenige.

Meniador von Atlantis war der höchste der Könige in dieser Zeit, aber er reichte nicht an den großen Arnathor heran, der die Stadt gegründet hatte - Meniador war nicht imstande zu widersprechen wenn die elf anderen gekrönten Häupter sich auf einen Kriegszug geeinigt hatten. Meniador war der Einzige unter ihnen der das nicht wollte; aber er war zu schwach. Meniador hatte einen Sohn, Vanghedor, der wie sein Vater dachte, aber kein Wort in der Runde sagen durfte; er war jung und das bedeutete damals, er war gar nichts. Traurig streifte Vanghedor oft allein durch das Land und hoffte, er könne bald an die Stelle seines Vaters treten und dem sinnlosen Morden ein Ende zu machen. Da hörte er von einem Fischer daß es ganz im Norden ein Land gäbe, das nie einen Krieg gesehen hatte - Arganthia. Nun half keine Warnung, kein väterliches Verbot, kein aufgewühltes Wasser...er versuchte immer wieder dorthin zu gelangen, was nicht leicht war. Etliche Male war er schon in Sichtweite der weißen Strände und scheiterte doch, so manches kleine Schiff fuhr er fast zuschanden, aber ein größeres bekam er nicht und hätte es auch nicht allein fahren können - und mitfahren mochte niemand. Immerhin, er wurde nicht nach Norden abgetrieben und so versuchte er es immer wieder.

Dann kam ein Tag an dem die Xanthor zurück kam, und mit ihr nur noch drei schwer beschädigte Schiffe und wenige Männer; und die See war still wie ein dunkler Spiegel. Vanghedor ertrank fast in seinen Tränen, denn auch Freunde von ihm waren umgekommen. Er ging nach Vanartis, nahm die Fähre nach Kavothrakis und von dort aus, ein kleines Boot hatte er gestohlen, mußte es rudern und segeln - es ging kein Wind, keine Strömung. Er erschöpfte sich völlig...und gelangte nach Arganthia. Todmüde sank er in den weißen Sand an deren Südküste und schlief ein.

Es war spät und dunkelte, als der Hunger ihn weckte. Er hatte nichts mitgenommen und ging in die dichten Urwälder um etwas eßbares zu finden, fand auch Früchte und Palmnüsse - aber er hatte sich verlaufen. Keine Wege gab es auf Arganthia, keinen Hafen, keine Häuser, noch nicht einmal große Tiere, nur Vögel. Er dachte, er gehe auf das Rauschen des Meeres zu, und näherte sich stattdessen dem dem Nindokus, dem großen Wasserfall der Ninda, dem einzigen Fluß auf Arganthia. Dort angekommen, packte ihn Verzweiflung. Kein Meer in Sicht, hohe Felswände und die Dunkelheit wuchs bereits. Dort traf er sie...eine junge, hochgewachsene Frau mit heller, reiner Stimme - eine Schönheit wie er nie eine erblickt hatte, und hielt sie für einen Geist - lebte doch niemand auf Arganthia. Doch sie war kein Geist, ihre Hände legten sich warm und fest auf seine Schultern, richteten ihn auf, gaben ihm Früchte und führten ihn aus dem Urwald zu einem Felsplateau von dem aus er noch die untergehende Sonne sehen konnte. Dort sprach sie zu ihm, und sagte ihm ihren Namen - Elévra. “Elévra? Dieser Name ist nicht von meiner Heimat. Woher kommst du, Elévra?” Sie zeigte auf das Meer, aber nicht nach unten und sprach “ich wurde gesandt, denn die Sonne wird wirklich untergehen, für euch, für lange Zeit, und du wirst sie nicht wieder aufgehen sehen, und doch wird sie noch sein.”

“Du sprichst in Rätseln, Elévra. Wer hat dich gesandt?” - “Der, dessen Namen jeder kennt und den doch keiner schreiben kann.” - “Der Höchste? Er sollte selbst hier erscheinen, denn seine Welt ist in Nöten.” - “Mag sein, das wird eines Tages geschehen. Nun sei du aber beruhigt, dieser Tag geht mit keinem Schrecken zu Ende - erhole dich, denn ich werde dir viel zu sagen haben und du wirst es nur fassen können wenn du frisch und ausgeruht bist.” - “Aber.. .mein Vater wird mich vermissen, ich muß zurück fahren, die Nacht bricht herein.” - “Die Nacht flieht auch wieder...bald. Du kannst heute nicht mehr zurück, und morgen darfst du nicht, viele Tage darfst du nicht, denn viel ist es was mir aufgetragen wurde.” - “Warum gehst du nicht mit mir, wir fahren zu meinem Vater, er kann dir Gehör verschaffen und viele werden die Botschaft hören.” - “Er würde es kaum tun, und wenn...was nutzt es schon wenn viele zuhören, aber nichts hören wollen? Du wurdest hierher gebracht, wie es mir versprochen war, und zu dir werde ich sprechen. Du kennst die Seelen die noch hören können, und dir werden sie auch glauben. Mir doch nicht...wer kennt mich denn?” - “Ich kenne dich auch nicht.” - “Heute noch nicht. Schlaf, Vanghedor, schlaf. Du wirst deine Kräfte brauchen.”

Es war ein Befehl. Vanghedor schlief ein und glitt tief in die untersten Gründe seiner Seele, tiefer als er je hinabgetaucht war, und er begegnete den Ungeheuern dieser Tiefe, wie auch den Engeln die dort Licht verbreiten; lange schlief er und hielt Zwiesprache mit ihnen, aber er vergaß jedes Wort das sie gesprochen hatten als helle Lichtstrahlen, die Stimmen der Vögel und ein sanfter Kuß von Elévra ihn aufweckten. Er zog sie an sich und wunderte sich daß sie ihm nicht auswich wie die jungen Frauen bei Hofe, denen er sich schon genähert hatte. Aber sie hatte Anderes im Sinne als er, und ihr Wunsch war stärker. Aus seinem Begehren wurde ein Verlangen sie zu kennen, aus seiner Erregung der Wunsch mehr zu erfahren, und Elévra lächelte zufrieden. “Du verstehst schnell, Vanghedor. Alles zu seiner Zeit. Das Große zuerst, dein persönliches Glück danach, und unsere Wünsche auch.” Sie erhob sich, er stand ebenfalls auf, sie sahen aufs Meer hinaus das wieder so kochte wie das hier fast immer war. “Siehst du, kein Weg zurück, nur einer in den sicheren Tod, Vanghedor. Der Zugang ist wieder verschlossen. Du wirst zurück fahren, wenn er sich erneut öffnet.”

Vanghedor sah es und verstand es nicht; nur daß sie es offenbar wußte...oder beherrschte sie das Meer? Es kam ihm so vor.

 Elévras erste Lektion

“Warum bist du aufgebrochen, Vanghedor?” - “Das weißt du doch sicher.” - “Ja, schon, es ist aber wichtig daß du das ganz klar hast.” - “Meine Freunde sind im Krieg geblieben.” - “Ja, ich habe die Xanthor vorbeifahren sehen. Sie ist unbeschädigt geblieben....” - “Sie bleibt immer unbeschädigt. Sie ist so verdammt überlegen, wir hätten sie niemals bauen dürfen.” - “Ja..es sind immer nur die Menschen, die den Schaden haben. Vanghedor, willst du das ändern ?” Er lachte bitter “Wer nicht. Ein Menschenleben reicht dafür wohl nicht.” - “Das ist sicher so. Du wirst das Ergebnis nie schauen. Willst du es dennoch tun?” - “Wenn ich kann - ja. Aber...nur für meine Neugier...wie lange wird es denn dauern?” - “Na, so zwei-, dreitausend Jahre etwa..?” Vanghedor schluckte. “Und etwas von solcher Dauer kann ich ins Werk setzen?” Jetzt lachte sie, aber hell und freundlich. “Du gefällst mir. Ja, das kannst du. Einer muß es tun...und du wurdest ausgewählt dieser Eine zu sein.” - “Meiner Treu...ausgerechnet ich.” - “Ja..wer sonst. Der kommende König, der einzige unter den Thronanwärtern der den Frieden sucht. Der einzige unter ihnen, der nicht so dumm ist zu meinen, er müsse fortführen was vor ihm getan wurde. Und der einzige der den Mut hatte nach Arganthia zu kommen.”

“...oder der Leichtsinnigste von allen. Ist es nicht so, daß kaum einer der hierher gelangte, wieder zurück fand?” - “Einige gingen verloren, ja. Du nicht. Ich werde dich sicher geleiten, des sei gewiß.” - “Elévra, ich hoffe du verschwendest deine Gaben nicht an einen Dummkopf. Ich habe noch nichts vollbracht in meinem Leben.” - “Du hattest noch keine Gelegenheit dazu. Nun, hier ist sie. Vanghedor, warum führt ihr Krieg?” - “Weil jemand ihn einmal angefangen hat und niemand wagt, ihn jetzt zu verlieren oder einfach aufzugeben.” - “das kam schnell und klar...und es ist die Wahrheit. Ja. Nun, du wirst diesen Mut haben müssen.” - “Ich kann - wenn ich König werde - im Rat widersprechen; aber man wird mich überstimmen.” - “Ja, das werden sie. Widersprechen schon...aber sie werden es nicht durchhalten. Denn du wirst die Tore des Palastes öffnen und zu ihnen sagen sagt das dem Volk ins Gesicht, und sagt ihnen auch, daß weiterhin Männer für nichts sterben werden - für nichts als die Trauer ihrer Frauen und Kinder . Und sie werden nicht den Mut haben das zu tun, und sie werden deinem Rat folgen. “ - “Wie wird dieser Rat lauten?”

Elévra stand auf. Ihre Stimme klang plötzlich wie die eines Mannes, schwer und tief, und hallte an den Felsen “Legt die Xanthor an die Kette. Macht die Kette fest und schwer, und niemals darf sie wieder gelöst werden. Baut nie wieder Kriegsschiffe, gebt die Städte auf, die ihr in den Kolonien gegründet habt, überlaßt sie ihren Bewohnern. Führt nie wieder Krieg hier in Avalonia oder irgendwo sonst in der Welt. Bittet eure verlorenen Freunde um Vergebung. Begrüßt jedes Schiff das eure Häfen anläuft wie eines der Euren. Schmelzet eure Waffen ein und macht nützliche Dinge daraus. Tut dies sofort, und ohne zu zögern.”

Sie setzte sich wieder. Vanghedor fand keine Worte, wußte aber daß er jeden dieser Sätze schon einmal gedacht hatte; zusammen aber kam es ihm vor wie der Befehl, alles aufzugeben. “Das ist nicht so.” sagte sie, wieder leise und hell. “Es ist kein Ende, es ist der Anfang. Es kommt aber ein Ende auf euch zu, von dem ich euch nicht viel sagen darf. Nur dies: es ist ein Ende und ist doch keines. Ein großes Unglück, und eine große Gnade. Avalonia wird untergehen und doch leben; und Krieg wird dieses Land nie mehr berühren.” Vanghedor war aufgewühlt und unruhig, wollte mehr wissen und erfuhr nichts; sie strich ihm über die Stirn “du mußt es nicht kennen um dein Volk richtig zu leiten. Du wirst es erkennen wenn es geschieht; und du wirst ruhig überlegen was man tun kann, und das wird genügen. Aber wir müssen heute, morgen, und einige Tage lang von ganz anderen Dingen reden; Dinge, die unbedingt geschehen müssen bevor sich alles ändert.”  - “Erzähle  mir davon.”

 Das tat sie nicht. Elévra verschwand im Schatten großer Bäume und kam mit Früchten und klarem Wasser zurück, gab ihm davon “stärke dich, Vanghedor. Denn was du hören wirst und was du tun mußt, wird alle deine Kräfte brauchen.” Er aß, trank, und fühlte sich wohler als gewohnt; und sie sprach nicht weiter bevor er alles aufgenommen hatte was sie ihm vorlegte. Der Tag war noch jung....

“Du und dein Volk, Vanghedor, ihr lebt weit unter euren Möglichkeiten” sprach sie und was sie jetzt begann, ging über Vanghedors bisheriges Denken hinaus . Er war eigentlich stolz auf sein Volk, sein Land, die reiche Kultur Avalonias - und war diese Kultur nicht allen anderen Völkern überlegen? Er verstand nicht was sie meinte. “Du denkst, wenn ihr es nur schaffen würdet den Krieg zu bannen, dann wäre alles in Ordnung in Avalonia - nicht wahr?” - “Ja sicher. Niemand hungert, für alle ist bestens gesorgt, das Land blüht und gedeiht - was könnte besser sein?” - “Aber Vanghedor, noch einmal, du vergleichst das Heute mit dem Damals, und da sieht es natürlich perfekt aus. Du bist jung...tu das nicht. Es ist auch für die jungen Männer bestens gesorgt, nicht wahr? Kaum können sie für sich selbst sprechen, ist ihnen schon das Grab bereitet. Nein, es ist nicht für alle gesorgt. Was ist mit den Sklaven auf den Ruderbänken eurer Schiffe? Sind sie nicht Menschen wie ihr? Was wird aus denen, die etwas sehr falsch machen? Ihr tötet sie. Nennst du das ‘Sorgen’? Vanghedor, vergleiche das Heute nicht mit dem Damals. Vergleiche es mit nichts, überlege eher, was für Möglichkeiten dieses Heute bietet, und frage dich wie man diese Möglichkeiten hervorbringen könnte. Würdet ihr die Sklaven bezahlen wie die Schiffer, nicht anketten, ihnen Häuser geben und alle Rechte der Bürger - wäre das ein Schaden für Avalonia?”

“Sicher nicht...aber das wurde noch nie vorgeschlagen.” - “Nun, ich schlage es aber vor - nein, ich ordne es an. Es ist der Befehl des Höchsten. Und diejenigen, die ihre Gefühle nicht beherrschen konnten und jemanden verletzt oder getötet haben - wenn ihr die leben laßt, und ihnen helft sich selbst besser zu kontrollieren, wäre das ein Schaden?” - “Es wäre ein Nutzen, klar doch. Aber geht denn das?” - “Sicher geht das. Vanghedor, nichts ist ohne Grund. Auch Krieg geschieht nicht grundlos. All diese Dinge die ich erwähnt habe, kommen aus der selben Quelle. Glaub es oder nicht, aber diese trübe Quelle fließt mitten in euren Häusern. Ihr Name ist “die Macht ” und sie vergiftet euch, je älter ihr werdet, umso mehr.” - “Die Macht?  Aber das ist doch....Macht haben nur wenige. Mein Vater zum Beispiel, und ich bald. Soll ich auf den Thron verzichten? Würde das helfen? Und warum?” - “Nein, Macht hat jeder. In unterschiedlicher Stärke, natürlich. Nur die Kinder sind davon verschont, werden sie aber groß, ändert sich das. Nimm einen einfachen Bauern - hat er nicht das Recht, über seine Frau zu bestimmen?” - “Selbstverständlich.” - “Sag lieber, leider. Und seine Frau, herrscht sie nicht über das Haus, die Kinder, und Tiere?” - “Ich sage lieber nichts.” - “Du weißt es. Nun ist es leider so, daß Macht zwar ein Mittel ist, Dinge zu regeln; aber ein schlechtes Mittel. Sie hinterläßt Spuren in der Seele, schlimme Spuren, wie Wunden, die nicht heilen. Diese Wunden sammeln sich an und erschaffen etwas Neues, den Wunsch zu töten.. .verstehst du?”

“Du sagst...hätten wir eine andere Art Dinge zu regeln, es gäbe diesen üblen Wunsch nicht?” - “Genau das. Diesen Wunsch kannst du nicht verschwinden lassen indem du als König neue Regeln erläßt. Du mußt ihm die Nahrung nehmen, und diese Nahrung sind die Wunden der Seele, die die Macht geschlagen hat; das ist auch der Grund, warum das nicht schnell möglich ist.” Vanghedor sah auf die See und kam sich winzig, ungenügend und unfähig vor. Er verstand was sie sagte, es schien ihm aber völlig unmöglich daran etwas zu ändern. Auch ein König vermag nicht alles, dachte er. “Stimmt, es braucht viele Könige um dieses Übel in etwas Gutes umzuformen. Aber möchtest du nicht deren Erster sein?” - “Lehre mich das zu sein, und ich werde es versuchen . So wie ich bin, kann ich es sicher nicht.”

Ihr helles Lachen sagte ihm daß er sich wohl schon wieder geirrt hatte, aber sie sagte nichts dazu. Er wartete darauf daß sie seine Unterrichtung fortsetze; aber sie schwieg. Nach langer Zeit umarmte sie ihn zärtlich, küßte ihn “nun lasse mich allein, Vanghedor. Wandere über diese seltsame Insel und folgen den Gedanken, die sich entwickeln werden. Komme dann zurück wenn die Sonne sinkt, und teile mein Nachtlager. Morgen will ich von dir hören was du verstanden hast, und dir mehr sagen.” Er wollte noch viel sagen, viel fragen, sie aber legte einen Finger auf seine Lippen “Nicht, Vanghedor. Nicht so schnell . Es braucht Zeit, und Ruhe. Geh, und komme zurück wenn diese Ruhe in dir ist.”

 Vanghedors Wanderung

Er stand auf und ging; nicht gern, aber gegen ihre sanften Worte hatte er keinen Widerstand zu bieten.  Bald war es ihm, als folge er einem schmalen Pfad durch die mächtigen Wälder Arganthias, obschon er ja wußte daß es hier keine Pfade geben konnte. Dennoch stieß sein Fuß an keinen Fels, kein Ast versperrte ihm den Weg, keine Felswand erschien vor ihm und ließ ihn umkehren; er erstieg alle drei Berge, ging wieder hinunter, wanderte an den Klippen der Felsküste, spürte den weißen Sand unter seinen Füßen, seine Augen folgten den Vögeln, den Wolken, den Wellen...und bei all dem entstand langsam ein Bild in ihm, ein Bild das wohl Avalonia zeigte, aber nicht das Avalonia das er kannte.

Es waren die gleichen Menschen, die er sah; aber alle gingen aufrecht, auch die Frauen, auch die Schiffer, die Bauern, die Arbeiter. Er sah ein Schiff das anlegte, und fröhliche Menschen stiegen aus, lachend, scherzend, und entluden gemeinsam die Ladung, eine seltsame Ladung. Steine waren das, von rötlicher Farbe, und nicht sehr groß; sie behandelten diese Steine sehr vorsichtig und andere Leute kamen und übernahmen sie, brachten sie in ein großes, prächtiges Gebäude, und das Licht verdämmerte - es wurde nicht dunkel. Aus tausend kleinen Punkten strömte ein mildes, rosa Licht das wunderbar wirkte vor dem Blau der See und des Himmels, und er sah daß diese Punkte ebenfalls Steine waren...

Das Bild verschwand, die Sonne stand schon tief. Das Meer rauschte gegen seine Füße, warm und angenehm, und durch den leichten Dunstschleier auf dem Wasser sah er ein Paar, eine Frau, einen Mann. Sie gingen am Strand entlang, redeten, spielten, jagten und fingen sich, sprangen ins Wasser, schwammen, kamen wieder heraus, sanken in den Sand und liebten sich....es kam ihm vor als hörte er ihre Stimmen, er ging darauf zu und fragte sich, wer wohl den Mut gehabt hätte hierher zu kommen; aber als er die Stelle erreichte, war dort niemand. Spuren im Sand waren auch nicht da...Vanghedor sah auf, die Sonne stand knapp über dem Meeresspiegel. Er verließ den Strand, ging auf die dunkle Mauer der Wälder zu und fragte sich wie er wohl Elèvras Nachtlager finden könnte; in der vorigen Nacht jedenfalls war er allein gewesen. Doch wieder war da dieser schmale, kaum sichtbare Pfad durch den Urwald, aber Vanghedor blieb erschrocken stehen. Vor ihm stand ein Raubtier und sah ihn an. Eine große Katze, wie man sie in Ägypten kannte, größer als er selbst , und er sagte sich, Vanghedor, geh weiter, es gibt hier keine großen Tiere, das ist nur ein Bild. Die Katze verschwand aber nicht als er dicht vor ihr stand und sich nicht wagte an ihr vorbei zu gehen. Dann machte das Tier einen Schritt auf ihn zu und legte seinen großen Kopf an seine Beine. Vanghedor erschrak , denn er spürte das Fell, den Atem des Tiers, jede Bewegung der Muskeln...langsam hob der Löwe den Kopf, öffnete das Maul und nahm Vanghedors Hand, vorsichtig als trage er seine eigenen Kinder, zog er daran und Vanghedor verstand. Der Löwe konnte nicht sprechen, aber Vanghedor fühlte sich von ihm angesprochen. “Komm mit, und fürchte dich nicht” sagte er wohl und zog ihn ins Dunkle des Urwalds. Vanghedor ging mit, sah gar nichts mehr als sie durch den Wald gingen, dann spürte er eine dunkle Wand vor sich, über sich ein paar Sterne, und das Tier zog ihn in eine Höhle. Drinnen war es nicht völlig dunkel, Vanghedor sah Umrisse von Tropfsteinen, einen kleinen Wasserlauf, und kleine leuchtende Punkte. “Wieder so ein Bild” dachte er, da ließ ihn der Löwe los. Sprang auf einen Felsblock, nagte an so einem Lichtpunkt, brach ihn von der Wand, sprang herunter und legte den kleinen leuchtenden Stein in Vanghedors Hand. Warm fühlte sich der Stein an, und der Löwe rieb seinen Kopf an Vanghedors Beinen, brummte sanft ...”er fühlt sich wohl..” dachte Vanghedor  und “ja, das tut er” sagte Elévra, die hinter einer Tropfsteinsäule auftauchte und ihre Hände zu dem Löwen ausstreckte “komm her, Arnathor” sagte sie “das hast du gut gemacht. Danke, und leg dich wieder schlafen.” Sie kraulte den Kopf des Tieres. Der Löwe trottete langsam zurück in den Urwald, Vanghedor stand da wie angewurzelt.

“Arnathor??? Unser größter König, der wunderbare Herr der Berge? Warum nennst du ein Tier so?” - “Das verstehst du doch nicht, Vanghedor, aber glaub mir , ein Großer kann erscheinen wie er will. Nun komm, sieh meine Wohnung und stärke dich für die Nacht. Hat dir meine Insel gefallen?” - “Wie kein anderer Ort . Du wohnst hier im Berg?” - “Vorübergehend, ja. Ist es nicht so, daß eure Leute sich kaum in eine Höhle wagen?” - “Ja, sicher. Ich bin hier weil diese Katze mich hergebracht hat.” - “Und ich, damit niemand mich finden kann, nur Du.” - “Zuviel der Ehre. Wer bin ich schon?” - “Das wirst du bald wissen. Komm...”

Elévras zweite Lektion

Elévras Wohnung, ein trockener Teil der großen Tropfsteinhöhle, war geräumig und kaum eingerichtet; einige dieser leuchtenden Steine sorgten für ein angenehmes Licht, weiße, zottelige Felle die Vanghedor noch nie gesehen hatte, dienten als Lagerstätte und lagen auch auf Felsblöcken, als Sitze. Ein großer Korb ernthielt Früchte, in einem gläsernen Gefäß war eine grüne Flüssigkeit, und der Rest des Raums war pure Natur. Vanghedor merkte bald daß dieser Teil der Höhle weder zugig noch feucht war, wie der größte Teil dieses unterirdischen Refugiums. Anfangs war ihm dennoch unwohl, er vermißte die großen Fenster und Balkone des Palastes, aber das gab sich bald. Die vielfältigen Formen des Tropfsteins ersetzten das in bester Weise, er konnte sich kaum sattsehen am Spiel von Licht und Schatten, und bald war es ohnehin nur noch Elévra, auf die er achtete. Sie sprach nicht viel, als sie sich mit den Früchten sättigten und das grüne Getränk zu sich nahmen, wenig später legte sie sich auf das Fell-Lager und rief ihn zu sich.

Er legte sich zu ihr, und ihn packten Gefühle die er als unpassend einer Lehrerin gegenüber empfand. Er wartete auf die nächste Belehrung; sie aber kuschelte sich still an ihn und schien ausgesprochen gern seinen Gefühlen nachzugehen....irritiert wandte er sich halb ab “Elévra, jetzt begegnest du mir als Frau. Ich brenne aber darauf mehr zu erfahren...willst du mich weiter lehren?” - “Ich bin ja dabei, Vanghedor. Vertraust du mir denn nicht?” - “Vollkommen...was gibt es zu lernen, wenn sich unsere Körper begegnen? Das, denke ich, kann ich.” - “Nur unsere Körper? Dann hast du absolut keine Ahnung davon. Vanghedor, wer hat dir nur beigebracht so ärmlich zu lieben? Du könntest mir begegnen, nicht nur meiner Haut. Das kann dir doch niemals genügen...oder sollte ich mich so in dir getäuscht haben?”

Vanghedor kam sich vor wie ein kleiner Bub der den viel zu großen Anzug seines Vaters angezogen hat. “Im Königshaus ist das so...die Dienerinnen des Palastes bringen uns bei, was wir wissen müssen.” - “ Ja, das weiß ich. Das ist nicht sehr anständig, Vanghedor, diese Frauen tun nicht was sie wollen, ich erinnere dich daran, daß Macht Schaden anrichtet. Natürlich wollen sie dir nicht wirklich begegnen. Du vergißt besser was du auf diese Weise gelernt hast. In diesem Punkt sind die ärmsten Arbeiter besser dran...aber sag mal, kannst du auch einmal schweigen und einfach nur du selbst sein? Es wäre ein Wunder - ein nichtswürdiges - wenn du nicht selbst darauf kämest.”

Das war Vanghedor auch lieber. So ließ das dämliche Gefühl nach, weder zu genügen noch zu wissen worum es ging. Elévra umarmte ihn und verwickelte ihn in ein Liebesspiel das ihn bald vergessen ließ wo er war, wer er war und daß es noch eine Welt außerhalb dieses magischen Ortes gab. Bald waren sie vereint und er in einem nie gekannten Zustand, kein Jüngling mehr, ein Mann, der in kürzester Zeit begriff daß er sich in diese Frau unsterblich verliebt hatte. Bei all seiner Fragerei hatte er das glatt nicht bemerkt....

Er lag erschöpft neben ihr, suchte nach Worten und fand sie nicht, begriff nur eines, das wollte er nie mehr missen. Er zog sie heftig an sich, begehrte sie erneut...und wurde abgewiesen. Vanghedor seufzte. “Was habe ich nun schon wieder falsch gemacht?” - “Du wolltest dir einfach nehmen was dir gefällt.” - “Ja , sicher - was ist falsch daran?” - “Ja, bin ich denn ein Gegenstand, eine Flasche Wein oder eine Harfe, auf der du spielst wann immer du willst?” - “Das nicht, aber eben hast du mir gehört. Und jetzt, wenig später, nicht mehr? Bei uns ist das aber so, gibt sich eine Frau einem Mann, so gehört sie ihm.” - “Überleg mal einen Moment. Ich will nicht alles sagen was du dir selbst denken kannst.” - “Oh mein Gott..ja...wenn ich dich heute morgen richtig verstanden habe, hat das mit Macht zu tun. Und die schadet....verzeih, Elévra, das wollte ich nicht.”- “Ja, du hast mich richtig verstanden.  Aber nicht alles....unterscheide bitte, jemandem gehören - das gibt es gar nicht, Menschen sind Lebewesen und gehören niemandem. Zu jemandem gehören, das gibt es. Es ist die Folge der Liebe. Und die würde darunter leiden, wenn du mich wie einen Gegenstand behandelst. Aber...liebst du mich denn, Vanghedor?” - “Wenn ich überhaupt schon weiß was Liebe ist, dann ja.”

Sie überließ es ihm, die Lawine die jetzt in ihm losbrach auszuhalten und zu verstehen was der nächste Schritt sein mußte, unbedingt sein mußte. Er wußte es bald, zögerte aber lange es auszusprechen. “Könntest du dir vorstellen, wenn ich die Insel wieder verlasse, mit mir zu kommen..und zu bleiben?” Sie lächelte. “Natürlich könnte ich. Soll ich denn...?” Er war ratlos. Nun hatte er es doch gesagt....”Werde meine Königin...” stammelte er und sie lachte leise “Verzeih, aber das bedeutet mir nichts.” - “Du folterst mich. Ich weigere mich....sag du mir, was du für mich empfindest.” - “Nun, ganz einfach. Ich liebe dich, und ich möchte deine Frau sein.” Er lachte und weinte gleichzeitig “als wenn ich etwas anderes wollte...” - “Dann sag es doch einfach.” - “Ich liebe dich, Elévra - werde meine Frau.” - “Aber gern.”

Sie umarmte ihn,  und diese Umarmung dauerte bis der Morgen anbrach und die Stimmen der Vögel sie von weitem erreichten. Er machte sich Sorgen..war diese wunderbare Frau überhaupt ein Mensch, konnte sie erfüllen was sie versprach? War sie nicht ein Geist, vom Höchsten gesandt, und würde bald zu ihm zurückkehren? “Werde ich nicht” sagte sie sanft “Er hat mich gesandt, das ist wahr. Von Rückkehr hat er nichts gesagt. Ich denke - und so werde ich handeln - das ist meiner Entscheidung überlassen.” - “Und du hast dich wirklich entschieden?” - “Ja, das habe ich.” Vanghedor entspannte sich und war zufrieden - für einen Moment. Dann dachte er etwas weiter als gewohnt und dachte nicht nur an sein persönliches Glück.

“Elévra....wie ist das. Muß ich dich nun mein Leben lang immer fragen bevor ich etwas entscheide, oder erklärst du mir jetzt auch, wie du zu derartigen Weisheiten kommst? So wie ich belehrt wurde, soll ich es ja nicht machen. Aber wie dann?” - “Sollen oder wollen, Vanghedor? Natürlich wäre es falsch dich nach den - ich sage mal, “alten Sternen ” Macht, Stolz, Gewinn oder Gewohnheit zu richten. Was ich dich gelehrt habe ist doch viel einfacher. Die Liebe ist der neue Stern . Alles was du aus Liebe tust, wird reiche Früchte tragen. Liebe zu Gott, den Menschen, zu mir, zu dir selbst, zum Land, der Natur...eines Tages wird ein Größerer als ich noch eines dazufügen, Liebe selbst zu den Feinden. Heute wäre das noch zuviel verlangt, aber falls du auch das verstehen solltest, richte dich danach. Du wirst wahre Wunder erleben. Bemühe dich um Liebe, und du erhältst Weisheit.” Sie lächelte “...die werden wir auch bitter nötig haben.”

Er fragte aber ein zweites Mal.

“Schau, nicht ich bin es, die hier klug und weise ist. Meine Weisheit ist nur eine, und ihrer kannst auch du dich bedienen. ER spricht zu jedem, der zuhört; ich habe gelernt seiner leisen Stimme zu lauschen, die ich in der Stille finde. Du weißt das auch, denn du bist ja hierher gekommen, weil du die Stille suchtest. Das kannst du jederzeit tun, und diese Stille wird dich lehren, so wie sie mich lehrt. Das ist alles, tust du das, tun wir das - ich liebe dieses WIR - gehen wir nicht in die Irre. So, genug geredet für heute, nun laß uns auch still sein.”

König Vanghedor

Er blieb viele Tage bei ihr, hörte zu, fragte, bekam Antworten und erlebte eine Liebe die ihm völlig unbekannt war; und das veränderte den jungen Vanghedor sehr. Zwanzig Jahre hatte er kommen und gehen sehen, und nun hatte er seine Frau gefunden, und viel mehr darüber hinaus. Stolz und hoch aufgerichtet sahen ihn die Bürger von Atlantis kommen als er - mit Elévra an seiner Seite - das kleine Schiff in den großen Hafen steuerte, ihr beim Aussteigen half und dann direkt, ohne Umwege und ohne Fragen zu beantworten, zum Palast ging.

Mit Elévra an gemeinsam betrat er den Ratssaal, ein ungeheures Verbrechen zu dieser Zeit, denn eine Frau durfte diesen Raum niemals betreten. Meniador sah sie kommen und erhob sich empört, wollte diese Frau des Raumes verweisen und konnte es nicht, sowenig wie die Wächter an der Tür es gekonnt hatten. Schweigend, zitternd vor Zorn, sah er seinem Sohn in die Augen, konnte aber noch nicht einmal den Gedanken halten, daß Elévra hier nicht sein durfte. “Mein Sohn, ich sehe, es zieht ein Wetter herauf über Atlantis. Wen bringst du mir hier?” - “Vater, begrüße Elévra, meine Frau. Es zieht ein Wetter herauf, ja, aber ein gutes. Frieden heißt es, und Elévra ist seine Botin. Elévra, umarme meinen Vater.”

Meniador wich zurück, das war unerhört, der Sohn befahl dem Vater, und eine Frau umarmte den König...sie aber küßte ihn, gab ihm große Zärtlichkeit und sprach erst als sein Widerstand erloschen war. “Nicht Unheil bringe ich dem König, Meniador. Diese Halle wird es überstehen, eine Frau zu sehen. Aber nicht mir steht es zu dir zu sagen was geschehen wird. Vanghedor?”

Vanghedor erschrak vor dem was er nun tun mußte. “Vater, Elévra kommt von Arganthia. Das allein ist schon ein Wunder, aber was sie mich gelehrt hat, das wird neue Wunder hervorbringen. Ich komme zu tun, was du nicht wagst und doch willst. Gib mir dein Zepter, und es wird Frieden sein in Avalonia; Frieden für immer.” - “Du verlangst meine Abdankung? Nun, mir soll es recht sein, ich bin müde. Aber kannst du tragen was du verlangst? Was willst du anordnen?” - “Gib es mir wenn du mir vertraust. Du wirst sehen.”

Sie sprachen über eine Stunde, und zum ersten Mal in seinem Leben nahm Meniador Rat von einer Frau an; und damit war er der erste König von Avalonia der das tat. Dann trat er hinaus auf die Plattform über der großen Treppe, die Wächter zeigten die königliche Fahne, das Volk kam auf die Treppe, es wurde still. “Volk von Avalonia...” begann er und alle wunderten sich, denn so direkt hatte noch kein König zu ihnen gesprochen. “Volk von Avalonia..ach was, liebe Freunde und Nachbarn....ich stehe hier weil ich nicht mehr euer König sein werde. “ Ein Raunen setzte ein, er hatte nicht “Volk von Atlantis” gesagt, er sprach das ganze Land an. “Hier steht der neue König, Vanghedor, mein Sohn, und seine Frau Elévra. Ich übergebe hiermit mein Zepter an diese beiden, und bitte euch, folgt ihnen wie ihr mir gefolgt seid. Sie haben euch etwas zu sagen..aber bitte, beruhigt euch doch.”

Das war leicht gesagt. Meniador, der schwache, aber freundliche König, hatte alle Regeln gebrochen und zum ersten Mal in seinem Leben Mut gezeigt. Er übergab das Zepter an einen Mann und eine Frau...unerhört. Er sprach direkt zum Volk...das hatte es noch nie gegeben. Und er sprach zum ganzen Land, und war doch “nur” König von Atlantis. Es dauerte fast eine Stunde und der ganze Platz bis zum Hafen war voller Menschen, bis Vanghedor sich Gehör verschaffen konnte.

“Liebe Freunde, liebe Nachbarn, Volk von Avalonia. Ich weiß daß ich das was ich hier sage, noch vor elf Königen rechtfertigen muß, aber ab sofort und unwiderruflich gilt es für die Bürger von Atlantis: ihr werdet nie mehr in den Krieg ziehen müssen.” Weiter kam er nicht. Der Beifall rauschte auf wie die Brandung eines Sturms und legte sich lange nicht. Als er endlich weiter sprechen konnte, überraschte er sein Volk nur noch mehr. “Holt die Krieger von der Xanthor hierher. Bringt sie hier herauf zu uns. Wir wollen sie um Vergebung bitten, daß wir ihnen ein abscheuliches Leben verordnet haben. Bitte, bereitet ihnen mit eurer Gastfreundlichkeit einen unvergeßlichen Tag - wir werden ihnen ein menschliches Leben ermöglichen, ab sofort. Die Xanthor wird nur noch einmal auslaufen, im Hafen von Kavothrakis werden wir sie anketten und nie mehr aussenden. Ja, und Kavothrakis wird stillgelegt.  König Hanorian weiß es noch nicht, er möge mir verzeihen - aber seine Kriege wurden von Atlantis bezahlt, und das wird nie mehr geschehen. Ich habe bereits Boten an die anderen Könige ausgesandt und bitte euch alle, bleibt hier und unterstützt mich, denn ich will erreichen daß auch sie jeden Krieg ab sofort einstellen.”

Wieder unterbrach ihn der Jubel. Da stand ein junger König und bat um die Hilfe des Volkes...unverschämt, und wunderbar, fanden die Bürger der großen Stadt und ihre Begeisterung sprang auf die Nachbarstädte über, noch bevor der Rat der Könige sich versammeln konnte. Atlantis war nicht groß genug um die Menschenmenge zu fassen, die jetzt in die Stadt strömte. Und dann, das Unfaßbare. Vanghedor gab das Zepter an Elévra, und Elévra trat vor.

“Bürger von Avalonia...bitte verzeiht daß wir eure Tradition brechen. Ich bin Elévra, keine Königin, nur eine Frau an der Seite eines Königs, wenn ihr wollt. Ich beanspruche keine Macht, keinen Einfluß, keine Ehrfurcht - nur euer Gehör. Was Vanghedor gesagt hat, ist nur ein Teil dessen was kommt. Er macht Frieden, und ich sage euch, es ist mehr. Er stürzt einen Geist, den Geist des Stolzes und der Macht. An seine Stelle setzen wir....den Geist der Liebe. Ich verkündige in voller Übereinstimmung mit meinem Gemahl und Meniador, das Ende der Sklaverei. Laßt sofort alle Sklaven frei, seht sie an als eure Freunde, eure Nachbarn, Bürger wie wir alle...und tut es sofort, dann kommt mit ihnen hierher zurück.”

Elévra trat zurück, und Vanghedor vor. “Wartet, einen Moment. Noch eines, ab sofort...schickt ab morgen früh auch eure Töchter in die Schulen. Nun geht, sagt es allen die ihr trefft, tut was zu tun ist, und kommt zurück - mit den befreiten Sklaven, mit euren Kindern - heute wird nicht mehr gearbeitet, heute feiern wir - und wir werden nicht hier oben über euch sein, sondern mitten unter euch. Es lebe das freie Avalonia! ” Meniador stand erschlagen daneben, hörte den Jubel seines Volkes und sah seinen Traum erfüllt, den er nie gewagt hatte ganz auszusprechen. Jahrelang, bis zur völligen Erschöpfung, hatte er versucht im Rat der Könige durchzusetzen was Vanghedor und Elévra in knapp einer Stunde gelungen war. Seine “Kollegen” trafen nach und nach ein, irritiert, nur halb im Bilde was hier geschah. Sie wandten sich ratsuchend an Meniador, der verwies sie an Vanghedor und Elévra, die umarmten sie alle nach und nach und zogen die verwirrten Herrschaften mit sich hinunter, in die brausende Menschenmasse, und zum ersten Mal in seiner langen Geschichte tagte der Rat von Avalonia unten auf dem Platz, inmitten des Volkes, auf einfachen Stühlen saßen die Könige und jeder konnte hören was besprochen wurde.

Sie wurden immer wieder unterbrochen. Sklaven kamen und schüttelten den erstaunten Majestäten die Hände, Kinder brachten Blumen, Frauen beglückwünschten sie....dabei waren elf von ihnen dafür nicht verantwortlich, und auch anfangs gar nicht einverstanden. Nur, wenn einer der elf widersprach, auf Tradition und Ehre des Landes verwies, hörte er auch was die Bürger dazu sagten. Das reichte von “der spinnt doch” bis zu “soll er doch selbst im Bauch der Xanthor sitzen und  sehen was die anrichtet”; auch fragten viele direkt an, ob denn Königssöhne auch in den Krieg ziehen würden, oder wenn nicht, warum wohl....

Sie änderten ihre Ansichten schnell und gründlich, und bald stimmten sie ab ob wohl Vanghedor, wie zuvor Meniador, als der Höchste unter ihnen gelten sollte, berechtigt für alle zu sprechen wenn das nötig wäre, und sie stimmten alle dafür. Vanghedor lehnte das zu ihrer Überraschung jedoch ab. “Ihr müßt dieses Recht schon meiner Frau und mir geben, denn ich stehe nicht allein” sagte er “und außerdem, laßt uns nicht so faul sein. Treffen wir uns häufiger, es ist viel zu verändern und das erfordert Einsatz - von uns allen. Außerdem...bringt doch bitte auch ihr eure Frauen mit.”

Hanorian von Kavothrakis erhob sich langsam und zog sein Schwert aus der Scheide. “Nein, bei allem was mir heilig ist!  beinahe wäre auch ich auf diese süßen Worte, diese teuflische Verführung einer uns fremden Frau hereingefallen. Sie führt uns ins Verderben, und Vanghedor hat sie verhext.” Er erhob sein Schwert, dann senkte er langsam die Spitze bis sie direkt auf Vanghedor zeigte “wehr dich, wenn du ein Mann bist. Stirb, wenn du ein Feigling bist! Ich werde nicht alles verraten wofür unsere Vorfahren gekämpft haben. Unsere Macht ist unsere Stärke, man wird sie uns nie wegnehmen, oder wir vergehen.” Er sah Vanghedor an, der rührte sich nicht. Meniador wollte nun auch sein Schwert ziehen, aber Elévra bedeutete ihm, tu es nicht. Vanghedor suchte ihren Blick, fand ihn, sie lächelte ihn an und eutete ein Kopfnicken an. Langsam begann nun auch Vanghedor zu lächeln, das wurde breiter, heller, er begann zu lachen - erst leise, dann schallend. “Nein, nein, Hanorian, du Narr. Führ doch Krieg wenn du kannst, und wir ihn nicht bezahlen. Dein Schwert ist nutzlos, seine Zeit ist abgelaufen. Die Erde ist es leid, Blut zu trinken und ER den du nicht erschlagen kannst, befiehlt dem ein Ende zu setzen. Du wirst nichts daran ändern. Erschlage mich, wenn du es kannst!” - “Nun, denn...” Hanorian erhob das Schwert erneut um Vanghedor zu töten “ich bedaure es, einen zu erschlagen der zu feige ist sich zu wehren, aber so sei es, für unser Land, für unser Volk: stirb, Vanghedor!” Das Schwert sauste herunter, aber es kam nie an. Bevor es Vanghedors Haupt berühren konnte, zerfiel es zu Staub den der Wind davontrug, Hanoria starrte ungläubig auf seine leere Rechte, dann fiel er vor Elévra und Vanghedor auf die Knie “ich beuge mich eurem Willen. Ihr verfügt über eine Macht, die meine übersteigt. Verfügt über mich.”

Elévra beugte sich zu ihm herunter, zog ihn hoch “niemand muß vor uns knien, Hanorian. Und siehe, du hast eben dein Leben verwirkt, aber ich schenke es dir. Aus ist es mit Schwertern, Blut und Leid das davon kam; und aus ist es mit der Furcht vor Königen und ihren Vasallen: wir sind wie ihr. Wir sind eins. Wir sind Avalonia!” sie sagte das so laut daß es jeder hören konnte “Vanghedor, gebiete!”  Vangehdor, freundlich lächelnd, trat vor “geht hin und tut wie befohlen. Laßt uns feiern!” 

Er bekam Zustimmung, wenn auch mehr aus dem Volk als von seinen Kollegen; aber die sahen was die Stunde geschlagen hatte, wurden sehr still und legten später ihre prächtigen Gewänder ab um nicht sofort als König erkannt zu werden, denn sie taten jetzt was Vanghedor und Elévra taten, sie mischten sich unter`s Volk um zu hören was Handwerker,  Fischer, Bauern und Händler von dem hielten was eben beschlossen war. Als sie heim fuhren, waren sie nicht mehr dieselben.

Die Umkehr

Vanghedor hatte die Herzen seines Volkes an diesem Tag erobert, und Elévra ebenfalls. Es machte ihnen kaum Mühe, das Ruder hart herumzuwerfen; und das taten sie sofort und unwiderruflich. Schon am nächsten Tag waren die Tore des Palastes offen, jeder Bürger, auch wenn er nicht aus Atlantis kam, konnte König oder Königin sprechen und sein Anliegen vortragen; und das galt für alle gleichermaßen, auch für Frauen, Kinder, Alte. Die Schulen mußten vergrößert werden um die Mädchen aufzunehmen, es wurden tausende neue Häuser gebraucht, für die ehemaligen Sklaven und die Soldaten. Die Xanthor wurde an eine mächtige Kette gelegt, die kein Schloß hatte und in den Stein der Mole eingelassen wurde, unlösbar und für jeden sichtbar, das Denkmal des angeketteten Krieges. Aber König Vanghedor ging viel weiter.

Er hatte schon auf der Insel Arganthia Elévra ausgefragt, was es mit den rosa Steinen auf sich hätte; nun führte er etwas ein was großen Beifall auslöste, er ließ viele kleine Halter bauen die einen solchen Stein trugen und nachts die Straßen erleuchteten, die Hafeneinfahrten markierten, und in den Häusern Licht verbreiteten, das nicht rußt und nicht verlöscht.  Sie hatte ihm wenig über diese Steine gesagt, nur daß es wichtig sei sie überall zu haben und so viele wie möglich aus der Feuerhalle zu holen, wo sie entstanden. Schon König Arnathor hatte sie entdeckt und als Schmuck auf den Balustraden des Palastes anbringen lassen, nun leuchteten sie in vielen Städten, wenn auch nicht in allen - einige der Könige untersagten das (hatten sie aber in ihren Palästen) und Elévra arbeitete ihr ganzes Leben lang daran, diese Könige nach und nach zu überzeugen es Atlantis gleich zu tun. Es gelang ihr nicht ganz.

Sie teilten sich die Arbeit. Vanghedor erledigte Staatsgeschäfte die ihn sehr in Anspruch nahmen, er fuhr oft mit einer Flotte voller Güter zu einer ehemaligen Kolonie, brachte den Einwohnern Geschenke und versuchte ihre Freundschaft zurück zu gewinnen, was nicht überall gelang - aber sein Ziel, nie mehr Krieg zu führen, erreichte er mühelos. Die perfekten Rüstungen, die mächtigen Schiffe, und nicht zuletzt die Angst der Völker vor der längst abgeschafften, furchtbaren Armee von Avalonia reichten aus ihn und seine Begleitung vor Überfällen zu bewahren, sie mußten sich nie verteidigen und allmählich ließ auch der Haß der gequälten Völker auf die ehemaligen Kolonisten nach.  Vanghedor und Elévra waren aber über fünfzig Jahre alt als zum ersten Mal ein Pharaoh mit einer prächtigen Flotte in den Hafen von Atlantis einlief um die wieder erstandene Freundschaft mit Avalonia mit einem großen Fest zu besiegeln; aber er wollte auch die angekettete Xanthor sehen und war sehr zufrieden als er sie wirklich so vorfand, ungefährlich, unbewaffnet - ein Museum.

Elévra hielt viele Audienzen, reiste durch das Land, besuchte Schulen und war immer dort, wo Sippen, Familien oder gar Könige in Streit gerieten - und schlichtete immer. Bald war auch bekannt daß sie auch Frauen herzlich zugetan war und so manche Frau länger und intensiver umarmt hatte als es früher hier erlaubt gewesen war; und sie hielt besondere Audienzen für Familien und Ehepaare, in denen sie eine neue Lehre über die Liebe predigte, die Vanghedor bereits angenommen hatte und die nicht mehr den Besitz der Ehepartner, sondern die Liebe und die Kinder in den Mittelpunkt des Interesses stellte. Das wurde nur sehr langsam angenommen, es gab auch viel Widerstand, denn etwas das früher zwar nicht erlaubt, aber geduldet worden war, brandmarkte sie als die “griechische Krankheit” und veranlaßte, daß Bürger die davon befallen waren, ihre Häuser verloren und bei schwerster Strafe verboten wurde, so zu leben wie es in Sparta, Griechenland, gelehrt wurde, und auf Lesbos, einer ebenfalls griechischen Insel. “Es gibt Meere” erklärte sie das “an deren Ufern man wunderbare Dinge erleben kann. Man darf aber nicht versuchen auf ihnen zu leben.” Später wurden die Strafen aber abgemildert und an ihre Stelle trat eine Beratung durch hervorragende Ärzte und Philosophen. Auch lehrte sie, daß Bürger die so lebten, von ihren Eltern zu früh auf eigene Beine gestellt worden waren - und bestellte Eltern solcher Bürger in den Palast, und sie bekamen zu spüren daß die unvergleichlich schöne und sanfte Frau auch enorm zornig werden konnte wenn Eltern es sich zu einfach machten; am Hafenplatz ließ sie eine Statue aufstellen, die ein Elternpaar zeigte, das halbwüchsige Kinder von sich weist und aus einem großen Faß trinkt.....

Die Umkehr tat Avalonia sehr gut. Die Bevölkerung wuchs schnell, das Ansehen bei den Nachbarvölkern ebenso, Vanghedor und Elévra bekamen nach und nach fünf Kinder, und als sie siebzig Jahre alt waren, dankten sie ab. Anders als früher üblich, baten sie das Volk ihren Nachfolger zu wählen - und das Volk wählte Ingathor, den zweitältesten Sohn der beiden. Ingathor bat um des Volkes Zustimmung, bekam sie und regierte dann zusammen mit seiner Frau Volardia. Sie führten den Umkehrprozeß fort, den ihre Vorgänger begonnen hatten.

das Unglück, der Neuanfang

Vanghedor und Elévra waren fast hundertzwanzig Jahre alt, etwas müde, aber noch oft aktiv. Ingathor und Volardia gingen auf die sechzig zu, hatten acht Kinder und waren beliebt wie Könige nur sein können. Es war ein stürmischer Frühling, als etwas seltsames geschah. Atalan, schwerer Ausbruch Der Atalan brach gewaltig aus, schlimmer als je zuvor, er hüllte sich für zwei Monate in dunklen Rauch, es war unmöglich die Feuerhalle zu benutzen oder den Berg zu besteigen; die Arbeit in den Bergwerken kam völlig zum Erliegen und die Bürger von Atlantis hatten täglich mit neuen Plagen zu kämpfen, Asche auf Straßen und Dächern, Risse in den Landstraßen und Lavaströme, die fast die Stadt erreichten, viele Gärten zerstörten...und Erdbeben von nie gekannter Stärke . Der Palast ordnete an, alle Häuser zu verstärken und ließ etliche Straßen überdachen um das Leben der Stadt zu sichern, was auch gelang. Dann beruhigte sich der Atalan wieder, und bald lag er so still und majestätisch da wie immer. Elévra war unruhig. Trotz ihres Alters und obwohl sie es nicht selbst tun mußte, bestieg sie den Berg und untersuchte jeden Spalt, jede Schlucht, jedes Tal und auch die Höhlen, besonders die am Meer. Vanghedor wußte was sie suchte, und was sie befürchtete; er war jeden Tag im Palast und beriet sich mit Ingathor, der ihm nicht ganz glauben mochte, aber halbherzig tat was sein Vater ihm immer wieder auftrug “stellt Mélanaden auf, überall, auch dort wo ihr sie nicht braucht, und nehmt die größten Kristalle die ihr finden könnt.” sagte Vanghedor immer wieder “laßt keinen Flecken dieses Landes nachts völlig dunkel sein, denn die Dunkelheit könnte bleiben” - so drückte er sich aus, denn er wußte, hätte er gesagt was dem Land drohte, sie hätte ihn zum verrückten Alten erklärt. Als der Frühsommer kam, schleppte Elévra selbst Mélanaden aus der Feuerhalle, durch die Bergwerksgänge des Atalan, nach Atlantis um sie dort zu verschenken; und obwohl man sie wunderlich fand, taten es ihr viele nach.

Dann kam die erste Sommerhitze, und bei einem fröhlichen Fest ergriff Elévra zum letzten Mal in ihrem Leben das Wort vor dem Volk, und sagte nicht viel “ihr Lieben, ich weiß, was ich jetzt sage, wollt ihr nicht hören. Wir haben noch nicht genug getan, ich bitte euch, um euer Leben zu retten, geht in die Feuerhalle und schleppt alle Mélanaden die ihr greifen könnt, dort heraus. Es ist keine Zeit mehr sie irgendwo aufzustellen, bringt sie nur nach oben, an den Hang des Atalan, legt sie dort ab und kehrt zurück um weitere zu holen. Hütet euch vor dem Meer, und verlaßt die Feuerhalle noch vor dem Morgen. Sucht hohen Grund, oder geht in Häuser die beleuchtet sind. Fahrt nicht mehr hinaus, nicht heute, nicht morgen.  Laßt keinen von euch morgen an den Ufern sein, geht nicht nach Zagornia oder in den Norden. Und, um Himmels Willen, glaubt mir bitte. Vanghedor....sag du es ihnen.”

Vanghedor erhob sich. In seiner ruhigen Art sprach er deutlich, ohne Aufregung und sagte ihnen jetzt die volle, grausame Wahrheit “Es kommt eine gewaltige Flut. Sie mag unser Land verschlingen, wenn es es schlecht läuft - oder auch nur beschädigen, wenn wir Glück haben.” Er nahm einen großen Mélanaden aus seinem Umhang “diese werden unser Licht sein, und unser Leben. Wir brauchen jeden Mélanaden den wir greifen können, denn sie können unser Leben retten. Ihr versteht das nicht, es ist aber so. Glaubt uns, und tut einfach was Elévra gesagt hat.”

Das Volksfest endete abrupt. Es gingen zwar nicht alle, denn nicht alle glaubten den beiden; aber es gingen so viele, daß der Platz sich leerte. Schon auf dem Weg zur Feuerhalle sahen sie die Wolkenwand im Westen; wer in Atlantis geblieben war, sah sie nicht. Das Meer wurde unruhig, der Wind ruppig, die Vögel flüchteten in Höhlen und auf die Berge; und so taten es bald auch alle anderen Tiere. Die ganze Nacht hindurch arbeiteten hunderte von Menschen auf Leitern und von den Masten der Schiffe aus, pflückten Mélanaden und trugen sie den Berg hinauf, bis ein wütender Sturm einsetzte der einen glatt den Abhang hinunter fegen konnte; sogar Mélanaden flogen durch die Luft und wurden nach Atlantis oder Vanartis hinunter geworfen. Als der Morgen graute, verließen die Menschen die Feuerhalle, in der noch immer tausende von Mélanaden hingen; aber das Wasser stieg, war schon über das schützende Riff gekommen, Wellen liefen in die Halle, wühlten das sonst so stille Wasser auf. Vanghedor und Elévra gingen zum Palast, öffneten die großen Tore und ließen herein, so viele Menschen wie das große Haus nur aufnehmen konnte.

Draußen riß der Sturm Bäume ab, brachte Felsblöcke ins Rollen und Schiffe zum Kentern; immer mehr Menschen suchten Schutz in den starken Häusern von Atlantis. Schiffe, die Atlantis noch erreichen wollten, wurden hoffnungslos nach Osten abgetrieben und landeten in Afrika, aber auch dort wütete das Unwetter. Dann wurde der Wind wieder schwächer, über West-Avalonia riß sogar der Himmel auf, die Sonne kam durch. Feuerhalle, Flutwelle (Gemälde im Palast)

Die Fischer von Conartis sahen sie zuerst. Die Welle sah nicht gefährlich aus; eine grüne Wand, ohne Gischt, ganz glatt war sie und kam ohne ein Geräusch heran. Als sie Zagornia einfach überrollte, begriffen sie die Gefahr und gaben ihre Schiffe auf, suchten Schutz in den Häusern. Gebrochen, mit einem mächtigen weißen Kamm obenauf erreichte sie den Westen, die weiten Strände gingen unter, im Hafen von Conartis zerschmetterte die Welle die Schiffe und strömte in die Stadt, zerstörte Marktstände und Haustüren...und lief zurück. Die Menschen atmeten auf, denn der Sturm ließ weiter nach. Die Welle zog aber weiter, und lief an den Hängen von Westkette und Atalan höher auf als im Westen; sie zerschlug dort herrliche Wälder ohne Menschen zu gefährden. Vor der Feuerhalle tauchte das Riff wieder auf, aber nur kurz, dann verschwand es ganz und die Welle lief donnernd in die Halle. Keines der dreißig Schiffe, die dort Schutz gesucht hatten, überstand das - aber sie waren verlassen, dank Elévras Warnung. Dann zerschlug die Welle Kavothrakis und die anderen Häfen im Norden, aber auch die kleinen Städte an der Küste - dort gab es tausende Tote - und die Kraft der Welle war erschöpft.

An Vanartis war sie fast ohne Wirkung vorbeigelaufen, kam jetzt schwächer zurück und setzte die Stadt ruhig unter Wasser, für eine halbe Stunde, dann lief das Wasser wieder ab, und schwache Ausläufer erreichten Atlantis und Mirarthris, ohne großen Schaden anzurichten. Im Palast atmeten die Menschen auf. “Wartet..es ist noch nicht vorbei” sagte Elévra, und wenig später kam das erste Erdbeben. Die Türen sprangen auf oder klemmten, und aus dem Atalan schoß eine grausige Wolke. Höher als je eine Eruptionswolke gewesen war, und sie bestand aus Feuer, Wasser und großen Felsblöcken, die bald in die Dächer der Stadt schlugen während Schlammlawinen die Hänge herunterkamen; Wolke folgte auf Wolke, und bald kamen schreiende Menschen zum Palast “das Wasser steigt an...das ist keine Welle...wir versinken!” riefen sie und wieder grollte der Atalan, sein Gipfel riß auf, und mit jedem Beben stieg das Wasser.

Irgendwann stieg es jedoch nicht mehr, es wurde nur immer dunkler. Der Atalan beruhigte sich allmählich, aber der Himmel wurde ganz finster, obwohl keine Wolken mehr da waren. Der große Platz unten war nur leicht überflutet, aber es kamen Boten die sagten, ganz West-Avalonia sei versunken, andere sagten, den Norden gebe es nicht mehr. Die Menschen sahen in den wolkenlosen Himmel und suchten die Sonne, fanden sie aber nicht; die Nacht war gekommen und zeigte keine Sterne, keinen Mond; der Himmel war auch nicht schwarz, sondern tiefblau...

Ingathor kniete vor Elévra nieder. “Mutter, verzeih mir daß ich deine Worte bezweifelt habe” sagte er “Was ist nur geschehen?” - “Wir sind unter dem Meer, Sohn...aber wir sind gerettet. Laßt uns sehen wo Hilfe gebraucht wird, alles Andere hat Zeit.” Sie öffneten die Tore, manche mußten sie aufbrechen, und gingen durch die verwüstete Stadt. Tagelang kämpfte das Volk von Atlantis, um Menschen aus Häusern zu retten die von Schlammlawinen verschüttet waren, löschten Brände, sahen ungläubig nach oben wo der Gipfel des Atalan von unten ins Meer eintauchte....und begriffen allmählich daß es die Mélanaden waren , die das Wasser fernhielten - denn die Städte, in denen keine Steine aufgestellt worden waren, gab es nicht mehr. Sie waren überflutet worden. Aber auch die überlebenden Städte waren anfangs voneinander getrennt durch das Wasser, denn an vielen verbindenden Straßen hatte niemand Mélanaden aufgestellt. Es gab also viel zu tun, bis das Land wieder einigermaßen normal funktionierte und die Angst verflog - Angst, die Luft könnte nicht ausreichen, Angst, das Licht der Mélanaden könnte erlöschen oder die Pflanzen nicht davon leben...unbegründet, wie wir heute wissen; damals brauchte es etwas Zeit um das zu verstehen.

Es waren diese Tage, in denen das was Vanghedor und Elévra gelehrt hatten, endgültig verstanden wurde und an vielen Häusern ein Spruch eingemeißelt wurde “was nicht in Liebe getan wurde, ist umsonst getan ”  und die Arbeit begann, von der schon Norman berichtet hat, das Wasser schrittweise zurückdrängen indem man immer mehr Mélanaden aufstellte - hunderte von Jahren später lernte man dann selbst große Kristalle zu züchten, die Leuchter wurden erfunden, die Gleiter...und die Entwicklung geht immer noch weiter.

Ingathors Haar war schneeweiß geworden, Volardia konnte wochenlang nicht sprechen. Die beiden dankten bald ab, da sie keinen Nachfolger benannt hatten , wählte das Volk erstmalig einen König, Nerghador I., eine gute Wahl - der Mann war eigentlich “nur” ein Metallbaumeister (heute würde man “Ingenieur” sagen) der sich in seinem Beruf verdient gemacht hatte indem er als erster auf die Idee kam, Mélanaden in großer Zahl zusammenzupacken und auf metallische Ständer zu setzen, die ersten Leuchter also. Vanghedor und Elévra überlebten das Unglück nicht sehr lange, den Rest ihrer Zeit lebten sie still in Vanartis. Es lag Trauer auf dem ganzen Land, die Freude über das Wunder das sie gerettet hatte, setzte sich erst später durch und mit dieser Freude auch die Einsicht, daß diejenigen untergegangen waren, die Elévra, die so oft bewiesen hatte daß sie Dinge wußte die keiner verstand, nicht geglaubt hatten. Das löschte alles aus was an alten Regeln noch vorhanden war, ab dieser Zeit lebt man hier so wie sie es gelehrt hat.

Nerghador regierte etwa zwanzig Jahre, er war schon alt als er gewählt wurde. Von ihm wissen wir nicht viel, außer den Leuchtern nur noch eines, das viel später große Auswirkungen hatte, an die er selbst wohl kaum gedacht hatte. Er ordnete kurz nach seiner Krönung an, daß Lebensmittel dauerhaft kostenlos abgegeben werden sollten um die Not zu mildern. Das bescherte ihm große Schwierigkeiten, denn nun mußte der Palast die Bauern und Fischer bezahlen - aber er hielt daran fest und erklärte, die armen Leute hätten schon genug gelitten, durch die Flut und den Verlust von Angehörigen; und es wäre viel zu kompliziert die wohlhabenden zahlen zu lassen, die Armen aber nicht. Seine Nachfolger mußten dann notgedrungen weiterführen was er begonnen hatte und versuchten sich zu helfen indem sie anordneten daß alles was Bauern und Fischer benötigten, ihnen kostenlos auszuhändigen sei - nun mußte der Palast eben die Handwerker bezahlen, was weniger Aufwand verursachte. Bald bekamen dann die Handwerker ihre Materialien kostenlos - noch weniger Arbeit für den Palast, denn nun mußte er nur noch die Holzfäller und Bergwerke entlohnen, was er ohnehin schon teilweise tat. Dann kam die Idee, diese Leute bekämen ja ihre Lebensmittel ohnehin kostenlos...eine Lawine setzte sich in Gang. Am Ende es Vorgangs, der Jahrhunderte dauerte, war das Geld praktisch abgeschafft; es existierte noch, war aber überflüssig geworden und landete schließlich in den Museen, wie schon vorher die Waffen. Es gab den grotesken Zustand daß manche Bürger steinreich waren, sich für ihr Geld aber nichts mehr kaufen konnten - und somit waren Bankiers, Pfandleiher, Wucherer oder Makler  überflüssig und suchten sich andere Beschäftigungen.

Auch das hatte wieder Folgen. Die Polizei hatte allmählich nur noch wenig Arbeit, denn ganze Bereiche der Kriminalität trockneten sozusagen aus; raubte man Reisenden ihr Geld, brachte das keinen Gewinn. Brach man in Häuser ein, konnte man die gestohlenen Güter nicht verkaufen. Also wurden auch diese “Berufe” (Dieb, Räuber, Falschspieler, Einbrecher, Bankräuber, Pirat...) überflüssig. So wurde aus dem Polizisten der heutige Wächter, der es  - von der Grenzsicherung abgesehen - fast nur noch mit Streitigkeiten, Betrunkenen oder Hitzköpfen zu tun hat und nur äußerst selten jemanden einsperren muß. Ich will nicht behaupten daß all das durch Elévra zustande kam, aber es ist Tatsache daß diese Entwicklungen zu ihrer Zeit begannen, wenn sie auch erst sehr viel später abgeschlossen waren. 

Das heißt nicht, unsere Vorfahren hätten alles verstanden was ihnen gesagt worden war, aber wann immer jemand einen Satz erinnerte, den Elévra gesprochen hatte, darin einen Sinn suchte, ihn fand und sich danach richtete, machte er die Erfahrung daß er großen Nutzen davon hatte. Direkt nach dem Unglück galt Elévra als große Königin, heute halten viele von uns sie für einen Engel. Ein Engel, der einen jungen Mann so liebte daß sie auf das Himmelreich für hundert Jahre verzichtete; länger nicht, denn daß sie und Vanghedor heute dort zusammen sind, das bezweifelt niemand. Und, übrigens - daß dort oben ein gütiger, liebender Gott ist der uns hier unten für keine Sekunde vergißt, das auch nicht.

Ich hoffe daß meine Erzählung nicht zu sehr hinter Norman’s geübter Schreibe zurücksteht und schließe mit dem Wunsch daß ihr da oben, die keinen solchen Beweis der göttlichen Liebe erlebt habt, nicht etwa denkt, ihr wärt “von allen guten Geistern verlassen” wie ich es öfter gehört habe, bei euch da oben.

Alida Mercuria Weinstein

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