Die “alte” Heimat ist schwierig

Wir fielen ins Bett ohne uns noch umzusehen, ohne auch nur kurz durch die Wohnung zu gehen - total fertig, aber auch zufrieden. Ich dachte noch, so schnell schafft auch kein Düsenjäger diese Distanz...aber ohne derart zu frieren, antwortete ein anderer Gedanke - und weg war ich.

Das Telefon läutete pausenlos, ich registrierte das lange bevor ich wirklich wach wurde, wollte es eigentlich ignorieren, aber es fing immer wieder an. Halb neben mir, nahm ich den Hörer ab und wollte ihn gleich wieder aufknallen - die Redaktion. “Einen Moment, Norman “sagte Blohm, der mich gut kannte “zehntausend Cash.” - “ich höre.” - “Nur wenn du sofort aufbrechen kannst, sonst macht der Carstens den Job..?” - “Ich kann. Worum geht es?” - “Tony Blair ist in Hamburg. Nur heute, und niemand weiß davon. Er begleitet die Queen, und die ist offiziell da.” - “Ja - und?” - “Exklusivinterview, nur für uns, eine Stunde. Auf der Queen MaryII...du weißt wo die liegt?” - “Blohm&Voss, natürlich. Wissen die daß ich komme?” - “Daß ihr kommt. Ich gebe dir noch die Susanne Stövermann mit...du machst den Tony doch nur nieder.” - “Danke. Warum bin ich überhaupt dabei?” - “Weil die Susanne ihn zu sehr loben würde.  Also, demontier ihn ruhig, aber laß was übrig...und schreibt den Text gemeinsam, ja?” - “Machen wir. Thema?” - “Golfkrieg..natürlich..was denn sonst...wo hast du denn gesteckt?” - “Down under.” - “Ach so. Ja, dann...also die Susanne brummt schon los, ist gleich bei dir. Frag sie aus..und heute abend vor Andruck..?” - “Geht klar.”

Ich küßte Alida etliche Male, aber ohne Erfolg. Sie schlief fest und ich schrieb einen Zettel, zog mich schnell an und nix wie runter, klar, Susanne war schon da. Hallo, moin moin, fahr schon los...

Susanne fuhr wie ein Rocker, aber das war mir egal, ich hätte gern einen Kaffee getrunken und ein Brötchen...Sanne, was ist da los..Golfkrieg??” - “Ja, klar...Amerika spielt mal wieder den Cowboy, fast allein, nur England ist mit dabei. Deshalb ist der Blair auch nicht offiziell da, aber der Schröder ist schon auf der QM, und wenn der geht, sind wir dran. Kann lange dauern...sag mal, warst du am Südpol oder warum weißt du nicht Bescheid?” - “Fast. Jedenfalls ohne Fernsehen oder Zeitungen.” - “Ach so...der Holger sagte schon sowas von einem Land ganz da unten..kommst du da her?” - “Ja. Was haben sie erzählt?” - “Später. Wir sind da.”

Wir mußten anhalten. Polizei überall, Absperrungen, Hunde und “beste” Betreuung, also Leibesvisitation und mit drei Bullen ab auf den Dampfer. Eine Bar oder sowas Ähnliches, Polizisten die sich an der Tür aufbauten und ein superhöflicher Stewart....”Sie müssen leider noch etwas warten. Darf ich ihnen etwas anbieten?” - “Ein Frühstück wäre schon gut...” - “Kommt sofort.” Das war meine Rettung. Alles vom Feinsten, aber der Kaffee war trotzdem gut....Susanne nahm wenig, ich schlug kräftig zu. Der Stewart blieb bei uns und holte schnell noch eine Kanne Kaffee, dann wurde er gerufen und kam “untröstlich” zurück “es kann länger dauern. Die Herrschaften streiten...Sie können hier warten oder in einer Kabine...” er stand da wie ein Fragezeichen, ich sah Susanne an, die nickte erfreut “warum nicht ein wenig Luxus genießen. Ja, zeigen sie uns die Kabine.”

“Kabine” ist höflich untertrieben. Es war ein Salon mit Schlaf-und Badezimmer, Bar und einer beeindruckenden Fensterfront, und ohne Bullen, die blieben draußen. Wir sahen uns gründlich um, machten es uns bequem. Telefon gab es auch, also sagten wir erst mal Bescheid daß es dauern würde. “So, Sanne. Du warst also bei den Hausmanns..?” - “Bin ich öfter, ja. Du hast also sowas wie das Paradies entdeckt, wenn man Holger so zuhört. Und hast mir kein Wort erzählt. Wie lange kennen wir uns jetzt, Norman?” - “Ewig, aber erzähl mal was wenn man sich nicht sieht.” Susanne lachte. Sie und ich hatten schon oft zusammen gearbeitet, und das seit Jahren. Sie war eine kühle Analytikerin, ich eher engagiert und das paßte immer. Wo ich einen Politiker direkt anging, saß sie oft dabei und sagte kein Wort, beobachtete genau und konnte später, wenn wir einen Artikel schrieben, Beobachtungen beisteuern die mir unmöglich waren; andererseits konnte sie nicht so gut herausfragen was einer nicht sagen wollte - das war mein Metier.

“Ja, stimmt. Ist schon sagenhaft da unten...aber ich mag nicht so viel erzählen, es glaubt mir ja doch keiner. Jedenfalls stammt meine Frau von da und wir leben jetzt halb hier, halb dort.” - “Hat Vanessa auch erzählt. Sie hat überhaupt sehr viel erzählt, und nicht nur erzählt...also, wenn ich das sagen darf, ich war mehr als überrascht.” Sie schwieg und sah aus dem Fenster, war rot geworden und ich ahnte übles. “sag nur, sie hat...” Susanne nickte. “Sie hat mich verführt.” Sie sah weiter angestrengt in die Ferne “..und..Norman... es tut mir nicht leid - denk’ was du willst.” Ich grinste und unterdrückte ein Lachen, war aber eigentlich sauer. “Haben Hausmanns...nur dir das erzählt, oder trompeten die das rum?” - “Ich weiß nicht, warum? Ich denke, solche Sitten sind dort normal?” Sie sah mich wieder an, aber etwas unsicher “nun sag es schon, was auch immer du denkst.” - “Warum - ach so...nein, tut mir leid, ein moralisches Donnerwetter kannst du bei mir nicht bekommen. Ich finde es nur dämlich daß sie so offen damit umgehen.” - “Das heißt...eigentlich findest du solche Lockerheit in Ordnung..nur daß man es nicht breit treten soll?” - “Ja - dort ist ganz normal, was man hier gleich mit einem abwertenden Begriff verbindet. Aber sag mal, ausgerechnet du, wie kam denn das? Du bist doch eher die kühle Sorte..?” Susanne lachte, hatte sich gefangen. “Bin ich ja auch, dachte ich...ja, also, die haben wirklich viel erzählt. Von leuchtenden Steinen, einem Zaubertrank und sehr zärtlichen Umgangsformen...tja, und dann hat mich Vanessa ins Schlafzimmer gezogen und ihre Bluse geöffnet...sieh dir das an, hat sie gesagt, wie ein junges Mädchen. Ich dachte, sie hätte sich operieren gelassen, sie hat mir etwas ganz anderes erzählt..und nicht nur erzählt. Sie hat mir dann die zärtlichen Umgangsformen sozusagen näher erläutert - und ich war erst erschrocken, dann fasziniert...und schon war’s passiert. Sie und ich im Bett, und ich kann nicht sagen daß ich es bereue.” Susanne, noch in Hamburg

Wir haben Vanessa wohl etwas zu stark verjüngt” dachte ich und behielt das für mich, grinste mir eines und bemerkte nur, Vanessa wäre nun mal eben manchmal ein Lausebengel, aber damit erreichte ich gar nichts.

Wieder sah sie mich ganz unsicher an “und für euch ist sowas normal? Sag es bitte, dann geht es mir besser.” - “Ganz normal, ja. Dir hat es doch auch gefallen. Aber jetzt sag mir nur noch eines, Sanne. Daß du so leicht erregbar bist, das ist mir entgangen. Da denkt man, man kennt sich...” - “Wem sagst du das. Ich wußte es doch selbst nicht. Aber dann. .stundenlang...und keine Minute tut mir leid. Und das habe ich nur zu dir gesagt.” - “Ist schon gut, wirklich. Wenn du das magst... Vanessa wird sich freuen.” Susanne lächelte schelmisch “Warum nur sie?...Du gönnst einer alten Kollegin wohl gar nichts...aber nochmal, Norman.. .so lange wie wir uns kennen, hättest du mir auch davon erzählen können. Ich hätte das erwartet.” - “Und ich hätte erwartet daß du verärgert reagierst, wenn du solche Sachen hörst.” - “Stimmt auch wieder...ich mache auf kalt....aber wie ich eben gelernt habe, genau wie du.” Ich lächelte sie an “ja..früher. Sag mal, habt ihr euch auch avalonisch begrüßt?” - “Nein. Sie haben davon erzählt.  Aber das gefällt mir gut, nur mein Freund Martin der das mit angehört hat, war ganz fertig und wußte nicht was er davon halten sollte.” - “Vanessa hat sich wahrscheinlich etwas zu deutlich ausgedrückt.” - “Für mich nicht, für ihn schon. Nun, er ist etwas gehemmt, sagen wir mal. Aber ich nehme an, er hat es auch nicht wirklich geglaubt.” - “Das ist auch besser. Weißt du, wer dieses Land kennen möchte, der sollte es besuchen, sonst führt das zu ganz falschen Vorstellungen, so in der Art, die machen ständig Sexparties...so ist das gar nicht.” - “Das habe ich durchaus verstanden. Aber auch, daß wir...nun...uns die Wartezeit auch angenehmer machen könnten, sind ja hier ungestört. Eisblock an Eisblock:etwas auftauen gefällig?” Sie grinste und legte sich auf das supergroße Bett, und dann lernte ich meine Kollegin von einer anderen Seite kennen. Nicht daß wir da rumgetobt hätten, ganz im Gegenteil, wir lagen ruhig zusammen, unterhielten uns im Flüsterton und erstmalig nicht beruflich.

Susanne, die Beobachterin. Sie hatte offenbar mehr verstanden als Vanessa erzählt hatte. Wir konnten also ganz entspannt kuscheln ohne etwas zu tun, für das ich Alidas Zustimmung benötigt hätte, und das wollte ich auch gar nicht. Es genügte mir völlig, meine kühle Kollegin einmal im Arm zu haben, zärtlich, ruhig und so wunderbar nah... ungestört und zärtlich hatten wir eine wunderbare Zeit. Ich fand eine Susanne, die einmal nichts analysierte, ganz ruhig und warmherzig war...erstaunlich, und so unerwartet. Ohne zu zögern gab sie mir alles was sie geben durfte, ohne die Regeln die sie gerade erst mitbekommen hatte, zu verletzen..nein, geredet haben wir nicht ständig.. Susanne genoß diese Stunde wohl nicht weniger als ich...allmählich ging das in ein stilles Einverständnis über. Wir schmusten und flüsterten, bis es an der Tür klopfte.  Eilig schalteten wir wieder auf professional um, der Premier erwartete uns...und hatte mehr Zeit als angekündigt. Fast zwei Stunden fragte ich ihn aus, Susanne machte sich Notizen, stellte nur wenige Fragen - dann wurden wir wieder kontrolliert vom Schiff geführt, schnell zur Redaktion, Artikel schreiben, abgeben, fertig....

Es war Nieselregen und schon dunkel. Susanne stand frierend neben mir, über uns ratterten die Maschinen los. “Komm mit zu uns..” sagte ich nur und erwartete keine Antwort. Susanne kam wortlos mit, wir fuhren durch Wasser, Pfützen und dünnen Nebel....”das ist da unten auch besser.” - “Was-das Wetter?” - “Ja. So, nun lernst du meine Frau kennen.” Alida stand schon an der Haustür “Warte mal, Norman. Ich kenne diese fremden Sitten noch nicht so gut...was wir heute getan haben, darf deine Frau das wissen?” - “Was haben wir schon getan? Sie wird es wissen, auch wenn wir nichts sagen - und mit Alida hättest du genau das auch tun können... Ich sehe schon, Hausmanns haben etliches zu erwähnen vergessen. Laß dich überraschen.” Susanne war wieder etwas unsicher...

Alida nahm ihr die Unsicherheit schnell. Sie umarmte Susanne herzlich, küßte sie lange und Susanne erwiderte den Kuß gern und ziemlich leidenschaftlich, warf mir dann einen erstaunten Blick zu, dann meiner Frau...ich nickte ihr nur freundlich zu, sie küßten sich nochmal, dann machten wir es uns gemütlich. Susanne war noch immer etwas nervös...

Alida ließ sie nicht lange in diesem Zustand, und schaffte es in einer knappen halben Stunde, Susanne beizubringen wie man direkt versteht, und Susanne hatte als gute Beobachterin auch die besten Voraussetzungen dafür. Dann erzählte Alida von Avalonia, und hatte eine mucksmäuschenstille Zuhörerin dabei, die ‘kühle’ Susanne war sichtlich fasziniert, und hatte noch kaum etwas erfahren. Das unglaubliche, also daß Avalonia unter dem Meer liegt, ließ Alida weg und erzählte von Mélanaden, Gleitern, Vulkanen und alten Städten, das genügte völlig. Susanne hörte zu, und als Alida geendet hatte, umarmte sie Susanne und fing an, ganz unbefangen mit ihr Zärtlichkeiten auszutauschen. Susanne mochte das sichtlich ebenso wie Alida, aber zwischen Küssen und Umarmungen war sie auch sehr redebedürftig....”das war also nichts außergewöhnliches, was ich mit Vanessa erlebt habe.” - “Nein. Schon gar nicht wenn jemand zum ersten Mal davon hört. Nun sei doch einfach mal ganz ehrlich, Susanne. Wer schmust denn nicht gern.” - “Ja klar..niemand. Ich bin es nur gewöhnt daß man dazu sozusagen ein Verhältnis anfangen muß...ich habe das schon mit einigen Männern erlebt...” - “Die dann nicht bei dir geblieben sind.” - “Ja...das wollte ich auch oft gar nicht.” - “Ganz schön verdreht, findest du nicht? Ist es nicht besser das mit einem guten Freund oder einer guten Freundin zu tun, der Freundschaft schadet das nicht, und sie ist noch da wenn man sich etwas verwöhnt hat? Ansonsten bleibt dir nur der Trennungsschmerz.” - “Den habe ich gründlich ausgekostet. Ist was dran...Alida, ich habe mich einfach so verhalten wie es bei uns üblich ist.” - “Ich auch...” beide lachten. “Du würdest also auch mit mir schlafen, Alida?” - “Ich bin nicht Vanessa, ich habe nichts nachzuholen, verstehst du? So schnell nicht, Susanne. Ich spüre doch daß du ganz unsicher wirst, wenn es richtig schön wird.” - “Das ist allerdings wahr...wie bekommt ihr das nur hin, Zärtlichkeit auszutauschen ohne etwas zu wollen...” - “Das machst du doch auch...oder willst du mich meinem Mann ausspannen?” - “Aber natürlich nicht. Alida, ich will mehr wissen....wenn wir dabei weiter schmusen, habe ich das ganz gern, aber bitte erzähl mir mehr.”

Alida tat das gern, und Susanne hörte gut zu, auch wenn sie sich dabei immer näher kamen...Alida erzählte von der avalonischen Begeisterung für Kinder - Zustimmung. Vom Sozialsystem, den Lagerhäusern, der Art wie Rathurnida das Land führte - Staunen. Von der absoluten Friedlichkeit....”keine Soldaten, Alida?” - “Nicht einer.” Dann von der sanften Technik, dem Verzicht auf schädliche Techniken - Begeisterung. Das Gespräch wurde so intensiv zwischen ihnen, ich war schlicht überflüssig.

Es kam mir ganz passend, ich ging in mein Arbeitszimmer und überließ es Alida, Susanne Appetit auf Avalonia zu machen. Das ging lange so, dann kamen sie zu mir. Susanne jetzt ganz gelöst, und noch neugieriger. Wir schenkten der staunenden Susanne schließlich reinen Wein ein, was Avalonia anging - und die verstand sofort warum es besser ist, nicht so viel Wind darum zu machen. “Von mir erfährt niemand was - obwohl ich es zu gern veröffentlichen würde, aber das müssen wir wohl dieser...?” - “Rathurnida.” - “Ja, der..überlassen. Mensch, wir müssen mit Hausmanns reden.” - “Wir müssen sie mal nach Avalonia lotsen - sonst verstehen die das nicht.” sagte Alida “Das ist mehr als irgendeine Südseeinsel, aber das kapiert man erst wenn man einmal dort war.”

Susanne verstand es schon, aber sie war nicht ganz bei der Sache, der Abend ging auch so zu Ende, Fragen, Antworten, Zärtlichkeiten. Susannes Wunsch, die Nacht mit uns zu verbringen, war mir dann aber doch etwas zu heftig. “du sagtest doch, ein Paar kann selbst entscheiden was es daheim tut...?” “Kann es ja auch, und wir haben kein Problem damit. Wir tun es ja gerade - nur daß dir das jetzt so ‘rum nicht gefällt. Erst Eisklotz, jetzt Sonne? Mach mal langsam.... Und dein Freund...Martin?” - “Ach, der. Ich weiß nicht ob er noch mein Freund ist...hat mich eine hemmungslose Sau genannt, weil ich mit Vanessa geschlafen hatte...also, ich war ja auch unsicher danach,  aber das war zu viel. Martin hat im Moment nicht mitzureden.” - “Da siehst du es ja selbst. Avalonia und Hamburg, das sind zwei sehr verschiedene Welten. Du kannst gern bleiben, aber erwarte nicht zu viel. Wir können dir deinen Freund nicht ersetzen, und du solltest dir Zeit nehmen zu überlegen wie weit du gehen willst...es könnte dich dort hin ziehen, und dann wäre alles ganz anders.” - “Und wenn ich das will?” - “Das sage mal lieber nicht von hier aus. Besuch Avalonia, wenn du magst. Und dann entscheide dich...” - “das ist sicher noch besser. Ihr nehmt mich also mit ?” - “Gern. Du willst also bleiben?” - “Ja.”

Susanne hatte sich wohl etwas mehr vorgestellt, aber es lief ähnlich wie mit Lorna. Wir schliefen zwar in einem Bett, aber mehr war nicht. Mit kuscheln und ein paar Küßchen mußte sie zufrieden sein, und war es auch. Wir hatten Sorgen, die Hausmanns könnten etwas lostreten was uns gar nicht gefallen könnte, uns daran auch noch zu beteiligen, das war nicht drin. Wir wollten erst einmal sehen ob Susannes Begeisterung anhalten würde, und auch mit den Hausmanns reden.  Morgens ging dann Susanne etwas geknickt heim, sie hätte am liebsten sofort ein neues Leben angefangen, und das ging nun mal nicht. Jedenfalls nicht sofort. Außerdem waren wir uns sicher, sie unterschätzte das sehr.

Nicht übertreiben, Freunde...

Wir besuchten die Hausmanns gleich am nächsten Tag, und es war ihnen sofort klar daß wir etwas auf dem Herzen hatten. Vanessas deutliches Angebot auf eine zärtliche Begrüßung ließ ich aus, und auch Alida umarmte Holger nur kurz. Als ich dann ansprach daß es schon in der Redaktion herumging was die beiden so trieben, waren sie betroffen. “Das wollten wir nicht” sagte Holger nachdenklich “aber das ist auch schon vorbei. Vanessa hat sich einige Abfuhren eingefangen...” er lachte, sie weniger “ich habe einfach versucht mit meinen Freundinnen zu schlafen.” Nun lachte auch Alida “aber Vanessa, auch wenn das bei uns akzeptiert ist, mag es doch nicht jede Frau. Wir machen übrigens keinen Leistungssport daraus.” - “Das habe ich auch gemerkt...also, nein, da ist schon jemand...Vera hat sich gefreut....” - “Und das muß auch genügen.” sagte Holger “wir sind immer noch in Hamburg, es könnte uns sehr schaden...”

Sie hatten das auch schon auf andere Art bemerkt. Ihre “Werbekampagne” für Cualarin hatte ihnen die Drogenfahndung ins Haus gebracht, aber auch einen Freispruch; nach wochenlangem Ärger. Vanessas eindeutige Hüftbewegungen hatten ihr einigen Ärger eingebracht, sie hatten diese Art Begrüßung wieder abgeschafft “aber zwischen uns kann das doch noch sein, oder?” - “Manchmal, Vanessa. Nicht immer...sagt mal, hättet ihr nicht Lust mein Land einmal zu besuchen?” - “Doch, schon...sagt uns wenn ihr wieder hin fahrt. Wir haben viel vor...Vanessa will eine Firma aufmachen, und Cualarin verkaufen. Wir würden gern mal das Land sehen, aber sagt uns rechtzeitig Bescheid.”

Es gab nicht wirklich ein Problem. Die zwei waren schon gewarnt, hatten schon erlebt was passieren kann, wenn man allgemein gültige Regeln bricht; hatten aber auch einiges wirklich nicht kapiert. Alida gab ihnen eine gründliche Unterweisung im direkten Verstehen, denn ohne das kann man sich einfach nicht so erotisch verhalten, sagte Alida und das ist sicher so; nur auf diese Weise kann man es vermeiden, jemanden mit einer Annährung zu verletzen. Es folgte ein langer Abend an dem Alida wieder einmal ihre Einführer-Aufgabe hatte, und diesesmal machte sie ihren Job wesentlich gründlicher. “Man müßte also, wenn man sich hier so lustvoll ausleben wollte, die Kinderfeindlichkeit ebenso bekämpfen wie die Lustfeindlichkeit...und auch Cualarin allgemein einführen, und, und...” sagte Vanessa schließlich resigniert “geht also nicht.” - “Dauert sehr lange, geht aber schon.” sagte Alida darauf “Eins nach dem Anderen, mit Cualarin hast du dir das leichteste ausgesucht.” - “Ja, und das macht auch Spaß. Es schmeckt ganz gut, und die Wirkung  ist ja schließlich sehr überzeugend. Alida, und wenn jemand ganz alt ist oder schwer krank, ist es dann nicht gefährlich?” - “Nein, aber es ist keine Medizin. Es kann helfen Krankheiten zu vermeiden, aber...redest du über einen konkreten Fall?” - “Mein Vater, Alida. Er hat Krebs...kann er Cualarin trinken?” - “Aber ja doch, viel, wenn es geht. Aber es wird ihn nicht heilen, dazu bedarf es mehr. Er wird sich besser fühlen, und keine Schmerzen mehr haben - aber um ihn zu heilen, wäre etwas Anderes nötig.” - “Kannst du das, machst du das?” - “Ja..gern... wenn es diese Pflanzen bei euch gibt. Mistel, Bärlauch, Alraune, Enzian? Gibt es die hier?” - “Mistel..kannst du in der Apotheke kaufen. Alraune, keine Ahnung. Kenne ich nur aus Märchen. Bärlauch...nicht hier, aber im Süden schon. Enzian, ich glaube nur im Gebirge.” - “Dann müssen wir reisen, Norman. Das wollten wir doch ohnehin.” - “Ja, machen wir. Vanessa...hat dein Vater noch Zeit, oder brennt es?” Alida winkte ab “Ist egal, Norman. Wenn er nur schnell anfängt Cualarin zu trinken, das gibt ihm Zeit. Vanessa...bereite ihn aber darauf vor, daß es keine Freude ist, einen Krebs zu heilen. Er wird den Tag hassen, an dem er das Heilgetränk bekommt.  Aber helfen, das wird es .” - “Das wäre zu schön. “

Wir hatten also neue Themen, und waren ganz zufrieden als wir heim bummelten. “Du kannst heilen, Alida - und -  lernen das bei euch alle? Es fällt mir eben erst auf, ich habe in Avalonia keine kranken Leute gesehen.” - “Gibt es schon, aber viel weniger als hier. Nein, wir lernen das nicht allgemein, nur wer es will. Ich habe es gelernt, weil mein erster Mann so einen gefährlichen Beruf hatte....nun, und als es ihn erwischte, konnte ich ihm nicht helfen.” - “Warum eigentlich nicht?” - “Ich war nicht da. Er hätte mich auch gar nicht gebraucht, er war nicht krank und auch nicht verletzt - er ist einfach ertrunken.” - “Und da hättest du nicht helfen können.” - “Schon - wenn ich da gewesen wäre.” - “Oh..verzeih mir, diese Fragerei muß dir ja weh tun.” - “Seltsam...nein... zum ersten Mal nicht, ist wohl endlich vorbei. Nein, ich hätte ihm helfen können wenn ich dort gewesen wäre, und ihn und seinen Freund aus der Gefahr hätte befreien können...aber als ich ankam, war es zu spät.” - “Du hast es mitbekommen?” - “Ja. Aber ich war in der Kristallwelt, weiter konnte ich kaum weg sein....ich sah ihn ertrinken, und war noch unterwegs. Als ich dann in seiner Nähe war, hatte er uns schon verlassen. Siehst du, und jetzt weißt du auch einen Grund, warum ich auf deinen Reisen dabei sein möchte.” - “Nochmal nicht.” - “Genau.” Das war deutlicher als “ich liebe dich” und hatte auch solche Folgen. Wir erlaubten uns eine Liebesnacht, ich war wieder einmal völlig von ihr verzaubert.

Ein Wunder oder...?

Der Morgen danach erinnerte mich an mein wirkliches Alter. Mein Kreuz tat immer noch weh, und die Müdigkeit war nicht abzuschütteln, auch nicht nach Cualarin, Kaffee und nochmal Cualarin. “Weißt du, Alida...als ich achtzehn war, ich hätte wochenlang von einer solchen Nacht geschwärmt und es im Leben nicht vergessen. Mit über sechzig hat das nicht mehr diese Bedeutung...außerdem, ich kannte nur ganz brave Mädels.” - “Ja, ja...und du warst ein ganz braver Bub.” - “Notgedrungen...aber wirklich, halten wir uns besser daran hier so zu leben wie es ein anständiger Hamburger tut, und in deiner Heimat...” - “Halt, halt. Was dich und mich angeht, lasse ich mir gar nichts ausreden....” Alida lachte schon wieder “und wir. Norman, wirklich, ich genieße es. Seit ich mit Yanerdia erlebt habe was sich Frauen geben können, und du es mir nachsiehst, ist mein Leben noch reicher geworden. Was rede ich, du weißt es ja. Und heute Nacht...du hättest dein Kreuz ja schonen können...”

Klar, hätte ich. Aber welcher Mann würde sich einer solchen Nacht entziehen? Wir plauderten noch als das Telefon klingelte. Es war meine Redaktion, und eine brandheiße Sache. In der Nordsee brannte eine Ölplattform, und mein Kollege Brahm war dort abgewiesen worden, ich sollte sofort hin und notfalls den blöden Hobbyskipper spielen der zufällig oder neugierig am Brandort herumschippert - Hauptsache, ein paar heiße Fotos und vielleicht ein Interview mit der Feuerwehr. Ich fluchte, sagte aber zu. Eine halbe Stunde später fuhren wir bereits mit der Saskia so schnell es ging (mit der Unterstützung der Steuerung vom Gleiter) Richtung Ölfeld. Die Rauchfahne war schon von der Elbmündung aus zu sehen, den Brandort zu finden kinderleicht - aber dann. Polizeischnellboote, Löschboote, Ölsperre...kaum ran zu kommen. Ich schoß Fotos und ließ die Saskia langsam näher ran dümpeln, Alida sah sich das fasziniert an, dann kam ein Polizeiboot längsseits. “Sie dürfen nicht näher, stoppen sie sofort” kam eine Lautsprecherstimme, ich ignorierte das. Ein Beamter kam an Bord, baute sich vor mir auf “wenn sie nicht sofort stoppen, müssen wir sie festnehmen...Mensch, Norman. Natürlich du. Komm, dreh bei, mach mir keinen Ärger.” - “Ach komm schon Heinrich, wir klauen doch nichts. Ihr kurvt hier doch auch ‘rum. Sag mal guten Tach zu meiner Frau.” - “Moin, moin. Hallo...Norman, die ist zu jung für dich. Frechheit, wenn ich an meine Alte denke...nun stell schon den Motor ab.”

Heinrich kannte ich gut, der alte Seebär hatte mir schon öfter gute Stories verschafft und ich ihm gute Tropfen von meinen Reisen mitgebracht. Etwa fünfzig Meter von den Pfosten des brennenden Stahlriesen entfernt, halb im Dunkel unter der Rauchwolke, ließ er mich nicht weiter fahren. Ich schoß gute Fotos, horchte ihn aus was da passiert war, wie und warum, wie teuer und so weiter..es stank erbärmlich, und immer wieder bekamen wir eine Dusche von den Löschbooten. Alida stand furchtlos am Bug, Heinrich und ich blieben lieber im Steuerstand und quatschten...da kam Alida herein “da sind ja noch Leute drauf.. .Mensch, könnt ihr die nicht runter holen?” Tatsächlich hingen hoch über uns drei Mann an einem Geländer, unmöglich die Treppen zu erreichen, da brannte alles. Heinrich wurde hektisch, und plötzlich durften wir auch näher ran. Heinrich benutzte mein Funkgerät, aber schnell war klar daß keines der Schiffe hier ein Schlauchboot dabei hatte, um den Sprung aus dieser Höhe abzufedern.  Ein Hubschrauber kam nicht nahe genug ran...dramatische Bilder, aber für die drei Arbeiter wurde es gefährlich. Heinrich griff zur Flüstertüte und brüllte hinauf, sie sollten springen. Es blieb ihnen auch gar nichts anderes übrig, der Wind trieb die Flammen auf sie zu...

Alida schrie auf als sie sprangen, einer nach dem anderen, und auf dem Wasser aufschlugen. Wir waren schnell bei ihnen, zwei fischte das Polizeiboot heraus, einen wir. Der Mann hatte Verbrennungen und war bewußtlos, wohl hart aufgekommen. Ein anderes Polizeiboot brachte einen Arzt, aber der schlug nach kurzer Untersuchung die Hände über dem Kopf zusammen “der Mann muß sofort in die Klinik. Hubschrauber?” Der war gerade mit den zwei anderen Verletzten abgeflogen. Dem jungen Mediziner standen Tränen in den Augen “dann verlieren wir ihn.” Alida hatte sich gefangen “was fehlt ihm, Herr Doktor?” fragte sie völlig ruhig. “Schock...kaum ein Herzschlag, so ein Unglück, aber hier kann ich nichts machen. Kann auch ein Infarkt sein.” - “Was ist ein Infarkt?” - “Eine verstopfte Ader am Herzen.”  - “Oh mein Gott...lassen sie mich ran.” Der Arzt stand auf, breitete die Arme aus “ich kann wirklich nichts machen. Wer ist das?” - “meine Frau. Alida, was machst du?” - “Ruhe.” Alida zog dem Arbeiter Jacke und Hemd aus, horchte an seiner Brust und legte sich dann auf ihn, umarmte ihn fest und sprach ruhig auf ihn ein. “Wach auf, Michael. Wach auf, schnell.” Der Arzt sah sich hilflos um “aber der kann sie doch gar nicht hören...der ist schon fast bei den Engeln..” - “Ruhe!” sagte ich und wunderte mich wie scharf ich ihn anherrschte. “mach die Augen auf, Michael. Ja, so. Tief atmen. Norman...Cualarin..schnell..” ich rannte unter Deck und kam mit einer Flasche zurück, sie nahm sie und gab Michael davon. Der Mann trank tatsächlich...und der Arzt neben mir hielt sich an einem Griff fest “das ist Hexerei” stammelte er “das muß sie mir erklären.” - “Später” brummte ich nur, auch ich war neben mir, hatte eben ein Wunder erlebt und das setzte sich noch fort. “Was war eben los?” Michael konnte sprechen! “Du bist gesprungen...und hast dich ein wenig erschreckt. Atme so tief du kannst, und mach die Flasche leer. Noch nicht aufstehen...” Alida kontrollierte diesen Bär von einem Mann völlig, Michael trank und trank, und wurde rot im Gesicht. “So, jetzt steh auf. Ist dir schwindlig?” - “nein..alles klar...oh Mann, bin ich verkokelt...” - “Nicht anfassen. Warte mal.” Alida führte ihn an die Reling “lehn dich dran, Michael. Augen zu...und tief atmen.” - “Mach ich ja...bist du Ärztin?” - “Sei still. Später.” Alida legte eine Hand auf ihre Stirn, eine andere auf die klaffende Wunde in Michaels Gesicht  und murmelte etwas Unverständliches. “So, nun geh unter Deck und wasch dich. Du siehst aus wie ein Schwein.” - “Wenn es nicht mehr ist...” Michael verschwand unter Deck und kam bald frisch gesäubert zurück....

Der Arzt gaffte als hätte er einen Geist gesehen, Heinrich auch, ich kaum weniger. Michaels Gesicht war noch gerötet, aber nicht mehr verbrannt und ohne Wunde...Alida schwankte und setzte sich schnell hin “puuhh..das war knapp.” Michael sah sich das erstaunt an, war aber ganz gut drauf “erklärt mir das mal einer?” sagte er und griff nach seiner Jacke. Ich startete die Maschine und tuckerte langsam von der Plattform weg, es war totenstill bei uns. Alida trank Wasser, viel Wasser, und schwitzte. Heinrich sah zurück, zu Michael, zu mir, zu Alida. Michael zog sich an. Der Arzt wollte auch was zu trinken....wir gingen in die Kajüte, Autopilot, ganz langsame Fahrt, unten machte ich eine Flasche Wein auf und gab sie herum. Auch Alida nahm kräftige Schlucke, war sichtlich erschöpft. Der Arzt hörte erneut Michaels Brust ab, machte eine ratlose Miene “alles in Ordnung. Wie haben sie das nur gemacht? Ich dachte, wir verlieren ihn .” - “Was denn..war das eben gefährlich?” fragte Michael “Und wie. Sie waren so gut wie tot.” Jetzt sah auch Michael Alida fragend an “ein bißchen erschreckt, wie??....nun reden sie schon, was war los?”

Alida nahm noch einen Schluck “dein Herz hat versagt. War wohl der Aufprall...nun, ist ja gut gegangen...” - “ja, aber wie?” - “Ich hab dich zurückgerufen. Das mußt du doch noch wissen.” Michael schlug sich an den Kopf “ja, genau...das war so hell...und so einsam...und dann war da deine Stimme, deine Augen. Du bist ein Engel.” Er umarmte sie, Alida wiegelte ab. “Engel...die hättest du fast getroffen. Aber du hast mich gehört und bist zurück gekommen.” Michael schüttelte den Kopf, setzte sich wieder “ich brauch noch ‘nen Schluck.” - “Nimm das.” Alida holte ihm noch eine Flasche Cualarin, der Arzt deutete darauf “was ist das?” - “Ein Getränk aus Algen. Kräftigend, ausgleichend, und ein guter Durstlöscher.” - “das probier ich auch. Was heißt ‘zurückrufen’?” - “Sie waren doch dabei. Rufen eben. Er mußte wach werden, es war nicht der Moment zum schlafen.” - “Wirklich nicht...und das beseitigt einen Infarkt? Und was hat die Wunde geheilt?” - “Nochmal: Sie waren doch dabei. Gott heilt, wenn der Kranke es will und ich ihm den Mut dazu gebe. Außerdem, wir wissen ja gar nicht ob es wirklich ein Infarkt war.” - “Gott heilt. Das müssen sie mir beibringen.” - “Gern. Aber nicht heute, ich bin total erschöpft. Michael, gib mal die Flasche rüber.”

Das grüne Zeug machte die Runde, es wurde wenig gesprochen. Bis Cuxhaven kein Wort, dann nur leise und zögernd...Michael legte sich hin, schlief sofort ein und ich faxte Fotos an die Redaktion, nahm wieder das Steuer, nur Heinrich war bei mir im Steuerstand “lädst du mich mal ein, Norman? Diese Frau muß ich kennen lernen. “ - “Ruf mich morgen an, ja? Mir reicht es völlig für heute.” - “Mir auch. Sowas...”
Unten unterhielten sich Alida und der Doktor, bis wir anlegten und uns trennten. Michael ging mit dem Arzt zur Klinik, zur Nachuntersuchung (die übrigens ohne Befund blieb) - Alida und ich gingen heim und sofort ins Bett. “Alida, du kannst ja mit dem Geist heilen. Und sowas sagst du mir gar nicht.” - “Bisher habe ich es nicht gebraucht. Du, morgen, ja? Das ist kein Wunder, es strengt total an. Laß uns schlafen.” - “Aber ich kann so nicht schlafen. Erklär es mir wenigstens ganz grob.” Alida richtete sich halb wieder auf...

“Also gut. nein, geistheilen, das kann Rathurnida, ich nicht. Sie müßte gar nicht bei dem Kranken sein...ich muß ihn berühren. Weißt du, so wie man lesen kann was in einem anderen vorgeht, so kann man auch ‘schreiben’ also ihm etwas mitteilen, und dafür sorgen daß er es ernst nimmt. So habe ich ihm klar gemacht, er muß sofort aufwachen. Sein Körper hat dann dafür gesorgt daß er es auch kann. Also das Herz repariert, wenn du so willst.” - “Und die Wunde??” - “Das ist einfacher. Ich habe sie mit der Hand geschlossen, und Gott gebeten sie richtig zu heilen.” - “Gott gebeten? Wie?” - “Wie ganz laut brüllen, Norman. Nur innen, nicht mit der Stimme. Das strengt total an...aber Gott hört es wohl.” - Warum hilft er nicht sofort?” - “Woher soll ich das wissen, Norman. Mein Lehrmeister hat gesagt, er rettet einen Menschen nur dann, wenn jemand das will...aber ich weiß es nicht, ehrlich nicht. Es ist einfach so.” - “kannst du mir das beibringen?” - “Ja klar, aber wirklich nicht mehr heute.”

Sie erklärte mir in den folgenden Tagen so einiges, aber ich verstand nicht viel davon. Sie sprach vom Lebenswillen und der Lebenskraft, und daß es nötig werden kann, etwas davon einem anderen Menschen zu geben. Als ich dann fragte, ob sie nicht auch Vanessas Vater heilen könnte, sagte sie nein. “Krebs ist kein Unfall und hat nichts mit dem Lebenswillen zu tun. Der Körper braucht einfach bestimmte Stoffe, um ihn zu besiegen. Ich kann nur helfen, wenn ich diese Stoffe beschaffe.” - “Dann sollten wir sofort aufbrechen.” - “Das hat Zeit. Lädst du diesen Heinrich und den jungen Arzt zu uns ein? Dann können sie heilen, während wir das Heilmittel für Vanessas Vater besorgen. Dann fahren wir los, ich freu mich schon darauf.”

Heinrich und Helmut Bohnsack, der Arzt, kamen noch am selben Abend. Beide brannten vor Neugier, der starke Eindruck den Alida bei ihnen gemacht hatte, war nicht verblaßt. Helmut erzählte dann auch sofort, er hatte den Arbeiter selbst untersucht und keine Spur mehr entdecken können, weder vom Infarkt noch von der Wunde. Nach einem guten Gläschen hielt er es nicht länger aus “Alida, erzählen sie uns schon wie sie das gemacht haben.” - “Gut. Gehen sie ins Nebenzimmer und tun sie dort, was ich ihnen sage.” Helmut sah etwas ratlos aus als er ins Eßzimmer ging und Alida die Tür hinter ihm schloß. Sie hatte nichts gesagt, und sagte auch jetzt nichts; aber bald kam Helmut zurück “ich habe die Blumen gegossen. War das richtig?” Alida lächelte “Gut...ja...war das schwer?” - “Nein, aber wie mache ich das?” - “Versuchen sie es einfach. Lassen sie mich was machen.” Dann lächelte sie breit “das mache ich nicht. Bitten sie ihre Freundin darum...aber gut, sie können es. Machen sie einen anständigen Vorschlag.” Ein kleiner Moment, dann ging Alida in die Küche und kam mit einem Dosenöffner zurück “richtig?” - “Ja, genau. Entschuldigen sie meine erste Idee...” Alida lächelte “ist okay. Aber sehen sie, man kann nicht alles machen. Nun. .um das wirklich zu lernen, müßten wir was zum heilen haben.” Sie sah sich Heinrich und Helmut genau an “Heinrich, haben sie eine große Narbe?” - “Ja, am Arsch. Vom Motorradfahren...” er lachte  “sie sagen jetzt nicht, die könnten sie verschwinden lassen?” - “ich bestimmt, aber Helmut will es lernen. Helmut, hätten sie Hemmungen, Heinrichs Arsch anzufassen?” Heinrich lachte, Helmut blieb ganz ruhig “was glauben sie was ein Notarzt alles anfassen muß... .Heinrich, Hose runter.” Heinrich lachte noch lauter und präsentierte seinen verschrammten Arsch, eine tiefe Narbe, und farbig auch noch. “Die ist aber sauschlecht genäht..” staunte Helmut “Alida, was mache ich?” - “Legen sie eine Hand darauf, die andere auf ihre Augen. Dann bitten sie Gott..innen...ohne etwas zu sagen...er soll das heilen. Aber, wenn sie mich verstehen, brüllen sie so laut sie können...als wäre ihr Leben in Gefahr.” - “Ich weiß nicht ob ich das kann...” sagte Helmut und tat wie vorgeschlagen “es wird heiß” flüsterte Heinrich “Still!” kam es sofort von Alida “Helmut, nehmen sie die Hand erst weg wenn sie spüren daß alles in Ordnung ist.” Helmut schwitzte und nickte, dann ließ er los und sich in einen Sessel fallen, Heinrichs Arsch war  so blank und glatt wie er sein sollte.  Er glaubte das erst als ich ihm einen Handspiegel holte...

“Nun, Helmut?” - “Uff...also, eine Spritze geben ist weniger anstrengend.” - “Hilft aber auch weniger.” - “Stimmt. Gebt mir was zu trinken.” Helmut war geplättet, nun wollte aber Heinrich auch mal versuchen....”Helmut, hast du nicht vielleicht auch eine Narbe am Arsch?” Der gluckste “nein, aber geht eine Blinddarmnarbe auch?” Alida nickte, und die Szene wiederholte sich. Helmut wurde “geglättet” und beide tranken eine Menge weg...”Alida, und bei einer schlimmen Verletzung, sagen wir mal ein Schnitt im Bauch, bis in die Organe? Es sterben so viele an Unfällen...geht das dann auch?” - “Wenn sie es fertig bringen, den Kranken..sagen wir mal so zusammen zu halten wie es sein muß, dann ja. Also nur alles so zusammen fügen wie es richtig ist, sie müssen dann mit der Hand über die Wunde gehen. Es sollten aber möglichst mehrere Leute das tun, es braucht sehr viel Kraft.” - “Könnte der Heiler in Gefahr geraten?” - “Wenn er mehrere schlimme Verletzungen heilen muß, ja. Wie gesagt, spannen sie andere mit ein.” Helmut entspannte sich. “Das ist der Traum eines Arztes. Kein Medikament nötig, nichts kann fehlen...Gott, sagt man ja, ist überall.” - “Stimmt, aber denken sie daran: bei Unfällen. Schwere Krankheiten sind ein ganz anderes Thema.” - “Ja, das bringt mich auf dieses grüne Zeug. Was ist das, und was tut es?” - “Cualarin. Moment, trinken wir doch einfach jeder ein Gläschen.”

Sie ging und kam mit vier Gläsern zurück. Wir tranken, sie erzählte wie es gemacht wird und was es kann, aber das war überflüssig. Helmut und Heinrich, beide erschöpft vom ersten Heilen, waren sofort wieder voll da. “Ach so..ja.. sagte Alida “und es beseitigt Alterserscheinungen. Sehen sie her...” sie öffnete ihre Bluse, beide staunten, aber nicht so richtig. “Heinrich, was du nicht weißt: Alida ist sechzig.” - “Niemals..” stammelte der und gaffte. “Doch, das ist wahr.” sagte Alida “und ich trinke das Zeug schon immer. Ich habe aber gerade neulich erlebt, wie eine Freundin von uns auch wieder eine jugendliche Brust bekam , und sie hat es erst seit einigen Monaten getrunken.” - “Ihr verkackeiert mich.” - “Nein, Heinrich. Wirklich nicht. Trink Cualarin, und dein Körper baut wieder auf - du mußt doch spüren wie stärkend es wirkt. Ehrlich, du kannst es ja versuchen.” Er sah mich nur zweifelnd an, Alida bedeckte ihre Schönheit wieder “bis man so hundert - hundertzehn wird, dann sieht man das Alter ein wenig, aber hauptsächlich an grauen Haaren.” Gebt ihr mir ein paar Flaschen davon?” - “Gern, aber du mußt es immer wieder frisch zubereiten. Na, du bist ja oft auf dem Meer.”

Alida zeichnete ihm die Algen, die er sammeln mußte auf einen Zettel, er kannte sie alle. Helmut machte sich auch eine solche Skizze, dann kam der gemütliche Teil des Abends. Plaudern, einige vorsichtige Andeutungen über die Quelle dieser Kenntnisse, aber das interessierte die beiden Männer gar nicht. Beide waren froh daß sie etwas so nützliches gelernt hatten. Der Abend klang aus mit bildhaften Erzählungen vom Meer, zu denen nur Helmut so gar nichts beisteuern konnte , er kannte die Nordsee ja nur von seinen Notarzteinsätzen, und die ließen ihm keine Zeit für Romantik.

Sie gingen spät, und wir wären am liebsten sofort zu unserer Frühlingsreise aufgebrochen.

Am Rhein, in den Alpen, an der Nordsee...

Das geschah dann einige Tage später, und ich war erleichtert Hamburg hinter mir zu haben. Wenn Alida schon so enorm locker zur Sache ging, sagte ich mir, dann besser da wo uns niemand kennt. Das war dann aber kein Thema, sie hatte sich etwas gefangen, war froh daß sie gegen ihre Vorstellungen in der ‘oberen Welt’ ihre Fähigkeiten nutzen konnte, das beschäftigte sie stark . Ich mußte auch daran denken daß ich durchaus ähnlich reagiert hatte als Vahrsonia und Yanerdia mir weiter entgegen kamen als ich es jemals zuvor erlebt hatte...wir sprachen öfter darüber, daß es unter Leuten die nicht direkt verstehen können, leicht zu Mißverständnissen, dann zu Eifersucht und letztlich zu Trennungen kommt; Alida wußte zwar davon, verstand es aber wohl jetzt erst wirklich. Sie sagte immer wieder, in ihrer Heimat wären Trennungen fast unbekannt, und sowas wie ein Scheidungskrieg geradezu unmöglich. Es machte sie nachdenklich, und sie bremste sich deutlich - was gar nicht so einfach war, denn sie wirkte offensichtlich sehr anziehend...vor allem auf Frauen, meist jüngere Frauen. Öfter knisterte es zwischen ihr und einer Frau die wir kennen lernten, aber Alida ließ  sich nicht mehr darauf ein.  Wo wir auch hin kamen, fragten wir nach den gesuchten Kräutern, und nach und nach bekamen wir sie zusammen, Alraunen mußten wir uns allerdings selbst suchen, im Wald. Wir nahmen lebende Pflanzen und ihre Erde mit, nachdem wir sie mit einem Foto in der Hand endlich gefunden hatten. Wir genossen aber auch einfach den schönen Frühling, nahmen uns viel Zeit Städte zu besichtigen und für Wanderungen in den Hochalpen, besonders der Schnee hatte es Alida angetan. Also waren wir eine Woche an der Nordsee, eine am Rhein, fuhren täglich etwas weiter südlich, dann eine Woche in den Alpen und einige Tage im Schwarzwald. 

Sie war begeistert...und, natürlich, an etlichen Plätzen gefiel es ihr besser als in Hamburg - mir ja schließlich auch. Schon in Innsbruck war es mir aufgefallen, jetzt sprach sie es an. “Norman, das mit mir und Frauen fängt an mich zu nerven. In Hamburg habe ich manchmal gedacht, hätte ich nur den Mund gehalten. Aber jetzt, unterwegs wo uns keiner kennt kanns ja daran nicht liegen, daß ich öfter so seltsam angesehen werde...die kennen mich doch gar nicht.” Ich fing an breit zu grinsen, folgte einem längeren Gedanken und sagte schließlich, vielleicht können die ja direkt verstehen und dein Interesse bemerken...Alida verzog das Gesicht “jetzt nimmst du mich hoch...?” - “Keineswegs. Die Geister, die ich rief...ich muß dir da wohl mal eine Fabel erzählen. Hör mal zu.”

Ich gab also eine Kurzfassung des Zauberlehrlings von mir, so gut ich das konnte. Sie wurde sehr nachdenklich...”Du meinst, ich hab mir da selbst etwas angezogen das mir jetzt nachschleicht? So fremd ist mir der Gedanke nicht, darauf habe ich ihn noch nicht angewendet. Muß ich mir überlegen. War ja irgendwie aus einer Not heraus...weißt du ja.” - “Schon, die ist aber wohl vorbei. Nun ist es einfach eine Gewohnheit...soll ich dir das Lied von den Gewohnheiten singen, die man nicht mehr loswird? Das ist doch der Sinn hinter der Fabel, oder ich verstehe sie jedenfalls so. Du weißt, es ist möglich, du weißt es ist nicht übel, hast dich dran gewöhnt..und das bekommen vielleicht manche mit, weiß ich nicht.  Aber du würdest doch irgendwann sogar daheim damit anecken, oder?” - “So schnell nicht. Gleichgeschlechtliche Paare dürfen nicht zusammen wohnen, da ist die Grenze. Aber du hast schon recht, ich bin ein Stück darauf zugegangen, und wenn ich mir das recht überlege, das wollte ich ja gar nicht.” - “Wie kam es eigentlich dazu? Du hast ja erzählt, als junge Frau hast du das mit den intensiven Begrüßungen auch nicht gemocht. Wie paßt das nun zusammen?”  - “Wie schon, das stimmt ja, und mit Frauen war da gleich gar nichts. das war damals in Köln, sie hieß Monika und war sehr lieb - pardon - für hier oben sogar besonders lieb. Ich hab ganz unbefangen mit ihr geschmust, ohne mir etwas dabei zu denken. bei ihr kam das anders an, das habe ich erst bemerkt als es zu spät war noch halt zu sagen...da wollte ich auch schon, und wir haben uns geliebt. Naja...ich hab später Yanerdia davon erzählt, sie sah das sehr locker...so fing das an. Wir, beide allein, warum nicht...jetzt wo ich das erzähle muß ich dir voll zustimmen, danke...das war echte Zuneigung. Heute hat das eher was von naschen...finde ich gar nicht so gut, sehr kluge Fabel...” - “Ja, die taugt was. Sag mal, sollen wir diese Monika einmal besuchen?” Alida sah mich schelmisch an “du verstehst inzwischen sogar Sachen, die ich noch gar nicht gedacht habe.   Oh ja, gern...ich hoffe sie wohnt noch da wo sie damals war.” - “War sie eigentlich lesbisch?” - “Ach was. Mit einer Lesbe würde ich nie....das wäre mir auch zu kompliziert, ich reagiere auch gar nicht auf solche Frauen. Nein, das nicht. Kann gut sein daß da gar nichts mehr ist, aber ich würde mich freuen sie zu sehen.”

Es ging also wieder nach Norden, am Rhein entlang, und Alida entdeckte allmählich eine ähnliche Vorliebe für guten Wein wie ich. Wir hatten es nicht eilig, machten öfter Pause und übernachteten auch noch einmal, dann kamen wir in Köln an. Die gute alte Stadt begrüßte uns mit einem Totalstau, wir parkten bald und gingen zu Fuß weiter. Alida zeigte mir wo sie gewohnt hatte, eine nette alte Kate in der Altstadt war das, und gleich drei Häuser weiter, da hatte Monika gewohnt. Sie suchte ihren Namen auf den Klingeln, fand ihn aber nicht. “Ich ahnte es...umgezogen” sagte sie doch etwas enttäuscht “geh doch mal rein und klopf’ an ihrer Tür - vielleicht hat sie geheiratet oder der Nachmieter weiß wo sie ist.” Die Tür war nur angelehnt. Zwei Treppen rauf, ein dunkler Flur, eine altmodische Tür...Alida klopfte, Schritte, und eine kräftig gebaute Frau öffnete. Alida stutzte, die rothaarige strahlte. “Alida!! Mensch, komm rein...wer ist das? Hast du geheiratet?” Sie kam auf mich zu, Umarmung, kurze Vorstellung, Alida hatte sich gefangen. “Mensch Moni...du hast dich ganz schön verändert.” - “Du dafür um so weniger. Tja, zwei Kinder, Alida. Nun kommt schon rein.” Ein ähnlich rundlicher Mann kam uns entgegen, noch eine Begrüßung, Kinderlärm im Nebenzimmer. Kaffee, Kuchen, Sahne, bürgerliche Gemütlichkeit und viele Erzählungen in Kurzfassung, die Kinder wurden zu Bett gebracht, Abendessen, Kölsch und Kekse....

Monika und ihr Mann Jupp waren mir auf Anhieb sympathisch. Ein wenig verfressen, stellte ich fest, aber sonst...gesprächig, lustig und sichtlich gut zusammen. Es war schon später, als sich Monika und Alida sichtlich näher kamen, die Küsse wurden länger, die Sätze kürzer...”mach mal halb lang, Moni “sagte Jupp “ist das die Frau, von der du erzählt hast?” - “Ja, das ist sie. Aber keine Sorge...wir freuen uns nur sehr, uns einmal wiederzusehen. Mehr nicht.” Was Alida anging war ich mir da nicht so sicher, aber er passierte gar nichts. Nur Jupp zog Alida an sich und knutschte sie regelrecht ab, genoß es wohl auch daß keine Gegenwehr kam, und ließ es sein...

“Ich mußte mich endlich einmal bedanken” sagte er halb entschuldigend zu mir “Alida hat indirekt dafür gesorgt, daß ich Monika wirklich heiraten konnte.” - “Wie denn das? Ich bin eines Tages abgereist, und von dir war nichts zu sehen?” sagte Alida erstaunt. Monika schaltete sich ein “ich hatte ihn abgewiesen...er war mir etwas zu sehr an die Wäsche gegangen, ich mochte das damals gar nicht. Oder ich dachte das...jedenfalls...das weißt du ja...dann bin ich dir an die Wäsche gegangen, und du hast nachgegeben. Das war dann wunderbar mit uns, und ich habe mir gesagt, ich war dämlich mich bei Jupp so kühl zu geben.. .das bin ich ja gar nicht. Naja..du warst weg, er hat es wieder versucht, und ich habe genüßlich nachgegeben...und seither sind wir zusammen. Dann haben wir auch bald geheiratet, unsere Schlümpfe bekommen....ich hätte nichts besseres tun können. Das meint er.”

Nun hatte ja niemand etwas dagegen, das nachträglich zu feiern..es wurde spät, gemütlich und irgendwann schliefen wir wohl ein, und wurden morgens von zwei tobenden Zwergen geweckt. Raus aus dem Bett, und die wilde Jagd ging los. Kissenschlacht, die Kids schließlich mühsam beruhigt, angezogen und zur Schule geschickt, Frühstück und Aufbruch....

“Den beiden schicken wir eine Kiste Cualarin..” grinste Alida im Auto “so dick ist nicht gut. Aber sag mal selbst, sind die beiden nicht riesig nett?” - “sagenhaft, aber auch anstrengend. Mensch, bin ich müde.” Alida lachte “ich doch auch, aber das war gut. Monika so glücklich zu sehen...damals war sie manchmal ganz schön daneben.” - “Na, das ist ja wohl gründlich vorbei. Und du hast dich gut gebremst.” - “Habe ich nicht. Mehr war da nicht...es ist lange her. Norman, ich vernasche nicht jede Frau die mir nahe kommt. Wann wirst du das verstehen.” - “Wenn ich das öfter erlebe, Alida. Bisher warst du kaum zu stoppen..” - “Ach komm, ich freu mich einfach daß ich wieder richtig lebe..und das liegt eher an dir. Das beruhigt sich auch wieder. Und, nochmal, das geht kaum von mir aus.. .Susanne, auch Vanessa...die sind auf mich zugegangen,  das passiert doch nicht ständig. Es ist auch so, früher habe ich wohl zu oft nein gesagt, und jetzt mache ich das anders - und was wir neulich gesprochen haben..mal sehen, bin noch am überlegen. Aber jetzt laß uns mal weiter denken, Norman. Da wartet ein Kranker auf diese Kräuter, laß uns mal daran denken.”

Wieder Hamburg

Es war ja nicht mehr so weit, wir kamen nachmittags an und fuhren direkt zu ihnen. Eine Kiste mit Kräutern hatten wir mitgebracht, in Vanessas Küche wurde ein Getränk gebraut, das roch so eigenartig wie kräftig. Ein dicker Saft kam dabei heraus, Vanessa rief ihre Eltern an “wir können sofort rüber fahren.” Das taten wir dann auch, eine alte Dame begrüßte uns, Maria, Vanessas Mutter. Karl, ihr Vater, lag im Bett; wach und klar, aber schwach. “So, sie sind also die Wunderdoktorin” begrüßte er Alida “Vanessa hat viel erzählt, nun sagen sie es mir, aber bitte ehrlich. Wie viele Tage gewinne ich denn?” Alida lächelte “wie alt sind sie, Herr Franken?” - “achtundsiebzig. Warum, ist das wichtig?” - “Aber ja. Na, sagen wir, so etwa zwanzig...Jahre könnten es schon werden. Kann auch mehr sein, wenn sie gesund leben.” - “Sie lügen. Das ist unmöglich.” - “Ist es nicht - wenn sie die Kur wirklich machen. Es wird nicht sehr angenehm, das kann ich nicht behaupten. Es wird weh tun, sie werden Fieber haben, und wahrscheinlich auch Krämpfe. Aber wenn sie duchhalten, wird es helfen.” - “Wie lange dauert das?” - “einen Tag und eine Nacht. Haben sie gut gefrühstückt?” - “ich habe gefressen wie eine Kuh. Dieses grüne Zeug hat schon viel geholfen, wirklich. Wirklich so kurz?” - “Kurz und heftig, ja. Also, wollen sie leben?” Karl Franken sah in die Runde “nun hört euch das an..’wollen sie leben’ - wer denn nicht? Her mit dem Zeug.”

Alida holte die Flasche und gab ihm ein Glas davon “in einem Zug runter, Herr Franken. Und tief atmen.” Karl Franken tat wie befohlen, schnell und entschlossen kippte er das Zeug runter. “Schmeckt wie Scheiße...” grinste er dann und verschluckte sich. “Tief atmen. Witze machen wir später...” Karl nickte und lief rot an, begann tief zu atmen und schrie plötzlich auf “Verdammt, tut das weh. Das ist ja schlimmer als jemals früher...” er griff an seine Brust und bekam wieder die Anweisung, tief zu atmen. Maria zog mich an die Seite, flüsterte “das ist Lungenkrebs, beidseitig. Weiß ihre Frau was sie tut?” - “Sie weiß es. Hat Cualarin denn nicht schon etwas verbessert?” - “Viel, wirklich. Er hat wieder Appetit, ist wach und gestern ist er sogar aufgestanden. Aber das jetzt...” - “Haben sie Vertrauen. Alida kann heilen wie niemand den ich kenne.” - “Das wäre ein Wunder...Herr Weinstein, ich liebe ihn sehr. Es wäre ein zweites Leben für uns.. .” - “Sie werden es erleben. Alida, kann Frau Franken etwas helfen?” - “Ja, machen sie Essen. Gut und viel, er wird es brauchen.” - “Ja - und was?” - “Was er am liebsten hat.” - “Gut. Dann kann ich wenigstens was tun...” sie ging raus. Karl hustete, war knallrot und schnappte nach Luft. “Noch ein Glas” sagte Alida ruhig und gab es ihm. Er trank es hastig, schnappte wieder nach Luft “ich glühe...kann ich was trinken?” - “Cualarin. So viel sie wollen.” - “Her damit.” Er kippte zwei Gläser, wurde etwas ruhiger, schwitzte aber kräftig. “Frau Alida...was passiert mit mir?” - “Ihr Körper bringt gerade den Krebs um. Das dauert ein wenig, dann geht es ihnen erst mal besser. Später kommt dann noch die Reinigung...” - “Reinigung?” - “Ihr Blut...sehr unangenehm, aber danach sind sie gesund.” 

Er wollte noch etwas sagen, aber das ging nicht. Ein Hustenanfall begann, und er fing an Blut zu spucken. Alida holte Handtücher, Holger und Vanessa hielten seine zitternden Hände, ich wischte ihm immer wieder die Stirn ab...er hustete die ganze Teufelei heraus, kein schöner Anblick, aber danach ging es ihm besser. Er wurde ruhiger, sein Fieber sank wohl. Er war nicht mehr ganz so rot, und seine Frau kam mit dem Essen - Steak, Kartoffeln, Gemüse. “Kannst du jetzt essen?” - “ich habe Hunger wie ein Wolf.” Alida lächelte nur als er spachtelte wie ein Bauarbeiter, Maria staunte nur, und danach sank er schlaff zurück und schlief sofort ein. “Pause” sagte Alida “die erste Phase ist vorbei. Er hat keinen Krebs mehr. Er wird schlafen, und dann geht es nochmal los. Noch schlimmer, aber danach ist es vorbei.” Maria bat uns in die Küche, servierte auch uns Essen und hatte viele Fragen. Wir saßen lange da, bis wir Schreie aus dem Schlafzimmer hörten. Karl war wieder wach, und der ganze Körper tat ihm weh. Alida beruhigte ihn so gut es ging, und dann überraschte sie ihn mit der Anweisung aufzustehen und sich zu bewegen.” Ob ich das kann...” sagte er zögerlich und staunte. Er war bei Kräften, kam mühelos hoch und ging im Zimmer auf und ab. Maria sah das mit Tränen in den Augen “das ist ein Wunder...gestern mußte ich ihn stützen.” - “Karl, machen sie Kniebeugen. Tun sie alles um ihr Herz auf Touren zu bringen, dann tut es nicht so weh.” Er tat das, und so ging es stundenlang. Noch ein Glas, wieder bewegen, schwitzen, trinken, bewegen.. ..ab und zu schrie er auf, faßte an einen Körperteil, aber das war immer nur kurz. Es war schon nach Mitternacht als er ruhiger wurde. “Juckt es im Brustkasten ?” fragte Alida “wie Ameisen.” sagte Karl “Das ist gut. Es ist bald vorbei. Sie haben es fast geschafft.” - “Was kommt denn noch?” Alida ging zu ihm, legte ihm eine Hand auf die Stirn “nochmal tief atmen.” Er tat das “es wird kühler.” - “Ruhig, atmen, bis sie sich ganz normal fühlen.” Karl atmete und schwieg, dann nahm Alida die Hand weg “Sie haben es geschafft. Es wird noch wochenlang jucken, und sich manchmal seltsam anfühlen, da wo der Krebs Schaden angerichtet hat. Das muß nachwachsen, verstehen sie, und das geht nicht so schnell - ist aber kein Grund zur Sorge, ganz normal. Solange kann es auch sein daß sie manchmal aus der Puste sind wenn sie sich anstrengen, aber tun sie das ruhig, es hilft. Trinken sie aber weiter Cualarin, damit sie nicht wieder so krank werden.” Alida stand auf, lächelte “So, ich kann nichts mehr für ihn tun. Maria, jetzt sind sie dran.”

Alida drängte uns aus dem Zimmer und schob Maria zu ihrem Mann “legen sie sich zu ihm. Er braucht sie jetzt.” Maria war ein einziges Fragezeichen, wir gingen wieder in die Küche. Alida war erschöpft, aber zufrieden. “Vanessa, dein Vater ist gesund. Sieh zu, daß die beiden weiter Cualarin trinken, deine Mutter kann es auch gut gebrauchen.” Dann fing sie an zu kichern, die Geräusche aus dem Schlafzimmer waren zu eindeutig. Vanessa starrte ungläubig auf die  geschlossene Tür “er kann doch jetzt nicht...?” Alida lachte “doch, er kann. Und es wird ihm wichtig sein...jetzt starr nicht so, Liebe ist kein Privileg der jüngeren...und so jung sind wir ja auch nicht mehr.” Bei Vanessas Lachanfall blieb sie ganz ruhig und sagte dann wie selbstverständlich, irgendwohin müßte ihr Vater ja mit seiner wiedergewonnenen Kraft “stell dir ‘mal vor, am Morgen hast du nur eine Perspektive: den Friedhof. Am Abend dann kannst du wieder Pläne machen. Was würdest du tun?” Vanessa grinste und schwieg.

Etwas später kam Maria ins Zimmer, etwas schwankend und total zerzaust. “Das gibt es gar nicht..” stammelte sie “der wird mir noch übermütig” aber sie lächelte dabei.” Alida, komm her....” sie umarmte Alida und weinte  “du hast mir ja meinen Mann wieder gegeben...wie kann ich dir nur danken.” Alida lächelte “paß gut auf ihn auf. Und danke lieber Gott als mir, er läßt diese Kräuter wachsen, wir haben sie nur gesammelt.” - “Aber das habt ihr gut gemacht.” Sie umarmte mich auch “muß ich jetzt noch was beachten?” Alida winkte ab “es ist vorbei. Vergeßt es so bald es geht...aber trinkt weiter Cualarin, dann bleibt ihr von solchen Gemeinheiten verschont. Können wir dann gehen? Karl wird Schlaf brauchen.” Marias Augen blitzten “ich hatte nicht den Eindruck...und das schadet ihm nicht?” - “Im Gegenteil. Umso besser wird er schlafen, und hoffentlich bald vergessen was er durchmachen mußte. Helfen sie ihm dabei, Maria.” 

Etwas später kam Karl aus dem Schlafzimmer, setzte sich zu uns und beteiligte sich ganz normal am Gespräch. Maria sah ihn immer wieder zweifelnd an, aber Karl war einfach normal, wenn auch etwas blaß “warum kann man solche Medizin nicht kaufen das wüßte ich doch gern...?” - “Es ist nicht nur die Medizin, Herr Franken. Die allein wäre es nicht, es gehört eine ganz andere Ausbildung dazu, die wird hier nicht gelehrt. Das gehört aber zusammen, weder diese medizinische Gangart ohne die Kräuter, noch die Kräuter ohne unsere Kenntnisse würden es tun. Ist ja auch nicht so, daß die hiesige Medizin nichts könnte; nur muß sie früh ansetzen können, das gelingt aber nicht immer, wenn der Kranke nichts bemerkt von dem was in ihm vorgeht.” Karl nickte “das stimmt, ich hab es erst mitbekommen als es eng wurde. Und auch dann habe ich noch nichts unternommen - das war dumm, was?” Alida nickte. “Wenn ein Problem auftaucht, egal was es ist, muß man sich drum kümmern. Warten macht es nicht besser. “ - “Das werde ich mir merken. Wie kann ich ihnen nur danken...?” - “Nicht nötig. Die Anstrengung war ja ganz auf ihrer Seite.”

Als wir uns verabschiedeten, machte Karl dennoch eine tiefe Verbeugung vor Alida “Gott schütze sie, Alida. Das werde ich nie vergessen.”

Vanessa war völlig neben sich. “Wißt ihr wie viele Ärzte er bemüht hat? Es ist nur immer schlimmer geworden. Gehen wir noch zu uns, trinken wir einen darauf. Mensch, Alida, willst du nicht als Ärztin arbeiten? Du könntest ja alles ändern, wirklich. So schnell...!” sie schwärmte, ihre Erleichterung war überdeutlich. Auch später ging es nur darum, was man tun könnte um avalonische Heilkunst hier oben zu verbreiten. Aber sie hatte selbst schon den Anfang gemacht, verkaufte Cualarin in der Nachbarschaft und hatte schon etliche große Erfolge damit gehabt, als sie später sagte daß sie darüber nachdachte avalonische Getränke herzustellen und einen kleinen Laden damit aufzumachen, war das keine Theorie, den Laden hatte sie schon angemietet und war dabei mit Fischern Absprachen zu treffen, um regelmäßig Algen zu bekommen. Nun kam dazu, daß sie überlegte auch Kräuter zu beschaffen und dieses Heilgetränk ebenfalls herzustellen “Alida, habt ihr weitere Wunder auf Lager?” - “paß auf, ich schreibe dir mal auf was wir über Kräuter wissen. Aber glaub mir, wenn du Cualarin publik machst, ist es das Beste was du tun kannst. Wenn die Leute das so trinken wie heute Bier, brauchst du keine Heilgetränke. Es ist auch leichter zu vermitteln, nicht? Wenn es einer Frau wieder feste Brüste beschafft, ihr die Falten nimmt und ihrem Mann den Speckbauch, dann mußt du gar nichts erklären.” Vanessa lachte. “Die Erfahrung mache ich täglich. Aber bring mir eure Kräuterkunde trotzdem bei, ja?” - “Gern, aber nicht vergessen: eigentlich müßtest du bei uns in Heilkunst unterwiesen werden, wenn du wirklich mehr tun willst. Mach halt dieses Getränk publik, das ist ein guter Anfang.” - “Gut...aber diese Kräuterkunde, die gibst du mir.”

Natürlich tat Alida das. Vanessa und sie waren öfter zusammen, Vanessas Laden wurde bald eröffnet und ihre Eltern waren mit bei den ersten Stammkunden. Darüber wurde es Sommer, und wieder packte uns die Reiselust; und diesesmal wollte ich einmal so reisen wie es mir gefiel. “Alida, mit der Saskia, schön langsam, ohne Tricks mit Mélanaden und ohne Gleiterfliegerei. Machst du mit?” - “Gern. Bring mir deine Seemannsromantik bei. Aber...nehmen wir die Susanne mit? Sie wird sicher ganz begeistert sein, Avalonia kennen zu lernen. ” - “Und du, daß du diese Schmusekatze dabei hast.” - “Schmusekatze? Wieso, ich habe nichts...sie sieht doch etwas ganz anderes in mir. Ich bin für sie sowas wie ein Symbol für eine andere Welt, und die wird sie ja nun selbst kennen lernen.” - “Und sie für dich?” - “Eine gute Freundin, und hier oben habe ich ja sonst noch keine.” - “Vanessa?” - “Ich weiß nicht. Vanessa muß wohl noch etwas tiefer in sich selbst schauen, sie kennt sich selbst kaum. Später, vielleicht. Ja, dann fahren wir doch...”

Susanne wußte noch nichts von unseren Absichten, kam am Abend zu uns und verschluckte sich vor Freude, als wir ihr eröffneten was wir vorhatten. Natürlich wollte sie mitkommen, telefonierte dann eine halbe Stunde um einiges umzudisponieren und war bereit. “Ich habe mir Urlaub genommen. Ganz ehrlich war das ja nicht...wenn dieses Land nur halb so ist wie ihr sagt, dann werde ich bleiben, wenn das geht. Das wollte ich den Kollegen aber nicht sagen; kann ich etwas von meinem Krempel mitnehmen? Ihr habt doch Platz auf dem Schiff?” Ich nickte das ab, wunderte mich aber wieder. Malcolm hatte sich viel Mühe gegeben und wenig bei mir erreicht; selbst als ich dann Alida liebte mußte ich noch lange nachdenken. Lorna war einfach so mitgekommen, und jetzt Susanne auch. War ich wirklich so unbeweglich?

Wir fuhren zu Susanne um ihr Zeug aufzuladen und zur Saskia zu bringen. Die Wohnung sah dann etwas kahl aus, und Susanne wurde nachdenklich. “Wie war das bei dir, Norman? Ich begreife eben daß ich die Brücken hinter mir sprenge. Wird mir das irgendwann leid tun?” - “Gute Frage, mir tut nichts leid. Ich denke , ich habe immer etwas gesucht was ich erst dort gefunden habe - da kann man nichts bereuen. Wie ist das bei dir? Gibst du etwas auf , so daß es weh tut? Du kannst jederzeit zurück.” - “Eigentlich nicht...sonst wäre ich nicht zu einem solchen Schritt bereit. Wenn ich gesucht habe, wußte ich es nicht. Aber kaum hatten die Hausmanns angefangen zu erzählen, habe ich Herzklopfen bekommen und mich anfangs gefragt, warum eigentlich. Als hätte ich genau darauf gewartet.”

Alida nahm sie in den Arm, küßte sie “kann doch so sein? Manche Leute halten sich derart beschäftigt daß sie gar nicht merken daß ihr Herz ständig eine Frage stellt...?” - “Welche Frage?” Susanne sah sie mit weit aufgerissenen Augen an “ist das alles? Soll das mein Leben sein?” sagte Alida eher leise - Susanne sank fast in sich zusammen. “Du hast verdammt recht. Woher weißt du das nur?” - “ich war eine zeitlang in Köln, und da fand ich, das geht einigen Leuten so.” - “Vielen Leuten...” sagte Susanne im Flüsterton, dann küßte sie erst Alida, dann mich “werde ich eine Antwort bekommen?” - “Ganz sicher” meinte ich und nahm ihre Koffer auf “gehen wir?”

“So schnell es nur geht” erwiderte Susanne.

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