Arganthia, und weiter nördlich

Hier beginne ich, Norman, also noch einmal, und womit? Nun, Arganthia...die nördlichste Insel - durch die Arbeiten im Norden, die neuen Leuchter und den neuen Hafen, können wir Arganthia wieder besuchen. Die Gipfel ihrer Berge waren ja immer sichtbar, nun war auch die Ebene darum wieder aufgetaucht und die Gipfel wurden sofort auch mit Leuchtern bestückt um bald die gesamte Insel dem Meer zu entreißen; nicht daß man dort etwas vorhätte - sie soll nur wieder da sein, sichtbar und menschenleer wie in der Legende, denn diese Insel ist wirklich ein Wunder. Sie wurde im letzten Jahr wieder trocken, es war ein trauriger Anblick. Zerrissen durch Meeresarme weil das Wasser noch nicht ganz weichen will, die Hänge übersät von den kahlen Stämmen gewaltiger, aber toter Bäume, die ehemaligen Strände noch tief unter Wasser sah es so aus als würde der Zauber Arganthias auf immer Legende bleiben. Arganthia, halb trocken gelegt  Es war in diesem Frühjahr, und das war auch der Grund für Alidas Erzählung von Elévra, als sich das änderte.

Winterstürme hatten die toten Bäume gefällt, und als wir die Insel besuchten machten wir große Augen. Aus den alten Wurzeln keimte frisches Grün, die Insel lebte wieder und bis heute, es ist inzwischen Sommer, haben sich die Hänge mit jungem Buschwerk überzogen - es sind aber die alten Bäume, die sich wieder erheben wollen - unfaßbar für alle die es sehen. Es sind Atlantis-Pinien, die früher auch am Atalan standen; da sie aber ein enorm haltbares Holz liefern, gab es sie zuletzt nur noch auf dieser unbewohnten Insel - man hielt sie für nahezu ausgestorben. Daß sie nun wieder austreiben ist ein echtes Wunder. Einige wenige davon haben ja die lange dunkle Zeit lebend überstanden, hoch an den Hängen, wo sie aber nicht so riesenhaft wachsen. Sie brauchen den weichen Boden der Ebene.

Arganthia wurde dann gründlich untersucht; soweit man es nachprüfen kann, sagt die Legende wohl die Wahrheit - es wurde eine große Tropfsteinhöhle gefunden, die sich von Ost nach West durch den höchsten Berg zieht, nach Osten ansteigt und dort bei einer Felsplattform an die Oberfläche kommt. Im Westen endet sie in einer finsteren Schlucht. Auch ein Fluß mit einem hohen Wasserfall existiert, führt aber wenig Wasser. Wenn die Geschichte erfunden ist, dann von jemandem, der Arganthia gut kannte. Soweit das schon beschlossen ist, wird die Insel unbewohnt bleiben und in keiner Weise verändert; noch nicht einmal einen Hafen wird man bauen. Überhaupt bleibt der Norden unverändert, bis auf den schon erwähnten Hafen auf Illardia (der inzwischen allmählich zum Kern einer Stadt wird, die man inoffiziell “Illardis” nennt) für den Verkehr mit der oberen Welt; es ist und bleibt dort zu gefährlich, vor allem für Schiffe. Die zahllosen unterseeischen Krater und Spalten machen es zu unsicher für kleine Schiffe; und die Strömungen können auch große Schiffe in Bedrängnis bringen. So wird Nord-Avalonia wohl ein einzigartiges Naturschutzgebiet sein, unberührt seit tausenden von Jahren und die meisten Inseln nur per Gleiter zu erreichen - nur in einem Punkt wurde die bisherige Verfahrensweise geändert: auf die Berge wurden nun doch Leuchter gebaut und damit der Wasserspiegel gesenkt, der “Himmel” angehoben. Damit hat sich das jetzt flachere Meer ein wenig beruhigt, bleibt aber dennoch eine ungemütliche Angelegenheit; ich würde nicht mit der Saskia darauf herumfahren. Immerhin, das düstere Blau über der Region hat sich nun aufgehellt, die Gegend wirkt freundlicher, ist es aber nicht - bis auf Arganthia, wo es keine Vulkane gibt, auch nicht unter Wasser. Auf dem Weg dorthin mußten wir öfters Fontänen aus Lava und Wasser ausweichen, die direkt aus dem Meer aufsteigen. Ach ja, und sie bauen eine Brücke von Vanartis nach Illardia, das nun wenigstens teilweise wieder bewohnt sein wird.

Als wir aber dort ankamen, war das vergessen. Das kochende Meer lag hinter uns, direkt bei der Insel war es eher ruhig und auf der Insel selbst absolut still. Wir gingen die Orte der Legende besuchen und fanden sie gut beschrieben; nur die Bäume waren nicht groß, noch nicht...sonst aber fanden wir bestätigt was berichtet war. Wir kamen zurück und fanden neben unserem Gleiter einen zweiten am Strand; darin saß der alte Fuchs, Savonedor. Er lächelte uns an, und was wir dann hörten, das ließ uns aufhorchen.

Er hatte es niemandem gesagt. Unbemerkt und ganz allein war der Alte ausgereist, so wie es auch Alida einmal gemacht hatte, über dem Atalan direkt hoch. Dann war er nach New York gefahren und hatte dort geheime Gespräche geführt; stolz präsentierte er uns ein Dokument, unterzeichnet vom UN -Generalsekretär, das bestätigte ihm, Savonedor persönlich, den Besitz der Insel Rifé...grinsend fügte er dann hinzu, er könne nun seine Insel verschenken an wen er wolle - und er würde Rifé natürlich an Avalonia verschenken. “Und du hast unser Land gar nicht erwähnt?” - “Doch, natürlich, mußte ich ja. Und, stellt euch vor, man war nicht überrascht. Sie wissen davon...und halten den Mund. Sie sehen das wie wir, wenn Avalonia sich der Weltgemeinschaft anschließen will, willkommen, haben sie gesagt. Wenn nicht, auch gut. Daß wir Rifé ganz gut gebrauchen könnten, war ihnen völlig klar, und es hat ja kein anderes Land Ansprüche darauf angemeldet. Kein Problem also...woher wißt ihr Bescheid über uns, wollte ich wissen. Da haben sie gesagt, Man habe sich über den Falkland-Krieg Gedanken gemacht und als England sich derart für Adarnia interessierte, nachgeforscht. Dann habe es der Zufall ermöglicht;  ein Forschungs -U-Boot hatte seltsame Fotos mitgebracht auf denen ein großer Vulkan unter dem Meer zu sehen war, und lebende Bäume an dessen Hängen. Den Rest habe man sich zusammengereimt, und England höflich, aber sehr deutlich angewiesen, nicht weiter nachzuforschen. Ihr werdet es nicht glauben...aber ich habe eine Botschaft für Rathurnida, von der englischen Königin. Sie würde sich gern mit unserer Führung treffen, auch geheim, wenn wir das so wünschen, und ich habe dann Rifé vorgeschlagen. Die Queen wird das wohl inzwischen wissen; ich muß gleich nach Atlantis, habe hier nur Pause gemacht.” - “Hier? Bist du nicht über den Atalan oder Endrina gekommen?”

Savonedor lächelte wie immer, wenn er mehr wußte als wir. “Das weiß nur ich, daß es noch einen anderen Weg gibt. Hier, auf der Zauberinsel - wo denn sonst. Aber das muß Rathurnida entscheiden, ob das jeder wissen darf.” - “Ja gut...und wohin führt der? Sag’ nicht, nach Rifé.” - “Ich sage gar nichts. Ich muß auch los...auf diesen Tag habe ich lange gehofft. Macht’s gut, ihr zwei.”

Schon fuhr er los, wir blieben noch ein Weilchen und diskutierten was das werden könnte...Avalonia, als UN-Mitglied? Atlantis-Tourismus? Amüsant, aber etwas irreal. Sollte Arganthia erneut Avalonias Wege verändern? Es dauerte lange bis wir uns auf den Heimweg machten; zuvor hatten wir die Insel noch mehrmals tief überflogen und an ihrer äußersten Nordspitze, im Flachland, eine Kette wundervoller Seen bemerkt, Wasser floß über Terassen von See zu See, und dann ins Meer. Auf einem der Seen war uns etwas aufgefallen - unscheinbar, aber wer weiß? Eine Zeitung, halb schon versunken, die “New York Times”.  Wir hatten uns kurz angesehen und waren weiter gefahren....

Aber bald merkte ich daß etwas im Gange war. Ich arbeitete erst seit einigen Wochen wieder und zuerst war es so gewesen wie immer; dann herrschte plötzlich eine ungewohnte Hektik über uns, im Palast. Die Schreiber mochten uns nichts sagen; durften es wohl nicht, und wir versuchten uns einen Reim darauf zu machen daß Rathurnida offenbar mehrmals Konferenzen mit allen Bürgermeistern abhielt, und dann auch mit ihnen und dem Rat. Die dauerten lange , und Rathurnida war zugeknöpft, gab uns keine Auskunft außer “wir werden es rechtzeitig bekannt geben.” - “was denn, Rathurnida?” - “No comment.”

Hat man Töne...englische Sprüche...Alida tippte darauf daß sich Savonedor durchgesetzt hatte und überlegte, ob wir vielleicht diplomatische Kontakte aufnehmen würden  “ausgerechnet mit England? Kann ich mir nicht vorstellen.” - “Frag Savonedor.” Das tat ich, kam aber traurig zurück. Der alte Fuchs hatte wohl zum letzten Mal gejagt, er lag krank im Bett und sagte auch selbst, seine Zeit sei wohl abgelaufen  “ich fange an vergeßlich zu werden. Es ist vorbei, Norman - jedenfalls für mich. Aber das weiß ich noch, daß ich dir nichts darüber sagen darf was vorgeht. Aber sei dir sicher, es ist etwas sehr gutes.” - “ich schicke Alida zu dir. Sie wird dich kurieren.” - “das glaube ich nicht, aber sie kann es gern versuchen; ich bin aber nicht krank. Gegen das was mit mir vorgeht, gibt es keine Mittel.” - “Schaden kann es aber nicht.” - “nein, ich wäre auch froh für ein paar Monate mehr. Ich würde gern noch miterleben was ich dir nicht sagen darf.”

Alida ging sofort zu ihm als ich ihr davon berichtete, kam aber zurück und meinte, Monate, das würde schwierig. “Savonedor ist sehr schwach. Er hat sich zuviel abverlangt mit der New-York-Tour. Jetzt ist Rathurnida bei ihm; wenn überhaupt jemand, dann kann sie ihm helfen - für eine kurze Zeit noch.”

Er hatte wohl doch einiges erreicht, der Alte....

Können wir, dürfen wir, sollen wir...

Seinen Platz nahm Sonaldira ein, eine alte Heilerin die schon bei der Frage ob wir Malcolm das mit der Afrika-Flotte erlauben sollten, die Kritiker vertreten hatte. Und ausgerechnet diese schwierige Frau kam eines abends runter zu uns in die Redaktion, nach einer Ratssitzung. “Ich brauche euren Rat” sagte sie als wir uns wunderten “ich lag damals falsch mit meinen Bedenken, war auch nur selten und kurz in der Oberwelt. Ihr seid ja alle von oben...nun sagt mir eines, was wird passieren wenn wir Kontakte mit England aufnehmen?  Der Rat kann sich nicht einigen. Ist das leichtsinnig, wenn wir das tun?” Also doch, dachte ich und freute mich. Vera antwortete. “das kommt ja wohl darauf an was genau da laufen soll? Uns sagt man ja nichts. Also, was steht denn an?” Sonaldira wiegte den Kopf hin und her “also gut, das sehe ich ein, ich muß euch einweihen. Savonedor hat das eingefädelt. Ein Treffen, Rathurnida und die Queen, ganz im Stillen, ohne Presse, auf Rifé. Aber das lehnt der Rat hart ab - nicht auf Rifé, wenn schon, dann hier. Aber das heißt dann auch, die Elizabeth sieht Atlantis und einen Teil des Landes, mindestens. Genau das was der Secret Service jahrelang versucht hat. Und das ist doch riskant, oder?”

“Also, ich versteh ja nicht warum Rifé so eine schlechte Idee sein soll - neutraler Boden, oder? Aber egal ob hier oder dort, ist doch gut wenn England nicht heimlich einschleichen will, sondern an der Tür klingelt?” Sonaldira lachte. “Eine Verbesserung ist das sicher. Aber wer sagt mir was die Queen wirklich beabsichtigt? England wird uns nicht brauchen. Also warum, was meint ihr?” Vera breitete die Arme aus, wußte es nicht, wer kann das auch wissen. Holger schaltete sich ein. “habt ihr auch mal überlegt was wir wollen? Das fände ich den besseren Ansatz. Kontakt mit der oberen Welt - wäre doch gut. Überleg’ mal , vielleicht einen offiziellen Grenzübergang? Gegenseitige Anerkennung, und kein Ärger mehr mit Geheimdiensten? Ich frage mich nur ob England der richtige Partner dafür wäre. Aber mit der Queen reden, das kann kaum schaden. Macht das ruhig.”

Wieder lachte Sonaldira “macht das ruhig. Ihr müßt ja nicht für die Folgen geradestehen. Aber gut, lassen wir uns mal drauf ein - wäre Deutschland ein besserer Partner?”   Holger gluckste “ungefährlicher, aber auch schwieriger. Gibt es denn Kontakte zu anderen Ländern?” - “ja und nein...läuft alles über die UN. Aber bisher ist nur Elizabeth auf uns zugekommen. Könnte es um Adarnia gehen?” - “Gut möglich. Ha, sogar wahrscheinlich - könnte sein, England befürchtet etwas - Gebietsansprüche, von uns. Ist ja eigentlich ein Teil unseres Landes...gewesen.” - “Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Aber wir erheben ja keine Ansprüche.” - “Und wie soll England das wissen? Denk’ mal an Argentinien. Da hat auch keiner mit gerechnet.” Sonaldira zeigte Stirnfalten. “das ist ein Punkt” sagte sie langsam “gut überlegt. Wenn ich mir das so vorstelle...wir wissen viel über England, die kaum etwas über uns. Das könnte es sein. Ja, dann könnte man ja tatsächlich über so etwas wie einen Grenzübergang nachdenken. Ihr meint also, wir können das gefahrlos machen?”

“Mehr” sagte ich nun “ihr solltet das unbedingt machen. Und wenn es nur ein angenehmes Gespräch wird; freundliche Kontakte sind allemal besser als Schnüffelei. Und was soll uns schon passieren? Die Royal Navy kann nicht hier ‘runterkommen. Seid einfach nicht unnötig ängstlich, macht der Queen einen gastfreundlichen Empfang und zeigt ihr, daß wir niemandem schaden werden - man wird sehen.”  Sonaldira nickte bedächtig. “Gut, das ist wahr. Es ist halt neu, nach einer ewigen Isolation von oben angesprochen zu werden. Es steht bisher drei zu neun, dagegen. Rathi ist dafür...gut, ich jetzt auch.  Dennoch, es wäre schön wenn es auf Rifé ginge, aber das ist unmöglich.” - “Warum eigentlich?” - “na, weil Rifé nicht Avalonia ist. Wir haben da oben nichts zu sagen, die verwalten sich selbst.”

Großes Erstaunen in der Runde “was denn, Rifé ist bewohnt? Ich dachte das wäre eine verlassene Insel?” Vera beugte sich vor “Die Insel gehört uns doch jetzt?” - “Sie gehörte uns immer. Aber das ist so, man konnte ja nicht richtig hin, und schon gar nicht verwalten. Da leben die, die die griechische Krankheit haben, und Raucher, andere Sonderlinge. Die haben schon lange sowas wie eine Königin...also, sie nennt sich nicht so, Andira heißt sie, eine kräftige Frau, ganz handfest und gesprächig, aber sie läßt sich von uns oder Rathi nicht einfach was vorgeben. War ganz geschockt als wir ihr eröffneten, Rifé gehört jetzt offiziell zu uns. Das ist nicht ganz einfach, glaubt mir. Den Hafen dürfen wir benutzen, aber mehr auch noch nicht. Rathurnida war mehrmals oben, und versucht eine Einigung zu erreichen. Vielleicht, daß Andira Bürgermeisterin bleibt oder so. Aber wie ihr ja wißt, eigentlich müßten wir dann die “griechischen” Paare trennen oder strafen, und das will auch keiner. War bisher ganz praktisch, daß man ihnen sagen konnte, geht nach Rifé, da seid ihr auch in Avalonia, aber niemand wird euch vor den Richter zerren. Das ist nun vorbei, wie wir das regeln steht aber noch in den Sternen. Aber da ist noch etwas; Sonderlinge, auch in anderer Hinsicht. Rifé ist einfach nicht vorzeigbar. Alte Häuser, eher schlecht gepflegt, klein sind sie auch, einen Palast gibt es auch nicht - nichts, was einer Königin angemessen ist. Da oben legen sie ja so großen Wert auf Äußerlichkeiten, und da ist Atlantis doch besser geeignet.” - “Ein Grund mehr, Nägel mit Köpfen zu machen.” - “Ja, schon...”

Mir war nun klar warum man hier unten kaum solche Paare sah, aber was für eine Konstellation. Ab auf die Insel...furchtbar altmodisch, dachte ich, aber darum ging es ja nicht. Sonaldira war ganz zufrieden und ging wieder hoch. Einen Tag später erfuhren wir daß der Rat sich geeinigt hatte, die Entscheidung Rathurnida zu überlassen. Und die hatte dann zugesagt. Nun wurde also Elizabeth von England nach Atlantis eingeladen...

 Königin & Queen

Oh, wie umständlich. Die königliche Yacht Britannia kam nach Rifé, ankerte dort, und die Queen wurde freundlich aber distanziert von Andira begrüßt, durfte nicht an Land, und stieg direkt auf die XanthorII um, die sie dann nach Atlantis brachte. Dort, am Hafen, empfing Rathurnida sie sehr freundlich und geleitete sie zum Palast, wo der Rat wartete. Die Mannschaft der Britannia ging erfreut direkt zu Poseidon’s Faß, als sie mitbekamen daß sie sich frei bewegen durften. Eindeutig hatten sie etwas anders erwartet. Es waren viele Leute auf dem Platz, aber sie mußten sich in Geduld üben, Elizabeth war richtig verängstigt von der Tauchfahrt mit dem seltsamen Schiff. Sie bekam Cualarin, das half schnell und ließ die Queen staunen, wie dann auch die Stadt, als sie erfrischt auf die Terasse kam. Aber dann waren wir alle dran, mit Staunen. Sie sprach leise, aber deutlich, und was sie sagte...

“Volk von Avalonia” sagte sie langsam und sah sich dabei pausenlos um “ich höre, ich bin der erste Staatsgast seit tausenden von Jahren hier. Ich komme in Freundschaft, auch wenn ihr das vielleicht nicht erwartet habt. Mein Volk hat lange nach einem Land namens “Avalon” gesucht, es ist eine Legende bei uns, seit König Artus dorthin verschwand. Ich bin überwältigt dieses Land nun zu sehen, und traurig daß es Dinge gegeben hat, die man mir nicht berichtete...ich entschuldige mich für das, was Dummköpfe getan haben und nicht hätten tun dürfen. Ich verspreche...” sie kam nicht weiter, es gab Applaus. Man sah deutlich wie erleichtert Elizabeth nun war...”ich verspreche daß diese Leute hart bestraft werden und solche Dinge sich nicht wiederholen werden. Ich werde etwas Zeit brauchen um zu begreifen wie dieses Land existieren kann, unter der See...” dann sah sie sich um und fragte nach hinten, wo Rathurnida stand und einige Schreiber, ob denn niemand übersetzen wolle. “Nicht nötig” sagte Rathurnida nur, und keineswegs auf englisch. Aber Elizabeth verstand sie, und das verstand sie nicht...herrlich. “..und ich werde mir etwas Zeit dafür nehmen. Für heute ist das alles, ich muß sagen, ich bin mehr als überrascht.”

Sie bekam noch einmal Applaus, und ging dann mit Rathurnida wieder in die Palasthalle. Dort warteten der Rat, wir Journalisten, die Schreiber und einige Bedienstete der Queen. Irritiert fragte sie, ob denn die Gespräche öffentlich wären.  “Natürlich” sagte Rathurnida “jedenfalls die meisten. Wir verheimlichen fast nichts, und wenn, dann nur für kurze Zeit. Aber ich bin auch privat zu sprechen, wenn sie das wünschen. Aber dann bin ich nur Rathurnida, nicht die Königin.” Alida kniff mich in den Arm “wetten, sie hofft daß Elizabeth das nicht will?” Ich grinste, verkniff mir ein Lachen. Rathurnida zeigte auf die Sesselrunde in der Halle “My home is your home.” Nun lächelte Elizabeth, nahm Platz, sah in die Runde und fragte, mit wem sie es hier zu tun habe. Rathurnida erklärte kurz, der Rat - die Regierung. Dann die Journalisten, die Schreiber - das kenne sie wohl; und ein paar Freunde, Ehepartner. “oh” meinte Elizabeth “das ist weniger formell als bei uns. Aber gut, wir sind ja gekommen um etwas kennen zu lernen. Stillen sie bitte meine Neugier - wie ist es nur möglich daß wir hier nicht ertrinken?”  Wieder mußte ich mich beherrschen...Rathurnida zeigte ihr den Trick mit dem Wasserglas und dem Mélanaden, was die Queen nicht weniger staunen ließ als mich in Malcolms Urwaldhütte. “Und da rätseln unsere Gelehrten jahrhundertelang über den Satz von Artus, “ ich gehe nach Avalon, hinter dem Horizont .” Sollte jemand falsch aus dem keltischen übersetzt haben? “... unter dem Horizont? ” Sie lachte herzlich, das Eis war gebrochen.

Dann sah sie sich um. Stand auf “das ist außerordentlich...darf ich mich umsehen wie ein normaler Tourist?” - “Aber bitte. “ - “sagen sie mir, wann wurde das gebaut? Sie können doch die griechischen Tempel nicht gesehen haben? Und doch haben Sie das übertroffen?” Rathurnida folgte ihr “dieses Haus ist weit älter als der Parthenon. Fast doppelt so alt.” - “Ist das wahr...verzeihen sie meine Unkenntnis, aber bei uns existieren viele Vermutungen, wenig Wissen über dieses Land. Soll ich etwa die Überlieferungen von Plato als wahren Bericht ansehen? Sagen sie es mir.” - “Nicht ganz exakt, aber im Wesentlichen richtig. Wenn sie Zeit dafür haben, können wir Ihnen alles ganz genau erklären. Aber stillen Sie auch meine Neugier...was bringt Sie zu uns, um ganz direkt zu fragen .” Elizabeth blieb stehen und sah sich fasziniert einen kleinen Kristalleuchter an, sprach dabei langsam, wie halb in Trance “das eine habe ich eben draußen erledigt. Ich schäme mich für die Aktionen der Armee. Das Andere...Herrgott, sind Sie direkt. Nun, denn...man hat mir gesagt, es könnte sein daß wir die Falklands gegen Argentinien verteidigt haben, obwohl sie eigentlich zu Ihrem Land gehören. Sie können sich vorstellen, daß ich mich etwas unwohl fühle bei dem Gedanken...zumal, wenn man Plato ernst nimmt. Ihre Hohheit... ich befürchte einen weiteren Krieg, zumal unsere Armee...aber warum lachen Sie denn?”

Rathurnida hielt sich an einer Säule fest. Nun war sie dran, enorm erleichtert zu sein...”die schrecklichen Strahlenwaffen? Das Licht, das Feuer legt? Ist es das ? “ Elizabeth nickte “das, und Anderes.” - “Kommen sie, ich zeige Ihnen diese Dinge - im Museum. Lassen Sie die Hohheit weg, ich heiße Rathurnida. Elizabeth, wir haben keine Armee mehr. Seit über dreitausend Jahren nicht mehr. Wir brauchen sie nicht - Fische sind friedliche Nachbarn. Nichts läge uns ferner, als Ihr Land oder irgendein Land mit Krieg zu überziehen - und schon gar nicht für kalte Inseln und ein paar Schafe. Mein Gott, bin ich froh...auch bei uns gab es Bedenken  wegen Ihres Besuchs. Kommen Sie, kommen Sie...es wird Ihnen gefallen.” Sie hakte die zögernde Queen unter und zog sie einfach mit sich, ins Museum des Palastes. Unter uns kam leises Lachen auf..neben mir hustete ein britischer General oder sowas verlegen  und fragte dann etwas hilflos, ob es denn kein offizielles Programm gebe. “nein” sagte Alida ”wir sind unerfahren in Staatsbesuchen. Aber wir behandeln unsere Gäste gut, Sir. Es ist so als käme jemand privat - da geht man doch auf seine Wünsche ein, oder macht ihr das anders?” - “Privat nicht” lächelte der Mann “also behandelt eure Königin unsere wie eine Tante, die zu Besuch kommt?” - “So etwa” lächelte Alida “Und Sie auch. Was hätten sie denn gern?” Der Mann zögerte “was zum essen” sagte er dann” wenn das so informell möglich ist.”  - “Noch jemand hungrig?” fragte Alida nun und als einige nickten, sah sie nur zu den Schreibern. Die kamen an und fragten nach den Wünschen - natürlich war etwas vorbereitet worden, aber die Begegnung der beiden Königinnen war unerwartet verlaufen. Die Schreiber sahen ratlos zum Rat hinüber und bekamen die Anweisung, die beiden Damen im Museum abzuholen und in den Festsaal zu bugsieren. “Kommen sie , Herrschaften”  kam eine dünne Stimme vom Eingang her “der Hunger wird sie schon holen.” Savonedor. Gestützt von seinem Sohn, etwas blaß, stand er da und strahlte. Nun konnte er doch noch die ersten Früchte seiner Bemühungen ernten. “Wer ist das?” fragte der General “Rathurnidas Vorgänger.  Er hat diesen Besuch eingefädelt” sagte Alida und ging erfreut zu ihm, umarmte ihn - gemeinsam ging es dann in den Festsaal, wo ein gutes Essen bereit stand.

Er nahm neben uns Platz, der etwas steife Brite mit den vielen Orden auf der Brust. “Gestatten, Sir Edward of Mountbatten. Wenn Sie mir etwas beistehen würden...ich kenne weder die hiesigen Sitten noch das was man uns hier vorsetzt...?” - “Angenehm, Norman Weinstein, meine Frau Alida. Ja, also..ich kenne das gut. Vor fünf Jahren, als ich aus Hamburg hierherkam, ging es mir nicht anders. Aber seien Sie beruhigt, das Essen wird Ihnen weniger fremd sein als Sie denken, und es wird ihnen ganz unerwartet gut tun...”

So war es auch, der Mann war so schön überrascht....

Verlassen wir hier das formale Dinner. Danach waren wir ohnehin nicht mehr dabei, den Rest des Tages verbrachte die Queen und ihre Begleitung nur mit Rathurnida und dem Rat. Wir waren draußen, aber kein Schreiber informierte uns, die Türen blieben geschlossen  und wir genossen dann die Gerüchteküche im “Faß” wo wir auch die Wirkung avalonischer Sitten (keine Sperrstunde!) auf die dort heftig zechende Mannschaft der “Britannina” genießen konnten. Schließlich hatten die armen Teufel bisher nie eine Kneipe erlebt, wo die Getränke kostenlos sind und die Zeit schier endlos ist...niemand kümmerte sich um sie, der Rest der königlichen Begleitung war ja im Palast beschäftigt. Sie hätten sich sicher ins Krankenhaus gesoffen, wenn Polardor, den das sehr amüsierte, ihnen nicht regelmäßig eine Runde grünen Saft gebracht hätte “erst das, und dann könnt ihr weiter...” nur Tabak, damit konnte er nicht dienen. “bei uns rauchen nur die Berge...”

Wir fuhren erst spät heim, und hatten mächtig Spaß gehabt.

Noch eine Einführung

Ausschlafen konnten wir nicht. Es wurde laut auf dem Hafenplatz, und das waren nicht die morgendlichen Fischerboote. Rathurnida, mit der ganzen britischen Delegation im Schlepp, führte die wiederbelebte Stadt vor, was die morgendliche Routine am Hafen ganz und gar durcheinander warf. Kaum hatten wir gefrühstückt, klopfte Celinda ans Fenster. Ich öffnete, und sie war nicht allein. Hinter ihr stand der Sir mit dem Lametta auf der Brust, einige für hiesige Verhältnisse seltsam gekleidete Damen, und einige andere Militäruniformen mit desorientierten Männern darin. Ob wir wohl so nett wären, dieses Grüppchen ein wenig herumzuführen? “Rathurnida gibt der Queen eine privat-Tour, die wollen sich ungestört unterhalten - kümmert ihr euch bitte um den Rest? Deine Frau ist das ja gewohnt.” - “Aber gern. Kommt doch rein...nun, Sir Edward? Das Essen hat Ihnen sichtlich nicht geschadet.” - “nein, im Gegenteil, erstaunlich...” Er trat ein, die Anderen folgten ihm langsam. Er sah sich um, erstarrte als er sich das Innere des Hauses ansah “extraordinary... ja, leben denn hier alle in Palästen??? You must be a...oh pardon, sie sind ja Deutscher. Sie haben sicher ein hohes Amt?” - “ich bin Journalist, nicht mehr. Und deutsch...das war ich einmal. Sie können ruhig englisch sprechen, man wird sie verstehen - das erklärt Ihnen später meine Frau. Da kommt sie ja schon.” Sir Edward verbeugte sich tief, die Damen machte Hofknickse, und Alida lachte leise. “Ich bin Alida, und es ist mir peinlich wenn Sie so unterwürfig tun. Bitte gehen Sie mit uns um wie mit Ihren Freunden - okay?”

Sir Edward nickte etwas abwesend, sah sich pausenlos um. Wir setzten uns um den Brunnen herum, Und Alida fragte ob denn niemand im Palast Zeit gefunden hätte, ihnen ein wenig über Land und Leute zu erzählen. “Vielleicht wurde etwas gesagt, aber wissen Sie, wir waren und sind ganz erschlagen - als hätten wir einen fremden Planeten aufgesucht, sozusagen”  meinte Edward “man weiß ja nicht wo man hinsehen soll, bei der hiesigen Kleidung, oder nicht -Kleidung, und dann diese kunstvollen Bauten, das fremde, aber wunderbare Essen...und die Queen...ich muß sagen, Elizabeth habe ich noch nie so erlebt. Die hört nicht auf uns, spricht gar nicht mit uns - immerhin sind wir verwandt - sie läßt sich ganz auf diese wunderbare informelle Art Ihrer Königin ein. Und ich weiß nicht was ich zuerst fragen soll. Norman, das muß Ihnen doch bekannt sein, wo Sie doch aus Hamburg gekommen sind. Wo anfangen?”

“Bleiben wir bei den kunstvollen Bauten” sagte nun Alida “nein, wir leben nicht in Palästen, auch die Königin nicht. So sind unsere Häuser, und wenn Sie einen Moment daran denken, daß uns seit Jahrtausenden kein Krieg erreicht hat, sollten Sie das leicht verstehen können. Ein Haus wie dieses wird nicht von einer Generation gebaut - da haben viele, viele etwas dazu getan.” - “Oh ja...dieses Glück hatte wohl nur ein Volk, Ihres. Wir können uns das kaum vorstellen . Aber gut, das erklärt so manches. Aber diese Schamlosigkeit...Rätsel über Rätsel, sowas kenne ich von primitiven Völkern, aber das kann man ja hier nicht sagen. Sie haben sich komplett anders entwickelt als der Rest der Welt...wenn ich eines verstehe, dann, daß Sie lange gezögert haben, mit uns da oben Kontakt aufzunehmen.”

“Wir zögern noch” warf ich ein “gerade mit britischen Behörden haben wir unangenehme Erfahrungen gemacht. Sie stehen dem Hof ja nahe, warum das alles? Jeder der in Frieden kommt, wird freundlich aufgenommen. Es waren auch schon Angehörige Ihres Königshauses hier, warum denn Polizei, Geheimdienst, Militär? Sie haben einen Teil unseres Landes besetzt, und hat Avalonia das etwa zum Anlaß genommen, England Schwierigkeiten zu machen? Kein bißchen. Können Sie mir das erklären?” Alida sah mich strafend an, aber das mußte einfach sein. “Ja, wissen Sie...” begann Edward zögerlich “sie hat das nicht angeordnet, hat ja auch nicht allzuviel zu sagen. Elizabeth war schockiert als sie davon erfuhr. Und dann haben wir angefangen zu ahnen, daß wir die Falklands, die ja wohl Ihnen gehören, gegen Argentinien verteidigt haben und dann versucht haben, Ihr Land auszuspionieren. Die UN haben uns dann darauf angesprochen, und so kam das ins Rollen. Die Queen hat sich entschuldigt..bitte nehmen Sie das doch an.”

“Es ist angenommen. Wir fragen uns nur alle, warum? Sie sehen ja, wie Leute aufgenommen werden, die freundlich daherkommen.” - “ja, und es beschämt uns. Wir haben da ein Problem mit dem Militär...klingt komisch, ich weiß, ich gehöre ja dazu. Aber es ist so, die haben das heimlich gemacht, weder die Regierung noch die Queen war informiert. Ich auch nicht...das ist keine Entschuldigung, es war einfach so.”

“Laß mal, Norman” sagte nun Alida “Es ist ja hoffentlich vorbei. Und sehen Sie Sir Edward, mit dem Militär gibt es eben Probleme - und die haben wir schon lange abgeschafft. Kommen wir doch zu näherliegenden Dingen. Sie sagten “Schamlosigkeit” - und das stimmt nicht. Aber warum sollten wir uns dafür schämen, wie wir sind, wie Gott uns geschaffen hat? Da war doch etwas mit der Schlange, und Gut, und Böse...und dann schämten sie sich vor Gott...wissen Sie was ich meine?” Edward erstarrte. “Natürlich weiß ich was Sie meinen. Das ist aber super-radikal...und das ist hier allgemeine Auffassung?” - “Man sollte sich schämen wenn man etwas schlimmes getan hat - sonst nicht.”  Edward schluckte, wandte sich zu den steif und stumm da sitzenden Damen “das sind hier radikale Christen...wer hätte das gedacht...” - “Nein, so nicht” sagte Alida “wir kennen das Christentum gut, und akzeptieren es voll und ganz, aber das ist es nicht. Wir sehen das schon etwas länger so, wir haben die Armee fast eineinhalbtausend Jahre vor Christus abgeschafft. Das war eine lange, langsame Entwicklung, und diese Kleidung ist eher nebensächlich. Aber sagen Sie doch selbst, dies ist ein vulkanisches Land. Ich würde verrückt vor Hitze und Durst, wäre ich so gekleidet wie Sie das sind. Sie müssen doch schwitzen wie in der Sauna?”

Nun kicherten die Damen - natürlich war das so. Edward hustete verlegen, dann gab er es zu. “ist es hier überall so warm, und so feucht?” - “Denken Sie daran, wir sind von Wasser ganz und gar umschlossen. Frost kann es also nicht geben, und Vulkane sind fast überall...ja, natürlich ist es überall so, oder fast überall. Wir könnten Ihnen die üblichen Umhänge leihen, bevor wir auf Tour gehen? Sie würden weniger schwitzen, und überhaupt nicht als Fremde auffallen.” Edward erstarrte. “man würde uns anstarren...ach so...nein, es ist ja üblich. Ja, was meinen Sie, meine Damen? Hätten Sie den Mut?” Alida lachte herzlich “den würden Sie in London brauchen - und dort wäre solche Kleidung eine Dummheit, sie würden sich sofort erkälten. Hier aber nicht. Es ist auch nicht verpflichtend, je nach Geschmack - es gibt undurchsichtige Umhänge, Regenumhänge, sehr derbe die man in manchen Berufen braucht - aber keine Vorschrift, was zu tragen ist. Muß jeder selbst wissen, wie er es mag.”

 Einige Minuten später ging Alida mit den Ladies nach oben, ich nahm Edward in Schlepptau. Weniger überhitzt und ortsüblich gekleidet trafen wir uns dann am Brunnen wieder. Aber bis sich das Grüppchen aus dem Haus zu gehen wagte, löschten sie ihren Durst und sahen  noch lange aus den Fenstern - da war nun mal kein Mensch anders gekleidet als wir, die Tour konnte beginnen.

Also, Conartis, der Hafen, dann eine kleine Runde im Gleiter über die Westkette, und direkt hoch auf den Atalan. Fassungsloses Erstaunen, ziemlich lange, als Alida dort am strahlenden Beispiel die Mélanaden erklärte, und warum Avalonia eben nicht überflutet wurde. Das Kleidungsthema war längst vergessen, nun ging es um die Isolation des Landes, die völlig andere Technik und schließlich, das Wesentliche, die friedliche Freundlichkeit der Menschen hier, wie es Clarissa Havilland ausdrückte, die bislang kein Wort gesagt hatte “da kommt eine Königin hier an, aus einem Land, das Ihnen große Schwierigkeiten gemacht hat. Und Ihre Königin tut, als begrüße sie eine alte Freundin, ist nach Minuten mit Elizabeth per Du, wir alle können es kaum glauben...und jetzt sind wir abgemeldet, die beiden gekrönten Damen touren allein durchs Land, wie alte Kumpels. Da ist doch irgendein Zauber dabei, eine Magie die wir nicht kennen, oder gar eine Droge?” Alida schüttelte lachend den Kopf. “Nichts von alledem. Wir hatten alle Bedenken, wie Sie sagen - ausgerechnet England. Aber die Queen hat sich entschuldigt, und war so freundlich wie man es sich nur wünschen kann. Da hat eben Rathurnida die ausgestreckte Hand ergriffen, und sucht nun Freundschaft zu Elizabeth. Das wollte die Queen doch wohl auch...sehen Sie das anders?”

“Nein, sicher nicht...ja, lassen wir die highnesses. Und wir? Suchen Sie Freundschaft zu mir?” - “Aber ja, Clarissa.” - “Und wie geht das? Bei uns trinkt man darauf.” - “Wir machen das etwas direkter” lächelte Alida “aber du wirst schockiert sein.” - “Ich werde es überleben. Bring’ mir bei, so direkt, so informell zu sein. Es gefällt mir.”  Sie kicherte “jedenfalls hier...”

Alida brachte es ihr bei. Beim ersten Kuß wurde Clarissa stocksteif, beim zweiten etwas weicher, dann umschlang sie Alida, sie küßten sich minutenlang. Nach einigem Zögern konnte ich mich dann überzeugen daß Engländerinnen durchaus küssen können...wieder was gelernt. Etwas Unsicherheit war schon dabei, natürlich mußten wir dann erklären was es bedeutet, und was nicht. Aber es kam an  “Wir werden wohl kaum genug Zeit haben das alles zu verstehen” sagte Clarissa und beruhigte sich allmählich, die Verlegenheit war schon deutlich  “ich wage nicht daran zu denken was möglich wäre wenn ich einen Mann daheim so umarme.” - “Denk’ ruhig daran, genau das” sagte Alida schmunzelnd “ich habe aber nicht gesagt, geh hin und mach das überall so. Die Sitten sind nun mal verschieden, je nachdem, wo man ist.  Wir sind friedlich, und benötigen weitaus nicht so viel Distanz wie Menschen, die nicht oder nicht immer friedlich sind.”

Natürlich zog das Kreise. Edward ließ es sich nicht nehmen, auch Alidas Freundschaft zu suchen,  und ich tat das mit einer Diana und einer Eve...drei weitere Damen hielten sich beobachtend zurück....schade. Auf dem Rückweg erklärte dann Alida noch mehr aus den Gesellschaftsregeln, was erneut Erstaunen auslöste “was, kein Gefängnis??” - “Schon, aber es steht meist leer.” - “Und kein Geld!! Wie kommt man nur klar ohne solche Mechanismen...” - “Seht euch einfach um, ich beantworte alle Fragen.”

Dann ging es also runter auf den Markt von Atlantis, ins Museum..der Tag war voll mit Besichtigungen, und endete mit ehrfürchtigem Schweigen in der Kelchkirche von Vanartis. Dann...”ist unser berühmter Artus hier eigentlich bekannt? Er wollte ja wohl hierher - ist er auch angekommen?” - “Tja, ich fürchte, hier war er nicht berühmt. Ich weiß nichts davon, aber fragt Rathurnida, die weiß mehr über alte Geschichten.” - “Konnte er denn überhaupt hierher kommen? Gab es einen Weg?” - “Ja. Es gab ihn und es gibt ihn noch. Inzwischen geht es aber viel bequemer, mit der Fähre die euch hergebracht hat.”

Wir hatten absolut nichts erfahren, was Rathurnida und Elizabeth anging; und als wir die Gruppe im Palast ablieferten, waren sie noch nicht zurück. Alles was Celinda wußte, sie waren zuerst zur Kristallwelt gefahren. Da niemand wußte was sie dann getan hatten, nahmen wir ganz erstaunt an daß Elizabeth wohl auch landestypische Kleidung angelegt haben mußte; denn in ihrem hellblauen Kleid mit breiten Hut war sie aufgefallen wie das hier nur irgend möglich ist....man erging sich allgemein im Rätselraten, wir beteiligten uns ein wenig, aber das machte uns auch nicht schlauer. Voller Vermutugen die ich hier nicht erwähnen möchte weil ich es ja inzwischen besser weiß, ging es heim.

Die Überraschung

Der dritte Tag des Besuchs begann ruhig. Bei uns in Conartis war alles wie immer, erst als ich in der Redaktion aufkreuzte wurde mir schnell klar daß etwas ungewöhnliches im Gange war. Der Palast hatte die für den vergangenen Abend geplante öffentliche Konferenz mit Bürgermeistern, dem Rat und der britischen Delegation ohne Angabe von Gründen abgesagt; und auch am Morgen war kein Wort zu erfahren, was da vorging. Bei uns unten war also Leerlauf, und oben waren alle Türen geschlossen. Auch Edward oder die Damen waren nicht zu sehen, dafür füllte sich der Platz allmählich mit Leuten, die ebenso neugierig waren wie wir. Da waren wir dann schon froh als wir den alten Savonedor trafen, der auf einer Bank vor den großen Türen ausruhte. “Noch nicht einmal mir sagt man etwas” schimpfte er schlecht gelaunt “dabei habe ich doch kaum noch Zeit. Aber das kann ich euch sagen, der ganze Zeitplan ist hinüber , da drinnen herrscht Chaos. Die hohen Damen haben sich heimlich aus der Kristallwelt verdrückt, waren bis in die Nacht verschwunden und haben alle unnütz warten lassen. Dann kamen sie schließlich und sind sofort in Rathurnidas Arbeitszimmer verschwunden, Tür zu, aus. Die britische Delegation ist, milde ausgedrückt, stinksauer - und was unsere Leute angeht...die haben echte Sorgen. Das ist gar nicht die Art hier, alle herumrätseln zu lassen. Wie war’s denn, mit der zweiten Garnitur?”

“Ach, die waren richtig nett, aber auch nicht informiert. Man hat sie einfach bei uns abgegeben, aber heute sehe ich sie auch nicht.” - “Die sind drin” sagte er “kamen schon ganz früh. Aber das war’s auch schon, was ich erfahren konnte. Und dann diese Gerüchte...” - “Was für Gerüchte?” - “Die Xanthor ist heute Nacht, oder besser früh am Morgen, nach Rifé gefahren und schnell zurück gekommen. Da sind dann einige Leute ganz eilig hier reingegangen, richtig vermummt, nicht zu erkennen wer das war. Na, ich kenne ja Kapitän Heldor gut...er sagt, weiß es aber auch nicht genau, das könnten Mitglieder der britischen Regierung gewesen sein. Waren mit dem Hubschrauber in Rifé angekommen und sofort in die Xanthor umgestiegen. Da muß etwas sehr wichtiges im Gange sein, sag ich euch. Aber da ist ja Fenador...schnell, haltet ihn fest. Der wird Bescheid wissen.”

Fenador war aus einer nur halb geöffneten Tür gekommen die sofort wieder geschlossen wurde, wollte schnell an uns vorbei. “Nicht so eilig” sagte Holger nur und hielt ihn fest. “Savonedor wird bald die Türen mit dem Stock bearbeiten, Fenador. Was geht da drin vor?” - “Oh...er sah sich um, aber nur wir hatten ihn umringt “..nichts schlimmes, ganz im Gegenteil. Die Königinnen verstehen sich unerwartet gut, und da ist etwas ins Rollen gekommen...aber bitte, Geduld. Sie werden es bald selbst sagen, hier auf dem Platz, öffentlich.” - “Keine Konferenz mehr?” - “Unnötig. Aber laßt mich jetzt, das ist wichtig.” Er riß sich los, ging zur Balustrade, breitete die Arme aus “Bürger, Ruhe bitte.” Er hatte sofort die volle Aufmerksamkeit, das Gemurmel verstummte. “Geht heim und sagt es herum, in einer halben Stunde sollen alle herkommen die es irgendwie schaffen. Es wird eine Abstimmung geben, also bitte alle herschleppen die ihr zu fassen bekommt. Nun los, die Zeit ist knapp genug, aber es muß sein.”

Der Platz leerte sich schnell, und Fenandor verschwand wieder. Aber die Tür wurde nicht wieder geschlossen, und Savonedor ging mühsam hinein. Wir folgten ihm, aber die große Halle war fast leer. Er ließ sich in einen Sessel fallen, wir fingen an, Celinda, die allein am Empfangstisch saß, mit Fragen zu nerven. Schließlich gab die junge Frau nach...

“Also, ihr hört es ja ohnehin gleich. Diplomatische Beziehungen zu England sind fest vereinbart, und es gibt noch etwas obendrauf, aber das verrate ich nicht. Die britische Regierung ist hier....und nun dürft ihr noch ein paar Minuten raten - wunderbar, sage ich euch. Aber sie wollen das selbst verkünden, die hohen Damen. Geht raus auf den Platz, hier drin findet nichts mehr statt.” Sie schrieb weiter in einem Buch - was sollten wir tun, wir gingen auf den Platz der sich wieder füllte, schnell und gründlich. Bald waren auch alle Straßen voller Menschen, die Treppe, der Hafenplatz...es war fast still, man wartete geduldiger als wir es waren.

Dann kamen sie. Rathurnida, Elizabeth, und hinter ihnen alle die so lange gewartet hatten. Richtig feierlich, die Haltung, allein das sorgte für totale Stille, vielleicht auch der seltene Anblick den Rathurnida bot - sie trug ihre Krone. Langsam trat sie an die Brüstung “Freunde, Bürger! Danke daß ihr so schnell hergekommen seid. Es ist etwas zu beschließen, was weder der Rat noch ich allein tun können. Hört die Königin von England!”   Elizabeth trat vor. “ich bin überwältigt...” begann sie mit dünner Stimme “...von dieser Art etwas zu beraten.” Dann hustete sie, und klang nun deutlicher. “Königin Rathurnida und ich haben beschlossen, zwischen unseren Ländern freundschaftliche Beziehungen zu etablieren. Wir wollen Botschafter austauschen, die Differenzen die es einmal gab, sollen für immer Vergangenheit sein. Wir möchten euch bitten, hebt die Arme, wenn ihr damit einverstanden seid.” Sie trat zurück, aber ihr “richtig so?” zu Rathurnida konnten wir doch hören. Rathurnida nickte...sagen konnten sie nichts, denn es gab lauten Beifall. Soweit ich das sehen konnte, gingen alle Arme hoch. Rathurnida bat dann um die Gegenprobe, und die wenigen erhobenen Arme lösten allgemeines Gelächter aus. Aber das war noch nicht alles...

Als es ruhiger wurde, sprach Elizabeth erneut. “Als ich hier ankam, habe ich mit großer Freude das Land gesehen das wir als “Avalon” kennen und lange gesucht haben. König Artus würde es so machen, fiel mir dann ein, und auch wenn ich ihm nie begegnet bin - ich mache es. Großbritannien gibt Ihnen allen hiermit die Inseln zurück, die wir Falkland genannt haben. Also Tenar, wie es hier heißt. Wir haben sie besetzt, in Unkenntnis der Tatsache daß dieses Land nicht leer und ohne Besitzer war, wie wir dachten. Alles was wir dafür erwarten, ist,  daß aus Mißtrauen und großer Vorsicht ehrliche Freundschaft wird. Ich habe Rathurnida zu uns eingeladen...ach, hätten wir nur gewußt wie nah wir dem Land waren das wir nie finden konnten...”

Weiter kam sie nicht. Ein unbeschreiblicher Jubel brach aus, die Leute drängten die Treppe hinauf und was dann kam, nennt man wohl “Bad in der Menge” - auch wenn Elizabeth anfangs irritiert wirkte. Bald sah ich sie nicht mehr, nur die hochgewachsene Rathurnida, oder besser ihre Krone, ragte noch aus dem Gewühl. Dafür sah ich Edward und drängte mich zu ihm durch. “das sind News, was?” grinste er mich an “wir waren alle überrascht. Aber den Ärger um Falkland waren wir schon lange leid...nun sag schon was.” Ich freute mich erst einmal an seiner lockeren Art zu reden...”Ach, Edward...daran hätten wir wohl zuletzt gedacht. Aber wie denn? Da sind doch tausende von englischen Staatsbürgern, die dort leben. Was genau habt ihr denn vereinbart?” - “Oh, hallo, der Journalist wird wach. Ganz einfach. Für zwei Jahre verwalten wir die Inseln gemeinsam, und die dortigen Briten können sich in Ruhe entscheiden, ob sie heimkehren oder Bürger Avalonias werden wollen. Rathurnida hat zugesichert daß niemand wegen gewisser Dinge bestraft wird - und wir, daß wir diesem wundervollen Land in jeder Weise beistehen werden, auf dem Weg zurück in die Völkergemeinschaft. Hast du die Queen gesehen? Sie ist ganz und gar fasziniert, so kenne ich sie gar nicht. Und die Regierung hat schon zugestimmt. Also, das hätte ich nicht erwartet...”

Wir ja auch nicht. Aber es gab nichts zu bereden, die allgemeine Freude war ansteckend. Die Zeit verging schnell im allgemeinen Jubel, und schon lag die Xanthor bereit, die Gäste zurück nach Rifé zu bringen. Bis das Schiff abfuhr, waren sie von Menschen umringt und Rathurnida begleitete sie persönlich aufs Schiff, fuhr mit - die Menge blieb und feierte weiter.

Einer wurde leider nicht gefeiert. Auf den Tod müde, saß Savonedor allein auf einer Bank bei den großen Türen, sah aber auch sehr zufrieden aus. Am folgenden Morgen saß er noch immer dort. Er war in der Nacht gestorben, sein Gesicht lächelte so daß es lange dauerte bis man bemerkte daß er gegangen war, still und unbemerkt, während das Volk unten feierte.

Die zwei Tore zur Welt

Am nächsten Tag hatten wir Journalisten natürlich alle Hände voll zu tun. Wir bekamen den Vertrag und sorgten dafür daß alle Bürger ihn studieren konnten, und noch nie zuvor hatten sich so viele Menschen um die großen Scheiben gedrängt, die ihnen Auskunft gaben was genau vereinbart worden war. Erst am Abend fiel uns auf was weiter oben im Palast schon Sorgen auslöste, Rathurnida war nicht zurück gekommen. Wir überlegten nicht lange. Mit der letzten Fahrt der Xanthor fuhren wir nach Rifé, das wir ohnehin schon länger einmal besuchen wollten. Vera kam mit, der Rest von uns ging ziemlich erschlagen heim. Auch Alida und ich gähnten ein ums andere Mal, während das seltsame Schiff den weiten Weg zurück legte.

Das tropische Tor, Rifè

Hitze erwartete uns. Ganz anders als Adarnia, liegt Rifé ja in tropischen Breiten, und auch am Abend war es noch schwülwarm als wir ausstiegen. “Das ist ja erstaunlich” meinte Vera als wir uns umsahen. Wir standen auf dem Kai einers kleinen Hafens, vor uns eine ebenfalls nicht große Stadt die etwas von Brasilien hatte. Weinlaub umrankte etliche Lokale am Hafen, darüber ungepflegte, alte Häuser deren Farben unbedingt aufgefrischt werden müßten, fiel mir sofort auf. Über der Stadt drei steile Berge, einer davon rauchte leicht. Aber auch dieser war bis zum Kraterrand mit dichtem Wald bedeckt. Fast die ganze, wirklich nicht große Insel bestand aus diesen Bergen, nur die Stadt nahm einen einigermaßen ebenen Grund ein, der aber leicht anstieg. Alida wandte sich an Kapitän Heldor “wo in diesen Gassen könnte wohl Rathurnida stecken?” - “Ach, wenn ich das wüßte. Am besten, ihr geht zu Andira, sie ist sowas wie die Chefin hier. Das Haus mit den roten Balkonen, da drüben.Wenn sie nicht dort ist, weiß Andira sicher weiter.” Ich hätte ja lieber so eine Bodega aufgesucht...

 Die Straßen von Rifé sind eng. Wir brauchten etwas Zeit, uns zu dem Haus durchzudrängeln, es war erstaunlich voll  - noch vor kurzem hatten wir ja angenommen, Rifé wäre verlassen - aber das war es wirklich nicht. Und ganz schön laut dazu...das nahe Südamerika ließ grüßen. Dann klopften wir an einer geschnitzten, altersschwarzen Tür.

Eine stämmige rothaarige Frau öffnete. “Wer seid ihr denn?” fragte sie sofort und recht laut “ihr seid nicht von hier. Was gibt’s?” - “Wir suchen Rathurnida. Ist sie hier?” sagte Alida einfach und die rothaarige legte den Kopf schräg “wer will das wissen?” - “Alida und Norman Weinstein, Conartis. Nun?” Die Frau legte den Kopf zurück und brüllte nach hinten “hey, kennst du eine Alida, einen Norman? Dürfen die ‘rein?” - “Aber ja doch” kam es lachend zurück - Rathurnida. “Na, dann kommt schon” brummte die rothaarige und öffnete die Tür ganz. “Conartis, wie? Tropft wohl noch ein wenig?” sie lachte. “Was hier neuerdings so alles aufkreuzt...aus ist’s mit der Abgeschiedenheit von Rifé. Tja...also, ich bin Andira, und ich war sowas wie die kleine Königin dieser Insel. Willkommen.” Sie umarmte uns, führte uns in ein großes Zimmer. Da saß Rathurnida, ungewöhnlich heiter, und die Luft hatte einen wohlbekannten Geruch, Marihuana.  Alida staunte wortlos, und schon beantwortete die Königin die Frage die Alida nicht laut ausgesprochen hatte. “Wäre ich in Hamburg, hätte man mir wohl Bier vorgesetzt, was?  Nun, hier ist es eben Gras.” - “Jaja...ich sag’ ja gar nichts. Aber du bist doch sonst so abgeneigt was diese Dinge angeht?” - “ich ja - Andira nicht. Und wir haben wichtiges zu regeln, da lege ich mich nicht wegen Kleinigkeiten quer. Aber das Zeug macht höllisch durstig, ich warne euch.”

Wir setzten uns. “Und was regelt ihr?” fragte ich nun laut. ”Na, Rifè eben. Wir haben es ja sozusagen wieder übernommen, und da gab es ein paar Dinge...ja weißt du denn nichts davon? Hier leben die, denen unsere Regeln zu streng sind, die aber schon gar nicht in einem anderen Land leben wollen. Andira, erzähl du das.” - “Ja wißt ihr...die mit der “griechischen Krankheit”, die Raucher, Republikaner, Anarchisten und Leute denen das Wasser über dem Kopf Angst macht, sozusagen. War fast Anarchie, bis der alte Fuchs das geändert hat.” - “Aha...und jetzt gelten auch hier die Regeln wie im ganzen Land?” - “Eben nicht. Rathurnina und ich haben da was ausgekungelt, damit können wir und Avalonia gut leben. Tja...ich war sowas wie eine Königin, jetzt bin ich nur noch Bürgermeisterin von der Stadt Rifé, mehr nicht. Aber hier in der Stadt bleibt alles wie es war, und da drüben...” sie zeigte nach Westen “auf dem flachen Felsplateau, das bisher unbewohnt ist, wird ein großer Hafen gebaut und ein Neu-Rifé - dort gelten eure Regeln. So sind alle zufrieden, wenn euer Rat dem zustimmt.” - “Wird er” sagte Rathurnida ruhig “wir haben schon mächtig geschwitzt bei dem Gedanken, wie man das machen könnte. Wir wollen ja auch nicht Bürger vergraulen, wirklich nicht.” - “Nicht mehr” sagte Andira mit strengem Blick “du hast mich damals ganz schön zusammengestaucht, nur weil ich mit drei Frauen zusammen gelebt habe.” - “Mußte ich doch. Außerdem war ich neu im Amt, unerfahren - als Schülerin mochte ich dich, als weiblichen Casanova weniger.” -”Man ist wie man ist” sagte Andira lächelnd “und eine Frau reicht ja auch. Und du hast mächtig dazugelernt...also...” sie sah zu uns “wir sind uns wieder einig. Und ich muß mich einer Wahl stellen, sowas. Als wäre ich jemals Chefin geworden, wenn sie mich nicht haben wollten, unsere verrückten Riféner.”

Sie ließ eine Pfeife kreisen - ich kannte das ja aus verrauchten Kneipen überall auf der Welt, aber Alida rauchte auch mit - ohne einen Hustenanfall zu bekommen, alle Achtung. Dann gab es Tee, und der war auch bitter nötig.  Sagenhaftes Kraut, das...und die beiden Chefinnen äußerst lustig drauf. “Bleibt über Nacht” sagte Andira dann “es fährt heute ohnehin nichts mehr nach unten. Und morgen seht euch mein schönes Rifè an, ja? Dann könnt ihr meinetwegen Rathurnida mitnehmen.”

Wir schliefen sehr südamerikanisch, in Hängematten auf einem Balkon, äußerst ungewohnt, aber nicht so heiß wie im Haus selbst. Morgens führte uns Andira dann herum, durch die kleine Stadt, aber auch zu Kaffee- und Marihuana-Plantagen. So sahen wir dann die kahle Felswüste, knapp dreißig Meter über dem Meer, wo die neue Stadt und der neue Hafen entstehen sollten. Fester Grund, aber ziemlich öde. Eine winzige Insel vor der kleinen Insel. Andira verstand diese Gedanken gut “wir hatten auch schon darüber nachgedacht, dort etwas aufzubauen. Aber für uns wenige ist das zu hart. Mit der Hilfe vom ganzen Land sieht das anders aus, und schließlich wäre unser Hafen ja auch viel zu klein - schon die Britannia hat ihn ja fast blockiert, und die Xanthor paßt gar nicht hinein. So kann er bleiben wie er ist - gute Lösung.” - “Und diese Vulkane? So dicht über der Stadt - sind die harmlos?” - “Ach, unsere Kettenraucher. Der nördliche und der südliche Gipfel, die sind schon lange eingeschlafen. Nur der Mittlere raucht noch ein wenig, der wird wohl auch bald am Ende sein. Wir erzählen unseren Kindern gern, da drin sitzt ein Zwerg namens  Pifarator, der ständig kifft. Nein, wenn ihr nicht gerade am Kraterrand steht wenn er sich mal rührt, ist nichts dabei.”

Rathurnida nickte dazu “gut zu hören. Aber eine Brücke bauen wir auch, da hinüber. Rifé und Rifé-neu  werden zusammenwachsen. Und zusammen wachsen. Unser neues Tor zur Welt...Andira, warte mal ab. Königin einer verfallenden Stadt, oder Bürgermeisterin einer blühenden Stadt? Ich wüßte was mir lieber wäre .” Andira war ganz still, man sah ihr den Stolz an, diesem tropischen Paradies vorzustehen...

Das kalte Tor, Tenar, oder die Malvinas, oder Falklands

“Tja...und vom heißen zum kalten Tor. Kommt ihr mit? Nach Tenar muß ich ja auch noch. Mich denen vorstellen, die vielleicht bald neue Bürger werden. Die werden ihre Sorgen haben..seid ihr dabei?” fragte Rathurnida; reine Rhetorik, sie wußte ja daß jedenfalls Vera und ich das nicht ablehnen konnten, aber Alida kam auch mit. Also, Sonderfahrt mit der Xanthor, ohne zu tauchen. Über Avalonia hinweg strack nach Süden, bis die kalten Klippen von Tenar auftauchten. Wir saßen ausnahmsweise auf dem aalglatten Deck, bis es einfach zu kalt wurde. Und das seltsame Schiff steuerte direkt den Hafen von Stanley an, wo es sofort zu einem Menschenauflauf kam...

Ein älterer uniformierter Herr empfing uns, Sir William Bankshire, seine Zeichens Gouverneur auf Abruf, wie er mit leisem Spott bemerkte.  Dann fuhr ihm der Respekt in die Knochen als sich Rathurnida vorstellte “angenehm, Rathurnida, Königin von Avalonia.” Er machte eine tiefe Verbeugung “Majestät...niemand hat mir das angekündigt...wir sind gar nicht vorbereitet.” - “Lassen Sie mal, Sir William. Es kam eben etwas plötzlich...so, dann zeigen Sie mir mal ihr Reich.” - “mein Reich ist gut...ja, kommen Sie. Hier geht es allerdings weniger königlich zu. Dürfen wir hoffen, jetzt nicht mehr ganz so am Ar...Ende der Welt zu sein?” Rathurnida lachte herzlich. “Ganz sicher. Avalonia ist nicht so weit weg wie England.”

Meine Nerven, er kutschierte uns in einem alten Jeep herum!  Vera fand das großartig, jedenfalls am Anfang. Und was gab es zu sehen? Felder, Schaffarmen , eine Textilfabrik und einen mickrigen Berg, kahl und grau, wie auch auf Adarnia. Zwischendrin fragte er dann, ob denn Avalonia Pläne hätte, was mit den Inseln anzufangen wäre. “Wenig” antwortete Rathurnida” wir wurden genauso überrascht wie Sie.  Bisher nur, daß wir den Hafen beträchtlich erweitern werden um ihn für den Warenverkehr zu nutzen. Es ist lange her, daß wir auf Tenar etwas zu sagen hatten. Ich denke, wir sollten uns zusammensetzen und das gemeinsam aushecken.” Das freute Sir William sichtlich “das klingt ja fast so, als würden Sie auf unsere Meinung wert legen?  Gehen Sie denn nicht davon aus, daß wir Briten abwandern werden?” - “Aber nein, warum, denn wenn Sie hier zuhause sind? Bitte, wir wollen doch Niemanden vertreiben. Ich bin hier weil ich mir schon dachte, man wird sich hier Sorgen machen. Glauben Sie mir, das ist völlig unnötig.” - “ja...splendid. Dürfen wir denn nun auch Avalonia betreten ? Mal sehen, an wen wir verschenkt wurden?”  Rathurnida nickte nur, und dieser Spruch hatte Vera wohl geärgert.

“Hören Sie mal, Sir William. Ihnen wird die Kinnlade runterfallen, wenn Sie unser Land besuchen kommen - tun sie’s bald. Ich glaube nicht daß Sie das kalte England vorziehen werden - könnte aber sein daß Sie zu uns runter kommen wollen, es ist einfach wärmer.  Und das dürfen Sie auch - alles klar?” Sir William grinste “Sie sind wohl Propagandaministerin oder sowas?” - “Journalistin. Norman hier neben mir auch, und seine Frau Alida. Ihr müßt ja komische Ansichten über uns haben?” - “Wir hatten sozusagen gar keine. Ihr Land war nur ein Gerücht für uns, eine alte Sage...und nun gehören wir dazu. Sie müssen schon verstehen, daß man sich da seltsam vorkommt.” Rathurnida bedeutete Vera, nicht so forsch ranzugehen. Dann hatte Sir William ein Einsehen, fuhr zurück nach Stanley und stoppte vor dem Gouverneursgebäude “ich habe vorhin schnell telefonisch Bescheid sagen lassen daß wir hohen Besuch haben. Wie hoch, wußte ich ja nicht...also, es ist nichts geschmückt und ich hoffe die Herren sind da. Würden Sie gern die Bürgermeister, den Polizeichef und die Vertreter der Parteien kennen lernen, Majestät?” - “Muß ich ja wohl” grinste Rathurnida “Amtspflichten, für Sie wie für mich. Aber seien Sie so gut und behandeln mich nicht wie Ihre Queen. Das schafft zuviel Distanz. Bei uns ist man per Du, auch mit der Königin. Wir sind ein kleines Land, und ziemlich familiär . Alles klar, William?” - “Hoppla..sowas...ja, gern...Rth...was?” - “Rathurnida. Norman, Alida, Vera.”  - “ja, dann kommen Sie..äh..kommt mal mit.”

Eine steile Stiege hinauf, staubiges, altes Mobiliar, vergrauter Putz und Wachsgeruch. Ein Raum mit einem großen ovalen Tisch, und daran eine Runde älterer Herren. Keine einzige Frau, flüsterte mir Vera zu “das muß sich aber sofort ändern.” William stellte uns kurz vor, die Herren sprangen auf , verbeugten sich - und derjenige, den wir ohne Erklärung als Polzeichef erkannten, ging sofort auf Rathurnida zu “ich bitte um Vergebung” sagte er leise “ich nehme an, ich bin hier unerwünscht.” - “Aber nein, Sir...?” - “Milton Hanford, aus Leeds.” - “Also Milton, bleiben Sie. Wir werden ja für zwei Jahre zusammenarbeiten - aber dann müssen Sie hinnehmen, daß wir die Polizei wie Sie sie kennen, abschaffen werden.” - “Ich bin bereit sofort zurückzutreten. Und ich verstehe das.. .sagen Sie es ruhig,  man hat mich ohnehin schon ganz schön zusammengestaucht, und wird mich in England vor Gericht stellen - Sie wissen warum.” - “Dann bleiben Sie eben hier, Milton. Wir werden Sie nicht bestrafen. Aber ich erwarte, daß Ihre Reue praktisch ist...also, behandeln Sie die Menschen, egal welche, anständiger als früher - können Sie das?” - “ich werde gehorchen.” - “Das meine ich nicht, das ist selbstverständlich. Aber nehmen Sie ruhig Platz, Sie werden bald verstehen wie ich das meine. Meine Herren? Ich freue mich, die Repräsentanten unseres neuen alten Landes kennen zu lernen. Ich nehme an, Sie haben viele Fragen - schießen Sie los.”

Sie nahm Platz, das Aufatmen war allgemein und sehr deutlich. Nun sagte Sir William noch daß er schon erfahren hätte, man würde sich freuen wenn es nun keine Flucht der Briten ins alte England geben würde, und gab die Fragerunde frei.

“John Seed, Tories. Majestät, ich frage ganz direkt. Ist Avalonia eine Demokratie?” - “John...kennen Sie das Schweizer System?” - “Aber ja.” - “So ähnlich ist das bei uns. Das Volk stimmt ab, über alle wichtigen Fragen. Sozusagen live, persönlich, bei einer großen Versammlung. Direkte Demokratie nennt man das auch.” - “Oh...das ist ja erstaunlich. Und Ihre Rolle dabei, wenn ich das fragen darf?” - “Sie dürfen alles fragen. Ich regele die Kleinigkeiten, den Alltag, und bringe diejenigen zusammen, die öffentliche Aufgaben erledigen. Aber - das sage ich zu allen - kommen Sie uns recht bald besuchen, das läßt sich nicht alles mit Worten erklären. Jedenfalls keine absolute Monarchie, falls Sie das befürchtet haben.”

Hatte er wohl. Er setzte sich und sah zufrieden aus.

“Philip Gander, Bürgermeister Stanley. Ich kann mir das gar nicht vorstellen...können Sie kurz skizzieren, was sich verändern wird wenn Avalonia ganz übernimmt, in zwei Jahren?” - “Tja...ich versuche es mal. Als erstes ist mir aufgefallen wie schmutzig und heruntergekommen diese Stadt ist. Das geht so nicht, Philip. Hier würde eine Menge Handwerker auftauchen, und nicht erst in zwei Jahren, wenn es nach mir geht - aber Sie sind Bürgermeister. Woran liegt das?” - “Oh, Majestät...wir sind ein armes Land;  das freut mich, aber das wird teuer.” - “Moment, hat Ihnen noch Niemand gesagt daß es bei uns kein Geld gibt? Machen Sie sich darum keine Sorgen. Das wird geregelt. “ Nun warf Sir William ein, man solle Rathurnida mit Namen ansprechen und die Majestät weglassen. “Ja, danke, William. Ja, und den Hafen werden wir erweitern, und, vorausgesetzt die Bürger hier stimmen dem zu, die kahlen Flächen aufforsten. Aber verstehen Sie bitte, ich bin zum ersten Mal hier. Ich kann Ihnen kein komplettes Bild zeichnen.” - “das ist klar, und was ich höre, gefällt mir gut - aber das habe ich nicht gemeint. Wie ist es mit Steuern, Gesetzen, den Bürgerrechten? Das wäre mir wichtig.” - “Steuern, ja..den Zehnten. Sind Sie mit dem alten System vertraut? Der Zehnte, natural, mehr nicht. Wir betreiben ein geldfreies Warentauschsystem, mit Ausgleich über Lagerhäuser. Das sollten Sie sich bei uns ansehen, und ein Gesetzbuch lasse ich Ihnen umgehend zusenden.  Was Bürgerrechte angeht, werden sie erstaunt sein - da werden Sie besser gestellt als unter englischem Recht. Aber nochmal, kommen Sie uns besuchen.” - “Ja, gern - wie?” Er sah in die Runde, es wurde etwas leise gelacht. Rathurnida lachte mit.

“Tja, da sitzen Sie sozusagen auf unserer einzigen Tür zur oberen Welt, für Jahrtausende, und wissen nicht wo sie ist und wie man sie öffnet. Ist doch so?” Alles nickte. “Also, wenn Sie den altmodischen Weg gehen wollen, fahren Sie nach Adarnia und melden sich dort an der Pforte, die wir in wenigen Tagen eröffnen werden. Man wird sie ganz komfortabel herunterbringen. Mit wie vielen Besuchern sollten wir denn rechnen?” Die Herren sahen sich an, dann alle zu Sir William. “ich nehme an, so nach und nach die ganze Bevölkerung.”sagte der  “und wie viele sind das?”  - “etwa dreizehntausend. Ist das zuviel?” - “nein, ich überlege nur, ob wir ab Hafen Stanley eine Fähre anbieten sollten? Wäre das in Ihrem Sinne?” - “Aber sehr. Ginge das?” - “Ab Morgen, ja. Etwa dreihundert Personen täglich ginge sofort. Ich kann auch ein weiteres Schiff bauen lassen, wie das mit dem wir gekommen sind. Tausend Personen, zweimal täglich. Das würde etwa drei Monate dauern.” - “Rechnen Sie mit so viel Verkehr?”  - “Mit der Zeit ja, und noch mehr. Also, die kleine Fähre wäre fürs erste genug?” - “Aber ja...Madam, Sie sehen mich sprachlos. Wir dachten alle, was uns erwartet, wird eine Strafpredigt sein - und nun machen Sie einfach die Türen auf. Sagen Sie es bitte ganz offen, wie Ihr Land uns sieht - als Besatzer, oder so ähnlich?” - “Aber William, nein. Wir hätten Sie mühelos verjagen können, all die vielen Jahre, und niemand hätte Ihnen helfen können. Erkennen Sie bitte daran, daß wir Sie als Nachbarn sehen.” - “Sie würden es also begrüßen, wenn wir bleiben?” - “Ich würde mich unwahrscheinlich darüber freuen, und anderenfalls dafür schämen, Menschen aus ihrer Heimat vertrieben zu haben. “ - “ist das allgemein so, oder Ihre persönliche Meinung?”

“Ah, sie befürchten als Fremde behandelt zu werden wenn Sie uns besuchen. Sie hätten den Jubel hören sollen, als Queen Elizabeth diese Nachricht mitteilte - befürchten Sie gar nichts. Kommen Sie mit der Fähre oder über Adarnia, und erleben Sie avalonische Gastfreundlichkeit. Welcome to my country.” Der englische Spruch tat es wohl endgültig.  William stand auf, holte Wein und Gläser “lassen Sie uns darauf trinken. Leute, löchert sie nicht zu sehr. Ich glaube, wir machen einen guten Tausch.” Rathurnida seufzte leise zu uns herüber “erst Pot, und jetzt Alkohol. Ich werde urlaubsreif sein, wenn ich heim komme.” Aber sie trank tapfer mit und stellte sich dann weiteren Fragen...

“Herman Loaner, Labour. Wie steht es mit der Pressefreiheit?” Rathurnida sah mich an, dann Vera “die zwei hier sind Journalisten. Ich reiche die Frage weiter .” - “Ja, wissen Sie” begann Vera zögernd “eine Presse wie Sie es kennen, haben wir gar nicht. Wir betreiben ein Infocenter am Palast, und das ist das einzige Medium bei uns. Unsere Arbeit wird durch nichts behindert.” - “kein Radio, kein TV?” - “Nein, und kein elektrischer Strom. Unsere Technik ist völlig anders als die Ihre.” - “heißt das, die Zeitung hier in Stanley müßte schließen?” Nun griff Rathurnida ein “Ganz sicher nicht. Wenn Ihre Bürger Zeitungen haben wollen, Radio, Fernsehen - bitte, wir werden uns nicht einmischen.  Aber bei uns da unten gibt es das nicht. Und um es gleich ganz zu sagen, keine Motoren , keine Umweltverschmutzung. Wir werden uns natürlich bemühen, das auch hier zu verbessern, aber nicht per Zwang.” - “Und wie heizen Sie?” - “Wo überhaupt nötig, mit Erdwärme. Es gibt eine kleine Region, da brennen auch Öfen - aber fast überall ist vulkanische Hitze verfügbar, heißes Wasser, Dampf, oder gar Lava - nochmal, ansehen.” - “Tja...bei uns wohl eher nicht” sagte der Mann und sah zufrieden aus “aber der Ansatz gefällt mir. Aber..könnte ich bei euch da unten eine Zeitung aufmachen? Dürfte ich das?” - “Natürlich. Wenn Sie Leser dafür finden - warum sollte das nicht gehen? Wenn Sie das hinbekommen ohne Wasser - oder Luftverschmutzung zu verursachen? Ich bin da kein Fachmann, das dürfen Sie auf keinen Fall. Norman, du bist noch nicht so lange bei uns. Erklär’ du das.”

“Ja, Herman...also, man kommt an, sagt, man will bleiben, und bekommt ein Haus zum Leben. Den eigenartigen Ausweis auch, und kann sich Lebensmittel, Möbel und was man so braucht, aus dem Lagerhaus holen. Gut, gilt eigentlich nicht für Falkländer, ihr gehört ja nun ohnehin dazu. Der “Ausweis” wird hier oben ausgegeben werden. Natürlich wird man auch gefragt was man kann, und ob man arbeiten möchte. Herman, es wird absolut nichts erzwungen. Verboten ist alles was schadet, sonst wirklich nichts. Und, das könnt ihr ja nicht fragen, ihr lebt länger und gesünder. Ratet mal, wie alt unsere Königin ist.” - “Dreißig? Höchstens Vierzig.” - “nein, weiße Haare...sechzig, würde ich sagen..pardon, Madame.” - “Ach was, fünfzig höchstens...es wäre unhöflich zu sagen warum...” - “Alles falsch, Leute. Rathurnida?” - “ich bin einhundertundfünf.” - “Waas? Sie verarsch...nehmen uns auf den Arm.” Rathurnida lachte. “nein, ich verarsche dich nicht - das ist die Wahrheit. Wer gesund lebt kann etwa hundertzwanzig Jahre erleben, oder etwas mehr. Wie, das werden wir euch gern beibringen.”

Es trat eine lange Pause ein, ich habe solche Dinge genug beschrieben. Was sich die Herren am Tisch verstohlen, aber sehr genau ansahen ist klar, den kaum verhüllten, makellosen Körper der Königin. Zweifel an ihren Worten löste das sicher aus, aber sowas regelt sich mit Zeit und Erfahrung. Dann reichte Rathurnida einen Mélanaden herum, sprach über Kristalltechnik und das über dem Land schwebende Wasser...alles bekannt. Als wir aufbrachen, hinterließen wir eine Gruppe sehr verwunderter Männer, die uns versichert hatten, sie würden mit der ersten Fähre zu uns kommen.

 Rathurnida war fix und fertig. Auf der Xanthor versank sie in einem Sessel, trank mehrere Gläser grünen Saft “ich werde zum ersten Mal im Amt Urlaub machen, Leute. Eine Woche mit meinem Mann, und ich sage niemandem , wo. So eine Folge von sagenhaften, aber äußerst anstrengenden Tagen gab es noch nie. War doch nicht so dumm, damals, diese Pflicht auf zwölf Männer zu verteilen - wenn wir mit allen Ländern wieder in Kontakt stehen, weiß ich nicht wie ich das schaffen soll.”  - “Wird es denn so kommen?” - “Ich hoffe es sehr.”

Mehr war nicht mehr zu erfahren, sie schlief einfach ein....

 Die Türen werden geöffnet

Es ging erstaunlich schnell. Malcolm wurde in den Palast gebeten, und dort stellte er die “Africania 7”, die gerade angekommen war, als Fähre für Tenar zur Verfügung. Das Schiff wurde ausgeladen und fuhr gegen Mittag zum ersten Mal nach Stanley, kam brechend voll zurück und fuhr gleich noch einmal. Nun wanderten Grüppchen von staunenden Falkländern durch Atlantis, trauten sich kaum in unsere Gleiter und wollten doch unbedingt auf den Atalan, um das ganze Land übersehen zu können. Nun, hochlaufen dauert einen ganzen Tag...die Schreiber waren ungewöhnlich beschäftigt, machten die Fremdenführer, auch etliche Wächter machten da mit. Der Palast war deshalb allerdings geschlossen, und Rathurnida nicht anwesend. Nur das Museum hatte geöffnet.

Auf Adarnia herrschte Hektik. Dort trafen sich Wächter mit der örtlichen Polizei, sprachen Details ab und die Arbeit begann. Ein Tunnel wurde zur Eingangshöhle gebrochen, und eine richtige Grenzstation errichtet, wo Wächter und britische Polizei zusammen den Besucherstrom abarbeiteten, und der war groß weil sich viele nicht in unsere Tauchschiffe zu gehen wagten. Drei Tage später eröffnete also dieser Zugang, noch etwas provisorisch, und es war schon lustig als ich diese Station mit Holger zusammen besuchte. Da saßen die Polizisten und lasen staunend das avalonische Gesetzbuch, während Wächter sich über die detaillierten (“pingeligen...”) britischen Vorschriften hermachten. Tatsächlich wurde ein daumengepeiltes Gemisch dieser Vorschriften angewandt, hätte man das anders gemacht, der Strom der Neugierigen wäre zu einem verärgerten Stau geworden. Außerdem waren die britischen Plätze nicht immer besetzt, weil die Amtsträger schnell in Zivil geschlüpft und ebenfalls runter gefahren waren...es lief jedenfalls gut, man sah es denen an die zurück kamen, wie sehr ihre Vermutungen falsch gewesen waren. Ich nehme an, die “Schafsinsel” hatte noch nie solchen Verkehr erlebt. 

Auf der “Africania 7” lief das viel gemütlicher ab. Wir waren mit einem Gleiter hochgekommen, nach Stanley gefahren und mit ihr dann zurück; das Schiff ist ja kein britisches Gebiet. Wen die britische Polizei an Bord gelassen hatte, der kam auch unten an - nur auf Waffen wurde kontrolliert. Die Wächter waren mehr damit beschäftigt, Ängste von Besuchern zu beruhigen, die natürlich nach der Tauchtiefe fragten “viertausenzweihundertvierundsechzig Meter” - “ Oh, my goodness...is it safe?” - “Absolutely.” Amüsant, denn die Besucher wurden ja veräppelt. Keine Africania kann tiefer als zweihundert Meter tauchen; sie fährt durch den Tunnel - aber das merkt man ja nicht, die kleine Fähre hat keine Fenster im Fahrgastraum. Aber was schadet schon ein wenig Nervenkitzel...sie tauchte im Hafen von Stanley, und im Hafen von Atlantis tauchte sie auf. Gründliche Einführungen in der Kristallwelt gab es natürlich nicht.

Es gab aber auch Tourismus in der anderen Richtung; viele die noch nie “oben” gewesen waren, nahmen die Gelegenheit wahr einmal die Sonne zu erleben , aber das taten sie eher mit der Xanthor, auf Rifé - dort ist es nun mal wärmer. Die einen kamen dann oft angetrunken heim weil sie die kostenlosen Getränke im Faß reichlich genossen hatten, die Anderen bekifft...es waren heitere Tage, wirklich. Wenn irgendjemand Bedenken gehabt hatte, sie verflogen schnell. Manche Falkländer zeigten sich zwar schockiert- sie wissen warum - aber alles zusammen lief es besser als erwartet. Wirklichen Streß hatten nur die Heiler, weil es sich rasend schnell herumgesprochen hatte daß man bei uns Dinge kurieren kann, die oben nur noch Trauer auslösen. Das hat sicher viel dazu beigetragen daß die angestrebte Freundschaft mit der neuen Bevölkerung sich schnell verwirklichte. Der Besucherstrom riß nicht ab, auch nicht nach Wochen , denn nun kamen “richtige” Engländer. Die kleine Fluglinie die die Falklands bisher eher nebenher bedient hatte, konnte den Touristenstrom kaum bewältigen. Gern hätte man auch Rifé angeflogen,  aber einen Flugplatz mochte Andira nicht genehmigen - wo denn auch. Aber auch dort war eine kleine Fähre immer übervoll, die bis dahin nur zweimal pro Woche halb leer nach Nécochea an der Küste gefahren war. Nun fuhr sie zweimal täglich.

Und schon gab es erste Probleme. Brasilianer durften nicht einreisen - nicht von uns aus, Brasilien erlaubte das nicht. Schnell gab es Yachten die auf eigene Faust Rifé ansteuerten und auf dem Rückweg Ärger mit der dortigen Küstenwache bekamen. Wir bekamen einen Vorgeschmack auf eine lange Phase der Umstellung, während der Land für Land seine Haltung zu Avalonia überdenken und schrittweise ändern würde. Rathurnida mußte unbedingt nach New York, zu den Vereinten Nationen. Und genau das war ein schwerer Schritt für die alte Königin. Vorerst machte sie Urlaub, und überlegte sich wohl diesen nächsten, wichtigen Schritt. 

Wo, das wußte niemand. Sie war einfach verschwunden. Und auch wir machten Pause, die Redaktion traf sich nur in großen Abständen während Alida und ich ganz gegen unsere Gewohnheit oft tagelang nicht aus dem Haus gingen. Geschichte ist ja schön, sagte Alida einmal “Aber es strengt doch sehr an, wenn sie plötzlich Sprünge macht...”

Sollte sie doch. Wir nahmen uns Zeit für Elingaria, und in Conartis war wenig von dem wahrzunehmen was sich in den größeren Städten abspielte; hier lief alles seine gewohnten Wege. Nur wenn sich Grüppchen auf dem Markt bildeten und etwas diskutierten, war klar worum es ging. Es gab nur ein Thema, und viele, viele Meinungen dazu. Mit wem Kontakt aufnehmen, muß man nun wirklich mit aller Welt...werden wir zum Westen gehören, zum Süden, den Entwicklungsländern? Gehört Avalonia zu Südamerika? Ganz neue Themen, und mir fiel deutlich auf wie provinziell Conartis doch ist. Das sind doch alles nur Worthülsen...

Welch ein Kontrast zu den Themen, die mich umgaben als ich wieder meiner Arbeit nachging. Da war es ganz konkret, die Reise zu den Vereinten Nationen wurde vorbereitet, Rathurnida und der Rat feilten an einer Rede, die sie vor der Vollversammlung halten mußte. Avalonia mußte nun Farbe bekennen; also klar und deutlich sagen, wie sich unser Land der Welt gegenüber verhalten wolle, woran beteiligen, woran nicht...das lief etwas an mir vorbei. Diese Themen hatten auch in mir etwas ausgelöst. Seit Jahren war ich ganz langsam vom Deutschen, vom Europäer zum Avalonier geworden. Und von hier aus sieht man die Welt nun einmal in einer anderen Perspektive als von der “Waterkant” aus; Bedenken kamen mir kleinlich vor, uninteressant und angstbestimmt.  Ich hielt es mit Alida, Malcolm und einigen Nachbarn - wir waren einfach glücklich darüber daß ein schwieriger Schritt mühelos geklappt hatte.

Und wer den Erfolg nicht genießen kann, der hat gar keinen Erfolg.

weiter: die alte Stadt

oder, neberher erzählt, wir mit unserer Kleinen auf Rifé: Rifé privat

__________________________________________________________________________________________

Quellen zu den Themen dieser Seite

König Artus, Avalon