Unter dem Atlantik

Es kam aber zunächst niemand. Malcolm nahm alle Kristalle aus seiner Tasche, legte sie auf den Boden, so wurde es ein wenig heller. “Sie haben vielleicht gerade schon jemand runter gebracht, dann dauert es ein wenig” sagte er “setzen wir uns.” Der Boden war glatt, von Wänden und Decke sah ich gar nichts. Der Raum mußte groß sein, aber das war mir eigentlich wurscht. “Malcolm, was hast du Nick und John gesagt, wo wir hinwollen?” - “Nichts, sie haben auch nicht gefragt. Du mußt verstehen...wir haben eines gemeinsam, das ist, daß wir die Besatzung ablehnen. Und vielleicht, daß wir das Meer lieben. Sie helfen mir, wenn ich hier bin, und ich ihnen wenn sie einmal nach Brazil kommen. Hier leben nur wenige Leute, bei mir auch - da ist es ganz normal wenig zu fragen und einfach zu helfen, unkompliziert, sofort, und ohne nach dem Nutzen zu fragen. Wäre schön wenn das überall so wäre, nicht?” - “Wirklich. Was habt ihr besprochen?” - “Ach, ein wenig über dein Schiff, ein wenig über die Insel und was die Briten hier treiben. Sie haben tatsächlich die ganze Insel mit Bodenradar abgesucht...bullshit...und nichts gefunden.” - “Aber die Grube ist doch bekannt, oder?” - “Natürlich. Weißt du, so ein paar Gespensterstories helfen enorm - und Erzählungen, wie viele Leute schon hier drin umgekommen sein sollen. Ist natürlich alles gelogen, aber woher soll ein junger Soldat aus England das wissen.” - “Die Leute...” - “Langfields.” - “Die Langfields. Die kennen doch die Grube?” - “Klar doch. Aber sie haben keinen Kristall, und sehen nichts wenn sie hier rein gehen; dann verlaufen sie sich, tiefer drin steht alles unter Wasser - da sind sie dann froh wenn sie wieder draußen sind. Naja, und so ein paar Skelette liegen auch drin, ganz tief unten, falls sich jemand gar nicht abschrecken läßt.” - “Unechte.” - “Nein, echte. Von Schiffsunglücken...”

Er grinste breit, ich nutzte das wenige Licht, um mich umzusehen. Auch dieser Raum war von geglätteten Felswänden begrenzt, von der Tür nichts mehr zu sehen, auch keine andere Tür; vier glatte Wände, nur ziemlich groß, nicht so eng wie der Raum in der Grube. Auch hier saßen kleine Kristalle an der Decke, die das Licht von Malcolms Steinen irgendwie reflektierten; als ich noch einmal in die Runde sah, waren es nur noch drei Wände und ein schwarzes Loch, wo eben noch eine glatte Wand gewesen war.

Ich schüttelte den Kopf, sagenhaft....”Malcolm, wer hat das alles so arrangiert? Wenn die Leute hier gar nichts wissen?” - “Die Wächter natürlich. Wer sonst. Auf der ganzen Insel wohnt keiner der Bescheid weiß, das wäre viel zu gefährlich. Nun laß aber mal, das kannst du bald klügere Leute fragen. Wie war’s mit Lorna?” Ich strahlte unwillkürlich “sagenhaft...was für eine Frau.” - “Ja, das denke ich auch. Wer die mal abkriegt, der kann sich freuen. Man könnte fast neidisch werden..” - Wieso...hast Du sie nicht..?” - “Na hör mal, Lorna ist keine Hure. Nein, auf mich steht sie nicht. Du hast ihr gleich gefallen, oder? Ich würde ja mal nachdenken, wenn ich du wäre.” - “Komm, spinn nicht. Sie ist dreißig Jahre jünger als ich...mindestens.” - “Na und? Soll sie hier versauern?” - “Das nicht, aber sie braucht einen jüngeren Mann.... “ - “Also, das müßte doch Lorna entscheiden, oder? Du...wart mal, ich höre was.”

Ja, da war was. Nicht laut, nicht nah...aber Schritte. Wir standen auf, warteten ab. Aus der Dunkelheit lösten sich zwei Gestalten, größer als wir, und ganz ungewohnt gekleidet. Wie Römer, dachte ich - von oben bis unten in weites, wallendes Tuch gehüllt, ein Gürtel, ein Stirnband, und so etwas wie Lanzen in den Händen. Sie kamen direkt auf uns zu, verbeugten sich tief, legten die rechten Hände auf die Herzgegend was mich sofort an Indianer denken ließ...”Willkommen am Tor. Wollt Ihr nach unten reisen?” Seltsam, die sprechen ja deutsch, dachte ich - erst dann merkte ich daß sie die Münder weder geöffnet noch bewegt hatten. “Ja, wir möchten einreisen - zu Besuch.” sagte Malcolm und präsentierte ihnen den größten seiner Kristalle. Sie besahen ihn, gaben ihn zurück, verbeugten sich wieder.  “Es ist uns eine Ehre, Malcolm Deventer. Es ist uns eine Ehre, Norman aus Hamburg. Folgt uns, bitte.” Wieder hatten sie gesprochen ohne den Mund zu verziehen....ich sah Malcolm ratlos an “Später. Gehen wir” Sagte der und sammelte seine Kristalle auf. “aber..woher wissen die meinen Namen, und woher ich komme???” - “Sie wissen es eben. Frag etwas später, und nicht mich. Ich war schon ein paarmal hier, und habe auch viel gefragt. Aber es gibt immer weitere Fragen..komm jetzt, du wirst genug Antworten bekommen.”

Wir folgten also den Wächtern, zu einem eigenartigen Fahrzeug. Es sah von weitem aus wie ein hölzernes Boot, geräumig, schön geformt, aber eben ein Boot - und hier war kein Wasser. Ich fragte nicht mehr, staunte nur noch. Sie stiegen ein, wir stiegen ein. Einer von ihnen nahm ein seltsames metallisches Gestänge vom Boden auf, in dessen Mitte ein Kristall eingefaßt war. Größer als Malcolms Kristalle, und besser geschliffen, was sage ich, perfekt. Kaum hatte er das getan, hob sich das Fahrzeug etwas vom Boden....dann schob er das Gestänge nach vorn und das “Boot” fuhr los. Geräuschlos, ohne Vibrationen oder Ruckeln wurde es sehr schnell, und noch etwas war seltsam. Es gab keinen Fahrtwind, obwohl wir regelrecht rasten und kein Verdeck, keine Scheibe uns schützte. Die Umgebung, eine Art Tunnel der nur schwach erleuchtet war, sauste vorbei...der Andere, der nichts zu tun hatte, drehte sich zu uns um. “Es dauert ein wenig..Norman, sie waren noch nie hier. Haben sie bitte Geduld, es ist weit und tief. Das Fahrzeug in dem wir sitzen, nennen wir einen Gleiter, er funktioniert anders als die Fahrzeuge die ihnen bekannt sind. Nur soviel, er ist schwerkraftbetrieben, so würden sie das wohl ausdrücken. Die Luft um uns herum nehmen wir mit, das macht das fahren sehr angenehm. Haben sie keine Angst, es kann ihnen nichts passieren. Nur lehnen sie sich bitte nicht hinaus, sie könnten die Wände berühren und das wäre unangenehm. Ach ja, noch eines. Wir fahren zur Kristallwelt, einem Gebäude vor Atlantis, wie sie es nennen. ein eher kleiner Gleiter Dort wird man ihnen alle Fragen beantworten, und ihnen erklären was sie wissen müssen - und wenn sie dann noch wollen, können sie nach Atlantis übersetzen. Wenn sie wieder zurück wollen - was sie nicht müssen - bringen wir sie wieder hinauf. Beantwortet das ihre dringendsten Fragen?” - “Ja, danke. Aber sagen sie mir, wie können sie meine Sprache sprechen und das ohne den Mund zu öffnen?” Er lächelte “das ist gar nicht so schwer. Aber Fragen die nicht die Fahrt betreffen, dürfen wir ihnen nicht beantworten. Haben sie ein klein wenig Geduld.”

Er sah wieder nach vorn, wir wurden immer noch schneller und es ging merklich abwärts. Ich wunderte mich über alles, auch daß es weder kalt war noch muffig in diesem Tunnel, und was wohl “schwerkraftbetrieben” bedeuten konnte. Ich kam aber gar nicht dazu einen Gedanken zu Ende zu denken; es wurde heller. Rosa Streifen erscheinen zunächst an der Decke, dann auch an den Wänden, auf dem Boden und wir wurden langsamer. Dann sah ich daß diese Streifen lange Reihen kleiner Kristalle waren, die etwas leuchteten - und es waren sehr viele. Ein warmes, angenehmes Licht das ständig heller wurde umgab uns, dann ließ der “Fahrer” sein Gestell auf den Boden herunter, das Fahrzeug blieb stehen und senkte sich langsam auf den Boden. Wir stiegen aus.

Alida und die Fragen

Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Klassische Architektur, dachte ich als ich Bögen aus Sandstein sah, Säulen und Marmorböden. Aber da waren diese Kristallampen, und die hätten auch aus einem Designhaus in London sein können. Wir gingen aus dem Tunnel, durch eine geräumige Halle zu einem kleineren, gemütlichen Raum mit Springbrunnen und steinernen Bänken, nahmen dort Platz. Ich machte einfach mit was Malcolm tat, und wunderte mich schon wieder. Der Stein war nicht kalt...die Wächter verbeugten sich und gingen. Alida. die Einführerin Gleich darauf ging eine Tür auf, und eine Frau trat ein. Auch sie in einem langen, klassischen Gewand..das halb durchsichtig war, oh la la, und sie war eine Schönheit, größer als ich, mit offenem Haar...atemberaubend. Sie kam auf uns zu, begrüßte Malcolm herzlich mit der Bemerkung er wäre aber lange nicht gekommen, und kam zu mir. “Norman aus Hamburg. Ich freue mich...aus eurer Gegend sehen wir selten Besucher. Ich bin Alida Mercuria, eure Begleiterin für die Kristallwelt.  Bevor sie fragen, wir müssen das so machen weil so viel Unsinn über Atlantis erzählt wird, bei euch da oben. Diese dummen Gerüchte werden wir widerlegen, bevor wir sie nach Atlantis lassen. Malcolm, wollen sie gleich die Fähre nehmen oder bei ihrem Freund bleiben?” - “Ich bleibe. Beantworte nur Normans Fragen, und sag wieder du, auch wenn ich lange nicht hier war.” - “Ist gut, Malcolm. Norman...sind Sie ein Sie oder bist du ein du?” Ich mußte lachen, und erklärte mich zum du.  Alida lachte mit “Dann kommt mal mit. Norman, ist es recht wenn wir dir zunächst einen Kaffee anbieten? Das mögt ihr doch in Hamburg?” - “Gern, ja. Trinkt ihr was anderes?” - “Aber sicher, Gäste empfangen wir aber so wie sie es gewohnt sind. Schwarz?” - “Genau.”

Wir waren aufgestanden und in einen anderen Raum gegangen, dort stand etwas in der Mitte was mir den Atem raubte. Als hätte man Platos Beschreibung von Atlantis nachgebaut, ein Modell, etliche Meter groß und beleuchtet, ein Traum für jeden Modellbauer, sogar mit Feuer im Vulkankrater..faszinierend. Alida ging zu einer Nische und kam mit drei Tassen Kaffee zurück, und der war vom Feinsten. Jetzt stand sie vor mir, trank, lächelte mich an und ich wußte nicht was ich zuerst tun sollte, Kaffee trinken, das Modell bewundern, oder Alida..und durfte ich das überhaupt? Bei uns wäre das unfein, aber bei der märchenhaften Figur....sie lächelte “das ist in Ordnung, wenn ich es nicht wollte, würde ich mich so kleiden wie ihr es tut. Weißt du - Malcolm weiß das schon - wir haben Wege gefunden uns eine jugendliche Figur zu erhalten, müssen also nicht Mängel verbergen - und es ist so warm, man braucht keine Kleidung. Aber ihr könnt auch unsere Kleidung tragen, niemand würde etwaige Alterserscheinungen bemängeln, wenn du überhaupt schon welche hast. Außerdem werden sie verschwinden wenn du ein wenig bleibst und unsere Nahrung probierst.  Sieh dich um, und frag alles was du wissen willst. Wenn du dich wohlfühlst, würde ich gern das Modell erklären und einiges mehr, aber sag du, wann. Laß dir den Kaffee schmecken..ist er gut?” - “sagenhaft. Danke. Alida, ich finde diese Freizügigkeit ja gut, aber wenn dich meine Blicke..oder meine Gedanken, die du ja wohl einfach so lesen kannst, beleidigen sollten... .” sie unterbrach mich mit einer Handbewegung “Klar, dann sage ich es. Das wird aber nicht so sein,  jedenfalls was du eben gedacht hast, das gefällt mir gut... das mag doch jeder. Nur, dafür bin ich nicht gekommen. Zu diesem Thema werde ich noch ein wenig sagen müssen..nun, das machen wir später. Ach komm, nun schäm dich nicht. Hier ist wirklich nicht Hamburg.”

Ich war dunkelrot im Gesicht, das spürte ich. Das ist unfair, dachte ich, sie kann meine Gedanken lesen, aber ich nicht ihre. “Das kannst du lernen” sagte sie, und das ließ mich erstmal verstummen. Malcolm kann es manchmal, ging mir durch den Kopf. “ja, er ist ein wenig lernfaul...” lächelte Alida. Ich trank meinen Kaffee und versuchte an gar nichts zu denken....und das ging natürlich auch nicht. Alida lächelte mich an “warum freust du dich nicht darüber? Du mußt mir gar nichts erklären, hast keine Sprachprobleme, nur ich muß gleich ganz viel reden damit du nichts mißverstehst oder gar Angst bekommst. Frag Malcolm, wir sind ganz normale Menschen.” Malcolm nickte. “Wirklich, ganz normal. Nur viel freundlicher als die meisten oben.” - “Ja, oben. “ fand ich meine Sprache wieder “Oben..wie geht das, unter dem Meer leben, und stimmt das überhaupt?”

“Das stimmt schon. Geduld, sieh dir mal das Modell an. Kommt dir das bekannt vor?” - “So hat Plato Atlantis beschrieben.” - “Ja, genau. Vor langer Zeit, und leider auch falsch. Atlantis, das ist nicht das Land - es ist der Name einer Stadt, unserer alten Hauptstadt. Wir nennen das Land Avalonia. Und es gibt viele Städte.” - “Avalon? Malcolm sagte schon sowas.” - “ja, Avalon. Nur daß unsere Sprache nicht so grausam abkürzt wie die meisten neueren Sprachen. Also, . ..ia ist ein Land, ...an ein Berg, ...is ist eine Stadt, ...da eine Frau, ...or ein Mann. Zum Beispiel. Und das Modell hier, das zeigt nur die Hauptstadt wie sie damals war, und den Atalan, den Berg - und das auch noch ganz verkehrt. Als wäre Avalonia eine kleine Insel im Mittelmeer...nun, dieser Plato kam wohl aus einem Dorf. Außerdem war er nie hier.” - “Wie groß ist Avalonia denn wirklich?” - “Tja..damals war sie fast so groß wie England, mit Schottland. Heute nur noch so groß wie Irland, die Kristallwelt eingeschlossen. Du weißt ja sicher, es gab dieses Unglück.” - “Ja. Du, erzähle einfach zusammenhängend, dann erübrigen sich Fragen.  Norman, unterbrich Alida nicht, bitte.” schaltete sich Malcolm ein und Alida sah mich an “ja, soll ich?” - “Bitte, ja.”

Die wahre Legende

“Also, ja. Avalonia war ein Land wie viele, wenig Menschen damals, manchmal bittere Not, und Armut...wie überall, nach der großen Kälte. Und es gab diesen stetig wachsenden Vulkan, den Atalan. Genauer gesagt, den alten Atalan. Damals fürchteten sich die Menschen vor ihm. Aber er ließ Avalonia auch wachsen, und bescherte uns gute, rote Erde. Und er ließ keinen Frost zu, langsam erkannten die Menschen das. Man fing also an, ihn zu nutzen. Schließlich wagten sie sich in die Höhlen auf seiner Nordseite, tiefe, große Höhlen, eine davon ist so groß daß ein Hafen darin Platz hat, wir nennen sie die Feuerhalle. Dort fanden sie zum ersten Mal das Mélan, oder seine Kristalle, die Mélanaden. Du kennst sie schon. Sie ziehen Licht an, du kannst sie ins Licht halten und dann ins dunkle mitnehmen, und sie leuchten. Lange, sehr lange. Das gefiel unseren Vorfahren, und so war Atlantis die erste Stadt auf der Welt, in der nachts alles hell blieb - sie sammelten die Mélanaden und setzten sie auf Häuser, Straßen, Hafenmauern..es sah gut aus und wies auch Schiffen den Weg, wenn der Atalan gerade nicht brannte. Sie merkten auch, daß gut geschliffene Mélanaden von der Sonne angezogen werden, und Wasser heben können. Sie verstanden das nicht, und wußten auch nicht was sie damit machen konnten.

Später merkten sie, daß man schlechte Mélanaden, Bruchstücke, oder trübe Steine, einschmelzen kann und man bekommt ein flüssiges Metall, das Mélan. Mischt man das mit Eisen, bekommt man einen fast unzerstörbaren Stoff, hart, nicht rostend, und fast völlig bruchfest. Wirft man es in Wasser, explodiert es mit unvorstellbarer Gewalt. Was daraus wurde, hat dieser Plato richtig erzählt, es war eine Schande.  Unsere Altvorderen haben Länder erobert, ausgebeutet ..und unsere Freunde zu Feinden gemacht. Daß die Griechen uns besiegt hätten, ist aber gelogen; wir hatten nie einen Krieg gegen Griechenland. Niemand konnte uns besiegen, das war ja das Unglück. Die Könige - unsere - fingen an auch hier Krieg zu führen, und den konnte keiner gewinnen, er richtete nur große Schäden an. Das hörte auch wieder auf, aber drei Städte waren schon völlig zerstört. Auch die Kolonialkriege wurden eingestellt, als auch die Ägypter uns haßten, da wurde es verstanden und Avalonia wurde wieder friedlich. Dann kam das Unglück...” - “Von dem Plato sagt, es wäre selbst verschuldet gewesen. “ - “Ja, aber das war auch  falsch. Wenn dich ein Sturm auf eine Klippe wirft, bist du dann schuld daran?” - “Nein.” - “Eben. Das Unglück - viele sagen übrigens heute, unser größtes Glück - war ein Sturm, ein so gewaltiger Sturm wie es ihn noch nie gegeben hatte. Der kam von Westen und trieb das Wasser des Atlantik in die Feuerhalle.” - “Eine Wasserstoffexplosion?”

“Das wäre nicht so schlimm gewesen. Nein, in der Feuerhalle hing damals die ganze Decke und die Wände voll mit Mélanaden. Die sitzen nicht fest, man kann sie pflücken wie Blumen. Das Meer hat Tonnen davon abgerissen und in die Höhlen des Atalan gespült. Der war gerade sehr aktiv, sein Feuer war tief unten mächtig am brodeln, und der Kamin war offen. Also, die Mélanaden ins Feuer, das schmilzt das Mélan heraus, und darüber weiteres Wasser. Eine gewaltige Explosion folgte der anderen, und die Erde wurde aufgerissen wie ein platzender Ballon...ganz unten, tief unter dem Meer, und Avalonia sackte immer tiefer. Also...wir erklären uns das auf diese Art, eine bessere Erklärung wissen wir nicht, aber auch nicht, ob das genau richtig ist. Fast alles wurde überschwemmt, es krachte immer wieder, und das Land sank immer tiefer. Dann geschah das Wunder, von dem man oben natürlich nichts mitbekam.”

“Das Volk hat überlebt???” - “Ja...nicht alle, leider. Es war schon übel, die Häfen zerstört, der Atalan aufgerissen, und alles auf den Meeresgrund gesunken. Nur, in Atlantis und einigen anderen Städten merkten die Menschen bald, daß sie noch lebten und verstanden lange nicht, warum. Das Wasser war zurück gegangen, obwohl wir keine Sonne mehr hatten, es war nicht dunkel, wegen der Mèlanaden überall. Und die hielten das Wasser über Avalonia in der Schwebe..Leider nicht überall, nur über den Städten und beleuchteten Straßen, und über dem Atalan. Aber das war genug um erst mal zu überleben. Kommt mal mit.”

Sie ging vor, einen Raum weiter, wieder ein Modell. Viel größer war das, und Atlantis und sein Feuerberg nur das nördliche Ende. Sie zeigte auf weitere Städte, benannte Landschaften, eine lange Bergkette im Westen und eine Inselgruppe weit im Süden, die ich mühelos als Falkland erkannte. “Ja, und als sie das begriffen hatten, suchten sie überall im Atalan nach Mélanaden und stellten sie auf, immer am Rand der Luftglocke, die sich gebildet hatte, und so wurde sie größer. Nach und nach gelang es, den größten und schönsten Teil von Avalonia wieder trocken zu legen, nur alles nördlich vom Atalan war verloren. Dort ist das Wasser zu tief, und das Land zerbrochen, es brennt bis heute. Es wurde nie versucht, das zu retten, wozu auch. Wir hatten die Hälfte unserer Bevölkerung verloren, alle Schiffe, die Kolonien und die Möglichkeit andere Länder zu besuchen. Und es gab die Gefahr daß doch noch alle sterben konnten, wenn die Mélanaden ihre Kraft verlieren - wir konnten sie ja nicht in der Sonne wieder stärken. Die haben wir nie wieder gesehen....nicht hier unten. Zum Glück hatte jemand herausgefunden daß auch der Atalan die Kristalle wieder zu leuchten bringt, wenn man sie im Kamin herunter läßt, bis dicht über sein Feuer. Sie werden heiß und strahlen wieder, das dauert nur eine Stunde, dann leuchten sie über ein Jahr, und können uns das Wasser vom Land fern halten. Also ist der angesehenste Beruf heute der des Mélanadengärtners, wie wir das nennen. Diese Leute nehmen die Kristalle ab, bringen sie in den Kamin des Atalan und bringen sie strahlend zurück, und so lebt Avalonia bis heute.

So, und die vielen tausend Jahre nach dem Unglück haben uns weiter gebracht, auch wenn es mehrere hundert Jahre dauerte bis Avalonia wieder teilweise trocken war, und die vielen kleineren Probleme gelöst waren, wie die Frage was das Sonnenlicht ersetzen kann, wie man Regen bekommt wenn Kristalle das Wasser eher heben als fallen lassen, was man tun kann damit wir wenigstens ab und zu einmal nach oben können um die Sonne zu sehen und andere Länder zu besuchen, und wie wir es hinbekommen daß die mächtigen Länder da oben uns nicht erobern und zerstören, denn Avalonia ist heute ja keine Großmacht mehr, aber viel friedlicher als alle anderen Länder - aus böser Erfahrung. Norman, nur noch eine Frage heute, sonst schafft dein Gehirn das nicht. Ich sehe schon, es fällt dir schwer mir zu glauben.”

“Ja..gut...mein Gott, das war wirklich viel vom Unglaublichen. Alida, du sprichst als hättest du das alles erlebt. Wie alt wird man hier?” Sie lachte locker, legte einen Arm um mich “sag es ruhig, du willst wissen wie alt ich bin. Ich bin sechzig, und werde vielleicht hundert - nicht älter als ihr werden könnt, oder nicht viel. Nur daß man es uns nicht ansieht, wenn wir alt werden. Nein, ich habe all das nicht erlebt. Aber du weißt ja, wir lesen Gedanken. Lügen kann keiner, und das ist gut so. Es wurde aufgeschrieben, etwa hundert Jahre vor dem Unglück hatte man damit angefangen. Und, ehrlich, wenn du willst, wirst du all das sehen können - die wiederaufgebaute alte Stadt Atlantis, den Hafen, den Atalan und die Feuerhalle. Du kannst dort selbst Mélanaden pflücken, und damit Lufthüpfer machen, wenn es dir gefällt. Aber all das erkläre ich nicht mehr heute, einverstanden?” Ich nickte nur, erschlagen von ihrer Erzählung. Malcolm richtete sich auf “aber ich darf auch noch eine Frage stellen, ja?”

Alida nickte “Eine.” - “Wer hat diesen sagenhaften Tunnel gebaut, durch den wir gekommen sind? Das ist doch auch euer Weg nach oben, oder gibt es mehrere?” - “Das wissen wir nicht. So ein Meisterwerk können wir nicht, auch heute noch nicht. Der ist fast hundert Kilometer lang....und völlig trocken, auch ohne Mélanaden. Wir wissen nicht genau  wie er entstanden ist, im alten Avalonia gab es ihn nicht oder er war unbekannt. Es könnte ein leerer Lavatunnel sein, sagen unsere Wissenschaftler, beim Unglück entstanden. Falkland, wie ihr das nennt, war damals Süd-Avalonia, unbewohnt, zu kalt, lag etwas höher und war eine einzige Insel, durch ein schmales Riff mit dem größeren Landesteil verbunden. Der Tunnel geht durch dieses Riff, das heute versunken ist - wir haben nur geglättet, Mélanaden eingebaut um etwas zu sehen und den verschütteten Teil auf der Insel aufgemacht und getarnt. Ja, und seit Falkland wieder bewohnt ist, das sind dreihundert Jahre, stehen dort die Wächter. Seit knapp tausend Jahren gibt es diese Gleiter, die uns den Weg so schön abkürzen. Es gibt nur diesen einen Weg, er wurde durch Zufall entdeckt, als man an der südlichen Küste gegraben hat, nach Grundwasser. Gut, jetzt aber Schluß, sonst ist es zuviel für Norman.”

Das stimmte, ich versuchte mir das alles gut zu merken und merkte schon, ich fing an es zu vermischen. Allein die Namen, und dann dreitausend Jahre in einer Stunde erzählt...ich war müde. Alida wies uns ein Zimmer an und ließ uns dort allein, ich hatte nicht mehr als einige Räume gesehen, aber es reichte für den Anfang. Ich nahm mir keine Zeit mich umzusehen, das komfortable Bett genügte mir, ich legte mich hin und war sofort weg. 

Weitere Fragen

War es nun Nacht oder Tag? Ich wachte auf und war allein, das rosa Dämmerlicht das auch hier von etlichen Mélanaden abgestrahlt wurde, sagte mir nichts daruber. Malcolm lag nicht in seinem Bett, es war totenstill. Ich richtete mich auf und besah das Zimmer. Fenster gab es nicht, nur eine große Tür und Wände , die mit Malereien geschmückt waren, angedeutete Säulen dazwischen, auch eine bemalte Decke, einen bewölkten Himmel. Zwei Betten, hölzerne Stühle, Mélanaden an der Deckenkante, das war alles. Ich stand auf, ging zur Tür. Schwer kam sie mir vor, war aus einem undefinierbaren, schön verzierten Metall und ließ sich geräuschlos öffnen. Ein großer Flur, ähnlich gestaltet, viele Türen und eine Glastür am Ende, dahinter sah es heller aus. Dort ging ich durch und gelangte auf eine Terasse mit vielen Stühlen, einem sagenhaft gestalteten Metallgeländer, darunter ein kleiner See, Bäume, Blumenbeete..weit konnte man nicht sehen, der Himmel war milchig rosa...Mélanaden, natürlich. Alida und Malcolm saßen zusammen, sie stand auf “Norman! Gut geschlafen?” - “Ja, danke. Ist es nun Tag, Nacht, oder...?” - “Oben wäre jetzt Nacht. Du hast nicht sehr lange geschlafen, setz dich zu uns, komm.”

Sie tranken etwas undefinierbares, Alida bot mir davon an und ich war schon wieder verblüfft, das Getränk schmeckte nicht nur gut, es machte auch munter wie ein starker Mocca. Nur daß ich den Geschmack nicht beschreiben kann, etwas ähnliches kannte ich nicht. Ich verkniff mir danach zu fragen, andere Dinge schienen mir wichtiger. “Alida, wenn ich nach oben sehe, was sehe ich da? Ist das die See von unten, oder...?” -”Nein. Das muten wir Besuchern nicht zu, sie könnten sich fürchten. Das ist eine große Kuppel über der Kristallwelt, die Künstler bemalt haben. Den Atlantik von unten, wie du das sagst, kannst später sehen. Diese Kuppel ist unser größtes Gebäude, sie schützt Forschungseinrichtungen und Produktionsstätten vor der salzigen Meerluft.” - “Und der See, die Bäume?” - “Die sind echt, es ist nur kein See, es ist das Meer...ein Meeresarm. Er ist warm, wenn du schwimmen möchtest?” - “Nein, später vielleicht. Gibt es wirklich keine Gefahr daß das Meer steigt und alles hier überflutet?” - “Siehst du, genau das. Diese Befürchtung hat jeder der neu hier ist.. .natürlich kann das geschehen, wenn wir die Mélanaden, die das verhindern, jahrelang nicht ins Licht des Atalan bringen würden. Erst würden sie aufhören zu leuchten, dann würde das Meer langsam steigen, und wenn wir dann immer noch nichts täten...nun, das will ja keiner. “ - “Ich begreife überhaupt nicht wie diese Edelsteine das können...es kommt mir wie Hexerei vor.” - “Ist es nicht, wirklich nicht. Denke doch einmal an Magnete...sie können anziehen oder abstoßen, und natürlich auch etwas in der Schwebe halten. Nur daß Magnete auf Metall wirken, und Mélanaden auf Wasser. Magnete kennst du doch?”

Klar kannte ich Magnete. Dennoch blieb mir die Sache etwas unheimlich, und Alida bekam das natürlich mit. Sie stand auf, ging ins Haus und kam mit einem sehr großen, wunderschön geschliffenen Stein zurück, dessen Spitze sie genau nach unten hielt. “Nimm ihn...Vorsicht, laß die Spitze erst mal unten, und leg ihn auf den Boden. Dreh ihn dann langsam auf die Seite...Malcolm, hilf mir mal...und halte dich an uns fest, wenn du dich darüber stellst.” Ich tat das, nahm beider Hände, ging über den Stein und wurde sanft hochgehoben, dann zog mich Alida zu sich, die Kraft ließ nach und schob mich regelrecht zu Alida, die mich lachend auffing. “Du bist auch aus Wasser, alles klar?” Ich wunderte mich schon weniger, fand es auch überhaupt nicht unangenehm Alida zu umarmen, aber die Neugier blieb groß. “Sag mir alles was du über Mélanaden weißt.” - “Gern, auch wenn unsere Forscher noch immer dran sind, alles können wir bis heute nicht erklären.

Mélanaden bestehen aus Mélan und Wasser. Sie entstehen aus Dämpfen, die der Atalan abgibt, wenn diese Dämpfe in feuchte Luft gelangen und sich an kaltem Stein niederschlagen. Die Lava im Atalan enthält Mélan. Das passiert z.B. in der Feuerhalle, die ein Hafen unter Stein ist, also zum Meer offen, aber auch durch Lavagänge mit dem Atalan verbunden. Man kann sie aber auch künstlich erzeugen, indem man Mélan verdampft, Wasserdampf dazu mischt und das Gemisch an kaltem Stein abkühlt. Sie haben eine Säulenform, sind achtkantig und haben eine Spitze; die andere Seite ist stumpf, da, wo sie am Stein hängen. Sie sind sehr hart, schmelzen bei 800°Celsius und geben ihr Wasser bei über 900°C ab, das Mélan bleibt zurück. Sie können große Mengen Licht speichern, aber normalerweise nur sehr langsam abgeben. Licht zieht sie an, wenn es senkrecht durch die Spitze fällt. Über ihnen, um sie herum, weniger unter ihnen, wird die Schwerkraft verändert; auf Wasser wirkt sie nicht mehr, auf Metall wird sie schwächer, auf gemischte Substanzen wie Holz ebenfalls. Schleift man sie spitzer als sie normalerweise sind, verstärkt das ihre Kräfte; auch wenn man alle Macken wie Risse oder beschädigte Kanten abschleift, passiert das. Außer diesen Eigenschaften sind es normale Steine, lösen sich weder in Wasser noch in sonst etwas auf, können aber brechen - leicht sogar - und regelrecht wegfliegen, wenn die Sonne darauf scheint. Kinder spielen gern mit ihnen... das wirst du noch sehen. Um sie sinnvoll zu verwenden, fassen wir sie in Metall ein und sorgen dafür, daß sie eine feste Position haben; zum leuchten zum Beispiel. Oder um einen Gleiter zu bewegen, dann können wir sie schwenken. Ja, und hier, in der Kristallwelt, werden sie bearbeitet oder auch gezüchtet, wenn wir sehr große Steine brauchen. Das ist der zweite Grund für die Kuppel über uns, wenn damit experimentiert wird, mit den ganz großen, soll nicht etwa blendendes Licht die Umgebung irritieren. Reicht das?”

“Voll und ganz. Darf man sich diese Werkstätten ansehen?” - “Das sollst du sogar. Wir legen Wert darauf, daß unsere Besucher nicht an Hexerei glauben, jedenfalls was unser Land angeht. Es ist alles nur ehrliche Arbeit...und das Glück, seit dreitausendfünfhundert Jahren keinen Krieg erlebt zu haben. Weißt du, wenn wir manchmal traurig sind weil wir die Sonne nur selten zu sehen bekommen, und dafür extra weit fahren müssen, dann tröstet uns das. Krieg ist hier eine ferne Erinnerung, mehr nicht. Möchtest du zu den Werkstätten gehen?” - “Gern, aber kann ich vorher ein paar Worte nur mit dir sprechen?” Alida zwinkerte mir zu “Aber gern, obwohl du Malcolm falsch einschätzt. Malcolm?” - “Ja, ich gehe. Norman, wir sehen uns später, im Schlafzimmer.”

Die Gesellschaft

Alida wußte schon worum es mir ging. “Norman, Norman...ich sagte doch, dieses Thema kommt am Schluß.” - “Einverstanden, und doch auch nicht. Ein paar Antworten brauche ich sofort, und du solltest schon wissen warum - oder ich täusche mich sehr. Wenn du das gleiche empfindest wie ich...dann muß ich einige Dinge sofort wissen, wirklich. Oder ich täusche mich und was ich da in meinem Herzen spüre, das kommt von einem Einfluß den du hast und den ich mißverstehe...sag mir bitte, was stimmt.” - “Darauf habe ich keinen Einfluß...Norman, wirklich?” - “Du ziehst mich an wie noch keine Frau die mir je begegnet ist. Wenn es dir auch so gehen sollte...bitte, dann sag es.” Alida zögerte mit der Antwort. “Ja, das geht mir auch so. Wirklich, Norman? Nicht nur weil du mich fast unbedeckt vor dir siehst, und das nicht gewohnt bist?” - “Das ist ein anderes Gefühl...das ist auch da, aber das meine ich nicht. Ich möchte nichts falsch machen, weißt du. Wenn uns beiden das so geht, dann schon gar nicht... sag mir etwas über eure Gesellschaft, ich ahne, die Spielregeln könnten ganz anders sein als bei uns.” - “Ja...etwas schon...aber sagen wir mal, jetzt geht es doch auch um sehr persönliche Dinge. Machen wir es uns gemütlich...komm mal mit...” Sie ging vor, am Ende der Terasse bog sie um eine Ecke, eine weitere Terasse, über Wäldern; und darauf breite Liegen, Springbrunnen, Skulpturen...wieder dachte ich ans antike Rom. Es ging auch so weiter, sie legte sich hin und zog mich zu sich herunter, umarmte mich zärtlich, ließ mich den Duft ihrer Haare einatmen, preßte sich sanft an mich bis meine Erregung nicht mehr zu verbergen war ”ich freu mich über das was du eben gesagt hast. Siehst du, Gedanken kann ich lesen, tiefere Dinge nicht. Es erregt mich, so nah bei dir zu sein...so wie dich auch. Und...das ist wirklich nicht alles?” - “Ganz und gar nicht. Ich bin total überrascht....es ist lange her daß ich so empfunden habe.” - “Bei mir auch, Norman...sehr lange. Auch wenn du das geradezu mißverstehen mußt....ich möchte dir noch näher sein.” Sie küßte mich zärtlich, bedeutete mir jetzt nichts zu sagen..wir küßten uns weiter und verbrachte eine kleine Ewigkeit so, ruhig, zärtlich, aber nur äußerlich. In mir tobte ein Sturm, den ich kannte und doch schon fast vergessen hatte, und mein Kopf sagte ständig, das müsse pure Einbildung sein....”ist es nicht.” sagte sie sanft “Aber ein Wunder ist es schon. Norman...auf dich habe ich gewartet.” - “Wie denn das?” - “Später. Wenn es so bleibt. Ich kann es doch auch kaum glauben.” - “Gut...bitte, damit ich dich um Himmels Willen nicht etwa verletze...erklär mir wie ihr miteinander umgeht.”

Sie sprach leise, so nah, und ganz sanft. “Also, ihr seid ja Christen in Deutschland. Du auch?” - “Ja...weißt du, man versucht’s halt...” sie lächelte “alles ist ein Versuchen, nicht? Da Du ja nicht in meinem Kopf lesen kannst, sage ich es dir: Mit dir möchte ich so einiges versuchen...aber im Ernst, da haben wir viel gemeinsam. Die Liebe ist die Basis von allem. Im Christentum, und hier. Nicht nur die körperliche, natürlich. Aber sie ist sehr wichtig: Kinder können wir gar nicht genug haben. Wir finden es übrigens...entschuldige...total dumm und falsch, daß ihr da oben neuerdings versucht, das zu vermeiden. Das Gegenteil bringt uns weiter: Man denkt, die Kinder lernen von uns, und merkt gar nicht daß es auch umgekehrt läuft. Gut, also, wir leben in Paaren zusammen, wie ihr auch. So etwas wie eine Kirche haben wir nicht, also auch nicht das, was ihr heiraten nennt. Aber ein Versprechen ist ein Versprechen, und ist es gegeben, bricht es niemand - wirklich niemand, auch weil wir ja wissen was der Andere denkt. Es bliebe ja nicht verborgen, würde jemand zu lügen versuchen.” - “Augenblick, Alida. Da hast vorhin von Gott gesprochen - ihr glaubt also auch an ihn?” - “Glauben..wissen...ja an was denn sonst. Ihr sagt, er hat euch vor der Sintflut gerettet. Wir haben das aufgeschrieben, es war wirklich so. Wir brauchen keine Kirche...wenn du so willst, ist ganz Avalonia eine Kirche. Und bevor du es aussprichst, ja, was euch Jesus von Nazareth erzählt hat, daran finden wir kein falsches Komma.”

“Bitte sag mir, welche Regeln hier gelten.” - “Also wirklich, hat dich mein Interesse an dir so erschreckt? Versteh doch, es sind ungefähr die gleichen wie sie dieser Jesus benannt hat. Nur, wir halten uns daran, und ihr...nun...ihr versucht es, wie du sagst. “ - “Ja, aber...dann kann doch eine Frau nicht so einfach....” - “Langsam, langsam, Norman. Dieses Mißverständnis kommt ja immer...Ich bin keine Jungfrau von fünfzehn Jahren...ich habe drei Kinder, die haben schon ihre eigenen Familien. Ich kann es mir erlauben, ein wenig egoistisch zu sein und einen Gast zu umarmen. Kinder kann ich vielleicht nicht mehr bekommen, aber Liebe brauche ich immer noch...du etwa nicht?” - “Oh doch...und dein Mann?” - “Ja, wenn er noch da wäre, dann hättest du keine Chance bei mir. Er ist auf See verunglückt, mit einem Freund zusammen - zum Glück waren die Kinder schon groß.” - “Oh..das tut mir leid. Entschuldige bitte. Also, wenn ich dich recht verstehe, ihr bleibt unberührt bis ihr euch das gebt, was du das Versprechen nennst..?” - “Ja. Und ein Partner, mehr nicht, solange er lebt. Und..“ sie grinste mich an “das gilt auch für die Männer.” - “Also, keine Sorge, ich lebe allein. “ - “Ich weiß. Ich sehe aber daß dich eine Frau sehr beeindruckt hat, und das ist nicht lange her.” - “Lorna. Oh ja. Übrigens auch auf eine sehr unkomplizierte Art.” - “Norman, Norman...warum nur, überleg dir das, ist kompliziert sein etwas wertvolles?”

“Hoppala...allerdings...du hast Recht...das ist falsch. Mensch, da muß ich um die halbe Welt reisen um das zu lernen, aber es stimmt. Danke, Alida. Gut, Familien habt ihr also wie wir, und seid weniger spießig als wir. Aber...brichst du eben eure Regeln, daß wir so nah zusammen sind, oder?” - “Nein. Ich könnte sogar ein wenig mit dir schlafen, wenn ich wollte, das wäre noch in Ordnung...gut, ich erkläre es, aber rede mir nicht rein bevor alles gesagt ist. Vor dem Versprechen ist nichts,  gar nichts und das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Sind wir versprochen - übersetze dieses Wort immer mit ‘verheiratet’ - dann ist es etwas weniger streng; genau gesagt, wir zeigen uns Freundschaft sehr intim, versteht du?” - “Nicht wirklich...” - “Gut, aber ich sage es gleich, wir tun das jetzt nicht...wenn ich jemandem zeigen will daß ich ihn als engen Freund sehe, kann es einen sehr intimen Moment geben...kurz, und ich verbringe nicht etwa eine Nacht mit ihm, und anfassen darf er mich auch nicht...aber durchaus so lange, daß ich seinen Samen bekomme. Mit einer Frau darf ich sogar noch viel weiter gehen...ich möchte das nicht näher erkären, es gibt nichts Verbotenes. Auch später, wenn sich gute Freunde lange nicht gesehen haben, tun sie das. Das ist allgemein akzeptiert, niemand würde es beanstanden. Ein versprochenes Paar kann in seinem Haus überhaupt tun was es will; wenn Mann und Frau sich einig sind. Also eine Nacht mit einem Freund verbringen etwa, wenn mein Mann zustimmt und seine Frau auch. Das ist aber individuell, ganz verschieden, je nach Paar, und nicht Jedermanns Sache. Verlangen kann das niemand, verbieten aber auch nicht - nur der eigene Partner kann dem zustimmen oder auch nicht, und das gilt. Also wundere dich nicht, wenn du so etwas siehst oder eine Frau sich dir anbietet...das ist normal , nur daß es nicht bedeutet, sie will mit dir etwas anfangen, was ihr ein Verhältnis nennt - es ist schlicht und einfach der Ausdruck von Freundschaft.”

“Alida...wir zwei sind enge Freunde? Du machst mich glücklich...” - “laß uns küssen...komm...” Wieder küßten wir uns zärtlich, und wieder, und wieder... sie löste sich nicht so bald, und es gefiel mir nicht als sie es dann doch tat. “Du verstehst warum ich noch nicht tun will was für uns normal ist, Norman?” - “Nein, aber ich überlasse es dir.” - “Das mußt du auch...das entscheidet die Frau. Norman, ich will nicht daß du mich für eine Hure hältst nur weil du unsere Art nicht gewohnt bist. Dazu ist meine Hoffnung zu groß, weißt du? Die Hoffnung daß es zwischen uns mehr gibt als Gefühle.” - “Ach so...Unsinn, Alida...du kannst doch in mir lesen, also was denn...aber wie du willst. Gut, die Gesellschaft. Was ist über den normalen Leuten? Ritter? Grafen? Könige? Parlamente? Sowjets? Oder wie funktioniert das Land?” Ein strahlendes Lächeln gab mir das Gefühl, mal wieder gar nichts zu wissen. Alida strahlte etwas aus, das hätte ich gern bei uns, “oben” gehabt. “Tja, also Außenpolitik haben wir schon lange nicht mehr...naturgegeben sozusagen. Es ist nur so, sie wurde freiwillig aufgegeben, damals, als wir Kolonien hatten und das uns Feinde eingebracht hat. Danach stand es jedem von uns frei, Beziehungen zu pflegen wohin und wie tief er wollte; ein ‘Staat’ half ihm nicht dabei, und hinderte ihn auch nicht. Denk’ mal an eure Hanse, das ist ganz ähnlich gewesen. Damals gab es aber noch Könige, zwölf an der Zahl, und die bildeten einen Rat. Später, als Avalonia so klein geworden war, gaben wir das auf. Den Rat gibt es zwar noch, aber wir sagten uns, es ist doch dumm, uns zu unterscheiden in West-Avalonier, Süd-Avalonier, Atlantis-Bürger, oder Mirarthris-Bürger. Und so weiter. Wir sind Avalonier, haben wir uns gesagt, und wenn wir es nicht zusammen schaffen, ertrinken wir alle. Ein König genügt, und so ist es bis heute geblieben. Eine Königin, seit dreißig Jahren. Rathurnida. Du wirst sie kennen lernen. Ja, und was unter dieser Ebene zu entscheiden ist, das tun wir alle gemeinsam. Auf den zentralen Plätzen, regelmäßig, eine Art Volksfest mit Beratung und Musik.” - “Und was entscheidet die Königin?” Alida lachte. “Ob sie sich in rot, gelb oder blau kleidet, und welche Kapelle die Musik macht. Sie entscheidet gar nichts, Norman. Sie ist sozusagen das Familienoberhaupt, sie muß dafür sorgen daß für alle gesorgt ist. Also reden, reden, reden...die richtigen Leute einladen, unendlich geduldig sein, und gut Bescheid wissen.” - “Habt ihr ein Sozialsystem? Was geschieht mit Leuten, die krank werden, alt, schwach, oder verrückt? Was hast du gemacht als dein Mann gestorben ist? Wer sorgt für dich?”

“Hoppla, das ist viel. Du hast eure Ritter erwähnt...damals hattet ihr den Zehnten, ein großartiges Steuersystem. Genau das haben wir, und es wird wohl niemals geändert werden. Nur, daß unser Oberhaupt diese Steuer nicht für Kriege verbraucht, sondern für Vorratshäuser. Dort kann sich jeder nehmen was er fürs Leben benötigt, so muß niemand hungern. Es gibt auch kein Geld; wir haben ja keinen Außenhandel, wir können uns diesen Luxus leisten. Machen wir’s praktisch: Eliador, mein Mann, war Steinfischer. Er ist also getaucht, ins ehemalige Nordavalonia, wo die Feuer auf dem Meeresgrund brennen, und hat von dort Sandstein geholt. Flaviador, sein Freund, war immer dabei. Sie haben sagenhafte Sachen beschafft, Säulen, Figuren, Platten, Lavaskulpturen..und davon mußten sie zehn Prozent ans Lagerhaus liefern, sie haben aber fast alles dorthin geliefert, und somit konnten sie auch entsprechend viel dort holen. Ach ja, Boden gehört niemandem. Wir konnten also Steine verwenden um unser Haus zu bauen, und was er nicht fischen konnte, haben wir aus dem Lagerhaus geholt. Ich habe damals Kleider gewebt, zehn Prozent davon ans Lagerhaus gegeben und den Rest gegen Fische, Gemüse usw. getauscht, auf dem Markt. Hatte ich zuviel, habe ich’s dem Lagerhaus gegeben. Hatte ich zuwenig, habe ich dort etwas genommen. So ging das, und geht das. Heute lebe ich voll aus dem Lagerhaus, und weil ich nichts hinbringen kann, hat Rathurnida gesagt, arbeite doch in der Kristallwelt. Ich hätte auch bei der Gebäudepflege arbeiten können, bei den Wächtern.. also bei Gemeinschaftsaufgaben.” - “Und wenn du einmal alt bist und nicht mehr arbeiten kannst?” - “Dann wird man sagen, Alida hat ihre Aufgaben erledigt und kann jederzeit nehmen was sie braucht.” - “Fantastisch...so menschlich, so freundlich...sag mal, gibt es dann nicht auch Leute, die gar nicht arbeiten und sich einfach bedienen?” - “Klar gibt es die. Aber, das sind nur wenige, und das schadet gar nicht. Außerdem, das hält keiner lange aus, wenn alle um ihn herum beschäftigt sind und er immer nur zuschaut. Wovon soll er erzählen? Er langweilt sich, fängt an irgendwas zu tun ... und alles klar.” - “Und..die Güter reichen für alle?” - “Mehr als das. Du wirst es sehen, es ist eine Schande daß immer wieder gute Nahrung verdirbt weil keiner sie braucht. Wäre es oben so friedlich wie hier, wir würden kostenlos Gemüse liefern, nach Afrika zum Beispiel, es ist ja nicht weit.”

“Puuh...” ich holte tief Luft und überlegte ob es “oben” so sein könnte, wenn wir es jemals schaffen die Welt zu vereinigen. “Das geht nur so” sagte Alida sofort “wären wir hier uneins, es wäre nicht möglich. Im Detail solltest du dir das aber selbst anschauen.” - “Aber gern. Alida..jetzt möchte ich doch persönlich werden.” - Ja...was denn?” - “Wenn du mich voll informiert hast...wie lange dauert das eigentlich?” - “Na, so einen Tag noch, länger, wenn du willst.” - “Gut, also übermorgen...was geschieht dann mit mir?” - “Na, ich bringe dich zur Fähre. Die geht nach Mirarthris, von dort aus kannst du überall hin, du bist ganz frei , kein Aufpasser, keine erzählende Alida.” - “Genau das hatte ich befürchtet. Allein im Himmel...so kommt es mir vor, wenn es nur halbwegs so ist wie du sagst. Alida, wenn Freundschaft hier bedeutet was es oben ist...kann ich da nicht ganz unverschämt sein und dich bitten dein Gast sein zu dürfen? Geht das überhaupt und würde es dir gefallen?” Alida spielte mit ihren Haaren, sah mich freundlich an und öffnete ihre Lippen zum Kuß. “Jetzt kann ich nicht mehr warten...komm..” wie küßten uns endlos lange, noch nie hatte ein Kuß solches Feuer in mir entfacht. Sie sah mich lange an “So egoistisch wollte ich gar nicht sein. Natürlich geht das, ich wäre froh darüber. Ich bin aber oft nicht zuhause weil ich hier arbeite, und ich wohne im alten Atlantis...weit weg. Ach komm, nein ...wirklich nicht...” (ich hatte mich gefragt ob sie wohl öfter Gäste mit zu sich nahm) 

“Norman, das mache ich gar nicht - nicht mit Gästen, allenfalls mit ganz engen Freunden. Da wäre ich auch glatt überfordert. Interessante Gäste gibt es oft, besonders wenn Malcolm sie mitbringt. Malcolm ist ein Schatz, wenn er Leute einlädt, wird es immer sehr interessant..so interessant aber nicht. Aber du hast mich sofort angezündet...es ist lange her daß mir das passiert ist, aber ehrlich...du bist eingeladen, gern, wenn ein Haus das fast viertausend Jahre auf dem Buckel hat dich nicht abschreckt.” - “Was denn, von damals, vor dem Unglück?” - “Ja. Repariert, natürlich, und das immer wieder. Die Flut hatte das Erdgeschoß verwüstet, und Lavabrocken das Dach. Aber es ist stark gebaut...kann man immer wieder herrichten, solange der Boden gut ist.” - “Ich freue mich darauf. Alida, wann gehst du heim?” - “Wenn ich dich durchgeschleust habe. Also mit der gleichen Fähre. Nur eine Bitte...” - “Ja?” - “Malcolm werde ich nicht einladen. Der hat immer so viele Leute um sich, das halte ich nicht aus. Klar, er wohnt ganz allein im Dschungel, aber in Atlantis habe ich schon genug Trubel um mich herum. Du, lassen wir deinen Partner nicht so lange allein, ja?”  - “Gut, ja. Was kommt jetzt?” - “Die Kristallwerkstätten.” - “Gehen wir. Ich brenne darauf.”

eine andere Wissenschaft

Wir gingen Malcolm abholen, fanden ihn bequem auf dem Bett ausgestreckt und leicht beschwipst, er hatte doch tatsächlich eine Flasche Rum eingeschmuggelt. “das macht dumm, Malcolm..” sagte Alida freundlich und erntete ein breites Grinsen “ich weiß, ist aber schöööön...” sie schüttelte den Kopf “laß die Flasche aber hier, ja?” Er nickte und stand auf “manchmal sind sie mir hier zu vernünftig” sagte er und schob die Flasche unter die Bettdecke, schloß sich uns an. Es ging eine Treppe hinunter und durch einen langen Gang, dann waren wir in einer großen Halle. ‘Industrie, sieh mal an..’ dachte ich als ich Schmelzöfen sah, Labortische, viele Leute, helles Licht und Werkbänke, halbfertige Gleiter, Leuchter, und eine Menge Gegenstände an denen ganze Gruppen arbeiteten ohne daß ich erkennen konnte was das war. Alida ging direkt zu den Schmelzöfen, es war so heiß daß wir sofort schwitzten.

“Hier werden die schlechteren Mélanaden eingeschmolzen, das Mélan gewonnen...” sie ging weiter zum nächsten Ofen “..und hier mit Eisen verbunden. Daraus machen wir dann die Fassungen für große Mélanaden, und Gestänge für die Gleiter. Oder Leuchter. Ganz große Leuchter...” sie zeigte auf einen Riesen von über zehn Meter Höhe, noch ohne Kristall “...stehen auf den Bergen, sie ersetzen die Sonne und halten das Wasser in der Schwebe. Wie du siehst, bauen wir immer noch neue; es wird versucht, Westavalonia trocken zu legen; aber das ist schwer, es hat nicht genug Berge. Deshalb..kommt mal mit...” sie ging durch eine große Tür, ein anderer Raum. Ein großer Ofen füllte fast den gesamten Raum, es war eher dunkel. An der Decke waberte eine Dampfschicht, undeutlich sah ich mehrere sehr große Kristalle an der Decke hängen “...versuchen wir hier Kristalle zu züchten, die zwanzig Meter lang sind. Leider brechen sie oft ab bevor sie groß genug sind, und zerschellen auf dem Boden. Aber Westavalonia war so schön...du wirst Bilder davon sehen, uralte Bilder. Flüsse, Auen, große Wälder, Seen..Süßwasserseen. Bisher haben wir gerade mal zwanzig Kilometer davon zurück bekommen, die Flüsse, die aus der Westkette kommen, gehen fast direkt ins Meer. Man ist schon hingetaucht, das Land ist unbeschädigt, nur überflutet. Ganz anders als Nordavalonia, das heute eine Feuerhölle ist. Nun geht es so, man baut einen hohen Mast, stellt einen Riesenleuchter auf und das Meer weicht zurück, ein paar Kilometer vielleicht. Ganze Reihen davon haben wir schon gebaut, es geht langsam voran. Ist nicht ganz so gut wie im bergigen Gelände; der “Himmel” also das Wasser, hängt dort tief.” - Wie hoch kann so ein Mélanade denn das Wasser anheben?” - “Ein zwanzig-Meter-Riese? Etwa hundert Meter. Aber einer kann gar nichts, es braucht viele. In Mittelavalonia, also an der Westkette entlang bis zum Atalan, ist das anders. Der Vulkan ist so unfaßbar hoch; er hebt das Wasser ohnehin, er enthält ja viele Mélanaden; und oben stehen drei große Leuchter. Auf der Westkette auch, und so ist der Himmel über Atlantis fast viertausend Meter hoch. Das fühlt sich besser an. “ - “Ja...verdrängt denn dieser Berg nicht das ganze Wasser? Wo er doch diese Kristalle produziert?” - “Nein, nein. Die entstehen doch nur über dem Wasserspiegel, und wirken kaum nach unten. Außerdem hängen sie mit der Spitze nach unten, wenn sie natürlich entstehen. Da wirken sie gar nicht, auch weil sie ja Licht brauchen um zu wirken. Sie entstehen aber im Dunkel der Höhlen- hauptsächlich, aber es liegen auch etliche einfach an den Hängen, die hat der Berg einmal herausgeschleudert. Nein, wir müssen sie schon sinnvoll aufstellen und bearbeiten, und immer wieder im Licht ‘baden’ damit wir trockene Füße behalten und Licht haben.”

“Alida, Alida...ich fühle mich wie damals als ich sechs Jahre alt war und mein Opa mir von der See erzählt hat, der konnte auch so erzählen daß ich Bilder gesehen habe.” - “Das ist doch schön. “ - Bild oder Fenster?“Ja, aber kann ich das endlich einmal alles sehen? Diesen Berg, das Licht, den Himmel aus Wasser?” - “Aber ja doch. Kommt mit, nicht hier in der Werkhalle.” Sie ging wieder vor, eine Tür, ein Treppenhaus, ein Absatz, und an der Wand ein goldener Bilderrahmen. Mir verschlug es nicht nur die Sprache, auch jeden Gedanken.

“Wir sind in einem Turm, über der Kuppel” sagte sie “und du siehst über die Westkette hinweg, auf den alten Atalan.  Städte kannst du nicht sehen, sie liegen hinter dem schwarzen Bergkamm, der Westkette. Atlantis liegt etwa dort, wo du am Fuß des Atalan gekräuselte Wolken siehst.”  - “Aber das ist ein Gemälde, oder?” - “hast du schon einmal ein Gemälde gesehen auf dem die Wolken ziehen? Mach das Fenster auf.”

Ich sah ratlos hin, kein Griff, keine Klinke...Malcolm trat vor, zog einfach am Rahmen und es schwenkte auf. Kühle, frische Luft zog herein, Vögel flogen vorbei. Kein Bild. Nur eine Landschaft die mich nicht losließ. Ich weiß nicht, wie lange ich dort gestanden habe und nur hinausgesehen, still, fasziniert, angezogen. Sanfte Hände schlossen das Fenster, strichen mir die Haare aus dem Gesicht, große dunkle Augen sahen mich an, ein zärtlicher Mund küßte mich..ich hielt Alida im Arm, der Kuß währte eine Ewigkeit. “Ich bin so froh daß es dir gefällt” flüsterte sie. Malcolm war nicht mehr bei uns, wir küßten uns wieder und wieder. “Man sieht gar nicht daß der Himmel aus Wasser ist” sagte ich schließlich und mußte mir das wieder und wieder ansehen. “Es schlägt ja auch unten keine Wellen. Es ist ganz glatt. Du siehst es nur an den Farben, direkt über uns. Und daran, daß die “Sonne” näher ist als der Himmel. Es sind die drei Leuchter auf dem Atalan. “ - “Und der Sonnenuntergang?” - “Das ist der neue Atalan. Er ist aktiv, er macht auch die Wolken. Wenn er erst Rauch und dann helles Feuer spuckt, sieht das so aus. Du siehst ihn nicht von hier aus, er ist niedriger als der Alte. Ganz am nördlichen Ende von Avalonia...jenseits der Feuerhalle, und danach kommt nichts mehr. Eine steile Küste, oft genug von Lava überspült und die unter dem Meer wütenden Feuer von Nord-Avalonia .” - “Ist das nicht eine ständige Gefahr?” - “Nicht sehr. Es kann schon mächtig rauchen, aber das Wasser über uns schluckt das schnell. Und zwischen den bewohnten Gebieten und dem Vulkan liegt der alte Atalan, der bekommt das ab.” - “Und der ist erloschen.” - “Erloschen nicht, aber zu hoch. Er kann nichts mehr auswerfen, das fließt über den neuen ab.  Aber spar dir das auf, ich kann es dir zeigen, direkt dort.” - “man kann da rauf?” - “Aber ja doch. Du brauchst eine Schutzbrille, wegen der Leuchter. Aber sonst...es ist großartig, von da oben kannst du ganz Avalonia sehen.”

Ich riß mich mühsam los und wäre am liebsten sofort zur Fähre gegangen, aber Alida sagte nein. Noch ein paar Informationen, morgen früh, und dann könnten wir aufbrechen. Wir hätten ja soviel Zeit...ob ich so scharf darauf wäre, wieder auf der alten Saskia herumzuschippern? Ich dachte, lieber auf der jungen Alida herumschmusen, sagte aber nichts und Alida lachte herzlich....”ich bin sechzig, vergiß das nicht.” - “Die Saskia ist älter.” - “das hat dir Malcolm gesagt, nicht? Nun, schmusen muß ich ja nicht mit dem alten Eimer.” - “Mit mir auch nicht...” ich ließ es, schaffte es auch nicht im stillen weiter zu denken. Warum auch, ein wenig hier zu stehen und sie zu küssen wischte ohnehin jeden Gedanken weg.

Wir trafen Malcolm bei den Schmelzöfen, zurück ging es, in den klassischen Besucherbau. Alida verabschiedete sich, wir gingen in unser Schlafzimmer.  “Nun, Norman? Alles nur Seemannsgarn oder doch was dran?” - “Oh, Mann..” - “Tja...so ist das nun mal. Turn, turn, turn....” ich kannte das Lied und verstand was er meinte. Es tat gut noch einmal jung zu sein....

Übergang

Alida weckte uns mit einem strahlenden Lächeln “es ist ein großartiger Tag. Raus mit euch, los. Heute geht’s rüber.” Wir waren schnell soweit, und ich verstand bald warum Malcolm so unverschämt grinste. Alida bat uns in einen kleinen Raum mit einem französischen Eßtisch “Frühstück. Bei Malcolm weiß ich es ja, und du, Norman? British, Continental, holländisch, oder unser Frühstück?” - “Gib mir, was du magst.” Malcolm lachte los “Ich wußte es. Du wirst Augen machen, schade daß ich keine Kamera habe.” Alida verschwand und kam zurück, mit einem Teller voller Bratkartoffeln und einer Kanne Kaffee - für Malcolm. Wieder ging sie und brachte ein Tablett, eine Karaffe mit einer grünen Flüssigkeit, Gläser, und verschiedene Schalen. Sie goß mir ein, setzte sich zu uns...ich sah ihr zunächst zu. Sie trank, nahm ein rosa Etwas aus einer Schale, tunkte es in die Sauce der nächsten Schale, nahm eine Art Cracker dazu und aß das. Ich tat es ihr gleich...Malcolm sah aus als würde er bald platzen, aber er wartete auf etwas, das nicht geschah. Es schmeckte vorzüglich, wenn auch völlig fremd. Ich staunte, denn wir aßen gar nicht viel und es war genug, mehr wäre nicht gegangen. Malcolm dagegen stopfte noch Kartoffeln in sich hinein, schlürfte Kaffee und meinte, ich könnte ruhig ein Täßchen von ihm haben. Vergebens, ich mochte nicht. Das ungewohnte Frühstück hatte mich nicht nur satt gemacht, sondern auch ein enormes Wohlgefühl verursacht, als hätte ich mir eine Reistafel gegönnt. Ich nahm lieber noch ein Glas von diesem grünen Getränk ...er machte den letzten Versuch. “Das machen die aus Algen..brrrr.” - “Was hast du denn, sind verbrannte Früchte etwa besser?” Malcolm schwieg. Alida fragte ob er noch mehr haben wollte, er verneinte. “Malcolm, du übertreibst gewaltig. Drüben in Avalonia bekommst du das pampige Zeug ja gar nicht, da mußt du schon so essen wie wir alle - oder selbst kochen, und das machst du ja gar nicht.  Warum denn diese Schau?” - “Eifersucht” brummte er “Du kümmerst dich um Norman, als wäre er dein Mann.” - “Wäre das denn eine so schlechte Idee?” sagte sie und warf mir einen langen Blick zu “und du? Gehst doch sicher sofort zu Vahrsonia, oder?” - “Wenn die mir nicht die Tür weist...ja. Ich war zu lange weg.” - “Man sieht’s. Hast einen Bierbauch und Ringe unter den Augen. Es wird dir gut tun unser Essen zu haben.” - “Weiß ich doch. Wäre ich sonst hier?” - “Ja, um Norman zu imponieren.” - “Ja gut, das auch. Mußt du immer alles wissen.”

Alida lachte und stand auf, Malcolm winkte ab “geh du mal mit ihr, Norman. Paß mal auf, wir werden uns aus den Augen verlieren: am Hafen, im alten Atlantis, das ist nicht weit von ihrem Haus, ist eine Kneipe. Poseidon’s Faß. Leicht zu erkennen, es steht ein großes Holzfaß davor. Da bin ich öfter, wenn du zurück willst oder Lust hast mich zu sehen, komm da hin. Wenn ich nicht da bin, frag den Wirt, den alten Polardor. Der kennt mich und holt mich, wenn nötig. Aber tu mir den Gefallen, verlieb’ dich nicht derart in Alida, daß du hier bleibst. Ich würde gern mit dir auf der Saskia heim fahren, wann auch immer. Wir haben Zeit. Mach’s gut, alter Knabe.”

Wir gingen, nachdem ich ihn umarmt hatte. Alida hängte sich bei mir ein “Du mußt nicht alles so machen wie er sagt, weißt du?” - “Jetzt sag nur, das war kein Scherz, eben.” - “Daß ich mir vorstellen könnte, du wärst mein Mann? Doch, das kann ich. Wäre das so schlimm?” - “Nein, aber wie...du hier unten, und ich da oben, und so weit weg?” - “Vorstellen, Norman. Nur vorstellen. Ob ich das will, oder du das willst....wir haben ja Zeit. Falls...nun, ich muß nicht hier bleiben, und du nicht in Hamburg, oder? Würdest du der Liebe folgen? Ich ja.” - “Alida, solche Fragen habe ich mir zuletzt vor dreißig Jahren gestellt, und dann war es doch nichts.” - “Das ist schade. Wie hätte deine Antwort gelautet, wenn sie gewollt hätte?” - “Ja natürlich.” - “Das reicht mir doch schon. Komm, zur letzten Lektion.”

Ich war etwas verwirrt. So alt und jetzt Schmetterlinge im Bauch... ungewohnt, schön, und fordernd. Alida konnte schnell umschalten, sie war sofort wieder die Einweiserin, ich war anfangs etwas abgelenkt.

Wir gingen in einen Raum, an dessen Wänden große Tafeln hingen, mit Schriftzeichen darauf. “Sprachen, Norman. Du wirst schon gemerkt haben, daß dir manche Worte bekannt vorkommen, nicht nur Atlantis, Avalon, oder Poseidon. Da gibt es bei euch die Behauptung, alle Sprachen rund um den Atlantik kämen von hier. Hast du davon gehört?” - “Ja, sicher. Manche Wörter sind ganz identisch, viele ähnlich, und auch Baustile, Tempel, Pyramiden.” - “Ja, genau . Nun, das ist zuviel der Ehre. Das alte Avalonia war klein an Bevölkerung, so viel Einfluß hatte es nicht. Aber es ist etwas dran, nur anders als dieser griechische Autor es gesehen hat. Nochmal, Plato war nie hier.” - “Aber diese ägyptischen Priester, die schon?” - “Es ist nicht belegt, kann sein. Ich persönlich bezweifele es; die haben auch von einer riesigen Statue erzählt...” - “Poseidon, in einem Tempel.” - “Ja. Das ist aber die Art der Ägypter, und die Griechen haben es dann übernommen. Es gibt und gab hier keinen großen Tempel; und eher kleine Statuen, keine Götter. Was für Götter? Es gibt nur einen . Praktisch, nicht? Ein Gott für die Liebe, einen für den Krieg. Ein Gott für das Spiel, den Sport, den Nil. An allem sind die Götter schuld, heißt das. Nicht wir Menschen. Nun, das ist Kinderkram. Wir haben das nie so gesehen, jedenfalls nicht seit Geschichte aufgeschrieben wird, und das ist hier länger als in Ägypten oder Griechenland. Wir kannten die Ansichten der Ägypter, mit den Griechen hatten wir wenig zu tun. Man begegnete sich auf dem Meer, oder in den Häfen. Griechische Schiffe kamen nicht so weit, und unsere selten nach Griechenland. Ehrlich gesagt, vom Atlantik aus gesehen ist das Mittelmeer eine Pfütze, wenn auch eine warme. Gut, ich wollte etwas über Sprachen sagen. Kannst du dir eine andere Erklärung für die bekannten Übereinstimmungen denken?”

“Vielleicht. Wenn Ägytische Schiffe hier waren...” - “Das kam vor.” - “Und auch welche aus Amerika...” - “Häufiger.” - “Dann haben sich doch die Seeleute im Hafen getroffen.” - “Genau. Und auch mehr; es gab Leute, die sind aus Ägypten her gekommen, Fahrgäste, Priester meistens. Die haben dann gehört daß wir von Ländern sprachen, die sie nicht kannten. Sie trafen Seeleute von dort. Sind mit deren Schiffen gefahren, haben deren Länder bereist, sind wieder hierher gekommen - und von hier dann zurück. Also, Afrika, Europa, Amerika, Arabien. Direkt kamen die nicht zusammen, aber hier trafen sie sich. Haben sich Geschichten erzählt, Sprachen gelernt - auch unsere. Es gab oft Streit, aber das wurde hier nicht zugelassen. Sie haben auch gehandelt; so kamen Schriften aus Ägypten nach Mexiko, und anders herum. Nur Asien, davon hörten wir oft, fanden aber keinen Weg dorthin. Über Ägypten haben wir aber mit Asien Handel getrieben, etwas kompliziert, aber normal. Auch Asiaten waren manchmal hier, mit ägyptischen Schiffen.  Du wirst feststellen daß wir Schriften aus der ganzen Welt haben, in der Bibliothek im alten Atlantis. Wir kennen eure Schriftsteller, eure Musik, eure Sorgen und euren Streit. Aber wir sind nicht schuld daran, und haben nicht eure Sprachen gemacht. Norman, jetzt muß ich auch mal eine Frage stellen. Was hältst du davon, daß wir uns entschlossen haben uns aus dem Streit der Welt heraus zu halten und alle in dem Glauben zu lassen, unsere Welt sei verloren? Ich bin überzeugt daß es richtig ist, aber du bist mir nicht gleichgültig. Könntest du das respektieren?”

“Nach allem was ich jetzt weiß...das ist so klug, daß es mir Ehrfurcht einflößt. Das muß ungeheuer schwer sein, habt ihr keine Sehnsucht danach, oben im Sonnenlicht zu leben?” - “Es ist manchmal schwer, ja. Als ich ganz klein war, und oben dieser gewaltige Krieg war, da haben viele gesagt, gehen wir rauf und beenden wir das. Die Mittel dazu hätten wir ja, aber es wären auch kriegerische Mittel, und Avalonia würde wieder herrschen, danach. Da haben sich alle , auch mein Vater, entschlossen das nicht zu tun - und gebetet, daß es bald vorbei geht. Oder vor ein paar Jahren, als zwei Länder die Malvinas durchsucht haben, um den Weg zu uns zu finden. Wir haben das Tor geschlossen und erst wieder geöffnet als Ruhe war. Sie suchen immer noch...aber wir lassen keinen rein, der nicht durch einen Freund empfohlen wird. Und gehen nur raus, wenn uns keiner sieht. Und das alles kannst du verstehen?” - “Ja, natürlich. Das ist richtig, was denn sonst. Vielleicht, wenn die UN stärker wird, könnt ihr das aufgeben, aber nur nicht zu früh.” - “Das ist gut, das habe ich gehofft. Ich muß dir nämlich jetzt das heilige Versprechen abnehmen, niemanden, wirklich niemanden, diesen Stein zu geben, den ich dir jetzt schenke. Er wird dir immer das Tor öffnen, es sei denn, auf den Malvinas wäre Krieg. Du bist damit ein Bürger von Avalonia, wenn du es willst. Natürlich kannst du dir weitere Steine besorgen und Leuten geben denen wir vertrauen können - aber diesen hier, den behalte für dich.”

Sie nahm ein Tuch von einem Regal und wickelte es auf. Ein schön geschliffener, kleiner Mélanade lag vor mir, sie hielt ihn mir hin “schwöre, bei deinem Leben.” - “Ich schwöre es. Bei Gott dem Allmächtigen.” Sie strahlte mich an und gab mir den Stein, dann küßten wir uns - und zum ersten Mal wußte ich was sie dachte. “Das weiß ich noch nicht, Alida. Aber ich werde es mir gründlich überlegen.” - “Du würdest mich glücklich machen.” - “Mich wohl auch...aber, wie kannst du das wissen, wir kennen uns kaum.” - “Meinst du?” So ganz sicher war ich mir da auch nicht. Es gab Momente, da kam es mir vor als wären wir schon immer zusammen.

“So, das war deine Einführung. Wenn du nicht noch mehr fragen willst, können wir in einer Stunde die Fähre nehmen.” - “Ich habe noch Millionen Fragen, aber noch mehr will ich sehen, wovon du gesprochen hast.” - “Dann komm.” Was denn noch, dachte ich als sie wieder unser Schlafzimmer ansteuerte, das brachte mir aber nur ein Augenzwinkern von ihr ein. Sie öffnete dort einen Wandschrank den ich zuvor gar nicht bemerkt hatte, und gab mir so ein Gewand, wie sie es trug. “Traust du dich, die Landeskleidung zu tragen? Es wäre besser, dann erkennt dich nicht sofort jeder als Besucher, du wirst nicht so ausgefragt und kannst selbst bestimmen, wem du was erzählst. Ja?” - “Alle laufen so rum?” - “Wenn sie nicht wegen ihrer Arbeit Schutzkleidung brauchen, ja. Es ist warm, du brauchst keine dicke Kleidung..und einen Penis haben andere Männer auch.”  Sie lächelte, es stimmte ja, eigentlich war das meine Sorge. In Hamburg wäre ich sicher übel aufgefallen...ich gab mir einen Ruck, zog mich aus und warf das dünne Tuch über, band es mit einem Gürtel zusammen, mehr war nicht. Als mich Alida dann umarmte, spürte ich sofort daß diese Kleidung enorme Vorteile hat....sie preßte sich an mich, und es war als trügen wir gar keine Kleidung. Alida hatte mich ohnehin erobert, sie jetzt so zu spüren warf mich endgültig aus der Spur. Keine Gedanken, keine Bewegung, nur ein Gefühl das mich restlos überwältigte.

 Nun, ich bin nicht unerfahren. Aber all das verwischte, war weg, meine Jugendfreundin, eine langjährige Lebenspartnerin, Freundinnen, Lorna. Das war mehr als Verliebtheit, und über die Folgen nachzudenken war es nicht der Moment. Sie war ganz nah, zitterte, hielt den Atem an, sah mich an, öffnete den Mund zum Kuß...es wurde mir fast schwarz vor Augen, so gewaltig waren die Gefühle zwischen uns. Vorstellen, nur vorstellen, hatte sie gesagt - aber auch dieses Wort hatte hier wohl eine tiefere Bedeutung. Alida, meine Frau? Natürlich, wer sonst. Und natürlich wußte sie wieder, was in mir vorging. Sie flüsterte es mir ins Ohr “ ich kann die Nacht kaum erwarten...gehen wir zur Fähre... komm schon...jetzt kommt unsere Zeit.”

Unsere Zeit. Das Wort schwang nach. Als wir zur Fähre gingen und ich die Landschaft ganz sah, ohne Fenster darum. Wäre da nicht Alida gewesen, die mich ganz und gar verzauberte, ich hätte Stunden am Ufer gesessen und nur zugesehen. So blieb ich dicht bei ihr, sah hier und dort hin, hatte aber eigentlich nur Augen für sie. Wir verließen die große Kuppel, tauchten in Menschenmassen ein, es war mir alles egal, wenn ich nur diese kleine Hand halten durfte...ein Ufer, eine Mole, viele Schiffe, alle aus Holz, auch die Fähre. Der Schiffer hob einen Bügel, ein Mélanade war darin eingefaßt. Sanft hob sich die Fähre etwas über die Wellen und glitt ruhig drüber, nicht so schnell wie der Gleiter, aber ebenso perfekt...wie hatte sie die Stadt genannt, die jetzt näher kam? Mirarthris. Offenbar ziemlich groß, mit einem weiten Hafen, durch den wir glitten und dann leicht auf das Ufer hoch. Der Schiffer senkte den Bügel, das Schiff setzte sich auf den Sand. Wir stiegen aus. Ich angelte mir wieder die Hand der Frau, die mich so beschäftigte und folgte ihr wie ein Kind, staunend, still. Opa hätte es hier gefallen, dachte ich....sie wandte sich um, küßte mich “schade daß ich ihn nicht kennen lernen kann.”

Ich nickte nur und mußte ihr ja nicht sagen, daß ich ihr gern von ihm erzählen würde. Überall schwebten diese Gleiter herum...”Alida..?” - “Ja, sie sind für uns das was für euch die Autos sind.” - “Gleiter und Schiffe. Sonst nichts?” - “Doch, schon, aber hier wirst du sie nicht oft  sehen, die Karren, wie wir sagen. Ähnlich wie eure Autos, aber nicht mit einem lärmenden Motor - auch sie werden von Kristallen bewegt, können aber nicht abheben. Die sind für schwere Lasten, und werden da gebraucht wo Schiffe nicht hinkommen. In den Bergen, den Bergwerken, und für Transporte zwischen den Lagerhäusern. Ja, und auch von Leuten benutzt die sich in der Luft fürchten...wenige, aber auch für die gibt es eben etwas.” - “Und Schiffe, das sind also Segelschiffe - nur?” - “Es gibt auch kleinere Schiffe mit Kristallantrieb, und auch die großen Segler haben ihn - zusätzlich. Es geht ja nicht immer Wind; aber Mélanaden haben auch ihre Grenzen. Bei manchen Lasten wirken sie zu schwach, Metalle, Steine...aber komm schon, du wirst sehen.”

Ich tat ja kaum etwas Anderes als mich ständig umzusehen. Völlig abgehoben folgte ich ihr, wäre sie jetzt verschwunden, ich wäre verloren gewesen, orientierungslos und völlig verzaubert. Und doch arbeitete mein Kopf noch, was mir fast seltsam vorkam “Alida, war denn der berühmte Artus wirklich hier?” - “Das wird oft gefragt - ja, wahrscheinlich. Genau wissen wir das nicht, aber im Jahr 681 eurer Zeitrechnung kam hier ein Arthur von Cornwall an, verletzt und verstört, nach einer langen Seereise. Er ist hier geblieben und hat sich später ein Haus in Vanartis gebaut. Das müßte er sein.” - “Er war immerhin König von England - und das wurde nicht aufgezeichnet?” - “Ach weißt du, ein König eines Bauernvolkes weit weg...hier war er nicht König, und womöglich hat er damals nicht viel über seine Herkunft gesprochen? Mehr wissen wir jedenfalls nicht. Aber er kannte ja den Landesnamen - woher, wenn er nicht das Land kannte?” - “Ja, klar - ich habe auch nur laut gedacht.” - “Mußt du nicht...na gut, du wirst dich dran gewöhnen. Sehen wir uns die Stadt an.”

Wir betraten Mirarthris.

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Quellen zu den Themen dieses Kapitels:

Plato, Kritias/Timaios-Dialoge

König Artus, Avalon