Besuche

“Die Stadt weiter besichtigen? Oder gleich zu Yanerdia?” - “Laß mal gut sein mit Besichtigungen, mir schwirrt der Kopf. Wenn sie nicht zuhause ist, können wir deine Kinder sehen? Ich bin sehr neugierig.” - “Gut, sehen wir mal.” Sie ging direkt ins Stadtzentrum. Höher waren diese Häuser, und weniger klotzig - aber sonst ganz ähnlich den Alten. Ich sah mehr metallene Bauteile als in Alt-Atlantis, die sahen nach Gold aus, aber ich wußte ja schon, es war wohl Mélaneisen. Vor einem vierstöckigen Haus blieb sie kurz stehen, wir mußten Treppen steigen, über einen zur Straße offenen Flur, dann standen wir vor einer Tür mit verglastem Fenster, darauf waren Blumen gemalt “das haben wir uns von euren Kirchen abgeguckt” sagte Alida und berührte leicht die Tür. YanerdiaDrinnen klang eine Glocke. Die Tür schwang auf, ein heller Raum, nicht groß, und niemand zu sehen. “Sie ist zuhause, sonst wäre die Tür zu geblieben” sagte Alida und erklärte mir das nicht. Gleich danach kam Yanerdia herein.

Ich dachte sofort, die Frau gefällt mir (Sie war endlich einmal nur so groß wie ich, nicht größer wie die meisten hier) - und das brachte mir ihr Lächeln ein, aber sie ging sofort zu Alida, umarmte sie und küßte sie lange und ziemlich leidenschaftlich.  Dann hielt sie Alida mit beiden Händen, sah ihr lange in die Augen “du Glückliche! Alles, alles Gute.” - “Gestern Abend” sagte Alida “ich hätte es nicht zu hoffen gewagt. Und du? Was oder wen sehe ich da in deinen Augen? “ - “Leliador von Vanartis. Ich weiß, du hast schon öfter gesagt, er folge mir...nun, jetzt bin ich einmal stehen geblieben.” - “Und du zögerst noch? Gib ihm dein Versprechen.” - “Wir zögern doch nicht. Er baut schon ein Haus. Wenn das fertig ist...sofort. Du warst natürlich schneller.” - “Es hat mich überfahren...ich bin so glücklich.” - “ Nun wird es vorbei sein mit uns? Ich weiß nicht wie ich ohne dich überlebt hätte.” - ”Sei doch froh, Yanerdia. Wer braucht einen Rollstuhl wenn er gehen kann?” Yanerdia brach in Gelächter aus. “Was für ein Vergleich.. .stimmt aber. Naja, solange wir uns noch nicht versprochen haben, dachte ich...aber ihr habt ja schon. Gut, dann muß ich jetzt zeigen daß ich auch geduldig warten kann. Aber meine Neugier lasse ich mir nicht verbieten...komm her, Norman.” Sie umarmte mich und öffnete sofort den Mund für eine Reihe sagenhafter Küsse, wieder war ich mehr als verblüfft wie selbstverständlich das ging. Dann ein langer, fragender Blick...jaja.  sie hatte meine Verwunderung mitbekommen, klar - dann zog wieder ein Lächeln über ihre Züge “ich könnte Appetit bekommen auf sehr viel mehr, Norman...verflixt auch, daß ich noch warten muß und ihr schon glücklich seid. Aber ich bestehe die Prüfung - und wünsche euch viel Glück. Aber zwei Minuten mit Alida, das darf ich doch, Norman?” - “ich habe gut aufgepaßt, Yanerdia. Das darfst du natürlich. Aber wird das nicht deinen Hunger noch steigern?” - “Ja klar...ich werde Leliador beim Hausbau helfen müssen.” Sie zwinkerte und umarmte Alida...

 Sie küßten sich ebenso heiß, umarmten sich fest, sahen sich ruhig an, flüsterten miteinander - und das war es auch.. Sie kamen zu mir, Yanerda nahm Alidas rechte Hand, legte sie in meine. “Laß sie niemals los, Norman. Wo ihr auch seid oder hinkommt. Du hast einen Engel gefunden.” - “Komm, komm...übertreib nicht so.” sagte Alida; aber ich fand es nicht übertrieben. Auf mich hatte Alida genau diese Wirkung...wir umarmten uns, dann wollte Yanerda hören wie wir uns gefunden hatten, ein langer Abend fing an der mit diesem Thema anfing und dann so ungefähr alles berührte was so in mir ist; ich hatte mich daran gewöhnt daß mein Inneres nicht verborgen blieb und fing an es zu genießen. So mußte ich nicht umschweifig erklären was genau ich sagen wollte, und auch Alida und Yanerda nicht - ich konnte es ja auch schon.

“Leliador von Vanartis . Ich habe Vanartis gesehen, es stirbt. Warum noch dieser Name?” - “Leliadors Haus steht noch. Es ist alt, das Stammhaus seiner Familie. Wir werden dort nicht einziehen, aber bisher wohnt er noch dort. Er baut die schönsten Teile ab und übernimmt sie in unser neues Haus. Es ist zu beschwerlich dort zu wohnen, und es sind nicht mehr viele Familien; ihre Häuser sind nicht direkt bedroht, aber isoliert. Immer in den Gleiter...um Freunde zu sehen, um zu arbeiten, um Waren zu holen...und es nutzt nichts, irgendwann liegt alles unter der Asche. Ich könnte dort auch nicht wohnen, du weißt sicher warum.” - “Ja, ich weiß. Wohin geht ihr denn?” - “Der Ort hat noch keinen Namen, er liegt in West-Avalonia.” Alida beugte sich vor “etwa im Medurna-Tal? Da kommen wir gerade her.” - “Ja, genau. Ist noch etwas kahl, aber dafür können wir selbst mitbestimmen, wie es einmal aussehen wird. Ich weiß, du magst es dort. Du hast uns auch auf diese Idee gebracht...und Rathurnida hat gesagt, einen besseren Platz könnten wir nicht finden. Norman, gefällt es dir auch?” - “Ja, richtig gut. Das ist viel Arbeit, nicht?” - “Es geht. Der Boden ist gut, schön fest, der Sand liegt nur oben drauf. Und an einem Fluß wollte ich schon immer wohnen. Die Medurna ist zwar nicht groß, nicht wie eure Elbe...aber warm, sauber und sie fließt immer. Schön für Kinder...ich möchte nochmal Kinder haben, Alida. Stell dir vor, ich wage es.” - “Adoptierte.” - “Das ist ein scheußliches Wort. Gerettete, würde ich sagen. Hat Rathurnida nichts davon gesagt?” - “Nein.” - “Und Malcolm auch nicht?” - “Wieso Malcolm?” - “Weil er das vermittelt. Kinder aus Afrika, wo die Eltern verhungert sind. Sag nur, er verschweigt euch sowas wichtiges.” - “Ja, das tut er. Norman..?” - “Nein, zu mir hat er auch kein Wort gesagt. Dieser Saubär. Da pflegt der ein Image als wäre er ein verkommener Säufer...” - “Und ist ein bärtiger Engel. Also, den knöpfe ich mir vor....”Alida war nicht sauer, eher beeindruckt. “Norman, stimmt das, daß man bei euch auch ältere Frauen noch einmal fruchtbar macht?” - “Es kommt vor.” - “Findest du das gut?” - “Nein. Was Yanerdia macht ist genau richtig. Es gibt wirklich genug Kinder, die sind froh daß es solche Frauen gibt.” - “Und solche Männer wie meinen Leliador, vergiß das nicht. Es könnte sogar sein daß ich noch einmal selbst schwanger werde, aber in meinem Alter ist das unsicher. Leliador ist da ganz meiner Meinung, adoptieren...und wenn wir selbst noch eines bekommen - noch besser.”

Das Gespräch riß nie ab,  ich hatte mich seit Jahren nicht so gut unterhalten. Alida und Yanerdia kannten sich seit vierzig Jahren, das merkte man; umso mehr war ich froh daß ich ich nicht daneben stand, sondern mitten dabei war - ich hätte diesen Leliador gern kennen gelernt. Wir fuhren heim als es schon Morgen war, die Leuchter auf dem Atalan brannten schon wieder. “Und du wirst diese Prachtfrau nicht vermissen, Alida?” - “Nein, wir werden sie oft besuchen, nicht? Aber was du meinst, das brauche ich nicht mehr. Und sie auch nicht.” - “War aber schön, oder? Ihr habt ja gestrahlt...” - “Wir haben uns lange nicht gesehen, und da mischt sich manches.  Sie wird glücklich sein, wir werden glücklich sein...Quatsch, wir sind es...und jetzt sag nicht, du wärst nicht beeindruckt gewesen. Ich habe es doch mitbekommen.” - “Sag ich doch nicht. Es ist nur so, du..und andere..räumen mir täglich Knoten aus dem Hirn, ich werde ganz anders als ich einmal war....” - “So? Oder vielleicht, so wie du nie sein durftest?” - “Ja. Das war schon wieder einer.” - Wir sind quitt. Du hast mein Herz wieder zum schlagen gebracht.” - “Ja, und das kommt noch dazu. Gehen wir schlafen, ich schnapp noch über.” - “Aber doch nicht sofort...?”

Alida, Alida. Da hatte ich noch vor zwei Wochen über mein Dasein als einsamer Rentner gegrübelt, und nun lag der Horizont so offen vor mir wie diese wunderbare Frau....

Wir waren zu wach zum schlafen. Es wurde draußen hell, schlagartig, daran konnte ich mich nicht wirklich gewöhnen. Es ging einfach weiter. “Alida, wenn wir deine Kinder besuchen, dann gelten doch diese erotischen Spielregeln nicht?” - “Natürlich nicht. Ich denke auch, du siehst im Moment mehr als da ist. Du darfst auch nicht meinen, wir würden uns immer so erotisch begrüßen. Das ist ähnlich wie mit dem direkten Verstehen, was du ‘Gedanken lesen’ nennst, das wirst du schnell merken. Manchmal, nicht immer - du wirst spüren wann das angebracht ist, und wann nicht. Direkt zu verstehen hast du auch gelernt ohne daß ich es dir beigebracht hätte; auch das kann ich nicht so in Worte fassen. Vertrau auf dein Gefühl, du wirst es richtig machen.” - “Ja. Das merke ich schon, du mußt nicht alles erklären. Ich dachte auch schon, bei diesen Spielregeln müßtet ihr vor allem männliche Neubürger bekommen...?” Alida lächelte. “Soso...da schätzt du uns Frauen aber falsch ein. Nein, das ist etwa ausgewogen - die Frauen wundern sich anfangs nicht weniger als die Männer, aber Klagen habe ich nie gehört. Aber du siehst schon, es macht Sinn neue Gäste etwas einzuweisen, bevor wir sie ins Land lassen.” - “Sag mal, Neubürger... wie geht das eigentlich? Ich habe Malcolm zufällig getroffen, habt ihr oft Gäste?” - “Du darfst nicht vergessen daß wir auch selbst reisen. Damals als ich in Deutschland war, habe ich auch Freunde gefunden, und davon haben uns drei besucht - eine Frau ist geblieben.” - “Diese drei hast du dann eingeschmuggelt?” -”So würden das die britischen Behörden sagen. Für uns ist es ein Ärgernis, daß die Malvinas von einer fremden Macht kontrolliert werden; wir tun nichts dagegen, aber richtig ist es nicht.” - “Ihr könntet es doch ändern.” - “Aber nicht auf friedliche Weise, und wir würden damit wieder bekannt werden - es wäre nicht mehr möglich den Zugang zu überwachen, und wir hätten all den Ärger der oberen Welt hier bei uns. Nein, da bleiben wir lieber dabei eine Legende zu sein - Legenden will niemand beherrschen. Du hast es schon richtig gesagt, du bist ein Neubürger. Wer einreist, bekommt einen Mélanaden; damit kann er jederzeit einreisen, oder auch einfach bleiben. Ob jemand also Neubürger ist, das entscheidet er selbst. Ob wir ihn hereinlassen, das entscheiden die Wächter - es muß jemand für ihn gutsprechen, wie Malcolm für dich. Eine Klingel gibt es am Tor nicht, ohne daß jemand für ihn gutspricht, wird niemand hereingelassen.”

Wir standen langsam auf, frühstückten, und machten uns auf Alidas Kinder zu besuchen. Also wieder nach neu-Atlantis, diesesmal an den westlichen Stadtrand, Hügel, die sich zur Westkette hinauf ziehen. Ein warmer, dampfender Bach zog sich durch dieses Viertel, an seinen Ufern standen Bäume und Büsche die nach tropischem Urwald aussahen. “Merkt man sonst noch etwas von den Westkette-Vulkanen?” - “Krach...manchmal, und die Erde kann ein wenig zittern. Die Häuser müssen schon stabil gebaut sein, aber das ist ja überall üblich. Und manchmal fällt ein leicher Ascheregen, aber den lieben wir. Man muß zwar dann das Dach fegen; aber die Pflanzen wachsen wunderbar. Wir kehren die Asche in die Gärten. Da vorn, das Haus, das haben Eliador und ich damals gebaut; Kalindra und Ianador haben es vergrößert. Komm, gehen wir zu ihnen.”

Das wurde uns abgenommen, sie hatten uns schon gesehen. Sie kamen auf uns zu, umarmten Alida und dann mich, und wieder wußten sie sofort Bescheid. Minutenlang wurden wir mit Glückwünschen überschüttet... und meine Fähigkeiten im ‘direkten Verstehen’ reichten nicht aus. “Kalindra ist meine Tochter. Das müßtest du aber eigentlich sehen.” - “Ich kann ja noch nicht einmal sehen daß sie jünger ist als du. Leben deine anderen Kinder auch hier?” - ”Ja, aber die sind bei der Arbeit. Kalindra und Ianador arbeiten im Moment nicht...gehen wir mal rein, damit du siehst warum.” Wir gingen ins Haus, dort tobten drei kleine Kinder herum die uns ebenfalls stürmisch begrüßten, aber dann schnell wieder bei ihrem Spiel waren. “Ihr habt also alle Zeit der Welt für eure Kinder?” - “Ja, so haben wir uns entschieden” sagte Ianador “wir hätten die Kinder auch ins Kinderhaus geben können, aber das wollten wir nicht. Sie nur abends zu sehen, wenn sie schon müde sind und wir auch, das gefällt uns nicht. Das hat Zeit bis sie in die Schule gehen.” - “Kinderhaus?” - “Ja. Ein großes Haus hier im Viertel. .. es gibt ja Leute, die bekommen keine Kinder, weil sie allein sind oder aus irgendeinem Grund nicht so richtig funktionieren...und die sind froh wenn sie Kinder betreuen können, auch wenn es nicht die eigenen sind. Und Eltern, die gern arbeiten, sind froh wenn jemand ihre Kinder betreut, das paßt gut.” - “Und diese Betreuer, müssen die nicht arbeiten?” - “Betreu du mal eine Kinderbande den ganzen Tag. Das ist Arbeit...viel sogar. Darüber hinaus noch mehr zu verlangen, das wäre nicht gerecht.”

Wie immer, dachte ich, wo ich auch hinkomme muß ich fragen, fragen, fragen. Das ging auch so weiter, nur daß meistens die Antworten kamen bevor ich eine Frage ausgesprochen hatte. Wir wurden durch das ganze Haus geführt, ich erfuhr daß auch die beiden anderen Paare Kinder hatten, aber schon ältere, die in der Schule waren. Dann kam Besuch..was ich schon täglich befürchtet hatte geschah jetzt. Ein Bote teilte mit daß Alida in der Kristallwelt erwartet würde , es wären drei Engländer gekommen, davon zwei die noch nie hier waren. “ich muß gehen, Liebster...das gefällt mir jetzt gar nicht, ich hoffe das sind schnelle Lerner. Du weißt genug um klar zu kommen?” - “Ja, ich denke schon. Kann ich in dein Haus?” - “Klar, die Tür kennt dich. Du kannst aber auch hier bleiben, oder die Museen besuchen...frag Malcolm, der weiß gut Bescheid. Ich komme dann heim, so schnell es geht.”

 Das wollte ich nicht. Ich begleitete Alida zur Fähre und fuhr dann mit dem Gleiter nach alt-Atlantis zurück, holte ein paar Stunden Schlaf nach, besuchte noch einmal das exquisite Restaurant am Hafen und schlenderte dann zu Poseidons Faß hinüber, hoffte und lag richtig, Malcolm war schon dort.

Atlantis für Singles

Ich konnte es nicht zurückhalten. Kaum hatten wir uns begrüßt, machte ich ihn an. “Du bist ja so ein Heuchler, Malcolm. Da muß ich von Freunden hören daß du Kinder aus Hungergebieten hierher bringst. Ja, hast du etwa gedacht ich fände das schlecht??” - “Aber nicht doch. Das halten wir etwas zurück, aber das hat nichts mit mir zu tun.  Du hast ja wohl mitbekommen wie versessen die Avalonier auf Kinder sind; und manche Frauen empfinden es als Makel, wenn sie keine eigenen Kinder haben können. Nur darum geht es, es soll völlig egal sein ob Kinder adoptiert werden oder hier geboren. Das geschieht nicht, um dem Malcolm einen Gefallen zu tun. Ich bin auch nicht der einzige der sich darum kümmert. Sei nicht sauer, ich wußte einfach nicht wie du zu so etwas stehst; wir haben nicht darüber gesprochen. Trinken wir einen?” - “Gern. Aber heute kippst du einmal ein Glas Cualarin, okay?” - “Sicher. Das mache ich öfter als du wohl meinst...aber ich lege eben auch Wert auf einen Rest Britentum, ist das so schlimm? Es tut niemandem weh.” - “Außer dir, vielleicht. Mir kommt die avalonische Lebensweise viel gesünder vor als unsere.” - “Das ist sicher so. Es ist nur so: da lebe ich im Urwald, lange, und dann kurz hier, und wieder im Urwald. Dort habe ich sehr eingeschränkte Möglichkeiten...es ist nicht so einfach.” - “ja, reizt es dich denn gar nicht, ständig hier zu leben?” - “Das fragt mich Vahrsonia auch immer. Schon...ich denke nur, es schadet gar nichts wenn ich nach einem Leben in dem ich lange nur dem Geld hinterher gejagt bin, jetzt versuche ein bißchen was sinnvolles zu machen. Und das sehe ich darin, ein bißchen an Verbindungen zwischen “oben” und “unten” zu werkeln.”

Das saß. Das Bild war komplett, ich hatte Malcolm völlig unterschätzt. Der machte wenig Worte, und dachte sich sein Teil, arrangierte etwas und blieb dabei fast unsichtbar. Hochachtung, dachte ich....”reg’ dich ab. Dir werden auch bald die vielen Möglichkeiten aufgehen.” sagte er und “Na? Haste den Sex-Schock überstanden?” ich grinste ihn an “ist ja nicht so schwer. Gefällt mir, wie sie miteinander umgehen. Laß mich mal raten: Sowas wie Puffs, Nutten, Nachtlokale... .das gibt es hier nicht? Es sollte hier am Hafen sein. Ich sehe aber nichts davon.” - “Aha, du vermißt wohl die Reeperbahn? Richtig vermutet, sowas fehlt hier. Also, Nachtlokale schon, aber das ist etwas anderes als bei uns. Musikkneipe, würden wir sagen.” - “Wo? Bisher ist mir sowas nicht begegnet.” - “Du warst ja auch nachts immer bei Alida. Die öffnen erst spät, und sind natürlich auch nicht in der Stadt, das würde ja stören. Sollen wir heute Nacht mal rausfahren?”

“Wie - rausfahren?” - “Zum Rumbokan. Ein Vulkan mitten im Meer, ein übler Kracher...da ist es manchmal so laut, da würden auch die Stones niemanden stören - dort wohnt niemand.” - “Stones..gibt es hier etwa Rockmusik?” - “Das nicht. Es ist andere Musik, aber auch ganz schön fetzig, aber das erlebst du besser selbst. Wollen wir?” - “Aber gern. Wie lange wird Alida wohl weg bleiben?” - “Mann, dich hat es ja ganz schön erwischt. Das ist schlecht zu sagen, kommt darauf an wie ahnungslos oder begriffsstutzig die Gäste sind. Von einigen Stunden bis zu drei Tagen, etwa. Die machen immer so lange wie es nötig ist. Kann auch sein daß jemand dabei ist wie ich, und der sagt, ich übernehme das - dann geht es schnell.” - “Warum hast du das nicht bei mir gemacht?” - “Oh, Verzeihung. Ich habe mir gesagt, du hast mich schon vorher derart ausgefragt, eine gründliche Einführung schadet dir sicher nicht.” - “..und an Alida gedacht. Volltreffer, danke.” - “nein, zuviel der Ehre. Ich wußte nicht wer kommt. Aber dann..Mann, ihr hattet euch ja kaum gesehen, da kam ich mir auch schon überflüssig vor.” - “Ja, das war die Überraschung meines Lebens. Wir werden heiraten.” - “Unnötig zu sagen. Das war sofort klar.” - “Könnte sie das sofort erfaßt haben?” - “Ist möglich. Wenn, dann hat sie es geschickt verborgen...Alida ist eine ganz besondere Frau, du weißt noch gar nicht was für ein Glück du hast.” - “Ich denke, schon. Was meinst du?” - “Sie hat den ‘dritten Grad’ - und es gibt nur vier.” - “Was bedeutet das?” - “Sie kennt fast alle Geheimnisse. Wir würden so einen Menschen auf ein Podium stellen und mit Preisen überhäufen, Nobelpreis, Pulitzer, und ähnliches. Sie kann heilen, hellsehen und Menschen zu Gott führen. Du wirst es noch merken, die macht einen anderen Norman aus dir.” - “das ist mir allerdings schon klar. Wie bekommt man so einen Grad?” - “ Neugier, pure Neugier, und unendliche Geduld.  Die sind hier alle nicht so schlecht darin, aber manche eben mehr.”

“Und der vierte Grad?” - “Rathurnida...du kennst sie. Sie hat ihn und wird immer unterschätzt. Sie kann mit Gott reden, was immer das bedeuten mag. Was wir davon merken, ist, daß sie aber auch wirklich alles geregelt bekommt. Sie kann vermitteln, verbinden, motivieren sagst du vielleicht, wie niemand den ich kenne. Vielleicht wirst du es einmal erleben, eine Beratung an der sie teilnimmt. Da können die Meinungen noch so auseinander gehen, sie findet das gemeinsame darin und schafft es daß am Ende Einigkeit herrscht. Dabei sagt sie gar nicht viel, sie fragt mehr. Geh hin, wenn eine Beratung stattfindet, ich kann das nicht erklären. Ich hab’ nur den ersten Grad.”

Ich hätte endlos weiter fragen können, ließ es aber sein. Die Dinge zeigten sich ohnehin ganz allmählich, und beobachten brachte mir allmählich ebenso viel wie fragen. Wir plauderten mehr, sagten auch manchmal nichts und ich bemerkte daß er, genau wie ich, sehr genau mitbekam was um uns herum vorging. Später schlenderten wir durch eine Bibliothek, sahen uns Geschäfte an, stiegen ein wenig am Atalan hinauf und sahen über die Stadt, ich hätte so gern Fotos gemacht...aber ich verstand auch, warum das unerwünscht war. Mit Tourismus könnte man hier ein Schweinegeld verdienen, dachte ich, aber wer brauchte hier Geld...Malcolm lachte “das war mein erster Gedanke als ich zum ersten Mal hier war. Dann wollte ich ihnen den Segen von elektrischem Strom nahelegen, aber erstens wußten sie darüber Bescheid, und zweitens brauchen sie’s nicht.” - “Warum eigentlich?” - “Wegen der Vulkane. Die haben seit Jahrtausenden  gelernt, Nutzen aus den Dingern zu ziehen. Warmes Wasser heizt die Häuser, heiße Quellen helfen beim Kochen. Dampf treibt Lüftungssysteme, und die Mélanaden kennst du ja.” - “Ja, aber solche Dinge wie Radio, Fernsehen, Computer?” - “Haben sie nicht. Nein, stimmt nicht ganz - oben am Tor haben sie’s. Die Wächter hören Radio, haben das Internet. Sie sind gut informiert, was unsere Welt angeht, oder?” - “Sehr gut. na, das müssen sie ja auch, wenn sie reisen wollen.” - “Richtig, und es reisen viele. Das bemerkt nur kein Mensch, weil sie das Zielland vorher studieren und sich landestypisch kleiden, meist auch dort eine Uni besuchen oder Kurse. Allenfalls in China dürfte es schwierig sein, weil die meisten so enorm groß sind.” - “Falsche Pässe...werden die hier gemacht?” - “Sicher doch. Aber auch bei uns, in Brasilien. Es gibt auch hiesige, die oben leben - für eine Weile . Es gibt wohl kaum noch ein Land in dem du auf eine Behörde gehen kannst und sagen, macht mir mal einen Paß - ich habe keinen.”

Wir saßen und schauten, ich konnte gar nicht genug bekommen davon. Es wurde spät, wir bummelten wieder runter, noch einmal zu Poseidon’s Faß und trafen dort Vahrsonia. Wieder beschlich mich diese Unsicherheit...aber es war nicht nötig. Sie küßte mich zärtlich und sehr lange, aber das war es auch. Aber ...besser als ein starker Kaffee war das schon, und sie las mich....”du hast dich völlig richtig verhalten, Norman. Du warst unsicher, und dann tun wir nichts; und mit einem der da ganz und gar dagegen ist, auch nicht. Aber deinen Wunsch erfülle ich nur zu gern.” Also küßten wir uns weiter, zärtlich und lang, und gleich nochmal. Und langsam begriff ich wieder ein wenig mehr, denn meine Erregung hielt sich in Grenzen, so schön es auch war. “Siehst du, es ist nicht kompliziert. Wir zwei lieben uns nicht, nicht so. Wenn wir uns küssen, ist es ganz anders als wenn du und Alida das tun, oder Malcolm und ich. Dann wollen wir ziemlich bald allein sein...ich weiß nicht was wir heute abend machen werden, ich glaube, Malcolm hat etwas vor. Aber wir können uns oft küssen, wenn du magst...ich mag es sehr, und du wirst sehen, du wirst mich nicht begehren, oder ich dich. Das kann anders sein wenn wir uns lange nicht gesehen haben; dann könnten wir uns  für ein paar Augenblicke haben. Du wirst spüren wenn das so ist, und auch, ob ich einverstanden bin. Ich muß das mal sagen, Norman. Mach das nicht so sehr mit dem Kopf, mehr mit dem Herzen. Küssen wir weiter?” - “Aber ja...”

Es war zauberhaft, und wieder etwas ganz Neues für mich. Wir küßten uns endlos, sahen uns oft in die Augen dabei und es war kein Vorspiel, eher ein Gespräch. Worte kamen nicht vor, aber ich lernte Vahrsonia kennen. Irgendwie hatte ich ihre innere Welt berührt, wenn ich die Augen schloß, sah ich Bilder. Ich spürte ihren Körper deutlich, aber es bewirkte nichts wirklich sexuelles; als redeten unsere Haut, unsere Lippen und Zungen, unsere Augen in einer Sprache miteinander, die wir nicht hören, aber doch verstehen konnten. Schließlich ging sie wieder zu Malcolm “Norman braucht keine Erklärungen mehr. Nicht wahr?” - “Das sollte jeder können. Das tut ja gut wie ein Bad im Meer..” - “Ja, nicht? Du bist ein Schnell-Lerner. Du solltest dich um einen Grad bemühen .” - “Mach ich vielleicht, wenn mir mal jemand erklärt wie das geht..?” - “Alida macht das. Du wirst es kaum bemerken.”

“Vahrsonia, hast du Lust auf eine Nacht mit Musik? Ich möchte Norman mal zum Rumbokan mitnehmen.” Malcolm trank schon sein Glas aus, er wußte es schon, ich auch, aber Vahrsonia sagte es auch. “Sehr gern. Nehmen wir meine Schwester mit? Norman möchte vielleicht auch tanzen.” - “Klar - hol sie eben.” Vahrsonia ging sofort, wir auch, langsam zum Gleiterbahnhof. Kaum hatten wir uns einen Kahn ausgesucht, kam Vahrsonia auch schon an, neben ihr eine noch größere, blonde Frau..sag nichts, sprach ich sie an “Emeralda?” - “Emeraldia. Gut...Vahrsonia hat schon erzählt, du bist der Glückspilz der sich Alida geangelt hat. Das hätte so mancher Mann gern geschafft...aber sie hat gewartet, als wenn sie gewußt hätte daß du kommen würdest.” - “Sie wird es gewußt haben” sagte Malcolm und umarmte sie. Ich sah genau zu, nein, Freunde waren sie nicht. Ein Kuß und gut.  Dann kam Emeraldia zu mir, ein langer Kuß, mehr nicht. “kennst du unsere Tänze?” - “nein, ich hoffe, du wirst mir helfen.” - “Aber gern. Fahren wir los?”

Malcolm steuerte, und ich war froh daß er aufs Wasser herunter ging. Allerdings fuhr er den Gleiter wie ein Motorboot, das Wasser flog nur so um uns herum und mehr als einmal passierten wir andere Gleiter ganz nah. Irgendwann wurden die Frauen nervös “Malcolm, es ist genug. Nicht auf dem Wasser ranfahren..” sagte Vahrsonia schließlich, Malcolm grinste und zog allmählich hoch. Ich sah bald, warum. Diese Insel hatte überhaupt keinen Strand, felsige Steilwände fielen direkt ins Wasser ab, eine scharfe Brandung tobte dort, der Rumbokan, bei der Arbeitund messerscharfe Klippen ragten aus dem Wasser. “Sehen wir uns erst mal alles von oben an” sagte Malcolm und riß hoch, wie eine Rakete schoß das kleine Boot nach oben. Ich ärgerte mich etwas darüber, mir wurde schwindlig, aber schon lag der Gleiter wieder ruhig. Der Anblick war schon sagenhaft...eine Insel, die nur ein Vulkan ist, sonst nichts.  Die Rauchfahne darüber vermied er, zum Glück, diese Gerüche mag ich nicht. “Malcolm, wo ist denn da Platz für ein Lokal?”  - “Nirgends. Wart es ab..” Vahrsonia und Emeraldia lächelten, kicherten, sahen mich an...aber ich tat ihnen nicht den Gefallen, auch nicht als Malcolm einen Sturzflug begann, direkt auf den Krater zu. Inzwischen kannte ich Malcolm, und vertraute ihm. Natürlich schossen wir nicht in diese Wolke, sondern machten eine scharfe Kurve zu den Außenhängen. Dann bremste Malcolm stark ab, wir schwebten vor einem dunklen Loch, einer Höhle oder einem Nebenkrater, und darüber war etwas in die Lava gemeißelt. Hadesartis stand da und ich rätselte. Schrift dürfte mein Gehirn ja nicht übersetzen...”wenn du länger da bist...nein, das mache ich” sagte Emeraldia “das heißt die Unterwelt , und ist eine Lavahöhle. Keine Sorge, sie ist kalt, also, nicht wirklich kalt, der ganze Berg ist warm. Aber der Krater ist nach Osten gewandert, es gibt viele Höhlen die heute ungefährlich zu begehen sind. Fahr schon rein, Malcolm.”

Langsam, ganz vorsichtig jetzt, zog Malcolm das Fahrzeug durch den Eingang. Direkt dahinter weitete sich die Höhle zu einer großen, halbkugeligen Kuppel , Mélanaden verbreiteten ihr rosa Licht, aber es waren nur wenige. Warme Luft umfing uns als wir ausstiegen, aber ohne Schwefelgeruch. Unser Gleiter war nicht der einzige der dort stand, und nach uns kam gleich noch einer. Malcolm ging voran, durch eine kleinere Nebenhöhle ging es in eine Halle, die mir gewaltig vorkam, aber das mag auch daran gelegen haben daß es fast dunkel war, bis auf einen Bogen aus kleinen Lichtern am Ende der Halle. Ich schätzte die Menge in der Halle auf gut zweihundert Leute, deren Gespräche sich zu einem Summen vereinten, nur was dicht bei uns gesprochen wurde, war verständlich. Wir schüttelten einige Hände, Malcolm und Vahrsonia umarmten auch manche dort. Emeraldia nicht, und ich natürlich auch nicht...”Emeraldia, kennst du hier keinen?” Das kam mir so unmöglich vor...”Ich komme selten her, und hier sind vor allem Leute aus Mirarthris. Die Atlanter gehen in die “neue Feuerhalle” - aber die mag Malcolm nicht.” Ein dumpfes Grollen war zu hören, und während ich mich fragte ob wir jetzt flüchten müßten, gab es rundherum Applaus. Dampf kam auf, an der Lichterreihe stieg er auf “gute Show” sagte ich und Emeraldia lächelte “das ist echt. Das Grollen und der Dampf, das ist Natur. Nur die Mélanaden sind eingebaut worden, der Boden geglättet und loses Gestein aus der Decke heraus gebrochen. Damit nichts herunter fällt. Die  Halle ist sicher, das kannst du glauben. Der Rumbokan ist ein Polterer; aber das ist alles nur Gas und Staub, und das fliegt aus dem Krater. Die Verbindung zum Krater ist zugeschmolzen, schon vor vielen Jahren. Zusätzlich haben wir sie noch vermauert, gut hundert Meter dick. Wollte der Rumbokan das öffnen, Mensch, da würden dir die Ohren wegfliegen. Wir könnten ganz ruhig in die Gleiter steigen und heim fahren. Ganz sicher, das kann er nicht, er ist offen. Aber er macht eine unheimliche Athmosphäre, und das lieben wir. Du, es geht gleich los, holen wir uns Getränke? Später kommen wir kaum noch durch.”

Ich folgte ihr, zu einem Nebenraum wo mehrere Leute Gläser ausgaben. Reinsa, Wasser, Cualarin? Wir nahmen Cualarin. “Emeraldia, was ist Reinsa?” - “Eine Droge. Später, wenn du willst. Nicht gleich zu Anfang, gewöhn dich erst einmal an das hier.” Wir tranken, gingen wieder in die Halle. Ich sah mir das Publikum an, mußte mir aber wieder helfen lassen. “Die meisten sind unter zwanzig.  Es gibt keine Altersgrenze; auch uralte kommen gern her, aber sie haben meistens keinen Grund dazu.” - “Einen Grund?” - “na, einen Partner finden. Das ist eine riesige Partnerbörse; zusammen Spaß haben hilft doch...das macht ihr doch auch so.” - “Ja, aber da sind meist die jungen unter sich. Paare kommen aber auch her?” - “Klar, wie Malcolm und Vahrsonia. Du, es geht los. Ruhe.”

Es wurde erstaunlich ruhig, und so schnell. Auf der erleuchteten Bühne stand nur ein Mann, in schwarzer Kleidung, kaum zu sehen. “Liebe Freunde, heute haben wir eine Gruppe zu Gast, die lange nicht hier war. Begrüßen wir die Megalithen.” Applaus. Ich grinste über den Namen und erwartete grobe, vierschrötige Typen; aber dann kamen sechs Musiker auf die Bühne, drei Frauen, drei Männer - eher grazile Typen. Ich konnte nur eines der Instrumente erkennen, es ähnelte einem Saxophon. Die anderen erkannte ich nicht, eines davon war gewaltig, sehr groß. Es fing an mit einem langen, flötenartigen Ton, der langsam anstieg und wunderbare Echos in der Halle auslöste. Alle standen ruhig, abwartend. Dann kamen dumpfe Töne dazu, die mir durch und durch gingen und alles in mir vibrieren ließen; nach und nach stieg die Melodie an, der Rythmus wurde schneller und reizte die Muskeln an, die Leute fingen an zu tanzen. Emeraldia führte mich, es war nicht schwer ihr zu folgen, die Musik machte das schon. Nach wenigen Minuten war die Halle ein Hexenkessel, die Musik wurde immer schneller, immer lauter, die Echos mehr...das stand einer zünftigen Rockband in nichts nach, großartig. Emeraldia mußte nicht mehr führen, ich war begeistert und folgte jedem Ton mit irgendeiner Bewegung; Malcolm und Vahrsonia verlor ich schnell aus den Augen, sah viele lachende Gesichter, und die Musik machte keine Pause. Ich verlor jeden Zeitbegriff, aber sie haben mindestens eine Stunde so durchgespielt.  Dann war es schlagartig still, es folgte tosender Applaus. “Nun, Norman? War das gut?” - “Das weißt du doch. Super.” Emeraldia umarmte mich, öffnete die Lippen zum Kuß...erst vorsichtig, dann zärtlich, dann auch leidenschaftlich, küßten wir uns. Unsere Augen trafen sich, ich sah es, wollte es aber von ihr hören. “Wir werden Freunde?” - “Ja..wenn du auch so empfindest. Siehst du? Musik kann viel..” lächelte sie und löste sich wieder “langsam, obwohl ich schon sehr neugierig darauf wäre gleich noch mehr zu tun...trinken wir was, sie spielen gleich noch eine Runde.”

Wir holten wieder Getränke, sie orderte ein Glas Reinsa dazu, ein winziges Glas. Wir tranken beide einen Schluck und löschten den Durst mit Wasser, das auch sehr gut schmeckte. “was tut dieses Zeug? Muß ich irgendetwas wissen?” - “Es macht dich offener für die Musik. Mehr nicht, aber der Genuß wird gesteigert..und der Durst auch. Trinken wir noch ein Glas Wasser.” Wirklich, das Wasser schüttete ich gierig hinunter, es tat gut. Sonst merkte ich nichts. Langsam gingen wir wieder in die Halle, warteten und schwätzten ein wenig mit den Umstehenden. Dann wurde es wieder still, die Band kam zurück, und begann da wo sie aufgehört hatte. Rasend schnell, laut, wirbelnd und doch melodisch spielten sie, bis sich dieses Feuerwerk in sanfte, schwebende Töne auflöste. Die kamen in meinen Kopf, als spiele einer die Harfe zwischen meinen Ohren...traumhaft, wirklich. Emeraldia kam näher, legte den Kopf an meine Schulter, küßte meinen Hals, umarmte mich still und fest. Für einen etwas längeren Moment nahm ich meine Umgebung nicht mehr war, es war das erste Mal daß nicht das Erstaunen überwog,  bei einem solchen Moment - ich konnte es unbeschwert genießen ihr nahe zu sein und das zu bleiben, bis wir mitbelamen daß die Menge um uns hertum anfing sich zu zerstreuen.

“Machen wir noch einen Spaziergang? Das war so schön, ich möchte noch nicht zurück.” Sie ging vor, eine Höhle, noch eine Höhle, Gänge, Spalte nach draußen, Ausblicke aufs Meer. Die Höhlen waren sparsam, aber sehr geschmackvoll mit Licht versorgt, manche sahen aus wie Tropfsteinhöhlen, aber das war wohl Kunst. Am schönsten fand ich eine, in der ein Wasserfall in einen unterirdischen See fiel, dort saßen auch viele Leute auf Bänken, auch wir nahmen Platz. “darf ich fragen warum eine solche Schönheit wie du allein ist?” - “Ja, natürlich. Ich bin nicht allein. Mein Mann ist auf Reisen, schon ein halbes Jahr. Er kommt wieder, aber das ist schwer.” - “Verständlich. Warum reist du nicht mit ihm?” - “habe ich mir auch schon gesagt, das war nicht so schlau von uns. Es ist das erste Mal daß wir getrennt sind, ich hatte es mir leichter vorgestellt - aber dann kommen diese Gedanken, kommt er zurück, hoffentlich stößt ihm nichts zu, und diese Engländer auf Adarnia...ich weiß, unsinnig, er kennt sich ja aus. Aber irgendwie kommen sie halt doch, diese inneren Störungen. Suchen wir uns ein leises Plätzchen zum Reden?” Sie ging vor, durch Gänge nach draußen, gut hundert Meter über der Steilküste waren etliche Balkone, die meisten schon belegt. Wir fanden einen der nicht besetzt war und atmeten salzige Luft ein, plauderten gemütlich - von der Musik, so laut sie auch war, kam hier gar nichts an. Dafür umso lauter, das Rauschen großer Wellen unter uns. Ich konnte es einfach nicht lassen... “Also, Emeraldia, eines kann ich mir nicht vorstellen . Hier sind also viele Jugendliche...und wenn ich Alida richtig verstanden habe, tun sie nichts erotisches bevor sie das Versprechen gegeben haben. Die bekommen aber doch mit, was Erwachsene hier tun. Und das funktioniert?”

 “Aber ja doch. Norman, ich war in Amerika, letztes Jahr. Ich konnte nur dumm gucken, wie man dort mit dem Eros umgeht. Alle reden davon, Filme, Zeitungen, Bücher...das ist Druck, nichts anderes. Aber wer zu früh loslegt, wird bestraft. Das wirst du hier nicht finden, dafür hast du die volle Freiheit. Gibt es Freiheit wenn man unter Druck steht? Nein. Die jungen Leute können sich tausende Frauen oder Männer ansehen, unsere Kleidung verbirgt ja nichts. Sie merken schnell, daß die wirklichen Unterschiede da drinnen sind...das wissen schon die Kinder, vor denen wir ja auch nichts verbergen. Also achten sie auf die richtigen Dinge, wenn sie auf Partnersuche sind, und finden schnell was sie suchen. Mit zwanzig haben fast alle das Versprechen gegeben, und dann.. .nun, sie spüren ein wenig wie andere Männer, andere Frauen so sind, und finden bestätigt was sie schon wissen: körperlich fast gleich, seelisch total verschieden. Und wenn sie einmal ...wir hätten das ja eben ungestört tun können...ein wenig Zärtlichkeit borgen, ist das kein Fehler, sondern ein Geschenk. So bekommen wir viele Kinder...das ist sehr wichtig. Habe ich etwas bei dir angerichtet? Das wollte ich nicht.” - “Das nicht, ich frage nur. In diesem Punkt ist hier alles völlig anders als bei uns.” - “Ich weiß, und will es nicht kritisieren, aber was bringt es euch? Sorgen, oder?” - “Viele. Das stimmt. Du, und in Amerika ? Hast du dort einmal...geborgt?” - “Nein. Ich fühlte mich gedrängt, und man darf mich nicht bedrängen. Ich bin früher heim als ich vorhatte.” Wir schlenderten allmählich zurück. “Ihr schließt schnell Freundschaft.” Emeraldia lachte leise “Deine ständige Verwunderung gefällt mir so gut...weil ich dich sofort angenommen habe? Malcolm, und Vahrsonia hatten mir schon von dir erzählt. Zu Alida habe ich grenzenloses Vertrauen. Was in dir ist, kann ich sehen. Ich mußte mich sozusagen nur überzeugen daß ich richtig zugehört habe. Aber jetzt sag du mal: ist das etwa einseitig? Magst du mich etwa nicht?” - “Doch, das ist es ja. Nicht falsch verstehen, ich freu mich ja darüber. Zuhause konnte ich das nie...” - “Dort hat dir auch keiner das direkte Verstehen beigebracht.” - “Mir hat das keiner beigebracht. Es ging plötzlich...einfach so...” - “Du hast es direkt verstanden. Nein, das ist Ironie. Alida hat es dir wohl übertragen.”

Wir kamen wieder in der Halle an. Es war wie am Anfang, plaudernde Grüppchen, ein allgemeines Summen, keine Musik mehr. Nach und nach leerte sich die Halle, wir trafen auf Vahrsonia und Malcolm. “Nun, Norman? Schlechter als ein Rockschuppen?” - “Unvergleichbar, aber gut.” - “Ja dann...heimwärts?” - “Ja, fahren wir.” Zurück war Vahrsonia am “Steuer”, sie fuhr ruhiger als Malcolm. Ich begleitete Emeraldia zu ihrem Haus und ging dann langsam zu Alidas Haus. Die Tür “kannte mich” und öffnete sich. Rätsel über Rätsel, dachte ich, und man kann nicht genug fragen. Ich schlief bald ein.

Spuren des Untergangs

Alida weckte mich mit Küssen, es war noch früh. “Diese Briten sind schon erstaunlich” sagte sie “erst haben sie mir erklärt daß Kultur nur in England existiert, dann haben sie fast gar nichts mehr gesagt und viel aufgeschrieben. Es ging schnell, schlafen wollten sie nicht, wir haben durchgemacht. Nun sind sie Gäste des Königshauses, das hat mir den Rest abgenommen. So habe ich wieder Zeit für dich..komm schon her, ich brauche dich.” - “Gäste des Königshauses?” - “Ja, sie sind Adlige, mit der Queen verwandt, da habe ich bei Rathurnida angefragt ob sie Lust hat diese Leute einmal so richtig zu beeindrucken. Das tut sie jetzt, und ich bin frei.” Wir tobten durch die Kissen, und frühstückten ausgiebig.

“Soll ich dir was sagen? Ich bin neugierig auf deine Welt. Ich weiß nicht was du willst, aber ich möchte heiraten...geht das schnell wenn wir nach Hamburg kommen?” - “Ziemlich schnell. Ein paar Behördengänge...” - “Auweia.” - “Ja, schon, aber ich weiß wie man’s macht. Du...ich kenne hier noch gar nicht viel...so schnell?” - “Bitte, ja. Ich bin so glücklich daß wir uns haben, und es soll auch so sein, wie du es brauchst. Was willst du noch sehen? Laß uns das schnell machen, wir können doch jederzeit wieder kommen.” - “Diese Feuerhalle würde mich reizen...darf ich da hin?” - “Aber sicher doch. Der alte Atalan, und die Feuerhalle. Das paßt zusammen. Und dann - morgen abreisen?” - “ich bin ja geplättet..natürlich, ja. Moment..das muß richtig anfangen.” - “Was kommt jetzt?”

Ich ging vor ihr auf die Knie “Alida, möchtest du meine Frau werden?” - “Dummer, das bin ich doch schon.” - “Falsche Antwort. Du mußt ja oder nein sagen.” - “Ach so. Ja, Norman. Aber bitte steh auf, das ist mir peinlich.” - “ist ja gut, aber so ist es richtig bei uns.” - “dann muß es so sein. Ja, ja, ja. Steh auf...” Wir mußten lachen,  aber wir hatten uns ja auch das berühmte Versprechen gegeben. “Du, aber biete dich bloß nicht meinen Freunden so an wie es hier üblich ist. Das kommt falsch an.” - “Das weiß ich doch. Und was ich nicht weiß....ich werde es genießen von dir eine  Einführung zu bekommen.” - “Die sollst du haben. Ausführlich, lang, und mit Hafenrundfahrt. Aber heute..?” - “Ja, gehen wir.” Sie war total in Schwung, und das steckte an. So große Schritte, das fiel mir dabei ein, die pflegte ich zu machen als ich noch neu im Beruf war und jeden neuen Auftrag noch als aufregend und wichtig ansah...das sagte mir eine Menge, und jedes Wort darin gefiel mir.  Also wieder einen Gleiter holen, einsteigen, und...das ging sehr schnell, war ja nicht weit, am Hang des Atalan hinauf bis knapp unter den Gipfel, und nur nicht nach oben sehen. Die Helligkeit war blendend, sogar noch wenn ich auf den Boden des Gleiters sah. Alida stoppte das Gefährt vor einer niedrigen Steinhütte, wir gingen schnell rein. “Fahren wir jetzt Motorrad?” das hätte mir Spaß gemacht, es ging aber um Lichtschutz. Wir setzten Helme auf, zogen reflektierende Mäntel an. Visier runter, es wurde dunkel. Draußen war es gerade richtig; und jetzt konnte ich aufsehen und die gewaltigen Leuchter bewundern. Schön waren sie, obwohl das normalerweise keiner sehen konnte. Eine Säule von einem Kristall, mit der Spitze nach oben, eingefaßt von drei starken Metallträgern und einem Ring. Unten krallten sich Ausläufer der Träger meterweit, wie Baumwurzeln, in den schwarzen Vulkanstein, und davon gab es drei, rund um den gewaltigen Krater verteilt. Einer war direkt über uns, trotz Schutzkleidung kam Hitze durch, wir gingen schnell etwas weg von diesem Energiegerät.

Dann standen wir da, lichtüberflutet, und genossen die Aussicht über das ganze Land. Kein Berg war annähernd so hoch, sie sahen alle aus wie flache Hügel . Die Westkette, ein schwarzer Streifen nach Südwesten, sah aus wie Maulwurfshügel; der neue Atalan schon etwas höher, am Horizont die kleinen Inseln von Nord-Avalonia wirkten wie Klippen an der Küste. Alida vermied es, dorthin zu sehen. Ich sah Städte die wir nicht besucht hatten, hörte von Alida ihre Namen, war aber nicht ganz dabei. Die Landschaft faszinierte mich als Ganzes; Details hatte ich genug gehört. Hier erst wurde mir klar, was der simple Vergleich “nur noch so groß wie Irland” eigentlich besagte, dieses Land war gewaltig. Atlantis, über das soviel geredet wird, ein kleiner Fleck am Fuß dieses Berges, der allein schon größer war als die berühmte Stadt. Ein Fauchen hinter mir holte mich zurück... ein Krater im Krater

Da war dieser gewaltige Krater, ein Kreis von so etwa einem Kilometer. Ich sah hinunter, es ging gut fünfhundert Meter steil abwärts, dann eine wellige Ebene, grau bis weiß, und darin ein kleinerer Kegel, dunkel und exakt, wie künstlich. Von dort kam das Fauchen, und ein bläulicher, schwacher Dunst, der kerzengerade in den Himmel schoß. Keine Asche, keine Steine, kein Rauch. Es wurde noch heißer und roch eigenartig, kein Schwefelgestank, nicht wirklich unangenehm, nur ganz und gar fremdartig. “Mélandünste” sagte Alida ruhig “nicht einatmen, die sind giftig. Das macht müde, dann wird dir übel, dann mußt du kotzen. Mélan ist ein Geschenk des Himmels, aber keine Nahrung.  Siehst du, das ist alles was der Riese noch kann. Ausatmen. Dieser kleine Kegel, das war sein letzter Ausbruch. Dann ist er seitlich aufgerissen...ich hab’s dir schon erzählt. Wir könnten da runter gleiten, und reinsehen, wenn er mal eine Atempause macht. Du würdest das Feuer sehen, ganz tief unten, und den Aufzug. Sollen wir?” - “Ach nein, laß mal. Vulkane habe ich genug gesehen, auch wenn dieser wirklich großartig ist. Laß uns noch ein wenig schauen, eine solche Aussicht gibt’s nicht alle Tage.” - “Ja gut, aber sieh auch mal nach oben. Der Himmel ist nah..so nah kommst du ihm nur hier.”

Ich sah hoch, und mir wurde schwindlig. Fische...große Fische, vor einem tiefblauen Hintergrund. “Wie weit ist das Wasser weg?” - “Um die hundert Meter. Und weil der Atalan so hoch ist, ist es auch nicht viel, etwa achtzig Meter. Das Blau das du siehst, ist Sonnenlicht. Manchmal sieht man lange Schatten, das sind Schiffe. Nur hier kann man sich sozusagen sonnen..besonders schön wenn wir mal die Leuchter am Tag abdecken, und nur das Sonnenlicht zu sehen ist. Bei Sturm siehst du sogar Lichtreflexe. Oder mal ein U-Boot, dessen Kapitän sich wundert daß er tiefer gehen will und das nicht möglich ist. Er taucht unten in die Luft ein..und die hält ihn oben.” - “Das ist verrückt. Mensch, da wäre es doch sicher möglich einen Turm zu bauen und nach oben zu gehen.” - “Klar wäre das möglich. Und am nächsten Tag würde es heißen, Atlantis gefunden - einige Wochen später hätten wir die Invasion.” - “Ja, aber...so tief kann ja sogar ein Mensch tauchen - was sieht der?” - “Meeresgrund. Er kann ihn nur nicht erreichen, er ist vier-bis sechstausend Meter unter und etliche Kilometer seitlich von ihm. Die Mélanaden biegen das Licht.“ - “Und das Licht dieser riesigen Leuchter? Das geht nicht durch, wie das Sonnenlicht?” - “Nein. Es strahlt fast nur zur Seite, und geht nicht durchs Wasser, warum, das wissen wir nicht. Es ist aber gut so, oder?” - “Um euren Frieden zu bewahren...ja, sicher. Sehen wir mal ob ich’s kapiert habe. Noch so ein Leuchter, oder zwei, und der Himmel würde aufreißen, wir würden Wolken sehen, und die Sonne scheint rein?” - “Ganz langsam, ja. Das ist sogar geschehen, vor vielen hundert Jahren, als die ersten Leuchter hier oben aufgestellt wurden. Anfangs haben wir einfach große Mélanaden, viele, auf den Kraterrand gestellt; aber die hat der Atalan immer wieder weggeblasen. So kam es zu Züchtungen, und dieser massiven Verankerung. Das kann er nicht wegpusten, heute schon gar nicht mehr, wo er nur noch diese kleine Öffnung hat. Naja, und als wir vier Leuchter ausprobiert haben, da riß das Wasser auf. Das wollten wir natürlich nicht, aber so lernt man eben.”

Ich konnte mich kaum satt sehen. Nur die Hitze vertrieb uns schließlich; sie kroch langsam durch die Schutzmäntel und wurde unerträglich. Wir gingen wieder zur Hütte, gaben die Sachen ab und stiegen wieder in den Gleiter. Alida fuhr halb um den Gipfel herum, immer unterhalb der Leuchter; der Blick nach Norden und Westen wurde frei. Ich sah etwas weiter weg den neuen Atalan rauchen, dazwischen lag ein schwarzes, niedriges Gebirge mit einem weiten, natürlichen Hafen davor. Ein kreisrundes, an einer Stelle unterbrochenes Riff. “Die Feuerhalle” sagte Alida ruhig und es ging steil abwärts. “Das war also früher ein Hafen.” - “Ja, vor dem Unglück. Es gab ja den neuen Atalan noch nicht, das Land lag noch über dem Wasser, und es gab gewaltige Stürme; heute nur noch etwas Wind. Ein überdachter Hafen war großartig, dachten die Alten und haben das Riff aufgebrochen. Aber warte ab, bis wir es sehen können.”

Sie zog den Gleiter bis aufs Wasser herunter, gab mir das Steuergestell “Du bist dran, mach eine langsame Drehung.” Das Wasser war glatt wie ein Spiegel, als wir uns Richtung Osten drehten, hielt ich die Luft an. “Gi-gan-tisch...stammelte ich und sah in eine Halle, die gut hundert Meter hoch und noch etwas breiter war. Und nicht etwa trocken...”da können auch die größten Schiffe reinfahren. Mehrere. Du kannst dir vorstellen, wie sicher ein solcher Hafen ist; das Riff schützt schon die Bucht vor den Wellen, und das ‘Hallendach’ die Halle vor dem Wind. Fahr’ einfach rein, sie ist leer.”

Ehrfurcht, dachte ich, mehr fiel mir nicht ein als es dunkel wurde und wir in absolut stillem Wasser fuhren, auch weil ich ja gesehen hatte daß hundert Meter über uns Hügel begannen, glühende Felsspaltenetwa dreihundert Meter hoch, aus Lava. Es wurde wärmer. Ich mußte mich an die Dunkelheit gewöhnen, um zu sehen daß es gar nicht völlig dunkel war, vor uns. Da waren Öffnungen in der hinteren Wand dieser Halle, die gut vierhundert Meter lang sein mochte; kleine Öffnungen, wenige Meter, aber sie glühten innerlich. “Fahr nicht direkt davor, da kommen heiße Dämpfe raus, Mélandämpfe. Die lassen an Wänden und Decke die Mélanaden wachsen.” - “Hier sind wir also sozusagen im Herz des Ganzen.” - “Ja, wirklich. Leg an, Norman.” - “Wo??” - “Rechts oder links, man sieht sie kaum, aber da sind Felsterassen, Hafenbänke. Laß uns aussteigen.” Ich war etwas zittrig, dieser Ort war mehr als beeindruckend. Die feurigen Öffnungen machten mir Ängste, die ich zuletzt als Kind erlebt hatte. Es war totenstill, das Wasser ein glatter Spiegel, auch diese Fenster in den Vulkan machten keinerlei Geräusch. “Ist das Lava?” - “Ja und nein. Sie ist irgendwann einmal geflossen, aber das ist eine Ewigkeit her. Unsere Forscher sagen, der kreisrunde Hafen und die Halle, das ist der Ur-Atalan. Das glüht noch in den Spalten, weil die Gase so heiß sind; es fließt aber nicht, auch nicht, wenn der neue Atalan kocht und Lava ausstößt - diese Spalten sind unabhängig davon.” - “Ich rieche aber nur beste Seeluft.” - “Sicher. Die heißen Gase hängen unter der Decke; da solltest du nicht drankommen, du würdest dich verbrennen. Hast du deinen Mélanaden dabei? Halt ihn hoch.” Ich tat das, und es war wie ein Wunder. Er gab nur schwaches rosa Licht ab, aber tausende Andere antworteten. An der Decke strahlte es auf, auch nicht hell, jeder einzelne Stein; aber es waren so viele...daß er meine Hand nach oben zog, bemerkte ich kaum, aber dieses Licht...die Halle war plötzlich nicht mehr finster, und ich sah den bläulichen Dunst ganz oben. Er leuchtete auch ein wenig, opalisierend; eine magische Stimmung. Einige Steine hingen auch an den Wänden, in Reichweite. “Du kannst dir welche pflücken, wie Blumen” sagte Alida und sammelte schon einzelne schöne Stücke ein. Feuerhalle, Blick nach draußen

Ich ging vorsichtig dran, ein leiser Knacks, und ich hatte einen. Natürlich sammelte ich dann eine Hand voll, und schon hatte Alida noch etwas vor. Sie ging auf der Terasse entlang, plötzlich war sie verschwunden. Ich folgte ihr, und  sah einen Gang, der in den Berg führte. Drückend heiß war das, aber auch hier, beste Luft. Sie war vor mir, es ging etwas aufwärts, dann mündete der Gang in eine große Höhle, nein, ein Bergwerk. Es arbeitete zwar niemand darin, aber ich konnte es mir gut vorstellen. Überall lagen Werkzeuge, Haufen schwach metallisch glänzender Brocken, an den Wänden Leitern, und einige große Mélanaden erleuchteten das Ganze. “Laß mich mal raten: Mélanerz?” - “So könnte man sagen. Lava, die besonders viel Mélan enthält. Es ist weniger mühsam das Zeug daraus zu gewinnen, als aus Mélanaden. Und nicht so schade. Auch ‘schlechte’ Mélanaden sind schön, finde ich. Weiter drin gibt es noch eine Eisenerzgrube, aber die ist schmutzig. Da müssen wir nicht hin..?” - “Nein, danke. Dreckige Gruben kenne ich genug. Hier ist also das Unglück geschehen...seltsam, daß die Halle noch steht.” - “Sie war größer, länger. Aber es hat ja auch nicht hier gekracht; in die Halle ist nur diese Riesenwelle reingeschwappt, oder eine ganze Flut - und hat die Kristalle abgerissen, durch die Spalten gejagt, wer weiß wie tief runter, und ganz tief unten ist dann das Ganze explodiert. Es braucht große Hitze um Mélanaden zu schmelzen, hier ist es bei weitem nicht so heiß. Als dann das Land abgesunken ist, konnte das immer so weiter gehen, bis das Feuer des Atalan vorübergehend erloschen ist, oder keine Mélanaden mehr da waren, so genau weiß man das natürlich nicht. Aber die Flut ist bezeugt, das haben Leute berichtet die sich gerade so noch retten konnten. Immer dran denken, damals war die Halle ein Hafen der so lebhaft war wie der Hafen von Atlantis heute.”

Wir hatten die Halle wieder erreicht, ich konnte mir gut vorstellen wie eine Flut über die niedrigen Klippen draußen schwappen und hier gegen die hintere Wand krachen konnte; aber an diese hohe Decke? “Doch, das war so. Als wir diese Gegend trocken gelegt hatten, gab es keine Mélanaden mehr an der Decke und den Wänden, einige lagen im Becken, aber nicht viele. Dafür war alles voll mit Wrackteilen, zerschmettert in ganz kleine Splitter. Es hat all die Schiffe die draußen lagen hier reingedrückt, auf die hier liegenden, und an die Wände.” - “mein Gott...” ich konnte mir vorstellen wie viele Schiffe draußen Platz hatten....furchtbar. “Plato hat ja gesagt, man wußte daß die Katastrophe kommt und hat Schiffe ausgesandt, um die Kultur zu retten. Ist da was dran?” - “Wissen wäre zu viel gesagt. Das war eher ein düsterer Spruch, ausgesprochen in Ägypten, von Menschen denen unsere kriegerischen Vorfahren Schaden zugefügt hatten. Sowas wie ein Fluch, den aber kein Mensch ernst nahm - aber es gab noch eine Warnung, von einem unserer Könige, vor dem Sturm. Er wußte wohl auch mehr, sagte es aber nicht - was hätte man auch tun können? Von Schiffen, die deswegen unterwegs waren, ist nichts bekannt; aber natürlich haben Schiffe, die gerade weit weg waren, das Unglück überstanden und konnten dann nicht heimkehren. Hier hat es alle Schiffe erwischt, auch in Atlantis und den anderen Städten. Wie gesagt, ein Sturm wie keiner vorher und keiner danach.” - “Da könnte man schon rätseln, wie so etwas möglich war.” - “Das ist immer möglich, nur zum Glück selten.” - “Stimmt, aber lassen wir das Thema, es tut weh an so etwas zu denken.” - “Ja - fahren wir zurück?”

Das taten wir, und ich steuerte zum ersten Mal den ganzen Weg, es fing an mir Spaß zu machen, dieses wendige kleine Fahrzeug zu lenken, auch durch die Luft.  Danach lagen wir eine Weile still auf dem Bett, ich war ganz erschlagen von den Eindrücken dieses Tages. Wir hatten noch einiges zu erledigen, aber das mußte warten. Es gelang mir gerade, dreieinhalbtausend Jahre Entwicklung bis heute wie einen inneren Film zu sehen, ein großartiger Film, auch wenn mir der Anfang wirklich nicht gefiel. Der vorläufige Schluß war dafür umso besser...

Aufbruch

Er mußte es geahnt haben. Wir waren gerade wieder aufgestanden, da klopfte es. Die kluge Tür hatte ihn schon eingelassen, Malcolm kam mir auf der Treppe entgegen. Wir machten keine Umwege, sagten ihm sofort was wir vorhatten, er tat überrascht, war es aber wohl nicht. “Für immer?” - “Nein. Zum heiraten, wenn es nach mir geht, kommen wir danach wieder her. Es wird ja Winter in Deutschland, warum den Winter in Hamburg verbringen, wenn wir nicht müssen.” - “Ja..dann..hör mal, dann bleibe ich hier. Ich kann ja später mit euch fahren, im Frühling der Nordhalbkugel, und mit Jungverliebten auf einem kleinen Schiff...das muß nicht sein. Vahrsonia meint auch, ich sollte bleiben bis ich meinen Bierbauch los bin.” - “sag mal, solltet ihr zwei es uns nicht gleich tun?” - “Ein Versprechen geben? Das kann ich hier tun, und zum heiraten nach England...ich weiß nicht, ich bräuchte bessere Gründe. Zum sterben gern, aber zum heiraten?” Wir lachten darüber, aber er hatte das wohl bitter ernst gemeint. “Ich werde aber mit Vahrsonia drüber reden, heute noch. Sag ich soll, Alida.” - “Warum ich? Weißt du es nicht selbst?” - “Du weißt mehr.”  - “mag sein, aber du hast es schon gelesen.” - “Sag es halt.” - “Malcolm, Vahrsonia liebt dich über alles, gib ihr dein Versprechen.” - “Danke.” Er umarmte sie, dann hatte er es eilig.

“Wir müssen Rathurnida Bescheid sagen.” - “Gut. Tun wir’s gleich.” Rathurnida war nicht im Palast, so sprach Alida mit den Schreibern der Halle; die wollten natürlich wissen warum, und wußten es doch längst - wir wurden umarmt und mit guten Wünschen entlassen. Wir waren fast draußen, da kamen sie hinter uns her “Alida, daß dir das passiert - hier.” Sie bekam einen nagelneuen Paß; ein britischer. Sie schlug ihn auf und lachte “also wirklich, Alida Deventer - jetzt darf ich eigentlich Malcolm nicht mehr umarmen. Mußte das sein?” - “ich übernehme das gern für dich, Alida.” sagte Celinda lächelnd “er war gestern hier und hat uns das angekündigt. Nimm ihn, er gilt ja nicht lange. Ist doch gut gelungen, oder?” Alida lachte immer noch. “Also, gehen wir, Miß Deventer?” stieg ich auf den Spaß ein “Sorry, Sire, ich bin Mrs. Weinstein.” Unter dem Lachen von Celinda und Fenador verließen wir den Palast.

Das war eine Stimmung zwischen uns...lachend, rannten wir die Treppen runter, wieder war ich ein junger Bengel und sie meine heimliche Freundin...”Alida, müssen wir nicht deinen Kindern und Yanerdia Bescheid sagen? Oder den Wächtern?” - “Das tut der Palast für uns.” - “Dann könnten wir sofort fahren?” - “Soso..nun hast du es auch eilig, ja?” - “Ich folge deinen Wünschen.” - “Mensch Norman, ja...warum nicht...können wir denn bei deinen Freunden auf den Malvinen heute noch aufkreuzen?” - “Wie lange brauchen wir denn? Es ist noch nicht Abend.” - “Nun, mit einem Gleiter zur Kristallwelt, zehn Minuten. Die Fähre sparen wir uns, meine Kollegen bringen den Gleiter zurück. Dann nochmal fünfzehn Minuten nach oben, zwanzig aus dem Bergwerk raus...und wie weit ist es dann? “ - “Drei Kilometer, so etwa. Wenn’s noch nicht dunkel ist...” - “Dämmrig.” - “Dann schaffen wir das locker. Ich möchte nur nicht im Dunkeln in dieser Gegend rumstolpern.” - “Dann laß uns los...Norman, das ist verrückt. Wunderbar. Halt, Moment. Ich habe keine deutsche Kleidung.” - “Macht nichts. Auf der Saskia ist das egal, und einen Hafen zum shoppen finden wir schon.” - “ja..Mensch, los. Was reden wir noch rum...ich freu mich so...”

Wir nahmen also wieder einen Gleiter, sie steuerte, so voll mit Karacho mochte ich die Dinger nicht fahren. Aber sie, und wie. Ich sah kaum etwas von neu -Atlantis, Mirarthris, dem Meer, nur die Kuppel über der Kristallwelt kam rasend schnell auf uns zu, sie steuerte halsbrecherisch schnell in einen Eingang, schon standen wir. Einer der Wächter kam etwas verwundert auf uns zu “Alida..du hast keinen Dienst. Oder wollt ihr etwa....” - “Rhodarior, bringt uns so schnell rauf wie ihr könnt, ja?” - “ja, gern..hast du einen Paß, und alles was du brauchst?” - “Alles was ich brauche, steht neben mir.” - “Ja..gratuliere, ihr zwei. Los, du weißt ja wohin.”  Alida rannte fast, ich folgte ihr schnell, Rhodarior und sein Kollege auch. Auch sie machten mächtig Tempo, der Tunnel wurde sehr schnell durchfahren, und schon kam der Abschied. Umarmungen, gute Wünsche, kommt bald wieder...

Wir standen atemlos im Tor, die Tür schloß sich hinter uns, wir hatten unsere knappe Zeitschätzung glatt um acht Minuten unterboten. Die Mélanaden leuchteten schwach, wir zwängten uns durch den engen Spalt..die obere Welt begrüßte uns mit völliger Finsternis, modriger Luft und Stille. McCormick’s Pit war wie eine Warnung, daß es hier oben ganz anders läuft....”gab es eigentlich einen Briten mit diesem Namen, der die Grube anbgelegt hat?” - “Ach, nein, Norman, oder ja...das war so. Draußen vor dem Eingang stand lange ein Haus. Das war der Eingang, nicht bewacht, die Malvinas waren ja unbewohnt. Uns war es hier zu kalt, und außer uns wußte wohl Niemand von den Inseln. Dann kamen diese gräßlichen Walfänger, haben eine Station gebaut - Stanley. Wenig später dann die Royal Navy, sie haben das Land zu ihrem erklärt. Da haben wir das Haus bis auf den letzten Krümel abgebrochen und die Sicherheitstüren eingebaut...und ein Engländer hat die Grube gekauft weil er wohl dachte, mit der miesen Kohle hier könnte er Geld verdienen. Hat etliche neue Gänge gegraben, dann ist weiter unten alles abgesoffen weil er eine Quelle angebohrt hat - aus war’s. Seitdem liegt die Grube still, perfekt für uns. Die Engländer glauben sie wüßten was das hier ist, und niemand kümmert sich darum. Wir haben ein wenig nachgeholfen und die tieferen Gänge schön gruselig ausgestattet, es funktioniert. Sie trauen sich nicht herein. Gehen wir dann?”

“Ja, aber schön vorsichtig...” ohne Malcolms Führung kam auch mir dieses Loch nicht geheuer vor.

Alida, die sich besser auskannte, ging vor. Ich folgte zögerlich und war froh daß sie den Weg wohl wußte...

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