Gute Freunde

Wir kamen ausgeruht und munter an, aber spät in der Nacht, schon um den Gleiter unauffällig in der Halle des Yachthafens verstauen zu können, in dem sonst die Saskia lag. Zwei dicke Planen darum, mit Seilen befestigt, das mußte genügen. Gemütlich drauf, verzichteten wir auf jede Bequemlichkeit und bummelten durch die nächtliche Stadt zu meiner Wohnung. Ich hatte gerade Alida vorgerechnet, daß wir uns von meinem Geld ein ganz brauchbares Haus hier im Norden oder ein kleineres am Rhein leisten konnten, da fiel es uns ein. Wir hatten Susanne total vergessen, sie auch seit drei Tagen nicht gesehen und ohne sie den Beschluß zum Aufbruch gefaßt. “das kann ja auch bedeuten, daß sie jemand gefunden hat” meinte Alida “denk mal an Lorna, kaum in Avalonia, schon den Partner gefunden. Und jetzt so vertieft in ihr neues Leben, daß sie uns noch nicht einmal besucht hat.” - “Sie kann ja in deine Wohnung, das ist kein Problem. Aber unhöflich war das schon...hey, und du? Abgekühlt, was Susanne als Frau angeht?” - “Nicht so sehr, aber wir hatten ja auf der Saskia Zeit so viel wir wollten. Und neuerdings...mit dem Gedanken an ein Kind...da ist ein Mann doch interessanter.” - “Kannst ja mal Holger fragen...” ich grinste, sie lächelte. “das erwarte ich schon von dir, Norman, so müde kannst du ja gar nicht sein...die Hausmanns können wir auch morgen besuchen; aber ich werde mich hier oben an hamburger Sitten halten.” - “Da bin ich gespannt. Aber klar, gehen wir heim und sehen wir morgen weiter.”

Morgen mußte warten. Wir machten uns einen äußerst gemütlichen Abend und schliefen dann in den Tag hinein, frühstückten ausgiebig und bummelten dann zu Hausmanns hinüber. Die freuten sich sehr uns zu sehen und die Begrüßung war dann auch entsprechend herzlich. Dann wollte Vanessa etwas mit mir unter vier Augen besprechen... sie war wohl bei der Begrüßung darauf gekommen, meinte ich zu lesen - und so war es auch. “Weißt du noch, vor Jahren...?” - “Als du meine Freundin warst? Da war ja wohl gar nichts, oder ist mir etwas entfallen?” - “Nein, da war nichts. Das meine ich auch nicht. Ein paar Jahre später, bei diesem Urlaub auf Norderney...das kannst du doch nicht vergessen haben.” Ich zwinkerte “ich habe mich ehrlich bemüht.” Sie lächelte “gerade darum geht es mir, Norman. Das war sicher richtig damals, aber verstanden habe ich dich damals nicht. Da hatten wir uns, und du hast dich schließlich zurückgezogen. Warum?”

Ich mußte wirklich nachdenken, es war so lange her. Sie war meine Freundin gewesen, aber dann auf Holger abgefahren. Den hatte sie dann auch geheiratet, was bei mir eine Art Blockade ausgelöst hatte - ich war ihr stinkesauer, hätte ich damals gesagt. Wir blieben zwar befreundet, auch weil Holger mein bester Kumpel war, aber ich mied jeden näheren Kontakt zu ihr, für eine lange Zeit.  Dann war ich mit ihnen zusammen nach Norderney gefahren, Urlaub, und das erste Mal daß wir uns ein Boot mieteten und Erfahrungen damit machten.  Vanessa und Holger machten eine Krise durch, das fiel mir erst dort auf. Dann kam dieser Tag, als Holger nicht baden mochte, Vanessa und ich aber schon...nackt natürlich, wie immer, und es kam der Moment als sie mich ganz überraschend umarmte....

“Sag mir lieber warum du das getan hast.” - “Das kannst du dir doch denken, Norman. Ich hätte Holger verlassen...wenn...” - “Ja, wenn...das wußte ich nicht, als wir uns im Meer geliebt haben.” - “ich habe es ja auch nicht gesagt. Wollte wissen ob...ich dachte, ich hätte doch besser dich heiraten sollen.” - “Denkst du das immer noch?” - “Nein, ich war dumm. Krisen haben alle Paare, nicht? Nein, es interessiert mich nur was damals in dir vorging. Heute können wir ja offen reden...” - “Ja, damals haben wir das beide nicht gekonnt. Vanessa, das wäre nicht gelaufen. Holger die Frau weg nehmen..unmöglich.” - “Aber ein bißchen dran naschen schon...dreimal, Norman, und die Nacht in den Dünen, und dann...wortlos nichts mehr, und ich konnte doch nicht einfach nachfragen. Warum?” - “Es hätte Ernst werden können, Vani. Das wollte ich nicht. Zu spät...ich muß auch zugeben, ich war sauer, verletzt weil ich dich immer noch mochte...aber nicht so.” - “Weil ich Holger genommen habe, und nicht dich.” - “Ja klar. Und ich habe gedacht, mit ihm verheiratet sein, und wenn es dir gerade paßt..auch mal mich vernaschen. Das nicht.” - “Ach du je...also, so war das wirklich nicht. Du...denkst doch nicht etwa heute noch so von mir?” - “Das ist lange her, Vani. Nein. Ihr seid ja dann auch wirklich richtig glücklich geworden, zusammen..und dann die Kinder...” - “Es wäre dumm gewesen, was ich da vorhatte. Klar. Du, Norman...umso schöner finde ich es heute, einmal bei dir zu sein - jetzt natürlich ohne Hintergedanken” - “Ich auch, Vani. Alt wie wir sind...” - “Verjüngt, wie wir sind. Ich bin froh daß wir uns darüber ausgesprochen haben.  Hätten wir damals schon tun sollen.” - “Meinst du, das wäre gegangen? Wir hatten ganz verschiedene Absichten.” - “Hast Recht, lassen wirs ruhen. ist gut so wie es ist...neuerdings sogar sehr gut.”

Zwanzig Jahre, und dann die Aussprache. Na, besser als gar nicht; und es sagte mir auch daß Vanessa sich wirklich ernsthafte Gedanken machte. Nur, welche? Sie sagte es nicht, aber als wir genug in Nostalgie gewühlt hatten, fragte sie noch einmal intensiv nach, ob noch irgendetwas wäre, was wir besser aussprechen oder klären sollten. Ich sagte nein, sie war erleichtert.  Warum nur, dachte ich, aber sie ließ mich rätseln. Wir gingen wieder ins Wohnzimmer.

Erst vor Alida und Holger, die sich auch nicht nur unterhalten hatten, kam sie damit heraus. “ich frage im Moment noch theoretisch, Alida.  Es könnte aber bald ernster werden - weißt du, wir haben hier unsere Aufgaben erfüllt, die Kinder sind groß, Holger wird bald in Rente gehen und nach Leerlauf, nichts tun ist uns gar nicht. Sagen wir mal, wir würden dein Land kennen lernen und es mögen, und wollten dort leben, wie ihr. Was müßten wir tun?” - “Dort bleiben, Vanessa. Einfach dort bleiben. Mehr nicht.” - “Und..wovon leben?” - “Na, du sagst doch gerade, Nichtstun lehnt ihr ab. Arbeiten, natürlich.” - “Und was?” - “Das würde sich finden. Erst A sagen, dann B - Vanessa, ihr wollt Avalonia sehen?” - “So bald es geht, ja. Uns ist nach Neuanfang zumute, und Norman hier ist schuld daran. An ihm sehen wir daß es möglich ist - und es reizt uns, und nicht nur uns.” - “Wen noch?” - “Vera...ich habe dir doch schon erzählt, ich habe eine Freundin..das ist Vera. Sie hat auch die Schnauze voll, wir haben schon oft darüber gesprochen. Sie wird auch bald hier auftauchen, sie wollte ohnehin kommen. Norman, du kennst sie auch..du wirst sehen. “

Na, das war eine Überraschung. Ich hätte geschworen, die beiden würden sich Avalonia gern einmal ansehen, aber bald heim fahren und gern darüber reden, aber nicht etwa umsiedeln wollen - und jetzt das. “Vani, woher kommt das jetzt? Als wir zuletzt darüber sprachen, war noch keine Rede davon.” - “Holger und ich haben lange überlegt. Alles was von dort kommt, gefällt uns sehr. Nur darüber reden und ein bißchen Cualarin hier vertreiben..das reicht uns nicht. Wir wollen so leben wie ihr...” - “Hmm..nicht daß ihr meint, das ist das erotische Paradies, es ist mehr und eine ganz schöne Veränderung. Ihr müßt das Land lieben, die Kultur....und akzeptieren, daß man dort etwas von der Welt isoliert ist.” - “Das ist es ja. Genau das gefällt uns...also, wir werden uns das ja ansehen. Wenn es so ist wie ihr sagt....”

Weiter kam sie nicht, es klingelte. Vera kam herein...Vera von Stoeven, wieder eine Kollegin. Das enfant terrible der Redaktion, genau gesagt. Vera sah mich grinsend an “Hallo Norman. Überrascht?” - “Kein bißchen. Ich hätte es mir denken können...du konntest ja noch nie  die Finger von Frauen lassen...du und Vanessa, das überrascht mich schon ein wenig, aber sonst...” - “Ja, und stell dir vor, es war nicht meine Idee. Außerdem, seit ich mit Vanessa näher bekannt bin, kann ich meine Finger von Anderen lassen. Norman, laß uns ernsthaft reden. Du weißt ja daß ich nicht so furchtbar angepaßt bin...ich würde wirklich gern alles hinter mir lassen. Außerdem...das ist Alida? Du hast sie mir vorenthalten. Angenehm, Alida...” Sie setzte sich zu uns, bald war klar, Vera hatte sich wirklich ernsthafte Gedanken gemacht. Sie fragte gezielt und direkt, machte keine Umwege - nun, so kannte ich sie. Dann merkten wir aber, sie hielt etwas zurück, und natürlich, Alida fragte danach.

Vera wiegte den Kopf “das möchte ich nicht vor Vanessa und Holger sagen. Verlange ich zu viel, wenn ich das lieber allein mit euch besprechen würde? Eure Meinung würde ich gern hören, vielleicht spinne ich ja nur...aber ich möchte nicht die Runde hier sprengen.” - “Das ist Unsinn. Wenn das wichtig ist...wir sehen uns ja öfter. Sollen wir zu uns gehen?” - “Das wäre mir lieber.” Vani und Holger wunderten sich zwar, aber warum nicht. Wir brachen auf.

Wie leben?

Die etwas angestaubte Wohnung war zwar kein ideales Ambiente, aber darum ging es ja auch nicht. Wir waren ziemlich neugierig was da kommen würde, ich hatte einen kleinen Schimmer was das sein könnte, wartete aber ab was Vera uns erzählen würde. “Ja, also, ich komme mir schon dumm vor bevor ich es sage. Alida, wie du über Kinder gesprochen hast, das hat mich total aufgewühlt.  Norman wird es wissen, in der Redaktion habe ich so meine Rolle...Vera die Emanze, Vera die Lesbe, Vera die Freche. Vanessa bewundert das sogar...und mir wird schlecht davon. Das bin ich nicht, und wie ich dazu gekommen bin, das wüßte ich gerne. Ich bin eine ganz normale Frau, sehne mich nach Geborgenheit und bekomme alles, nur nicht das. Ja, und da ist der Chris. Er ist so altmodisch wie ein Mann nur sein kann, will nicht daß seine Frau arbeiten muß, wünscht sich Kinder und meint, seine Frau solle die Kinder erziehen und sich darauf konzentrieren, und vielleicht arbeiten, wenn die Kinder groß sind. Alida, das ist doch von gestern..oder wie siehst du das?” - “Für mich sicher.. .als ich meine drei Kinder großgezogen habe, war ich ganz für sie da. Mein damaliger Mann hat gearbeitet, ich nur wenig und zuhause. Mir hat nichts gefehlt, im Gegenteil. Es war das was ich wollte, und hat mir gut getan. Vera, diese Auffassungen der Emanzen...entschuldige wenn ich einmal etwas drastisch sage, das halte ich für völligen Schwachsinn. Die haben Angst davor, Frau zu sein.” - “uff, das war hart.”

Vera schluckte “gedacht habe ich das auch schon, aber...es sind so viele, Alida, so viele. So gut wie alle Frauen die etwas drauf haben, studiert und so.. .die würden sich eher erschlagen lassen als ihr Leben der Kindererziehung zu widmen. Bestenfalls ein Kind bekommen, aber weiter arbeiten und das Kind betreuen lassen.” - “Ja, und diese Kinder bekommen keine Liebe, und diese Frauen nur wenig Kinder. Vera, denk es weiter: das Land stirbt aus. Kann eine Auffassung richtig sein, wenn sie ein Volk vernichtet? Niemals.” Vera saß da und sah mich an, griff nervös zu ihrem Glas “statistisch hat sie Recht. Das Volk schrumpft ja wirklich.” - “Vera, statistisch? Du verstehst Alida doch...du bist eine Frau, basta. Daran ist nicht zu rütteln. Ein Teil dessen was in dir angelegt ist, soll Kinder erzeugen und sie großziehen. Dein Bauch läßt sie wachsen, deine Brüste können sie ernähren.  Deine Liebe kann sie stark machen. Warum zum Teufel solltest du auf deine Gaben verzichten? Alida sieht das richtig, ich habe das auch erst durch sie begriffen. Wir haben hier eine Trennung gemacht, eine furchtbare Trennung. Wir haben Liebe und Sex auseinander genommen, inzwischen sehen wir Kinder als Unfall, es ist erlaubt sie zu töten. Das ist Wahnsinn, krank und wird uns Unheil bringen. Vergiß das, richte dich nicht danach...überhaupt, wie empfindest du selbst? Ohne an die anderen Frauen zu denken? Was will die  Vera, wenn sie auf niemanden hört und nur daran denkt was ihr gefällt?”

“Das ist es ja. Ich würde am liebsten zu Chris sagen “ja, heirate mich, mach mich zur Mutter und laß mich mindestens drei Kinder großziehen. Ich pfeife auf meinen Job..sollen mich doch alle für beknackt erklären.” Alida lachte leise “..ja, und warum hast du dann ein Problem mit ihm?” - “Er vertritt das in mir, was mir Ärger mit meiner ganzen Umgebung einbringen wird.” - “Soso...ich würde sagen, er stärkt dir den Rücken. Vera, schon mal überlegt daß du so wie du denkst und bist, vielleicht im falschen Land lebst?” - “Schon oft. Jetzt sag nicht, da wo du herkommst, würde man mir zustimmen?” - “Aber hundertprozentig, Vera. Du bist herzlich eingeladen...wirklich, mehr als Vanessa und Holger, auch mehr als wir, du bist hier falsch.” - “Aber..ihr kommt hier klar? Warum nicht ich ?” - “Wir haben uns auch noch nicht endgültig entschieden, aber ich käme klar. Sollen andere Frauen doch denken was sie wollen, wenn ich bald mit einem Kinderwagen durch die Stadt gehe und werde belächelt, feixe ich zurück. Ihr habt eure Neurosen, und ich mein Glück, werde ich denken.” Vera schüttelte sich vor Lachen.  “Das ist super-radikal. Das könnte ich nicht.” - “Eben drum. Du bist besser da aufgehoben, wo man dir zustimmt.”

Vera sagte lange nichts. Dann umarmte sie Alida wortlos, dann auch mich, setzte sich wieder, fuhr sich nervös durch die Haare “wißt ihr was ich liebsten täte? Chris anrufen und herbitten, und ihn so schnell wie möglich heiraten.” - “Das Telefon steht im Flur.” - “Ich kann doch nicht euch mit meinen Schwächen belasten.” Alida wurde zornig, das sah ich, und das geschieht selten. “Verdammt, Vera.  Du bist feige, und versteckst dich hinter Bescheidenheit. Mädel, du hast uns dein Herz ausgeschüttet, bist - hoffentlich - ganz ehrlich gewesen. Und jetzt tust du so als würdest du uns schaden, wenn du heute noch dein Glück festhältst.” - “Du hast Recht. Ich tu’s...hilf mir weiter so, wenn ich wieder feige werde.” Vera ging zum Telefon, Alida schloß die Tür hinter ihr.

“Da haben wir gerade überlegt daß wir auch hier gut leben könnten..” begann sie ganz nachdenklich “aber nach diesem Gespräch...mir wäre es wirklich egal, aber wenn wir ein Kind bekommen, dann geht es dem wohl bei uns wesentlich besser.”- “Tja, dann können wir es doch so machen: wenn wir keines haben können, leben wir mal hier, mal dort. Wenn wir eines bekommen, gehen wir nach Avalonia.” - “Das klingt gut. Ich habe aber das Gefühl, es werden noch mehr Leute dort hin gehen; Holger, Vanessa, vielleicht auch Vera mit ihrem Chris, wenn das was wird.” - “Dann wären fast alle meine Freunde dort...ja, und wir sicher auch. Du, wenn das Leben es so will, warum nicht. Ich frage mich nur was ich tun soll...rumsitzen ist nicht mein Ding.” - “Das mußt du nur Rathurnida sagen. Sie wird dir eine Arbeit zuweisen, das ist kein Problem. Ich werde ja vielleicht wieder Mutter, bin daheim...du könntest auch meinen Job machen.” Ich wollte noch etwas sagen, aber da kam Vera zurück. Ihr Gesicht hatte sich aufgehellt “er kommt her. Sag mal Norman, du könntest ihn auch kennen. Christoph Buchmüller? Er kennt dich jedenfalls.” - “Vom Tageblatt? Natürlich, aber nur oberflächlich. Den hast du dir geangelt? Na, Mahlzeit. Ich finde ihn jedenfalls schwierig.” - “Er sich auch. Ich nicht...na, du wirst ja sehen. Ich habe ihm nicht gesagt was ich vorhabe...laßt mich das machen, ja?” - “Was denn sonst. Wir sind ja schon verheiratet..”

Chris kam wenig später an, brachte Blumen für Alida mit, war die Höflichkeit pur, aber auch erstaunt was denn los wäre. Mit mir flachste er ein wenig herum, dann wollte er Klartext. “Vera, seit Wochen nichts.. und jetzt ganz dringend. Wo brennt es?” Vera zeigte auf ihre Brust. “Da drinnen. Da sitzen zwei, die haben mir heute den Kopf gewaschen. Gilt das noch, was du gesagt hast...und dann von mir so unfair abgewiesen wurde?” - “Das ist nicht wahr. Du willst mich doch ? Ich dachte, ich hätte alles verbockt. Klar gilt das noch...aber erklär mir doch...?” - “Mach ich. Du hast noch viel mehr gesagt, ich habe das wütend abgelehnt . Deutschland vergessen, neu anfangen. So...und wenn ich jetzt sage, du kannst nur beides zusammen haben? Mich und den Neuanfang?” - “Moment. Du hast abgelehnt Mutter zu werden.” -” Das nehme ich zurück.” - “Hey, gut...und du wolltest Karriere machen.” - “Vergiß es.” - “Hoppla...was hast du geraucht??” - “Nichts. Weiter.” - “ja, und weder heiraten noch umsiedeln.” - “Beides in Ordnung.”

Chris sah zu uns “Gehirnwäsche. Wie habt ihr das gemacht?” Alida strahlte ihn an “Später. Sag Vera schon ob du einverstanden bist.”- “Ja sicher...wenn du dabei bleibst??  Ich kann es ja kaum glauben.” - “Das hat mir schon immer gefallen, Chris...ich hatte nur nie den Mut so zu sein wie ich bin. Dann haben wir hier geredet, und ich denke, das sollten wir jetzt auch weiter tun. Chris, da könnte sich eine Tür auftun, und ich möchte durchgehen. Mit dir. Frag Alida und Norman mal, wie man leben sollte...”

Das war ein wenig hoch formuliert, aber Chris war neugierig. Zunächst hatte er mich im Verdacht, von so einer Art Nobelresidenz zu sprechen, ich überließ es Alida das zurecht zu rücken. Er hörte aufmerksam zu, und fragte oft. Dabei sagte Alida noch nichts von der ungewöhnlichen Lage ihres Landes, dem Namen, der Geschichte. Was sie zu Familie, Sozialsystem und Kindern sagte, gefiel ihm sehr gut. “Aber..ich wundere mich. Warum weiß ich nichts davon. .ich bin Wissenschafts-Journalist, ich sollte davon gehört haben.” Chris, bestaunt AlidaAlida sah mich an “wir müssen es ihm sagen.” - “Ja, müssen wir.” Ich stand auf, löschte das Licht und nahm einen Mélanaden aus meiner Tasche. Hielt ihn hoch, gab ihn Chris. “davon hast du auch noch nie gehört, was?” Chris staunte wie ein Kind. Das milde, rosa Licht strahlte in seiner Hand, ruhig und schön.

“Du mußt nicht meinen, als Journalisten wüßten wir alles” sagte ich ruhig und wartete ab wie er reagieren würde. Chris reagierte zunächst gar nicht, es sah sich den Stein an, sah mir in die Augen, sah zu Vera - aber die sah das auch zum ersten Mal, mit weit offenen Augen starrte sie auf den Stein. “aber..was ist das...?” stammelte Chris “ihr legt mich rein, mit irgendeinem Trick.” - “tun wir nicht. Alida, zeig ihm mal ein wenig.... Chris, sie ist sechzig Jahre alt. Sieh sie dir an.” Alida ließ ihre rechte Brust sehen, Chris schluckte.

 “Aber... das darf ich doch nicht..Alida, nein..” Alida lächelte nur uns blieb so. “Weißt du Chris, erstens verhüllen wir uns daheim ohnehin nicht so wie hier, und zweitens sind wir auch lockerer was das angeht. Vielleicht hast du ja auch bemerkt daß Holger wieder Haare auf dem Kopf hat? Das kommt aus der gleichen Quelle. Man kann halt gesünder leben wenn man weiß wir. Nun komm schon näher...” Ich mußte schmunzeln als Chris sich durch vorsichtiges Betasten davon überzeugte, daß da kein Betrug dabei war - und vera nervös wurde. “Nun laß ihn mal, Vera” sagte ich schließlich “du mußt ja keine Konkurrenz fürchten..” Mit einem schrägen Grinsen stimmte sie mir zu während hinter uns Stoff raschelte und Chris sich dann wohl zuviel erhoffte..”Stop, mehr bekommst du von Vera” sagte Alida schließlich und beide kamen wieder zu uns, Chris sichtlich verlegen. “ich hatte ja von etwas Besserem geträmt” sagte er nachdenklich “und jetzt sehe ich daß es wohl viel besser geht, mehr als ich dachte. Sorry, Alida...” Die winkte ab “schon gut, woher sollst du auch wissen was geht und was nicht. Aber komm mal zum Thema zurück.”

 Alida lächelte ihn an “glaub’ es ruhig, Chris. Das bedeutet auch, keine Falten, keine Glatze, keine Krücken...” - “ja...sowas...” er fuhr sich nervös durch die Haare, dann setzte er sich schnell zu Vera. “Entschuldige...was für eine Frau...die erste sechzigjährige bei der ich ganz unruhig werde......” Alida lachte und prostete ihm zu “danke...” er nahm sein Glas, stürzte es hinunter und wollte sich bei Vera entschuldigen. “laß...ich wäre eben gern an deiner Stelle gewesen. Du siehst ja selbst, wie anziehend Alida ist. Überlege lieber, ob du uns beiden eine Zukunft gönnst, die nicht auch Verfall einschließt und uns so leben läßt wie wir sind.” - “Was für eine dumme Frage. Aber ich weiß viel zuwenig. Erzählt uns davon.”

Wir legten also los, von Plato bis zur Wirklichkeit, von Mélanaden bis zu Malcolms Tauchschiff. Chris saß völlig still dabei, hörte nur zu und wollte schließlich auch fragen; aber er glaubte uns, das war deutlich. Schließlich sagten wir auch, was er eben erlebt hatte, das war eine Kostprobe von der avalonischen Lebensart, das könnte auch noch weiter gehen - und Vera sagte dazu, wenn dabei viele Kinder entstünden, so wäre das gewollt. So, und nun wäre er dran. Breit lächelnd umarmte Alida Vera für einen langen, zärtlichen Kuß, Chris machte das sichtlich nervös. Aber er ließ sie gewähren. Ich half ihm ein wenig “Chris, eben haben wir auch diskret weggeschaut - nun tu du das auch. Alida weiß schon, wo Schluß ist - hast du doch eben erlebt.” Chris griff wieder nach seinem Glas “bin ich zu ängstlich?” - “Oh ja.” Er stürzte sein Glas hinunter...

Ich hatte es schon geahnt. Alles hatte ihm gut gefallen, nur die Freizügigkeit der Frauen nicht. “Vera, ich dachte du hättest dich von dem Emanzenscheiß verabschiedet. Das klang mir eben so, habe ich mich verhört?” - “Nein, du hast schon richtig gehört. Aber so wie es dir eben gefallen hat ein wenig mit Alida zu spielen, so gefällt mir das auch. Du darfst das, ich darf das. Das ist nichts schlimmes, und beide Geschlechter mögen es und dürfen es. Was du meinst, das ist daß der Mann die Frau kontrolliert. Chris, dem habe ich nicht zugestimmt und werde das auch nie tun.” - “ Aber... ist das denn so schlimm?” Alida sprang Vera bei. “Ja, das ist es. Es ist gegen die Menschenwürde. Vera ist erwachsen, du bist es auch. Sie muß niemandem gehorchen, so wenig wie du - mißbrauche ihre Liebe nicht! Außerdem, sie ist dir meilenweit entgegen gekommen, willst du  dich nicht bewegen? Das ist nicht klug, meinst du nicht auch?” - “Aber..ich bin bereit umzusiedeln.” - “das wolltest du doch ohnehin.” - “Stimmt. Nein, unfair sein zu Vera, das will ich nicht. Alida, erzähl doch bitte wie du und Norman die Dinge regeln.”

Alida überließ das mir, weil ich ja aus der gleichen Kultur komme wie Chris. Er merkte bald, daß er sich seine altväterlichen Ansichten nicht so recht durchdacht hatte; das meiste daran war ja völlig richtig, nur den Patriarchen, den konnte er nicht geben. “Ist das so wichtig, Chris? Steckt da nicht Mißtrauen der eigenen Frau gegenüber dahinter? Das brauchst du nicht, Vertrauen brauchst du. Ist das nicht da, heirate sie nicht. Übrigens könnte sich ein Paar durchaus so einigen, daß der Mann bestimmt, das gibt es auch. Aber bei Vera kommst du damit ja nicht an. Nun überleg dir mal, was dir wichtiger ist...” - “Da hast du völlig recht...das ist eine ganz andere Welt...” - “Genau das hast du doch gesucht, Chris” sagte Vera “und ich auch.” - “Das ist wahr...sag mal, deine Freundin, die Vanessa, ist die auch auf dem Weg dorthin?” - “Das könnte gut sein, Chris. Sie verändert sich ständig, ich beobachte das schon länger, habe es aber erst jetzt verstanden.” - “Dann verändere mich, Vera. Ich nehme an, du willst etwas ganz bestimmtes hören. Willst du meine Frau werden?” - “Ja, Chris. Das weißt du doch schon.”

Es gab also etwas zum feiern. Außer Cualarin war nichts im Haus, aber das war ein guter Einstieg. Chris bemerkte die belebende Wirkung sofort, und etwas später gingen wir und setzten die Feier in einem guten Restaurant fort. Als wir heim kamen, waren wir völlig erledigt, Chris und Vera waren strahlend zusammen abgezogen, und wir waren ziemlich aufgewühlt, müde, aber schlafen war nicht drin. “Weißt du was, Alida? Ich habe so ein Gefühl, ich möchte am liebsten hier die Zelte endgültig abbrechen und in West-Avalonia bauen. Mir reicht es hier, was soll ich noch hier. Sollen wir das Wandern aufgeben?” - “Wirst du das auch nicht bereuen? Dein Job, deine Freunde? Wäre es nicht besser abzuwarten ob es so bleibt?” - “Scheiß auf den Job. Holger und Vanessa, das ist ein Argument. Kannst du nicht ein wenig nachhelfen? Du kannst so viel, ich meine, es bräuchte nur einen kleinen Schubs und sie kommen mit.” - “Mal sehen..” sagte Alida und war still.

Es gilt

Ich versuchte zu schlafen, aber es war zu früh und ich zu angestochen. Es reizte mich einfach aufzubrechen, einmal entschlossen, mochte ich das nicht aufschieben. Dann klingelte es....ich sah auf die Uhr, nach zehn. Das kann nicht sein, dachte ich. Alida ging schon zur Tür. “Holger, Vanessa. Wunderbar. Kommt rein.” Ich schoß hoch, tatsächlich - da standen sie, mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht. Vanessa kam sofort zu mir “Norman, wann fahrt ihr hin? Wir wollen mit.” - “Nun setzt euch doch erst mal. Um ehrlich zu sein, wir fahren bald, aber wir werden wohl nicht zurück kommen. Es reicht..ich will leben.” Sie nahmen Platz, wieder gab es grünen Saft. Holger machte eine weitreichende Handbewegung. “Wenn ich nun sagen würde, das gefällt uns, wie können wir Bürger von Avalonia werden, was machen wir mit unserem Besitz, und wovon werden wir leben, könntet ihr das beantworten? Alida?”

“Also. Wenn wir euch mitbringen und für euch sprechen, seid ihr drin. Schenkt alles euren Kindern, ihr braucht es nicht mehr. Arbeit gibt es genug, und sie wird euch zugeteilt - und habt ihr keine, ernährt euch die Gemeinschaft. Fahren können wir sofort.” Holger verschluckte sich, Vanessa strahlte. “Schatz, du hast gesagt du willst. Sag ja.” - “Ohne das Land je gesehen zu haben...” - “Hast du gesagt. Seit wann lügst du denn?” - “So gut wie nie, Liebes. Aber Muffe vor der eigenen Courage...das darf man doch noch haben.” - “Kannst du, geschenkt. Alida, nehmt uns mit..und laßt uns so schnell wie möglich aufbrechen.” - “Ruf Walter und Henni an, vergiß das nicht.” - “Verrückt...ich rufe mal eben an und verschenke alles was wir haben. Du, das mache ich..sofort.” Vanessa stand auf und ging zum Telefon. Alida kam zu mir “und deine Wohnung, Norman?” - “Die ist bezahlt...läuft alles per Dauerauftrag. Die behalten wir noch, wenn wir mal urlaubsweise hier sein wollen, ja? Oder diese zwei. Das sehen wir später. Ich bin auch in Aufbruchsstimmung.” - “Mensch, ja...dann können wir ja sofort los...nein, wartet noch ein Gläschen lang. Es könnte noch etwas passieren...” - “???” - “Wart’s ab.”

Vanessa kam strahlend zurück “die glauben wir spinnen, aber okay. Gruß von Henni, wenn wir’s wieder haben wollen, jederzeit. Sonst alles Gute.” Holger schüttelte nur noch den Kopf. “ich bin damals aus meinem Elterhaus abgehauen, das war eine ähnliche Stimmung. Na, ich habe es nie bereut.” Wieder klingelte es. Jetzt ging ich zur Tür, und ahnte es schon. Vera und Chris. Die gleichen Fragen, nur Besitz gab es nicht “ich habe meiner Mitbewohnerin einen Zettel hingelegt..ich kann sie doch auch mal besuchen?” fragte Vera und bekam von Alida die Bestätigung. “Mein Wohnklo war schon gekündigt. Nun muß ich keine neue Wohnung suchen. Kommen wir denn einfach so irgendwo unter?” wollte Chris wissen. “Das mach’ ich schon” sagte Alida dazu. “Gehen wir. Schnell. Bevor jemanden der Mut verläßt.” Vanessa stand auf “Holger, komm. sattel’ die Hühner, es wird Ernst.”

Der Hafen lag im Bodennebel. Wir packten den Gleiter aus, schoben ihn aus dem Schuppen - ich war froh daß wir nicht so einen kleinen genommen hatten, es wäre noch Platz für drei weitere Leute gewesen. Alida hängte das Gestell ein, bestaunt von unseren Freunden “und der Motor? Wo ist der?” wollte Chris wissen, Alida deutete auf den Mélanadenstern im Gestell. Chris schüttelte nur ungläubig den Kopf. “Einsteigen, es geht los.” - “was denn, wir bringen das Boot nicht ins Wasser?” - “Nein. Steig ein, du wirst sehen.” Chris und Vera hielten sich fest wie in der Achterbahn, Vanessa und Holger waren da schon sicherer, wir hatten ja oft genug davon erzählt.  Alida startete sehr sanft, aber unsere neuen Freunde wurde ganz blaß. “Durch die Luft??? Ja wie denn das?” - “Gestell anheben, Vera. Willst du mal?” - “Nein, danke. Meine Nerven...der Flughafen.” Unter uns startete gerade ein Jumbo. “Alida, laß doch den Unsinn.”  Ich wollte sie davon abhalten, sie lachte nur - ging etwas tiefer, zog langsam am Cockpit der großen Maschine vorbei “winken, Leute...” wir winkten und lachten uns krumm, die Piloten glotzten nur dumm....” - “Die kneifen sich jetzt gegenseitig, und keiner wird es ihnen glauben” gluckste Alida. Dann zog sie richtig hoch und legte einen Zahn zu.

Die Müdigkeit meldete sich bald, in einem Rutsch durchzufahren, das ging nicht. Beim Rhonedelta landeten wir an einem menschenleeren Strand, legten uns in die Dünen und schliefen erst mal bis in den Morgen, es war fast zu warm. Frühstück hatten wir mitgenommen, Cualarin auch. Ein Bad im Mittelmeer, und es ging weiter. Angst hatte keiner mehr...es war ein Genuß im vollen Sonnenlicht über die Sahara zu rauschen, und die Frage ob wir nochmal landen sollten, wurde allgemein verneint. “ich will dieses Land sehen” sagte Vanessa und so ging es ihrem Mann, Vera und Chris, auch.   Wir hatten Hunger und die Sonne sank gerade als wir vor Adarnia auf Wasser nieder gingen. “Ich sehe nur eine kahle Insel..?” Vanessa sah sich um und Alida grinste. “Gleich siehst du gar nichts mehr.” Das Boot ging unter, Geschrei, Panik...Staunen. Vanessa sah einem großen Fisch direkt in die Augen. Es wurde dunkler, wir kamen in der Höhle wieder hoch. “Unglaublich...” Chris sah sich um “Du bist hier rein getaucht? Wieso sind wir nicht naß?” Alida zeigte nur auf den Mélanadenstern. “Du wirst uns viel erklären müssen...” - “ja, ich weiß. Hab Geduld, ja?” Langsam glitt das Boot auf den Kies, schob sich vor eine völlig glatte Sandsteinwand. Alida stieg aus, nahm einen Mélanaden und öffnete das Tor. Riesig sah das aus, war es doch groß genug für Malcolms Schiff. Unsere Freunde sagten gar nichts mehr. Es ging hinein, das Tor schloß sich, rosa Dämmerlicht, zwei Wächter kamen zum Boot. “Alida, grüß dich. Besucher?” - “Neubürger, Reniador. Sag bitte im Palast Bescheid, wir benötigen zwei Wohnungen. Wenn’s geht, in Alt-Atlantis.” - “In drei Tagen?” - “heute noch.” - “na, das ist ja...gut, fahrt los, aber ihr müßt ein wenig warten, fürchte ich. Vanartis...na, ihr werdet ja sehen.”

Alida winkte ab “das kriegen wir schon hin. Okay, ab...” Rasend schnell zog sie durch den Tunnel, wie ein Blitz schoß ein anderen Gleiter an uns vorbei, Richtung Ausgang - und schon waren wir in der Kristallwelt. Nicht für eine Einführung, aber Alida ließ sich den Spaß nicht nehmen, unsere Freunde auszuziehen und in die üblichen Umhänge zu kleiden. Wir genossen es beide, die unsicheren Blicke, die Frage ob hier wirklich alle so herumliefen, die Hände vor der Scham und schließlich die Entspannung als wir wieder zum Gleiter gingen und anderen Avaloniern begegneten. Chris stellte eine Frage, auf die ich nicht gekommen war “warum überhaupt Kleidung? Die verbirgt doch ohnehin nichts.” Alida drehte sich um, kicherte “kannst dir ja deine Mélanaden und was du sonst so mit dir herumträgst, in die Arschfalte stecken.” Chris kugelte sich fast, sah sich immer wieder den Stein an den er eben bekommen hatte und schob ihn schließlich in die Hüfttasche “kein Ausweis, kein Führerschein, kein Geld...Mensch, bin ich gespannt wie es hier läuft.” der Atalan, etwas erregt

Es lief zunächst gut, ich kannte das ja schon. Großes Staunen über die fantastische Landschaft, Fragen hier, Fragen dort, dann die Westkette..und Alida nahm das Tempo herunter. “Oh mein Gott. .seht nur...”  Das Licht auf dem Atalan war schwach, eine gewaltige Rauchwolke stand darüber. Nach Nordosten hin ging Ascheregen nieder, dahinter stand eine weitere Rauchwolke. “Vanartis geht unter” sagte Alida etwas traurig “so einen großen Ausbruch gab es lange nicht, das war es dann wohl mit der alten Stadt.” - “Gefahr für Atlantis?” - “Ach was, nein. Ein bißchen Staub vielleicht. Das zieht nach Norden ab, wie immer. Die Leuchter werden übel aussehen, der neue Atalan wird toben und wachsen ...aber es wird nicht lange dauern, meist so drei-bis vier Tage.” - “Wir können also ganz normal landen und erst mal essen gehen? Ich verhungere.” - “Natürlich. Kann ein bißchen laut sein...na, wir werden sehen. Gehen wir runter.” Unsere Freunde waren totenstill, ich konnte mir denken was ihnen durch den Kopf ging. Unfreundlich vom Atalan, dachte ich, Neubürger so zu erschrecken. Ich hatte mir längst zu eigen gemacht den Riesen zu mögen, aber diese Schau mochte ich nicht. 

Es war dann aber weniger schlimm als es aussah. Auf dem Platz waren einige Straßenfeger unterwegs, beseitigten grauen Staub; auf der Palastterasse war es ziemlich voll, aber sonst lief das Leben in Atlantis wie gewohnt. Wir gingen direkt zu Davorian und orderten Fisch bis zum abwinken. Es grummelte ab und zu ein wenig, sonst merkte man kaum etwas vom Vulkanausbruch, nur das Licht schwankte und im Hafen kamen ständig Boote herein, die Möbel transportierten. Vanartis war wohl wirklich am Ende. Ich war neugierig, winkte Davorian zu uns “Wird Vanartis verschüttet, Davorian?” - “Bis jetzt nicht, aber es kann jederzeit passieren. Es fließt Lava direkt ins Meer, solange das so bleibt, ist es harmlos. Aber die Familien in Vanartis geben auf, es reicht. Die meisten haben ohnehin schon neu gebaut, und die wenigen die das versäumt haben, wollen nicht allein diese Asche-Scheiße wegräumen.” Er lachte bitter “Schade, war eine schöne Stadt. Ich wollte, der Atalan würde sich einen anderen Weg suchen.”

Entspannung. Unsere Freunde hatten gut zugehört, fragten nur wo Vanartis denn lag und wie weit es weg war, ließen sich das wunderbare Essen schmecken und fühlten sich bald richtig wohl.

Wurzeln schlagen

Das Licht auf dem Atalan erlosch, Vanessa sah ängstlich zum Berg hoch. “Wird es schlimmer?” - “Nein, das ist die künstliche Nacht. Die Leuchter werden abgedeckt. So, wir müssen noch etwas erledigen - ihr habt ja keine Wohnung. Ihr könnt zwar gern bei uns übernachten, aber wir müssen unbedingt im Palast nachfragen. Umso schneller geht es...kann sein daß es wegen Vanartis ohnehin ein wenig dauert.” Wir gingen also zum Palast, es war schon weniger los, aber wir mußten warten. Rathurnida war in Vanartis, erfuhren wir, und die Schreiber hatten alle Hände voll zu tun. Schließlich kam Fenador zu uns, etwas abgehetzt, müde “entschuldigt bitte...der Vulkan... Staub, Wohnungsbedarf, Leuchter dreckig...Hektik. So, ihr seid also die Neubürger. Herzlich willkommen in Avalonia, ich weiß, ihr braucht Wohnungen. Tut mir leid, keine frei. Darf es ein altes Haus sein? Heute habe ich nur das, morgen kann es schon anders aussehen. Wie ihr wollt...schnell oder..?” Vier Augenpaare sahen uns fragend an. “Fenador, was für ein Haus? So ein altes wie meines? - “Älter. Aus der ersten Zeit, ist letzte Woche fertig geworden. Ganz neu renoviert, ich finde es schön, aber es ist ziemlich groß. Wir haben es aus der Lava gebrochen, am Hafen, ganz östlich.” - “Das alte Hafenmeisterhaus? Das ist wunderschön...dürfen wir es ansehen, und dann Bescheid geben?” - “Nein. Es muß schnell gehen , es warten noch mehr Leute. Kommt, schreibt euch ein, ich gehe mit euch. Ihr müßt mir aber dann gleich sagen ob ihr es wollt.” Alida sah in die Runde, Zustimmung. Fenador nahm unsere Freunde mit an den Tisch, Unterschrift, Umarmung, und schon kam er mit ihnen zurück “gehen wir.”

Fenador ging schnell. “Mensch, das gibt es doch gar nicht. Kaum hier angekommen, geben die uns ein Haus. Gehört uns das dann?” wollte Vera wissen. “Nein, es gehört dem Land. Wenn ihr ein Eigenes haben wollt, müßt ihr es bauen. Aber keine Sorge, es wird sauber sein, gut möbliert und ihr könnt darin wohnen solange ihr wollt.” Vera bekam feuchte Augen “das ist nicht zu glauben. So freundlich...die kennen uns doch gar nicht.” Fenador blieb kurz stehen “Wir kennen Alida und Norman. Das genügt völlig.” Vera warf Chris einen strahlenden Blick zu “das haben wir richtig gemacht.” Chris sagte gar nichts, Vanessa und Holger waren auch ganz still. Fenador legte die Hand an die schwere Tür, sie schwang auf. “So, Eingangshalle. Nach unten eine Treppe, der Keller ist ein kleiner Bootsschuppen für eure Boote. Drei Stück passen rein.” Wir sahen uns um, hohe schmale Fenster, Säulen, gewölbte Decke. Tisch und Bänke, schön geschnitzt, schwer und groß. Sonst leer, eine breite Treppe ging nach oben. “Gehen wir rauf. Vier Zimmer, alle gleich groß, eines davon Küche. Balkon. Seht euch um, im zweiten Stock sieht es genau so aus. Dachgarten. Bitte, entscheidet euch schnell.” Vera und Chris liefen durch die Zimmer, Vanessa und Holger spurteten nach oben. Wir warteten, Fenador lehnte sich an die Treppenbrüstung “Uff, ich bin froh wenn ich heute Schluß habe.”   

Vera kam strahlend zurück “das ist so schön, das können wir doch gar nicht annehmen.” Fenador lächelte “auf etwas kleineres müßtet ihr warten. Heißt das ja ?” Chris kam dazu “Aber sicher doch. He, Vanessa, Holger...okay?” - “Sagenhaft..klar...” kam es von oben. Fenador freute sich. “ich weiß, es ist unhöflich. Aber ich muß sofort gehen. Viel Glück im neuen alten Haus!” Schon war er wieder unterwegs.  Die Tür schloß sich hinter ihm, es war still. “Kommt mal mit” sagte Vera und ging vor. Ein schön ausgestattetes Wohnzimmer, eine geschnitzte Tür, ein Schlafzimmer...riesiges Bett, viele Fenster, Blick auf Hafen und Meer, und sehr schöne Vorhänge. “Oben ist es auch so schön” sagte Vanessa hinter uns. Holger kam auch dazu “das ist ein Traum, oder ich weiß es nicht. Schöner als daheim, geschenkt, und wie lange haben wir für die billige Schachtel arbeiten müssen. Alida...gibt es einen Brauch für den Einzug in ein neues Haus? Sowas wie ein Richtfest oder so?” - “Ganz ähnlich wie oben. Ihr müßt einen ausgeben...also, da hier ja nichts Geld kostet, etwas besorgen was allen Freude macht. Gutes Essen, Musik, oder was immer ihr wählt. Bauchtanz, Clowns, oder eine Bootstour nachts, mit Musik...laßt euch was einfallen, aber schnell. Es gilt nur als gut, wenn ihr ganz spontan sagt, jawoll, das machen wir. Steckt die Köpfe zusammen, ihr Glückspilze...ich zähle bis zehn. Eins, zwei.. .”

Grinsen, Sprüche....”drei, vier...” - “Wir machen ja schon.” Die vier berieten sich leise “fünf, sechs..” - “jaja..Moment..” - “sieben, acht...” - “Gleich...sofort...” neun, neueinhalb, neundreiviertel....” - “Stop! Wir haben’s.” Vanessa strahlte “ich weiß ja nicht ob und wie man das hier macht, aber wir würden gern...” - “mach’s nicht so spannend.” - “..alle Leute die vorbeikommen, einladen - könnte man irgendwoher gutes Futter und Getränke beschaffen?” - “Klar, bei Polardor’s Faß Getränke, und bei Davorian, wo wir gegessen haben, den Rest.” - “Und wer bezahlt das?” - “Das erklären wir euch morgen. Geht einfach rüber und sagt was ihr vorhabt, die machen das dann schon.”

Das war Weihnachten für unsere Freunde. Chris und Vera gingen zum Faß hinüber, Vanessa und Holger zu Davorian. Dann standen sie unten beim Eingang und baten jeden herein der mochte, bedienten die Leute und strahlten, obwohl das für sie Hektik pur bedeutete - es waren noch viele unterwegs, und einladen lassen sich die Leute hier nun mal gern. Das Haus war brechend voll, Davorian und Polardor ließen es sich nicht nehmen, persönlich zu servieren. So ganz allmählich packte uns die Müdigkeit.

“Norman, ich bin total erledigt. Das war eine Menge Trubel in den letzten Tagen.  Ich sehne mich nach ganz braver Paar - Romantik, nur du und ich. Heimgehen, die Tür schließen, und Ruhe. Wäre das was für dich?” - “Aber sehr. Gehen wir heim, sehen wir mal, ob die Sanne überhaupt da ist.”

Ja, Susanne war da. Müde wie wir, schon im Bett, halb eingeschlafen. “Oh, ihr...das war ja eine Art, einfach zu verschwinden. Schön daß ihr schon zurück seid...kommt ins Bett, ich bin müde.” Wir legten uns zu ihr, Umarmung, Kuß...Flüsterton. “Wir bleiben jetzt endgültig hier....” - “Ich auch. Es ist wunderbar hier. Ich wollte, ich wäre schon immer hier gewesen.” - “Freunde gefunden?” - “Einige. Einen ganz besonders..das könnte was werden. Alida, kennst du Oliandor von Mirarthris?” - “Flüchtig. Auf den fährst du ab?” - “Könnte sein. Er auf mich jedenfalls. Kennst du seine Familie? .......Alida?”  Alida sagte nichts mehr. Susanne umarmte mich, wir küßten uns..und schliefen auch ein.

Ein gewaltiger Donnerschlag weckte uns. Der Himmel war finster, aber es war eigentlich heller Tag. Der Atalan tobte, der Boden zitterte, ein seltsamer Anblick als wir aus dem Fenster sahen. Über uns ganz dunkel, ein heller Streifen am Horizont dicht über dem Meer, Ascheregen. Noch so ein Donner, und Ruhe. Erstaunlich schnell wurde es wieder hell. Alida rieb sich die Augen “das wird’s gewesen sein. Er macht immer am Anfang und am Ende einen Höllenlärm. Frühstücken wir, macht nur keine Fenster auf.” das war unnötig zu sagen, draußen schneite es dunkelgrau. Tatsächlich blieb es ruhig, der Himmel riß völlig auf, der Ascheregen verging. Unten wurde eifrig gekehrt, wir mußten auch, auf der Dachterasse. Kaum waren wir fertig, kamen Vera und Chris an. Sie frühstückten bei uns, in ihrem neuen Haus gab es ja noch nichts. Susanne kam aus dem Bad und riß die Augen weit auf. “Vera??? Ich glaub’s ja nicht. Ja, kommt bald die ganze Redaktion hier an, oder was?” Sie fielen sich in die Arme. “Susanne, halt dich fest. Vanessa und Holger kommen auch gleich.” - “Das ist der Wahnsinn. Irre...Mensch, braucht ihr jemanden der euch herumführt? Ich mach das gern.” Alida schubste mich” nur nichts sagen. Das ist mir sehr recht .” Wir hielten uns im Hintergrund, sahen der nächsten freudigen Begrüßung noch zu und verdrückten uns still. Zum Gleiterplatz, auf und davon, zum Strand von West - Avalonia. Weit weg vom Atalan und seinem Staub. Dort verdösten wir ganz gemütlich den Tag, rührten uns kaum und bummelten später durch das schon ziemlich geschäftige Demipartis. Alida strahlte als wir die Stadt hinter uns ließen und im neugepflanzten Wald schon Vögel sangen. “Hier irgendwo bauen, das wäre doch schön, nicht?” - “Und dein Haus?” - “Es ist nicht mein eigenes Haus. Vielleicht bleibt Susanne ja dort. Ich möchte gern hier leben, ja?” - “Ja, gerne...du..und Susanne? Nicht mehr so scharf auf sie?” - “Ach, weißt du...sie ist lieb. Wir können uns ja lieben wenn wir wollen...aber zusammen leben, nicht auf Dauer. Du wirst es schon sehen, du genügst mir völlig...wir haben nachgeholt, wirklich, aber das kann jetzt auch mal vorbei sein. Na, und falls das klappt mit einem Kind...und Susanne einen Mann hat...ach, wir werden sehen. Du willst immer alles vorher wissen.” - “Und du kannst das doch.” - “Ein bißchen schon, aber ich will es jetzt gar nicht. Ich lasse mich ganz gern überraschen...in letzter Zeit ganz besonders.”

Wir bummelten zurück, kamen am Kinderhaus vorbei. Viel Lärm drinnen, und das Grundstück schon frisch begrünt. Wir waren schon vorbei, da rief eine Stimme hinter uns “Norman, Alida. Wartet mal.” Rathurnida. Sie hatte nach dem Rechten gesehen, kam zu uns und wußte Bescheid. “Ihr bleibt endgültig hier? Großartig. Alida, du wirst jetzt wohl nicht mehr als Einführerin arbeiten, oder?” - “Ich weiß es noch nicht. Norman hier, der fragt sich was er tun könnte.” - “So? Norman..ich habe mir da was überlegt. Liebst du deinen Beruf?” - “Es geht. Manche Politiker das oben sind echte A... Dummköpfe.” Rathurnida lächelte “Ich weiß. Nun, rumreisen und A... interviewen, das wollte ich dir auch nicht vorschlagen. Du weißt, wir haben hier keine Zeitungen, kein Radio, kein Computernetz. Will auch keiner, wir gehen unsere eigenen Wege. Aber wie wäre es, wenn jemand eine Art Informationszentrum betreiben würde, sagen wir mal am Palast, und sammelt was die Wächter wissen, was das Licht der Alten zeigt, was Malcolm berichtet und bald seine Kollegen, was der Palast tut und so weiter....” - “In welcher Form? Wenn ihr es nicht machen wollt wie oben?” - “Die Techniker der Kristallwelt haben da etwas entwickelt. Ein Lichtsammler, wie Malcolm ihn bekommen hat; nur daß er Schrift zeigt, oder Bilder. Dinge, die man ihm sozusagen vorgelegt hat. Das könnte jemand tun, ich nehme an, nicht nur einer. Draußen bringen wir dann die Bildfläche an, und jeder kann es lesen. Du müßtest das können, es ähnelt deiner bisherigen Arbeit. Würdest du das tun?” - “Wenn ich das kann...Du..wir haben Freunde mitgebracht, die können das auch. Soll ich sie fragen?” - “Ja..gut, tu das bitte. Alida...ich weiß nicht ob du es bemerkt hast, aber ich denke ich muß dir gratulieren. Norman natürlich auch.” - ”Sag nur, ich...” - “Du bist schwanger. Paß gut auf dich auf, so jung bist du ja nicht mehr, das ist eine große Gnade.” Alida umarmte mich fest, weinte leise vor Freude, bekam kein Wort heraus. Rathurnida umarmte uns beide “wenn ihr euch gefangen habt, kommt zum Palast. Ihr werdet bauen wollen...ich hätte da was für euch.” Alida sagte nichts, hing an mir wie ein Kind. Rathurnida wandte sich zum gehen. 

“Einen Moment, Rathurnida.” - “Ja, Norman?” - “Vanartis...ist es zerstört worden?” - “Nein! Das ist ein wirklich guter Tag. Die Lava hat eine neue Halbinsel geschaffen, südlich von Vanartis. Alles fließt jetzt dort runter...die Forscher sagen sogar, Vanartis sei jetzt sicher..also, was noch davon übrig ist. Der Kamin hat sich verlagert, Richtung Meer. Die Lava wird also die Bucht von Vanartis auffüllen, aber nicht die Stadt. Es hat noch nicht einmal viel Asche abbekommen. Man könnte die Stadt wieder vergrößern, nach Norden hin. Wir müssen nur sehen wie wir eine Straße hinbekommen, nach Atlantis. Und einen neuen Hafen. Ich weiß noch nicht, es wird noch untersucht..” Alida richtete sich wieder auf “Und der alte Hafen bei der Feuerhalle? Das ist nicht weit von Vanartis.” - “Das habe ich auch schon gedacht. Nun, da hängt die Erinnerung an das Unglück dran. Aber gut wäre er, stimmt, und schön groß. Ich muß das überlegen, und eine Beratung ansetzen...wenn die Forscher mir sagen, bau Vanartis wieder auf. Alida...eine Hoffnung für Nord-Avalonia bedeutet das leider noch nicht, ich weiß, du wärst glücklich darüber.” - “Nein, aber das schöne Vanartis...das wäre auch schon was.” - “Das wäre wirklich gut. Na, wir werden es bald wissen, der Atalan schweigt ja wieder. Geht, und sprecht mit euren Freunden, ja? Und sagt mir Bescheid.”

Rathurnida ging. Wir gingen langsam zum Gleiter zurück und wollten uns eigentlich auf die Heimfahrt machen. Die Leuchter auf dem Atalan strahlten wieder wie gewohnt. Aber den Typen der da mit einem ganz ähnlich aussehenden Kerl diskutierte, den kannten wir doch? “hey, Malcolm.” - “Ach...ihr seid’s. Das hier ist der Frank Baker, auch aus meiner Heimat. Versuch’ mal höflich zu sein, Frank.” Frank gab uns eher vorsichtig die Hand “neu hier?” - “Vor einer Stunde angekommen. Ist ja’n verrücktes Land, hier.” - “Nicht das Einzige. Hat Malcolm dir nichts erklärt?” - “Eher geschwärmt, nun bin ich eben mal gekommen um zu sehen was davon stimmt. Naja, gelogen hat er nicht.”

Wir grinsten uns an...Malcolm und Frank palaverten weiter, wir hörten meistens nur zu. “Frank, du hast immer gesagt, wozu ein weiteres Land besuchen - ist doch immer dasselbe. Was hat deine Meinung geändert?” - “Ach, Malc...das war seltsam. Ich hatte eine Vision, oder einen Traum, und da hat der Alte da oben zu mir gesagt, ich sollte meinen Arsch bewegen und dir nachreisen.” - “haha...war das rein zufällig vor drei Monaten, bei dem Generalstreik? Könnte es sein daß du nichts zu trinken hattest?” - “Spinner. Und wenn? Du hast gesagt ich soll mal hierher fahren, und hier bin ich. Hast du noch nie Visionen gehabt?” - “Oh doch, aber seit ich nichts mehr trinke, oder fast nichts, hat sich das erledigt.” - “Komm, hör schon auf. Du warst auch kein Klosterschüler.” - “Richtig, aber das war einmal. Wie geht’s übrigens deinen kleinen grünen Männchen?” - “Meinen was?” - “Na, den  Aliens die an allem schuld sind, von Klimaproblemen bis hohen Preisen? Schon vergessen?” - “Ach, das war wirklich eine hochprozentige Theorie.”

Alida schubste mich, sagte es leise “was ist eine hochprozentige Theorie?” - “Eine Konstruktion die man nur versteht wenn man stockbesoffen ist.” Sie lachte laut los, und Frank bemühte sich zu betonen daß er heute noch keinen Tropfen getrunken hatte. “...aber was soll man denn in diesem verdammten Dschungel machen, wenn es heiß und nichts los ist?” - “Abhauen” sagte Malcolm ruhig und Frank nickte mehrmals “wenn ich mich so umsehe, hast du dich verbessert” sagte er “und was treibst du hier?” - “Nichts als Unsinn” grinste Malcolm “ich fahre Futter nach Afrika, bastele an Schiffen herum, heirate...” - “Au weia. Dich hat’s aber hart getroffen. Arbeit, Familie...Malcolm, bist du gesund?” - “Aber vollkommen. Wo möchtest du denn wohnen?” - “Du redest als hätte ich gesagt, ich will hier bleiben.” - “Mußt du nicht sagen. Ist doch so...?” - “Gemach, gemach. Könnte schon sein, wenn der erste Eindruck richtig ist. Bisher war es ja schon öfter so, erst du, dann ich...mal sehen ob das nochmal klappt.”

Wir waren glatt überflüssig, und verabschiedeten uns bald. “Die Engländer sagen nicht so gern was sie denken, oder?” wollte Alida wissen “Die sagen gern das genaue Gegenteil von dem was sie meinen, und verstehen sich doch.” - “Ach...dann hat mir Frank also eine üble Nacht gewünscht, als er gesagt hat, schlaft gut?” - “Nein, nein. Du muß ihm in die Augen sehen. Das war so gemeint wie er es gesagt hat.” - “Und woher weiß ich nun, wie ‘rum es gemeint ist?” - “Du kannst es doch lesen.” - “Schon, aber es irritiert schon sehr, wenn ich GUT lese und SCHLECHT höre.” - “Wir müssen ja nicht in England leben.” - “Gott sei Dank.”

Es ging Malcolm wie mir, dachte ich. Echte Freunde trennen sich nun mal nicht gern, seine nicht, meine nicht....

ein Neuanfang

Ich fragte nicht, wie Rathurnida wissen konnte daß Alida schwanger war, daß sie mich jederzeit total überraschen konnte, das war ich inzwischen gewöhnt. Für Alida war das wohl auch ganz normal. Sie war ganz still auf der Rückfahrt, überließ mir auch das Steuer, blieb so als wir zum Haus gingen und legte sich dort sofort aufs Bett, verträumt, weit weg...ich bewunderte sie. Das ging tief, das spürte ich. Ich fragte ganz leise ob ich etwas tun könne, und bekam die Antwort, ich sollte zum Hafenmeisterhaus gehen und fragen ob Vera und Holger sich an Rathurnidas Projekt beteiligen wollten, sie würde Susanne darauf ansprechen und auch hinschicken “ich brauche etwas Stille um meinem Kind zu begegnen.” Ich fragte nicht was das bedeuten solle, und ging.

Unsere Freunde waren immer noch gut müde. Susanne war auch da, sie hatten die Stadt besichtigt und Waren geholt, frische Blumen standen überall, Balkon und Dachterasse waren von der Asche befreit..und es reichte ihnen. Wir saßen und schwatzten, tranken Cualarin..sie kamen allmählich wieder zu sich . “Ich bin ganz erschlagen von dieser Welt” sagte Vera “so schön kann man sich das gar nicht erträumen. Nicht daß das Land es wäre, das auch, aber die Menschen....das tut so gut. Du kommst mit Neuigkeiten, nicht? Erzähl...” Ich sagte  was ich von Rathurnida gehört hatte, und ihren Vorschlag eine Art Infocenter zu betreiben. “Was denn...wir hier? Wir könnten wieder zusammen arbeiten? Never change a winning team...aber gern...Sanne, Holger? ja?” Die nickten nur “ist ja klar..wenn wir das können. Läuft hier ganz anders als bei uns, oder?” Holger war natürlich wieder skeptisch. “Wird ganz neu eingerichtet. Wir wären die ersten Journalisten hier...komm, das packen wir.” - “Versuchen werde ich es gern. Was tun wir?” - “Zum Palast gehen und Ja sagen. Rathurnida hat Techniker dort, da können wir uns ansehen was die sich ausgedacht haben - so wie bei uns läuft das ja hier nicht.”

Wir gingen also rüber, es war ja nicht weit. Rathurnida freute sich als wir aufkreuzten und brachte uns tief runter, ins Erdgeschoß, da war ich noch nie gewesen - unter der Freitreppe. Große, leere Räume waren das, keine Fenster, Steinböden, alles sehr einfach. “das waren früher Lagerräume, Norman. Die Stadt wurde größer, das Gedränge um den Palast zu groß - da haben wir sie aufgegeben. Das ist mehr Platz als ihr braucht, Fenster kann man einbauen. So, da vorn ist der Versuch aufgebaut.” Drei Techniker aus der Kristallwelt begrüßten uns, Rathurnida ging wieder. “Ich bin Einathor, das ist Golindor, und der hier ist Veliador.” sagte der Älteste von ihnen “Wir haben aus der Kriegstechnik der Xanthor die Navigation für Malcolm entwickelt, und dabei ist uns etwas aufgefallen. Golindor, zeig es einmal.”

Golindor zeigte uns eine Scheibe, wie die auf der Xanthor. Sie zeigte gar nichts. Aus ihren Rändern kamen dünne Rohre, einige Meter lang, beweglich. An deren Ende glänzte jeweils ein kleiner, klarer Kristall. “Also, ein Lichtsammler, wie auf einem Schiff, nur daß wir die Rohre nicht fest eingebaut haben. Und noch eins ist anders, die Scheibe ist nicht eine, sondern viele; so viele wie es Augen gibt. Jedes Auge geht nur zu einer Scheibe. Sie sind ganz dünn, liegen aufeinander...sieht aus wie eine. Paßt mal auf.”  Er nahm eines der “Augen” und richtete es auf ein beschriebenes Papier. Dann nahm er einen Mélanaden, richtete ihn mit der Spitze ebenfalls auf das Papier und gab ihm einen Schlag mit einem kleinen Hammer. Ein greller Blitz erleuchtete das Papier . “So, die Scheibe weiß jetzt was auf dem Papier steht. Stellt euch vor sie und stellt ihr sozusagen eine Frage, also denkt an etwas...wir haben Texte über den Atalan, die Kristallwelt, West-Avalonia und das Licht der Alten vorgelegt. Probiert es. “

Ich ging zu der Scheibe..leer. “Atalan” dachte ich und ein Text erschien. Ich konnte nachlesen, Höhe, Ausdehnung, Art der Lava, Feuerhalle, neuer Atalan, letzter Ausbruch. Holger kam zu mir und las ebenfalls etwas, Vera, Susanne...der Text den ich las, verschwand erst als ich dachte “Kristallwelt” - dann las ich eben darüber Informationen. Verblüffend. “Holger, was liest du gerade?” Mein Text verschwand.”Atalan” sagte Holger und “Licht der Alten” sagte Vera. Susanne sagte gar nichts, machte nur große Augen. Ich ging wieder zu Einathor “wie viele Informationen kann das Ding aufnehmen?” - “Wir sind noch dran. Hundert Augen haben wir schon gemacht, für Malcolm, aber nur auf eine Scheibe. Es kommt darauf an die Scheiben sehr dünn zu gießen, das ist nicht einfach. Gibt auch ein ganz schönes Gewirr von Rohren...aber es geht, dieser Versuch hat zwanzig Scheiben. Könntet ihr denn damit arbeiten?” - “Ja sicher.. .und Bilder? Kann es Bilder zeigen?” Einathor lachte. “Wir haben schon mal Veliadors Gesicht reingeblitzt. Ja, das geht. Aber wozu?” - “Wir sind es so gewöhnt. Allerdings haben wir auch Fotoapparate.” - “Wissen wir. Nun, so was ähnliches könnten wir euch bauen - eine Scheibe, nicht so groß, und nur ein Auge.  Die nähme das Bild auf, und ihr müßtet es hier reinblitzen. Ginge das?” - “das geht. ja..Kollegen...was meint ihr?” Susanne löste sich von der Scheibe , Holger und Vera waren ganz fasziniert und lasen weiter. “Die Scheibe kommt draußen an die Wand?” - “ja. “ - “Wir haben also eine Menge Augen, Tische, Steine und Hämmerchen - und blitzen die Informationen rein. Woher bekommen wir die?” fragte Susanne “Das müßt ihr wissen. Der Palast wird euch vieles geben können, aber sonst...wie habt ihr es oben gemacht?” - “Aha. Ja...gefällt mir...Norman..sowas wie eine Zensur gibt es hoffentlich nicht?” - “Nicht doch. Mir gefällt es gut. Und dir?” - “Ungewohnt, aber..gern. He, Holger, Vera...dabei?” - “logo.”

Einathor atmete hörbar auf. “Wir dachten schon, das ist eine Spielerei...Rathurnida dachte sofort an dich, Norman. So. Was braucht ihr, wie viele Scheiben, wie viele ‘Fotogeräte’, wollt ihr Fenster, fehlt noch etwas?” - “Fenster wären schön. Ja...hundert Scheiben..geht das denn?” - “Wir sind dabei es zu versuchen. Wenn das reicht...?” Ich sah in die Runde, Zustimmung. “Ja, und zwei Fotogeräte reichen für den Anfang. Man kann doch Informationen erneuern?” - “Klar. Einfach neue reinblitzen. Ihr müßt nur üben, wie hart man zuschlagen darf, ohne den Mélanaden zu zerbrechen. Und wenn er nicht mehr blitzt, an einem großen Leuchter anklemmen und heiß werden lassen. Ja, dann geht zu Rathurnida und sagt ihr, daß ihr den Job macht. Sie wird sich freuen.” - “Wann habt ihr das hier fertig?” - “Zwei, drei Tage mit diesem Gerät. Wann wir euch einen mit hundert Scheiben bringen können, wissen wir nicht...das kann noch dauern. Ihr könnt doch schon mit zwanzig Scheiben anfangen?” - “Ja. Üben, nicht? Gut, gehen wir zu Rathurnida.”

Die wartete schon in der Halle. Wir sagten sofort, ja, das machen wir - und sie freute sich sehr. Die Schreiber hatten einiges zu notieren, dann hatte sie noch etwas zu sagen. “Norman, kommst du bald einmal mit Alida vorbei, für den ungeheuren Dienst den ihr zwei uns erwiesen habt - das Licht zu finden - schulde ich euch noch den Dank des ganzen Landes. Das sage ich euch aber gemeinsam..wo ist sie?” - “Sie schläft. Es war ein bißchen viel los in den letzten Tagen.” - “Na, morgen, oder so?” - “Sicher. Ich würde dann auch gern Schluß machen.” - “Einen Moment noch...Vera, Holger...kommt mal zu mir, ich hatte ja noch keine Zeit euch zu begrüßen. Auch ihr kommt bitte noch einmal, mit euren Partnern. Aber jetzt...ich freue mich über neue Bürger und Mitarbeiter. Herzlich willkommen.” Sie umarmte beide lange, hatte auch einen zärtlichen Kuß für beide und das raubte auch beiden die Worte...ich grinste mir eins, das kannte ich ja schon. Rathurnida ging, Holger und Vera brauchten einen Moment um Rathurnidas Zauber abzuschütteln. “hat sie dich auch so begrüßt, Susanne?” sagte Vera schließlich “ich könnte glatt mit ihr schmusen, so schön war das.” Susanne lächelte “ich hab’s getan, Vera. Aber frag nicht danach, ich glaube, das sollte ich für mich behalten. Nur keine Scheu ihr näher zu kommen...glaub mir. Sie ist ein Schatz, ich finde es wirklich toll daß wir hier arbeiten können.” Holger sagte gar nichts. Wir bummelten gemütlich zum Hafenmeisterhaus hinüber, abends, an der Hafenfestungdort füllte sich allmählich die Halle - Alida war wohl ausgeruht, Malcolm war gekommen, hatte Lorna mitgebracht und ihren Mann. Die Neuigkeiten hatten sich schon herumgesprochen, als wir dann sagten wir würden so etwas wie Avalonias erste Zeitung machen, war klar, ich würde so schnell nicht ins Bett kommen.

Wir gingen zu Polardor’s Faß und feierten. Vahrsonia kam dazu, wir ließen uns feiern, feierten Malcolms Projekt, Lornas Versprechen..alles zusammen. Nur daß wir ein Kind erwarteten, das verschwiegen wir noch. Man braucht ja auch später Gründe zum feiern, flüsterte mir Alida zu, und halt den Mund. Auch so hatten wir ja Gründe genug. Es wurde spät, ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten, wollte aber auch nicht zu früh gehen...am frühen Morgen gingen wir dann , trieben uns einige Minuten am Hafen herum bis wir all das ablegen konnten, dann wurden wir ziemlich schnell sehr müde, gingen heim und direkt ins Bett. Susanne war noch im Faß geblieben, das frühe Treiben auf den Straßen hörten wir nicht. Susanne weckte uns am Nachmittag, wir hätten glatt durchgeschlafen. Nur sehr langsam kamen wir aus den Federn, es war alles ein wenig viel und ging plötzlich sehr schnell...

 

Vanartis

Wir sagten uns, bei all dem Neuen könnten wir eine Pause gut vertragen. Endlich wirklich wach, nahmen wir einen Gleiter und fuhren übers Meer nach Vanartis, neugierig was aus der alten Stadt wohl werden würde, und auch wild entschlossen an diesem Tag weder etwas zu tun noch etwas zu entscheiden. Lava , Meer, Dampf...Das Meer war am neuen Atalan ziemlich unruhig, wir fuhren lieber durch die Luft, was uns einen aufregenden Anblick verschaffte. Die Lava vom Atalan hatte sich einen neuen Weg gesucht, nicht zu den Steilklippen bei Vanartis sondern weiter südlich, durch einen Wald, ein flaches Ufer und direkt ins Meer. Erstaunlicherweise war nur ein Streifen des Waldes verbrannt, der Rest grün wie immer...wir blieben eine Weile darüber und sahen uns das Schauspiel an, schubweise kam Lava herunter, bei jedem Schub verschwand die Landschaft unter uns in Dampfwolken. Wie stiegen noch höher und sahen den neuen Krater des Atalan, viel näher am Meer, weiter weg von Vanartis und von der Stadt durch einen felsigen Lavarücken getrennt , den der Vulkan früher selbst erschaffen hatte. Vanartis war tatsächlich sicher.. .jedenfalls solange der Atalan nicht auf die Idee kam, seinen Krater erneut zu verlegen und zwar nach Norden.

Langsam setzten wir uns wieder in Bewegung, nach Vanartis. Wir landeten so weit nördlich wie möglich, aber auch dort lag noch eine dicke Ascheschicht, das Gehen fiel nicht leicht in diesem schweren Staub. Arbeiter waren dabei, die Dächer und Dachgärten davon zu befreien, die Straßen waren teilweise schon gereinigt, aber fast völlig leer. Bewohner gab es hier nicht mehr, dafür hatte Rathurnida gesorgt, sofort als der schwere Ausbruch begann. Wir sprachen mit einem Ingenieur, der dabei war die Straßen zu vermessen und der sagte, ohne Zweifel würden die Bewohner von Vanartis bald zurück kommen “aber nicht, bevor wir einen Weg geschaffen haben der es mit Atlantis verbindet. So nahe am Atalan kann es manchmal tagelang unmöglich sein, einen Gleiter zu verwenden - und übers Meer ist nicht Jedermann’s Sache.” - “Wie das?” Er zeigte auf den schwarzen Abhang des alten Atalan, etwas weiter weg. “Da durch, ein Tunnel, zum alten Hafen bei der Feuerhalle. Es wird schon daran gearbeitet, ist nicht schwer, die Hügel sind voller Höhlen die wir ganz bequem mitbenutzen können; wir müssen nur die Risse bei der Feuerhalle vermeiden, wegen der Gase. Und vom Hafen gibt es ja alte Bergwerksgänge nach Atlantis; die müssen wir nur erweitern und kommen dann nicht weit vom Palast raus. Nicht so schön wie die alte Küstenstraße; aber näher und sicher vor Lava oder Asche. Und es gibt uns die Möglichkeit, den alten Hafen wieder in Betrieb zu nehmen. ” - “Als Hafen von Vanartis.” - “Auch von Atlantis - es ist unser nördlichster Hafen. Wer nach Nord-Avalonia will, hat es von dort viel näher.” - “Die paar Steinfischer..?” Der Mann lächelte hintergründig “Rathurnida hat euch nicht alles gesagt, oder? Na, ich werde ihr nicht vorgreifen. Ich muß auch weiter machen..macht’s gut.”

Er ging, wir rätselten. “Was soll die Andeutung...” Alida sah aus Meer hinaus “Kavothrakis ist unter Wasser und verschüttet, es war die einzige große Stadt im Norden, und eine, die wir nicht mehr brauchen, ein Kriegshafen. Und würde man das Wasser hier hinausdrängen, lägen die vielen feurigen Spalte offen an der Luft, das macht Wolken und Schwefeldämpfe....Unsinn, wir bekämen kein brauchbares Land, aber schlechte Luft.” - “War die Nordregion denn früher unfruchtbar?” - “Das nicht - aber sehr gebirgig, steil, felsig...Wälder waren die einzige Nutzung, und die gibt es ja immer noch, auf den kleinen Inseln. Vanartis, neuer Atalan Aber Wälder haben wir auch in der Westkette, und bald auch ganz im Westen. Für mich macht das keinen Sinn, was der Mann da gesagt hat.” - “Aber Alida...Rathurnida wird sich schon etwas dabei gedacht haben.” Alida nickte, aber wir konnten uns beide nicht vorstellen, was.

Langsam waren wir aus der alten Stadt heraus gegangen, auf eine Landzunge nach Norden zu, bis um uns herum nur noch Wasser war. Wir sahen zurück, Vanartis oder der Rest davon sah aus wie eine Kleinstadt. “Alida, wäre Vanartis oben, ich würde schwören ich sehe zwei Kirchtürme. Was sind das für Türme?” - “Oh, es sind wirklich Kirchen. Die einzigen hier unten, übrigens. Das ist auch ein Grund, Vanartis zu erhalten - sie sind fast so alt wie das Christentum selbst, du siehst, auch in römischer Zeit gab es schon Neubürger.” - “Gibt es eine Gemeinde, sind die Kirchen noch in Betrieb?” - “Eine Gemeinde wie oben, das nicht. Eine Kirche auch nicht...aber Christen, das schon. Es ist nur so, sie fallen wenig auf weil ganz Avalonia ja so lebt wie sie es wollen. Gottesdienste gibt es auch, offen für alle...nicht oft, aber sie halten die Kirchen im guten Zustand. Nun, Vanartis wird bald wieder besser aussehen, nehme ich an.”

Die alte Stadt gefiel mir. Einsam vor den beiden großen Vulkanen gelegen, an drei Seiten vom Meer umschlossen, ein Ort zum Träumen. Das taten wir dann auch, mit den Füßen im Wasser, es war völlig still. Der Ausbruch des Atalan war mehr oder weniger vorbei, was da noch um den Gipfel schwebte, das war Dampf.

“Dir macht es gar nichts mehr aus, so nahe am Norden zu sein?” - “Nein, das ist vorbei. Du bist da, und Eliador verblaßt sozusagen allmählich... ich werde ihn immer lieben, aber ich bin nicht mehr traurig wegen ihm. Nein, wenn ich noch eines möchte, dann würde ich ihn gern begraben. Das Meer hat ihn verschlungen, ich weiß nicht genau wo, irgendwo bei Illardia. Er wurde nie gefunden, auch sein Boot nicht. Das gefällt mir nicht, aber das ist auch schon alles . Es ist so lange her, weißt du. Nein, die Zukunft ist mir wieder näher als das was einmal war. Laß uns langsam zurück fahren, aber auch einmal wieder her kommen - wenn Vanartis wieder lebendig ist. Du wirst es mögen.” Ich mochte die stille alte Stadt auch so schon...und sie machte mich auf eine seltsame Art neugierig.

Noch eine Legende

“Alida, könnten wir eine dieser Kirchen besuchen? Sind sie offen?” - “Mag sein, sie wurden geschlossen um sie vor dem Staub zu schützen, aber laß uns mal sehen.” Sie ging vor, ein wenig am Hang hinauf gelangten wir zu der größeren der beiden Kirchen, was ich für einen Turm gehalten hatte, war das achteckige Kirchenschiff; einen Turm gab es gar nicht. “Die Kelch - Kirche” sagte Alida “die ältere von beiden. Sieht aus als wäre sie offen.” Der Platz vor dem großen Bau war schon gereinigt, eine der großen Türen war nur angelehnt. Wir traten ein, und mir fehlten die Worte. Es war halbdunkel, die große Halle fast leer, kein Gestühl, Fenster nur ganz oben - ein einfacher Bau, massiv und schlicht. Es war nicht der Bau, der mich so beeindruckte....

“Sind diese Malereien so alt wie die Kirche selbst?” fragte ich nach langem Staunen. “Wahrscheinlich; ich wüßte nichts anderes - bei uns wurde ja nichts durch Kriege beschädigt. Warum?” - “Sie sehen so lebendig aus als wären es Fotos.” - “Ja, dafür sind diese Kirchen bekannt. Ohne den Ausbruch des Atalan wäre es heute ziemlich voll hier drin.” Ich staunte weiter. Was ich sah, kam mir seltsam bekannt vor; es war eigentlich nur ein einziges Bild, rundherum an Wände und Kuppel gemalt und in einem Mosaik auf dem Boden fortgesetzt. Jerusalem, so echt und plastisch als stünde man auf einem der Türme des Westtors, und über die Stadt gebeugt, auf sie herunter sehend, ein Mann in schlichter Kleidung...eindeutig Jesus. Das war mehr als beeindruckend, und lenkte den Blick zuerst auf dieses Gesicht, dann aber auf das Tor des Tempels, das nicht gemalt war - das war ein echtes, kleines Steintor, und darin stand ein schlichter Gegenstand. Klein, weder bemalt noch verziert, schön geformt und wohl ebenfalls aus Stein. Ein Kelch.

“Kelch - Kirche? Wegen diesem Steinbecher dort?” Alida lächelte fein und antwortete nicht gleich. “Das ist doch offensichtlich. Den Rest solltest du dir denken können, wenn du dich nicht nur mit Politik beschäftigt hast.” - “Das darf doch nicht wahr sein...der Gral??” - “So nennt  ihn eine Legende. Josef, der ihn hierher brachte, sprach schlicht vom Kelch. Er wird sorgsam gepflegt, aber das Getue das es bei euch oben darum gegeben hat, ist den Christen hier ganz fremd. Es ist wohl der einzige Gegenstand den Jesus in den Händen gehalten hat, und noch existiert. Dennoch, wie du siehst, ein schlichter Steinbecher.” - “Wie kam der denn nur hierher? Kein Wunder, daß man ihn nie gefunden hat.”  - “Ein Unwetter, ganz einfach. Josef von Arimatthäa wollte eigentlich nach Spanien, mit einer Gruppe von Christen die von den Römern verfolgt wurden. Er kam aber nie dort an; Schiffer fanden ihn und seine Leute halb verhungert auf den Klippen von Arganthia, ganz im Norden. Sein Schiff war dort zerschmettert worden, sie mußten wochenlang auf dem Atlantik herumgeirrt sein, einige starben noch hier, sie waren einfach zu schwach. Na, und dann sind sie geblieben, als sie erfuhren daß sie hier vor den Römern sicher waren. Die Kelch - Kirche haben sie wenig später angefangen, und viele von den Unseren, die keine Christen waren, haben ihnen geholfen. Die Josefskirche, weiter oben am Berg, hat man nach Josefs Tod gebaut.” - “Ist bekannt, wer diese Malerei ausgeführt hat?” - “Josef selbst, soweit ich weiß. Er soll sehr alt geworden sein, und diese Kirche ist sein Werk. Nur außen war sie noch nicht ganz fertig, als er starb.”

“Ja, und diese christlichen Einwanderer haben keine Gemeinde gegründet?” - “Nein, das ist wohl ganz anders gelaufen. Sie haben ja jeden in die Kirchen eingelassen, offen über Jesus und die Konflikte oben gesprochen, und haben offene Ohren gefunden. Josef selbst hat sich dann mit dem damaligen König Deliador angefreundet, es sind viele Bücher noch vorhanden die ihre Dialoge wiedergeben. Josef muß ebenso erstaunt gewesen sein wie Deliador; Josef weil er hier Menschen vorfand die so lebten wie Jesus das empfohlen hat; Deliador, weil unsere Lebensart oben gepredigt wurde, von Menschen, die Avalonia gar nicht kannten. Jesus selbst war ja nie hier gewesen. Bis Josef hier auftauchte, wußte man hier gar nichts von ihm.”

Ich mochte nicht weiter fragen. Das kannte ich schon, Frage ergab neue Frage, und so weiter...draußen zogen Wolken heran, deckten das Licht vom Atalan ab. Es wurde noch dunkler als es ohnehin schon war, nur an einer Stelle nicht. Der Kelch verbreitete ein mildes, warmes Licht das das kleine Steintor in dem er stand, groß und als den einzig realen Punkt in dieser stillen Kirche erscheinen ließ. “Siehst du? “ sagte Alida leise “es ist immer das Licht, weißt du? Ob es aus kleinen Kristallen oder von einem erleuchteten Menschen kommt. Ist doch egal. Wichtig ist, daß es uns erreicht.” Schweigend verließen wir die Kirche.

Die Wolke zog rasch ab, dann wurde  es blendend hell. Die Wolke zog aufs Meer hinaus und verlor sich dort. “Noch zur Josefskirche?” - “Nein, danke, Alida . Ich bin ganz erschlagen...dies ist ein wunderbarer Ort.” - “Avalonia...Vanartis?” - “Beides. Wie dieses Land besteht, unter all dem Wasser, und der Geist dieser Stadt. Daß sie nur niemals untergeht....” - “Hört den ehemaligen Neubürger, der ein Avalonier geworden ist.” Alida schmunzelte zufrieden. Mir kam es unwirklich vor, daß ich jemals woanders gelebt hatte. Dies war meine Heimat, die ich noch immer erforschte.

Alida steuerte als wir zurück fuhren, ich war abwesend und fragte mich, ob es noch Legenden gab deren Ursprung nicht hier zu finden wäre...das brachte mir ein mildes Lächeln von ihr ein, klar, ich wußte nur zuwenig von Legenden, oder? Sie mußte das nicht laut sagen.

Was vergessen?

“ich mache ständig Einführung mit dir” sagte Alida nachdenklich als Atlantis in Sicht kam “...und dabei vergessen wir Sachen die auch wichtig sind. Wir sollten Lorna einmal besuchen.” - “Nur zu. Weit?” - “Ostlande; bei den Viehzüchtern. Ihr Mann ist ja auch einer...ich denke, das könnte dich an Norddeutschland erinnern.” Nun war ich darauf ja nicht direkt scharf, das platte Land hinter den Deichen war nie mein Ding gewesen. Alida steuerte aber glatt über Atlantis hinweg und auf so ein Land zu. Ich hatte es gelegentlich am Horizont gesehen, flaches Land, Kanäle, kleine Dörfer, keine Städte, viele Viehherden. Und, wie wir ja schon elebt hatten, Moskitos...das kam nun näher und interessierte mich kein bißchen; erst aus der Nähe merkte ich was Alida gemeint hatte. Die Häuser hatten Kamine, und aus denen stieg wohlriechender blauer Rauch auf - Holzöfen! Tatsächlich, das hatte etwas von daheim. “Alida, Öfen? Die gibt es hier doch gar nicht, oder?!” - “Hier schon. Die Ostlande sind ganz flach, es gibt keinen Vulkan - also auch keine Heißwasserquellen. Außerdem wohnen hier viele Zuwanderer aus Südamerika. Die sind das gewohnt...riecht auch ganz angenehm. Du hast dich schon mnal drüber gewundert.”

Ich hatte nicht mitbekommen wo Lorna eigentlich wohnte, der Name Zingoris sagte mir gar nichts, aber Alida wußte es. Wir überquerten mehrere Kanäle, dann ging sie bei einem winzigen Dorf runter, das eigentlich gar kein Dorf war. Etwa zehn Häuser, weit verstreut, direkt an einem Kanal - dahinter Weiden, Rindviecher en masse.  Das Haus vor dem sie absetzte, war eher klein und hatte wenig Ähnlichkeit mit den Steinbauten hiesiger Städte.  Es war eher eine Mischung aus Fachwerk-und Blockhaus, seitlich von Büschen umgeben und mit Schilf gedeckt. Weiter kam ich nicht, Lorna hatte uns schon gesehen und kam uns freudestrahlend entgegen. “Hey, ihr! Schön daß ihr kommt. Mal Landluft schnuppern, was?”  Lorna, wie immer, nur besser drauf. Umarmung, Küßchen, und sie zog uns ins Haus. Drinnen staunte ich nicht schlecht. Bemalte Wände, farbige Balken, viele Blumen...und es roch so wie ich es hier noch nie gerochen hatte -  nach Steaks.

Die bekamen wir auch ungefragt vorgesetzt was mich auf die Idee brachte, daß Lorna wohl gewußt hatte daß wir kommen würden. Richtig, Alida lächelte mich an und nickte mir zu. “Abgesprochen, Liebes?” - “Ach wo...frag Lorna.” Die hatte das gehört “nein, aber ich hatte eben so eine Ahnung...und Steaks, wißt ihr, davon leben wir ja. Die spinnen, die Avalonier” sagte sie grinsend “Steaks würden wir überallhin liefern - aber was tun wir? Bringen das schöne Fleisch hier in andere Dörfer, und ein wenig nach Mirarthris. Kein bißchen nach Atlantis, wo das doch so groß ist. Fisch, Fisch, Fisch...nicht übel, klar, aber so ein richtiges Stück Rindfleisch...die Schafszüchter klagen auch darüber. Warum ist das, so, Alida?” Alida hatte den Mund voll und man sah, es schmeckte ihr bestens. Auch ich war echt begeistert.

Alida holte Luft, sah Lorna an “daran seid ihr selbst schuld. Eure Ostlande sind doch wie ein Land im Land, ganz anders als der Rest von Avalonia. Ihr baut anders, eßt anders, heizt anders - und kommt selten in die Städte. Ist doch klein-Brazil hier, oder? In Atlantis weiß kaum jemand etwas von eurem wunderbaren Rindfleisch. Ich kenne ein, zwei Leute die sich hier manchmal selbst was holen; macht eure Sachen bekannt - dann werden sie auch abgenommen. Ich nehme an, vieles von dem was ihr hier macht, geht per Malcolms Flotte nach Afrika, oder?” - “Leider ja, obwohl das ja auch eine gute Sache ist. Ich würde mich einfach freuen, wenn diese Städter zu schätzen wüßten, was wir hier machen. “ dann strahlte sie auf “..ich war auch nur einmal, neulich bei euch, in Atlantis. Nicht daß es mir nicht gefällt - aber hier fühle ich mich geradezu unverschämt wohl. Ein bißchen so als hätte man Adarnia in eine wärmere Gegend verschoben und die Briten rausgeworfen, versteht ihr? Ein bißchen wie daheim. “ - “Tja...und die Schafe?” - “Nicht mit mir. Schafe hatte ich genug um mich für drei Leben. Rinder sind freundlicher und klüger - und schmecken besser.”

Da konnten wir ihr nur recht geben, ihre Steaks waren ein Gedicht. Nur ihr Mann war nicht da...”kommt heute auch nicht heim. Der hilft im Nachbardorf aus, ein Haus bauen. Ist ein langer Ritt...” weiter kam sie nicht. Alida schüttelte sich vor Lachen. “was denn, der reitet???  ja, ist der denn...” sie sprach es nicht aus, hätte sie aber ruhig tun können - Lorna lachte mit. “Das hab’ ich ja auch schon gesagt. Aber, wißt ihr, er ist halt Mexikaner. Großer Hut, Pistole, Gaul. Nun.. .Pistole ist hier ja nicht drin...schlimm genug. Und, ehrlich gesagt, für die Herden sind Pferde ja ganz brauchbar.” Alida verschluckte sich fast vor Lachen. “Cowboys in Avalonia. Erbarmen!” Lorna lachte weiter mit, dann hob sie den Zeigefinger. “Nix Cowboys, Tod den Gringos. Du kannst “Caballero” sagen oder auch “Gaucho” -   aber um Himmels willen nicht “Cowboy”.  Kein einziger weggelaufener Gringo hier...aber viele “Latinos” - und darauf sind wir stolz.” - “ist ja gut.” Alida gluckste noch lange “..und mit dem Gaul durch die Kanäle. Das möchte ich sehen.” - “Kannst du. Das geht wirklich, und ich möchte mal sehen was passiert wenn du eine Herde mit dem Gleiter zusammentreiben willst. Die Viecher drehen doch durch wenn so ein Ding daher kommt.  Sieh mal aus dem Fenster, wo unsere sind! Bevor ihr ankamt, standen sie nah am Haus.”

Tatsächlich, die Rinder waren ganz schön weit weg und alle zusammen. Lorna hatte nichts falsches erzählt, nur daß Alida und ich keine Ahnung von Rinderzucht haben. Das war uns aber scheißegal, wir frotzelten weiter “...kein Wunder daß ihr nie nach Atlantis kommt. Zu zweit auf einem Gaul, und dann so weit...” - “das ginge noch, aber denkt ihr, das Vieh frißt Fisch???” Der Punkt ging klar an Lorna, obwohl ich nie gehört habe daß Pferde Steaks mögen....

Nach dieser Flachserei bekamen wir natürlich Lornas “Reich” gezeigt. Nicht ohne Stolz führte sie uns das Haus vor , betonte, sie hätten alles selbst gebaut, nur die Malereien stammten von einem Nachbarn; dann kam das Land dran. Ein großes Viereck zwischen den Kanälen, gleich hinter dem Haus beginnend und groß genug für mehrere Viehherden. “Es war Brachland, wißt ihr? Gebüsche, Weiden, Tümpel, total verfilzt...eine Plackerei, aber wir haben Brennholz für Jahre davon behalten. Und auch ein wenig neues Grün gesetzt - seht ihr die Kanalufer? So grün waren sie nicht; wir haben Weiden dort gepflanzt, die gedeihen prächtig und bieten den Tieren Schatten. Ach, was soll ich sagen, es ist großartig hier.”

Sie erzählte noch viel, Alida zwinkerte mir zu “ganz schön verändert, die Lorna, nicht?”  Das war sie allerdings. Sie tat die selbe Arbeit wie früher auf Adarnia, aber hier machte es ihr große Freude. “Nur eines ist in Atlantis besser, Alida, wirklich: diese blöden Leuchter. Tag und Nacht ist es hell, und wenn man schlafen will, muß man alles verdunkeln. Das macht ihr in der Stadt besser. Warum ist das eigentlich so?” - “Es wäre sonst zu kalt hier, Lorna. Ostland hat keine Erdwärme, keine warmen Bäche oder Flüsse. Ihr müßtet eher Rentiere züchten, für Rinder oder Schafe wäre das nichts, und euch würde es auch kaum gefallen. Tatsächlich war diese Gegend unbewohnt, bis vor etwa zweihundert Jahren, als Neubürger aus Patagonien hier anfingen - Einheimische ziehen bis heute die bergigen Gegenden vor, es ist einfach wärmer.  Na, du kamst ja von Adarnia, und das ist ja noch kälter.” - “Das kannst du laut sagen. Ich war neulich oben, aber nicht lange. Schneeregen, pfui Teufel, schön daß es das hier nicht gibt.”

So ging das weiter, Lorna setzte sich noch mit ihrer alten Heimat auseinander, aber Avalonia hatte längst gewonnen. Alida erzählte noch von den Kanälen, die aus der alten Zeit stammen und heute eigentlich nur noch Landschaft sind, oder die Weidezäune überflüssig machen “das waren die Verkehrswege, als es noch keine Gleiter gab.” - “Ein wenig sind sie es noch” sagte Lorna dazu “jedenfalls für uns Rinderzüchter. Ist nicht drin, so ein Hornvieh mit einem Gleiter zu transportieren. Noch nicht einmal, wenn man ihn auf dem Wasser läßt. Sie fürchten sich davor. Wir haben zwar selbst kein Schiff, leihen uns aber manchmal eines in Mirarthris. Oh, hört ihr? Sie brüllen. Ich muß euch nun heimschicken...melken, das dauert...besucht uns doch einmal wenn mein Liebster auch da ist, und kommt morgens. Dann haben wir mehr Zeit. So long..ich muß mich beeilen.”

Schon ging sie zu den Rindviechern, winkte uns noch einmal, und verschwand in der Herde. Alida stand noch einen Moment da und strahlte. “Ich hatte ja vermutet daß sie sich schnell einlebt. Aber das ist doch erstaunlich.” - “Ja... aber ich nehme an, das gilt für viele, nicht? Ich doch auch, Vanessa, Holger, Sanne, Vera, und so weiter...du merkst das sicher besser als wir selbst; uns geht’s einfach gut.” - “Jaja, aber mir ja auch...komm, fahren wir heim.”

Ob Alida das gemacht hatte oder meine eigene Fantasie, egal, als wir über das Land der Weiden und Kanäle heim fuhren, war es mir, als sähe ich Segelschiffe auf den Kanälen, viele Segelschiffe, und nun war es doch bei mir angekommen. Die Ostlande und Ostfriesland hatten viel gemeinsam, und das platte Land “hinner’m Deich” wurde mir nachträglich nun doch etwas sympathischer. Alida flog ungewohnt hoch, als sie mein verwundertes Gesicht bemerkte, lachte sie leise” keine Sorge, wir stoßen uns nicht die Köpfe am Atlantik.” Da hatte sie mich aber ausnahmsweise falsch gelesen. Ich hatte über die gewaltige Kuppel der Kristallwelt hinweg gesehen und bemerkt, daß südlich davon noch ein weites Land lag, fast dunkel und soweit ich sehen konnte, unbewohnt. “was liegt da südlich von der Kristallwelt, Alida? Ich dachte, da beginnt die Falklandsee?” - “Den Namen höre ich zum ersten Mal. Nein, das ist das unglückliche Lelianth.” - “Nun höre auch ich einen neuen Namen. Warum unglücklich?” - “Total verwüstet und unbewohnbar. Aber ich kenne es auch nur vom hören-sagen. Wenn dich das neugierig macht, mußt du Franedor von Sonartis fragen. Kennst du ihn?” - “Der Schiffbauer aus der Kristallwelt?” - “Genau der. Aber ich rate dir dringend davon ab.” Mehr sagte sie nicht.

Irgendwie machte mir das eine Gänsehaut, ich vergaß das schnell und als Atlantis unter uns auftauchte, spürte ich eine erste Regung von Heimatgefühl; nicht nur Avalonia, Atlantis: irgendwie das bessere Hamburg....

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Quellen zu den Themen dieser Seite

Die Gralslegende, Josef v.Arimathäa