Conartis

Später am Tag, etwas entrückt von diesem zauberhaften Tag, gingen wir zu Rathurnida. Am Erdgeschoß des Palastes sahen wir ein Baugerüst, die mächtigen Wände wurden aufgebrochen um Fenster einzubauen. Viele Leute standen dort und sahen zu, wir gingen schnell vorbei und in die Halle. Dann mußten wir warten bis eine Gruppe der Kristallwelt-Forscher die Treppe herunter kam, Rathurnida hinter ihnen. “Kommt hoch, ihr zwei” rief sie uns zu und verschwand im Baubüro. Dort fanden wir sie, über eine Karte von West-Avalonia gebeugt, sie rief uns zu sich “seht mal. Wir haben fast alles trocken gelegt, mehr wollen wir nicht mehr tun, das ist vollauf genug. Die Gärtner werden für Jahre beschäftigt sein, all das Land zu begrünen und die Landwirtschaft aufzubauen. Nun, Alida, kannst du dir vorstellen warum ich euch das zeige?” - “Ich ahne etwas...” - “Na, dann will ich die Ahnung mal klar werden lassen. Alida, Conartis...sagt dir der Name etwas?” - “Conartis, ja. Der alte Südamerika-Hafen, nicht wahr?” - “Ja, an der Mündung der Conarvia. Das war der letzte Landstrich der einen Turm bekam, vor drei Wochen ist das Wasser dort gewichen. Wir waren sehr überrascht...wir dachten alle, die Flut müßte dort furchtbar zugeschlagen haben, es liegt ja weit im Westen. Nun, es sieht so aus als hätte die Insel...Zagornia...die Welle dort geteilt, Conartis ist fast unbeschädigt - nur die Hafenmole ist total hinüber. Klar, alles was aus Holz war, ist nicht mehr da, nach der langen Zeit - aber Conartis war die steinerne Stadt par excellence, der Schaden ist gering. Ich habe hunderte von Arbeitern dort hin geschickt. Sauber machen, Schlamm entfernen, die Häuser mit dem Wasser der Conarvia auswaschen.  Es wird ein wenig dauern, auch bis es dann ganz trocken ist und neue Holzbauteile eingebaut sind. Aber dann wäre ich froh, wenn jemand der Westavalonia so liebt wie du, dort wohnt. Wenn Norman das auch mag. Wollt ihr die ersten neuen Bewohner der alten Stadt sein? Sie wird sich schnell beleben, da könnt ihr sicher sein.”

Alida sah sich die Karte an, sah Rathurnida an, dann mich. Es war ihr Traum, dort zu wohnen...und Alidas Träume pflegten ja auf wunderbare Weise wahr zu werden. “Aber klar bin ich dafür. Heißt das, wir müssen kein Haus bauen?” - “Müßt ihr nicht. Ihr könnt euch eines aussuchen....es wäre nicht gut für eine schwangere Frau, und wir sind euch was schuldig. Wir können in einigen Tagen hinfahren, wenn wenigstens die Straßen gereinigt sind, und ihr sucht euch ein Haus aus..Alida, das schenke ich euch dann. Ihr könnt es also später eurem Kind geben.” Alida stand da, feuchte Augen, etwas benommen wirkte sie, dann umarmte sie Rathurnida, küßte sie erst zärtlich, dann immer leidenschaftlicher “Norman, geh schon mal vor...” flüsterte sie noch, dann lag  sie still in Rathurnida’s Armen. Ich ging raus und nach unten, mußte lange warten. Alida kam die Treppe herunter, wie auf Wolken. “das ist eine Frau, was? Ich komme mir vor wie ein kleines Mädel. Noch nicht einmal bauen müssen wir... jetzt ist es aber genug mit freudigen Überraschungen, ich schnappe noch über. Norman, sagten wir nicht vor einiger Zeit, wir wollten ganz neu anfangen? Das ist jetzt wirklich so.” - “Ich könnte einige ganz ruhige Tage gebrauchen.” - “Du, ich auch. Sind wir ganz egoistisch, gehen heim, bleiben daheim, und bitten Susanne ein paar Tage im Hafenmeisterhaus zu bleiben? Ich brauche das jetzt.”

Ja, das war mir ganz recht. Susanne war da, und sie verstand mehr als wir sagten. “Klar mache ich das. Aber bevor ich gehe, müssen wir uns wohl kurz und ernst unterhalten. Da kommt eine Trennung auf uns zu, sagt es ruhig, ich fühle das doch.” - “Ja und nein, Sanne. Wir haben ja nie darüber gesprochen, aber eine Ehe zu dritt, das gibt es nicht und das wirst du ja auch nicht wollen.” Alida legte einen Arm um sie “ich denke, auch bei dir tut sich ja etwas.” - “Das ist wahr. Ehe zu dritt....Unsinn, natürlich nicht. Ich wußte das immer, drüber nachdenken mochte ich nicht. Es war ein schöner langer Traum, und ein bißchen schmerzt es nun mal, daß er zu Ende geht.” - “Sieh es doch so: der Traum hat dich hierher geführt. Und das war doch richtig..oder?” - “Sehr richtig. Ich werde für immer bleiben. Aber, ganz ehrlich, Alida - ist alles in Ordnung zwischen uns? Ich wäre sehr traurig wenn wir nicht weiterhin enge Freunde blieben. Nicht wie bisher, aber ich mag auch halt. Sind wir uns da noch einig?” - “Es ist alles in Ordnung, mach dir keine Sorgen - es wird aber auch alles anders. Du und dein Freund...?” - “Ja, das wird immer besser. Gut, jetzt fühle ich mich wohler. Ich habe so viele Freunde gewonnen, meine besten Freunde zu verlieren, das wäre übel. Aber das ist ja nicht so.” - “nein, wirklich nicht.”

Susanne ging und war wieder froh. Alida und ich waren allein und blieben es für drei Tage, die Tür wurde geschlossen und ließ niemanden herein, diese Zeit brauchten wir für uns, und verbrachten sie ruhig, mit gutem Essen, viel Schlaf und viel Zärtlichkeit. Als wir dann die Tür wieder öffneten, waren wir ausgeruht und ruhig, gingen rüber zum Hafenmeisterhaus und sagten was unsere Freunde noch nicht wußten, Alida erwartete ein Kind. Susanne war die Erste die aufsprang und uns umarmte “ach so...deshalb...nun versteh ich das besser. Alles, alles Gute.” Dem schlossen sich alle an, und Vanessa wurde ganz nachdenklich. “Holger, wenn ich das so höre...hoffentlich klappt das auch bei uns. Das macht den Neuanfang komplett...” - “Abwarten und hoffen. Norman, ihr wart ja abgetaucht. Die Infozentrale wird morgen fertig, wir könnten also anfangen. Sollen wir?” - “Aber ja doch. Wir müssen uns ja erst einüben, Nachrichtenquellen auftun, Mélanaden verhauen lernen...gern. Mit zwanzig Scheiben also.” - “Ja, aber wir bekommen bald mehr. Fünfzig haben sie schon, und einen größeren Schirm. Die sind richtig gut...Susanne hat uns schon ein wenig Landeskunde verpaßt, aber alles was die Regionen angeht, das mußt du machen. Wir haben noch zuwenig Ahnung davon.” - “Klar. ja, Susanne...ist ja wohl noch nicht spruchreif, mit deinem Freund. Aber falls..hättet ihr ein Haus?” - “Nein. Er wohnt bei den Eltern. Warum?” - “Alidas Haus könnte bald frei sein.” - “Und ich könnte....na, sowas. Ein bißchen groß...aber ich rede mit ihm. Ehrlich gesagt, das war noch der Punkt, an dem wir gezögert haben.” - “das müßt ihr doch nicht, so oder so, das ist doch kein wirkliches Problem. Susanne, vergiß Deutschland...folge deinem Herzen.” - “Das mache ich. Sofort. Ihr könnt auf mich verzichten?” - “Geh nur. Morgen früh in der Redaktion?” - “Haha..das klingt sehr gewohnt. Ja, bis morgen.”

Sie ging, Alida sah Chris an “und ihr? Du und Vera?” - “Ach, das ist doch ohnehin klar. Wir wohnen ja schon zusammen...” - “Wart ihr bei Rathurnida?” - “Noch nicht. “ - “Macht, daß ihr zu ihr geht. Sie hat etwas für euch, ich weiß nicht worum es geht, aber geht hin. Vanessa, Holger? Wart ihr dort?” - “Ja, gestern.” Er zog zwei Mélanaden aus seinem Umhang “Wir sind jetzt auch Neubürger.” - “War das alles?” - “Nicht ganz...sie hat gefragt was wir zurück gelassen haben, und jetzt haben wir ein kleines Schiff. Unten, im Bootskeller.” - “ich sagte ja, ihr könnt jederzeit Hamburg oder eure Kinder besuchen. Na, zufrieden?” - “Sehr. Wir freuen uns auf das Leben hier.” Vera und Chris brachen auf, wir sahen uns das ‘kleine’ Schiff an - es war nicht schlechter als Holgers Motoryacht in Hamburg, nur eben ganz anders. Dann fiel uns ein daß wir ja über den neuen Eingang auch die Saskia hier her holen könnten, aber das verwarfen wir gleich wieder. Dieselgestank hier zu verbreiten, das war es wohl nicht. “Lorna wird jemand auf Adarnia kennen, dem wir sie schenken könnten” meinte Alida “oder willst du sie in der Höhle verrosten lassen?” - “Ach was. ja, das können wir machen, ich möchte nur noch ein paar Dinge holen.”

Wir gingen zu Davorian essen, warteten auf Chris und Vera, aber die kamen nicht. Schließlich trennten wir uns und gingen zum Palast, mal nachfragen ob wir Conartis schon besichtigen könnten.  Rathurnida war nicht im Haus, hatte aber Anweisungen hinterlassen. Fenador sagte uns, wir sollten kurz warten und verschwand. Dann kam Celinda “na, dann kommt mal mit. Für heute müßt ihr euch mit mir begnügen, aber ich weiß Bescheid. Ein Haus für euch...na, mal sehen ob ihr die alten Kästen mögt.” - “Dir gefällt Conartis nicht?” - “Ist zu still. Es wohnt ja noch niemand dort, der Hafen ist ganz leer, eine  seltsame Stimmung ist das. Die Brunnen laufen, die Straßen sind fast zu sauber, und kein Mensch zu sehen... wenn man nicht gerade die Arbeitskolonne trifft. Ich war heute morgen dort...etwas gespenstisch ist das schon.” - “na, das wird sich ja bald ändern.” Inzwischen saßen wir im Gleiter, Celinda fuhr ihn sehr vorsichtig und wich der Westkette ganz weit aus, umrundete den Atalan, zog über der Feuerhalle sehr hoch “seht mal, Vanartis. Ist das nicht ein Wunder?” - “ja...spinne ich, oder ist es größer geworden?” - “Das nicht, sauberer. Es gab ein schweres Erdbeben dort, das hat zwar einige Häuser beschädigt, aber auch geholfen. Die Aschenhalde von dem üblen Ausbruch vor dreihundert Jahren ist ins Meer abgerutscht, und hat einen Teil des alten Stadtzentrums frei gegeben. Die Straße leider nicht...aber Rathurnida sagt, jetzt wird es wieder aufgebaut. Mit einer mächtigen Schutzmauer zum Atalan hin, aber sonst wie es war. Seht runter...” Im Hafen vor der Feuerhalle lagen etliche Schiffe. Arbeiter waren dabei, etwas am Schutzriff zu machen, Tauchboote sah ich auch. “Sie reparieren das Riff, und tauchen, um zu sehen ob er noch überall tief genug ist. Wir werden eine Straße nach Vanartis bauen, und den kleinen Bergwerkstunnel der durch den alten Atalan nach Atlantis geht, erweitern.” - “Das wissen wir schon. Sind die Einwohner schon zurück?” - “Noch nicht. Wenn die Straße fertig ist...also, ab nach Conartis?” - “Ja, sicher.”

“Alida, täusche ich mich oder ist hier neuerdings etliches in Bewegung geraten?” - “Irrtum, Norman. So ist das schon immer. Avalonia verändert sich ständig, durch die Vulkane, die Trockenlegungen, die Neubürger. Es ist immer etwas im Fluß, ich kenne das gar nicht anders.” - “Es macht Spaß daran teilzunehmen.” - “Oh ja, das macht es. Naja, eines ist doch neu, und das kam von Malcolm. Daß wir uns oben wieder engagieren. Bisher haben das nur Einzelne getan, jetzt tut es das Land. Aber davon merkt man ja nicht viel.” West-Avalonia wanderte unter uns durch, die Küste kam wieder in Sicht. Ich sah Conartis von weitem, eine Landspitze, ganz von der Stadt eingenommen und ein sehr großer Hafen. Leer, wie Celinda gesagt hatte, aber auf der Mole wurde gearbeitet, auf ihr standen auch zwei große Leuchter. Der Hafenplatz war enorm groß, viel größer als der von Atlantis; und wie Celinda gesagt hatte, dort gab es viele große Brunnen. Im Halbkreis standen Häuser darum, alle etwa gleich hoch, aber sonst ganz verschieden. Strahlenförmig, sehr geordnet, liefen Straßen von diesem Platz nach außen. Weit draußen sah ich auch Arbeiter an einer dieser Straßen, die in Richtung Demipartis lief. “Die Straßen haben gelitten” sagte Celinda “Paßt ein wenig auf, es stehen Platten hoch.  Die Häuser zum Glück nicht, sie sind auf Fels gegründet. Ist aber noch mächtig feucht drinnen, und schlammig. Aufpassen, langsam gehen, und besser nicht auf die Treppen. Sehr rutschig.” Sie setzte den Gleiter bei einem Brunnen ab.

Sauber waren die Straßen. Etwas schadhaft auch, aber nicht so schlimm - Celinda war die Perfektion des Palastes gewohnt, sagte ich mir. Etwas geisterhaft fand ich die Szenerie auch, das Rauschen der Brunnen kam mir laut vor und echote in den Straßen, reine Steinschluchten, Fensterhöhlen ohne Fenster, die Eingangsbögen ohne Türen... als wäre die ganze Stadt ein Rohbau. Ab und zu jagte eine Möve durch die leeren Wege, andere Vögel gab es nicht. Wir standen etwas unschlüssig da, wohin gehen...Celinda ging vor. “Mögt ihr es groß, oder eher klein? Hier am Platz, mitten drin, am Rand? Ein wenig solltet ihr mir schon sagen.” Alida sah mich an “Hier am Platz wäre schön, oder? Die sind nur alle derart groß... ” Ich wußte nicht so recht, bei der Auswahl...”Celinda, zeig uns einfach was” sagte Alida schließlich. Celinda zuckte mit den Schultern “also, mal ein großes Haus. Gleich hier, gehen wir rein, aber nicht nach oben, bitte. Die Treppe...” sie betrat ein sehr großes Haus mit massiven Säulen am Eingang und Balkonen im ersten Stock, drinnen gab es eine Überraschung, ein Brunnen in der Eingangshalle. “Wunderschön, aber wirklich...das wäre was für einen Bürgermeister” sagte Alida. “...dachte ich mir. Ich wollte euch nur den lokalen Stil zeigen, viele Häuser haben innere Brunnen. Manche auch regelrechte Plantschbecken, schön für Kinder, und ganz warm. Das Wasser kann man trinken. Also, etwas kleiner? “ - “Ja, bitte.” Celinda ging wieder vor, etwas zum Rand des Platzes. “Dieses ist nicht so riesig” sagte sie und betrat ein weiteres Haus, schon die Türöffnung war schmaler, aber auch hier ein Brunnen im Eingangsraum. “Hier ist die Treppe wohl sauber” sagte sie “aber dennoch, Vorsicht! Feucht ist sie noch.” Wieder diese Bauart, wie der Palast, wie das Hafenmeisterhaus, unten eine weite Halle mit Steinbänken, Brunnen, Freitreppe. Eine Treppe hoch, Zimmer. Alles etwas verschlammt, aber langsam gehen ging. Drei Zimmer, viele Fenster, Relief-gestaltete Wände. Sehr schön, aber...”ich würde die Wände lieber selbst gestalten, Celinda. Gibt es ein ähnliches Haus, aber nicht so durchgestylt? “ - “Na, endlich eine klare Aussage. Ich denke, ich weiß was ihr braucht.”

Wieder gingen wir über den Platz, vor einem ziemlich schmalen Haus blieb sie stehen. “Das ist größer als es aussieht, ich finde es ist etwas ganz besonderes” sagte Celinda und trat ein. Wir folgten, Alida ging sofort zu dem Wasserbecken in der Mitte des Raumes und lachte schallend los. “Das ist so kitschig..und so wunderbar...!” Es war ein flaches Becken, an dessen Rand eine Steinfigur saß und eine Karaffe hielt, aus der das Wasser in das Becken strömte. Eine völlig nackte Frau, heller, halb duchsichtiger Stein, sie wirkte fast lebendig...ihre üppige Figur, etwas übertrieben, erinnerte mich an Galionsfiguren alter Segler. Celinda war etwas verlegen “Norman, ich hoffe du findest das nicht unanständig. Alle Details sind da...ihr würdet das sicher nicht so machen, aber das Haus hat einem Seemann gehört, das sagt eine Inschrift an der Treppe. Tenardor von Conartis hieß er.” Alida streichelte den Kopf der Figur “Norman ist ganz lebendig, Celinda...das stört dich doch nicht, oder?” - “Ach was...schön, und so gut erhalten. Das Becken ist gut zum Plantschen...zeig uns die Zimmer, Celinda.” Die atmete auf und ging vorsichtig die Treppe hinauf, die hier nicht in der Raummitte, sondern an der hinteren Wand hoch ging. Aus den Fenstern an der Treppe ging der Blick auf einen kleinen Innenhof. “Gehört der dazu?” - “Ja, das ist das Besondere. Das Haus läuft um den Hof herum. Die Zimmer sind deshalb nicht so groß, aber..seht selbst.” Alida strahlte. “Das reicht doch völlig. Mensch, Blick zum Hafen und zum Hof. Und oben?” - “Tja, da können wir nicht rauf, das war eine Holztreppe, die muß neu gebaut werden. Ein Dachgarten natürlich. Aber sehen wir uns mal den Innenhof an, der ist wirklich sehr speziell..”

Wieder unten, stellten wir fest daß es hinter der Eingangshalle noch zwei Zimmer gab, die Türen zum Hof hatten. Wirklich gemütlich, stellten wir fest, und das sogar ohne Möbel. Celinda ging in den Innenhof “seht mal. Ist noch ganz winzig, gestern gepfropft. Ein Cindaran-Busch, kennst du die, Alida?” - “Aus Erzählungen. Wachsen sehr hoch, und bilden dann ein Dach?” - “Ja, das paßt hier gut, das meine ich aber nicht. Sie sind unsterblich, sagt man, und hier hat es sich bewahrheitet. Die Wurzel war noch lebendig, als das das Wasser wich....überall in dieser Stadt gibt es sie noch. Die Gärtner haben in der Westkette gesucht und einen Sproß geholt, hier aufgepfropft...und sieh nur, er wächst.” Tatsächlich lugte ein kleiner grüner Sproß aus frischer Erde. “Die Früchte heilen viele Krankheiten, sagt Rathurnida. Und sie blühen schön...in der Westkette wachsen sie nicht gut, flach auf der Erde. Conartis hat anderen Boden..hier waren sie überall, und es sieht so aus, so wird es wieder sein.” - “das ist wunderbar.  Ein Symbol für eine Stadt, die wieder erwacht.” - “Das finde ich auch. Nun, mögt ihr das Haus?” “Mir gefällt es. Norman?” - “Sehr schön. Sollen wir ja sagen?” - “Oh bitte, ja.” - “Gut, Celinda..überzeugt. Sag mal, wie lange wird es dauern bis es fertig ist?” - “Dieses Haus? Nicht lange, aber es wird noch lange feucht sein. Ihr müßtet ständig die Fenster offen halten bis das vorbei ist. Wollt ihr dann gleich einziehen, oder abwarten bis die Stadt etwas lebendiger ist?” - “Wie viele Leute werden denn ähnlich schnell einziehen, wie wir?” - “Hundert, vielleicht. Manche nur vorübergehend, aus Vanartis, solange dort alles umgekrempelt wird.” - “Ach weißt du, wir werden doch häufig in Atlantis sein. Susanne braucht ein Haus. So schnell es geht, ja?” - “Gut. Sobald wir zurück sind, sage ich den Zimmerleuten Bescheid. Treppe, Türen, Fenster. Möbel habt ihr ja.” - “Ja, das reicht - alles andere machen wir dann.” - “Wunderbar.  Dann..laßt euch gratulieren.”

Wir umarmten Celinda, die auch strahlte; sie zögerte auch nicht mit uns zärtlich zu werden “das feiern wir ganz gemütlich..kommt mal mit.” Am Rande des Beckens ließen wir die Umhänge auf den Boden fallen und stiegen hinein. Es war erstaunlich warm, und sauber, ganz anders als der Rest des Hauses. Celinda schmuste ein wenig mit uns beiden, hätte wohl auch gern mehr getan, aber weder Alida noch mir war wirklich danach zumute. “Ist noch etwas kahl hier, Celinda...mit einigen Pflanzen und Blumen wird das ein sehr schöner Raum sein.” sie war beim Haus, auch wenn sich die junge Celinda vielleicht etwas mehr Zuwendung gewünscht hätte. Alida wurde ganz still, ließ die Blicke schweifen, und ich folgte ihren Gedanken, da ging es um Vorhänge, Farben, Wandgemälde und Teppiche...dann schloß sie die Augen, ich später auch. Das Wasser sprudelte ins Becken, sonst war nichts zu hören.

Celinda war völlig entspannt als wir wieder auf den Platz hinaus traten. Küßchen hier, Küßchen dort und dann der Vorschlag, noch ein wenig durch Conartis zu bummeln. Wir folgten ihr gern, die Stadt war wirklich groß und nur wenige Häuser gering beschädigt, Ecken oder Fensterhöhlen angebrochen, mehr nicht. Ich ging näher an eine gedrehte Säule heran, befühlte sie mit den Händen...das war unglaublich. “Celinda, ist die schon erneuert worden? Die ist ja noch nicht einmal rauh! Und das nach über dreitausend Jahren im Salzwasser? Unmöglich, oder?” - “Ganz und gar nicht. So schnell kann man solche kunstvollen Teile nicht erneuern, man muß sie ja erst nach Maß anfertigen. Aber du hast schon recht, wäre sie so lange Wind und Wetter ausgesetzt gewesen, man müßte sie nachmeißeln oder auswechseln. Aber sie lag in stillem, tiefem Wasser. Da verhält sich das anders.” - “Schon, aber das Salz??”- “Ich sehe schon unsere Einführungen sollten noch gründlicher sein. Also, einmal, diese Steinteile werden ungeheuer präzise gemacht und nahezu perfekt poliert - wenig Angriffsfläche. Und dann, kein Mörtel, der zerbröseln würde. Dann noch das Wachs drauf, und fertig für einige hundert Jahre in übelsten Bedingungen - unter Wasser sehr viel länger.” - “Wachs?” - “Ein Baumharz, um genau zu sein. Man sieht es nicht, aber es läßt das Salz nicht eindringen. An der Luft muß man es ab und zu erneuern, unter Wasser wohl nicht - so genau weiß ich das aber auch nicht. Frag’ halt einen Baumeister.” - “ich habe römische Gebäude gesehen, die sind nicht so alt, aber auweia, der Zustand der Wände...ist doch auch Kalkstein.” - “Ja, aber gemörtelt, mit Eisenteilen und nicht so perfekt geglättet. Nicht sehr dauerhaft.”

Naja, zweitausend Jahre - ist das nichts? Ich mußte es nicht aussprechen, Celinda lachte schon. “Genug gefragt?” Noch nicht ganz...

 “Celinda, zärtliche Begrüßungen hast du aber schon gemacht, oder?” wollte Alida wissen “Eine. Ich war total aufgeregt danach....das eben war besser.” - “Du hättest gern mehr gemacht.” - “Ja. Erst nicht, aber dann....nun, so war es auch angenehm, wirklich.” - “Nun sag es mal dem Norman, Celinda. Der wollte mir das gar nicht glauben....wie alt bist du, und hast du vorher mal genascht?” - “Vor dem Versprechen? Natürlich nicht. Ich habe niemals den Umhang aufgemacht. Ich bin neunzehn...Norman, ist das bei euch da oben so anders? Ich war noch nie auf Reisen.” - “Ziemlich. Das ändert sich mit den Generationen...im Moment haben sie es alle eilig.” - “Aber..das ist doch dumm, wenn man nicht den vor sich hat, der auch bleibt.” - “Sag mir das nicht, ich finde das völlig richtig. Bei euch ist das immer so, war immer so?” - “So weit ich weiß, seit über zweitausend Jahren. Früher nicht...da waren sie streng, aber frag Alida, die kennt sich besser aus.” - “Ja. Es freut mich nur, einmal eine ganz junge Frau ausfragen zu dürfen. Und vor dem Versprechen? Gar nichts? Schwer vorstellbar. “ - “Wer behauptet denn das? Unmöglich, klar. Nein, mit einem netten Jungen in die Büsche gehen, und ein wenig herumspielen, das machen wir schon. Man muß ja das andere Geschlecht auch kennen lernen, aber nicht lieben. Umarmen darf mich erst der, der mir sein Versprechen gibt und meins bekommt. Ich wollte das auch gar nicht,  wozu denn, wenn es nur ein kurzer Moment bleibt. Macht Hunger, und dann gibt es nichts zu essen...” sie kicherte “Du verstehst?” - “Ich denke schon. Du meinst Liebe.” - “Ja, aber nicht nur. Auch ein eigenes Haus, oder eine Wohnung. Eine gute Arbeit, selbst bestimmen können...”

“Moment. Verstehe ich richtig? Erst mit dem Versprechen werdet ihr volljährig?” - “Volljährig?” Alida schaltete sich ein “unabhängig von den Eltern.” - “Ja, sicher. Wer sich noch nicht gebunden hat, der ist doch unreif. Ist das bei euch anders?” - “Allerdings. Mit achtzehn kannst du machen was du willst.” - “Auch wenn du noch allein bist? Das ist aber dumm. Manche sind mit fünfzehn soweit, andere mit zwanzig, wieder andere noch später. Warum sollen sich die Eltern das so leicht machen dürfen? Der Job ist getan wenn er getan ist. Nicht zu irgendeinem Datum, sondern wenn man für sich allein stehen kann..und das sieht man daran, daß einer, eine sich bindet. Etwa nicht? Oh...Norman, verzeih. Ich wollte deine Kultur nicht schlecht machen.” - ”Nein, laß nur.  Du hast ja Recht...mir kommt eben nur....das erklärt so vieles.” - “Was denn? Das verstehe ich nicht.” Alida machte mir ein ‘Schluß’ Zeichen “Du wirst es verstehen wenn du einmal reist. Viele da oben sind fünfzig, aber innen immer noch wie noch Kinder. Norman hat eben verstanden, warum.”

Das war wirklich so. Ich wurde sehr still, das war ein wichtiger Punkt. Wir gingen langsam zum Gleiter und fuhren zurück. Wieder in Atlantis, ging Celinda sofort zum Palast, wir sofort heim. “Das war wichtig, eben - richtig?” sagte Alida fragend “Allerdings. Warum hast du mir das nicht gesagt?” - “Du kennst die obere Gesellschaft besser. Ich habe es begriffen als du so gestutzt hast. Woran denkst du? “ - “Das weißt du doch.” - “Ja..aber...? Die griechische Krankheit und zu früh erwachsen werden? Meinst du wirklich?” - “Langsam, ich erwäge es. Ich begreife eben einiges...eure lockeren Sex- Gewohnheiten sorgen nicht nur für Kinder. Sie ermöglichen auch, sich viel offener zu unterhalten...und schneller zu lernen...nicht?” - “Das mußt du besser wissen.” - “Ich hätte Celinda niemals nach diesen Dingen gefragt, wären wir nicht vorher so zärtlich zusammen gewesen.” - “Oh..ja...da ist was dran. Klar, man kommt sich noch näher als sonst. Aber bei euch ist die übliche Distanz auch viel weiter als hier.” - “Ja, sicher. Ach, lassen wir das. Es muß sich erst mal setzen. Ich denke, allmählich akzeptiere ich nicht nur, ich begreife. Das ist gut.” - “Und ich habe es erwartet.”

Viele Anfänge

Die Wochen die jetzt kamen, waren hektisch. Wir fingen an das Infocenter zu machen, und Alida konnte aufhören Einführungen zu geben, überhaupt, sie hatte den ruhigsten Part erwischt. Die neue ‘Redaktion’ also der Haufen Verrückter um uns, holperte sich in den Job hinein; es war alles so völlig anders als oben. Natürlich gab es Nachrichtenquellen, die wir anzapfen konnten wie Polardor, die Wächter und der Palast; aber vieles mußten wir uns ganz neu aufbauen. So brachten wir einen “Sitzer” dazu, sich tagsüber beim Licht der Alten aufzuhalten, dort die Besucher zu interviewen und uns dann die interessantesten Dinge zu berichten. Wir berichteten öfter aus Vanartis und fanden auch dort einen Mitarbeiter, was in Conartis lief, wußten ja Alida und ich. Nach und nach entstand das Gegenstück zu einem Korrespondenten-Netz und bald waren fünfzig Scheiben nicht mehr genug. Zwischendrin sauste ich einmal mit Lorna hoch nach Adarnia , holte einige persönliche Dinge aus der guten alten Saskia, dann machten wir einem ehemaligen Nachbarn von ihr eine große Freude, der gute William wollte es gar nicht glauben, daß wir ihm einfach so die Saskia übergaben. Wir ließen ihn staunen und brachen bald wieder auf, einmal mehr durch das alte Bergwerk. Wir bekamen den neuen Schirm, berichteten über die neuen Schiffe, Vanartis und seinen uralten Hafen, analysierten das Gefahrenpotential der Feuerhalle, und, und , und....

Der neue Dienst wurde gut angenommen. Er entwickelte sich zu einem weiteren Treffpunkt in Atlantis, meine anfänglichen Bedenken daß es zu unbequem wäre die Nachrichten stehend auf einem öffentlichen Platz zu lesen, verflüchtigten sich völlig. Susanne, Vera, Chris, Vanessa und Holger lebten sich gut ein, von Rückkehr fiel nie ein Wort. Dann kam der große Tag für uns, und somit auch für Susanne - das Haus in Conartis war fertig. Ich kam abends von der Arbeit, wußte von nichts und Alidas Haus war leer - tagsüber waren die Möbel schon transportiert worden, Alida erwartete mich schon. “Heute Nacht schlafen wir im eigenen Haus” sagte sie sofort “gleich rüberfahren, oder die ganze Blase mitnehmen?” - “Die kommen doch noch früh genug. Erst mal selbst ein bißchen drin rumkramen, arrangieren, und dann...ich wette, ich bin der Einzige der es bis eben noch nicht wußte.” - “Da hast du völlig recht. Na, dann fahren wir los.”

Conartis hatte sich verändert. Der große leere Platz am Hafen war mit Bäumen bestückt worden, Schiffe lagen auch schon im Becken, wenn auch nicht viele. Ein Lokal hatte aufgemacht, in den Straßen waren einige Leute unterwegs, und überall hörte man Arbeitsgeräusche, es wurde viel gesägt, gehämmert, gehobelt und mitten auf dem Platz gab es einen Stapel Hölzer, von rohen Stämmen bis zu feinen Brettern und Stäben, aus dem sich viele bedienten. Schiffe brachten ständig Nachschub. Unser Haus war gereinigt worden, als eines von wenigen hatte es Türen und Fenster, die Möbel waren nicht zu sehen - wohl schon drin. Wir standen erst mal einen Moment da und freuten uns an dem Anblick. Dann gingen wir vorsichtig rein, und staunten schon in der Eingangshalle. Einmal, weil da nicht nur der Brunnen plätscherte, es waren auch überall Pflanzen aufgestellt worden, sehr geschmackvoll sah das aus. An die Statue gelehnt, erwartete uns Celinda. “Geht mal nach oben, wir haben uns bemüht die Möbel so aufzustellen wie ihr es gewohnt seid. “ sagte sie und setzte sich an ein Fenster. Wir gingen sofort nach oben, es war wirklich so, und gut gelungen. Alida ging schnell weiter hoch, auch der Dachgarten war schon mit grünen Pflanzen bestückt, Holzbänke, kleine Leuchter...wunderbar. Langsam gingen wir wieder runter, hatten es schon von oben gesehen, der Cindaranbusch war an den Wänden des Innenhofs hochgewachsen, breitete erste Zweige in den Hof aus und trug einige, wunderbar duftende Blüten. An der Dachkante hockten ein paar Vögel - es wurde allmählich lebendiger.

Celinda ging sehr spät,  hatte ein wenig mit Alida geschmust, und haderte nun ein wenig damit ein Mann zu sein. “Alida, ich begreife ja allmählich wie viel Zärtlichkeit eine Frau braucht, und daß mir sehr viel weniger genügt. Aber findest du das nicht auch unfair?” Sie lächelte seltsam “Sieh es doch einmal so. Dein Bauch wird nicht groß und schwer, du wirst keine Schmerzen haben wenn unser Kind kommt, und es wird nicht von deiner Kraft trinken. Und doch wird es dir die gleiche Freude schenken, die gleiche Liebe. Soll ich das jetzt als unfair ansehen?” - “Bitte nicht. Laß uns schlafen gehen.”

Wir feierten einige Tage später, zusammen mit Susanne und ihrem neu versprochenen Mann Oliandor und feierten auch gleich das Versprechen von Chris und Vera mit. Unser Bedarf an Feiern war eigentlich gedeckt, wir überließen anderen das reden und arrangieren, auch machte sich Alidas Schwangerschaft allmählich bemerkbar. Bevor die Fete ihren Höhepunkt erreichte, verabschiedeten wir uns. Das kommende Kind nahm uns innerlich in Anspruch, andere Wünsche traten da zurück; auch hatte ich mich genügend ausgelebt, was das anging und Alida war eine Zeit lang ständig müde. Als das überstanden war, besuchten Hausmanns uns öfter und auch schon mal Susanne. Alida wurde sehr häuslich, war nur noch selten unterwegs und kümmerte sich um jedes Detail im Haus.  Als die Schwangerschaft weiter fort schritt,  wurde sie ganz still, las viel und saß oft stundenlang auf der Dachterasse, allein, still und zufrieden.

Meine Arbeit brachte mich oft nach Vanartis. Wir berichteten über jeden Fortschritt, und es lag mir am Herzen, das selbst zu machen und Alida dann zu erzählen, Alida, die jetzt mehr zu Hause blieb als sonst. So bemerkte ich dann eines Tages, daß in Nordavalonia erstaunlich viel Verkehr war; der neue alte Hafen bei der Feuerhalle war schon in Betrieb, und von dort fuhren ständig Schiffe in den Norden oder kamen von dort zurück. Was dort vorging, hatte mir niemand berichtet, also tat ich was schon früher gern getan hatte, ich nahm mir einen Gleiter, hängte mich dran und recherchierte selbst. Es ging ganz schön weit nach Norden, eine etwas ungemütliche Umgebung. Dunkel, der “Himmel” ganz tief, das Meer unruhig und dort legten die Schiffe an. Eine nicht sehr große Ebene am Westrand von Illardia, bewaldet, ein steiles Felsmassiv in der Mitte und eine ganz neuer, sehr langer Kai am Ufer. Zunächst dachte ich, dort würde etwas abgeholt; auf dem Kai lagen Stapel mächtiger Steinblöcke. Aber die Schiffe lieferten diese Steine hier ab und fuhren sofort zurück. Ich stieg aus und spielte Mäuschen, wurde aber erst schlau daraus als es mir gelang einen Techniker auszufragen, der dort an einem Turm werkelte.

Nein, eine Stadt bauten sie hier nicht. Der Turm sollte den Himmel nur wenig anheben, deshalb entstand er nicht auf dem Felsberg, sondern davor. Es ging eher darum, die es hier heller zu machen. “Wofür, Zenghador?” - “Sieh mal da rüber.” - “Nein...ihr habt die Xanthor gehoben???” - “Nein, unmöglich. Wir haben sie nachgebaut.” - “Wozu denn das?” - “Ein Versuch, Norman. Wir haben die Wände noch stärker gebaut, die XanthorII soll nämlich nicht rammen, sondern auftauchen. Direkt von hier, tauchen, nach Norden fahren und auftauchen. Außerhalb der Luftblase um Avalonia...also mitten im Atlantik.” - “Aus über viertausend Metern Tiefe? Hält sie das denn aus?” - “Die alte Xanthor hält den Druck von tausend Metern Fels aus. Die neue ist stärker. Sie müßte es können, aber das weiß natürlich noch keiner. Es ist ein Risiko, und bitte noch nicht darüber berichten.” - “Das wäre natürlich sagenhaft, weg von den Malvinas, den Briten...” - “Genau darum geht es.  Kein Tunnel, keine Sicherheitsschleuse  - direkt auftauchen und fahren.” - “Ja, aber...das ist ein Metallschiff. Man wird es orten können.” - “Daran müssen wir noch arbeiten; aber wenn sie tatsächlich so tief tauchen kann, ist das nicht wirklich ein Problem.” - “Seid ihr schon damit gefahren?” - “Ja, aber nur hier. Sie ist noch eine lahme Ente, schwer und langsam, aber sie kann unglaublich viel Last tragen. Raus auf den Atlantik...nun, den Mut hatten wir noch nicht. Wir arbeiten noch am Antrieb, Mélanraketen dürfen wir ja nicht einsetzen, und Mélanaden bringen sie nicht genügend in Fahrt. Deshalb legen wir hier einen Umschlaghafen an; sie wird bis hier fahren, und hier wird umgeladen, auf kleinere, schnellere Fahrzeuge. Aber wir versuchen noch, einen ähnlich schnellen Antrieb zu schaffen, wie die Mélanrakete. Ähnlich, aber ohne Mélan zu verbrennen - ein Riesenkristall wird gedreht und preßt das Wasser aus der Kugel. Es funktioniert schon, aber ruckartig und noch zu langsam, aber das wird schon. Es wäre natürlich gut, einen Hafen in der oberen Welt zu haben, nicht so weit von hier...”

“Du meinst nicht etwa Rifé?” - “Oh, du weißt davon. Ja, das wäre eine Möglichkeit. Ich weiß nur nicht...Norman, könnten wir bei der UN so etwas wie ein Besitzrecht auf Rifé bekommen?” - “Gute Frage. Keine Ahnung...ich denke, eine Legende kann dort nichts beantragen. Avalonia müßte Mitglied sein.” - “Mist. Das heißt natürlich auch, wir wären oben bekannt.” - “Ja, schon - aber das hätte auch Vorteile. England könnte dann seine Aktionen auf den Malvinas nicht weiter betreiben.” - “Aber es könnte doch dann jeder beliebig einreisen, oder?” - “Nein, so nicht. Das regelt jedes Land selbst. Es würde aber allgemein bekannt daß wir existieren, wo genau, wie groß Avalonia ist...aber mal ganz ehrlich, die hier übliche Furcht vor einer Invasion halte ich für wenig begründet. Diese Zeiten sind vorbei.” - “Na, na...für Argentinien wohl noch nicht so ganz.” - “Schon, aber du weißt auch wie das ausgegangen ist. Vielleicht sollte jemand nach New York reisen und vorsichtig vorfühlen, ob man da etwas machen kann, ohne Avalonias Existenz zu verraten.” Er wiegte den Kopf, war sich nicht sicher, aber er hatte das auch nicht zu entscheiden; und weiter kamen wir nicht.

“Soso, der Norman spioniert hier herum.” Ich kannte die Stimme hinter mir, drehte mich um - tatsächlich, Celinda, nur daß sie jetzt hart und streng klang “...dir ist klar, daß ich dich eigentlich sofort zurück schicken müßte?” - “aber was denn...ich werde mich nicht verplappern. Und was machst du hier?” - “Ich bin dir nachgefahren. Eigentlich wollte ich nach Kavothrakis fahren.” - “Kavothrakis? Die Ruinenstadt? Wozu denn das?” - “Ein Auftrag vom Rat. Da wir ja jetzt hier das Wasser verdrängen, kommt auch Kavothrakis an die Oberfläche. Der alte Kriegshafen ist ja eigentlich ganz egal, aber...ach was, komm einfach mit. Darüber darfst du auch berichten...wenn es etwas zum berichten geben sollte.”

Ich folgte ihr, stieg mit ihr in einen Gleiter und hielt mich erschrocken fest - Celinda fuhr plötzlich noch schlimmer als Malcolm und amüsierte sich über meine Nervosität...aber sie erzählte auch. Da gab es also Kavothrakis, an der Westseite der Insel. Dann der Vulkan, und auf der Ostseite noch einen untergegangenen Ort, Geromantis. Nicht sehr groß, und ein friedlicher alter Fischereihafen. Auch dieser Ort war wohl aufgetaucht, und Celinda sollte etwas untersuchen was mit dem Untergang dieser Orte zusammenhing “es war nicht nur der Vulkan, oder das Unglück. Dort hat der einzige Krieg stattgefunden der jemals Avalonia von außen erreicht hat, mit den Ägyptern. Sie konnten Kavothrakis nicht von der Seeseite angreifen, dazu war es zu stark befestigt. Sie haben Geromantis besetzt und sind durch die Bergtäler nach Kavothrakis gezogen...und genau das ist es. Es gibt nur einen Bericht darüber, der gilt als unzuverlässig - kurz danach hat ein Vulkanausbruch Kavothrakis schwer beschädigt, wenig später wurde es aufgegeben. Geromantis ging beim Unglück unter , und der Rat möchte wissen ob es diesen Krieg wirklich gegeben hat. Das könnte ein unangenehmer Trip werden...du kannst noch abspringen und von Kavothrakis aus zurückfahren.”

Schatten von Kriegern

Wer bin ich denn, daß ich unangenehmen Themen ausweiche. Natürlich blieb ich dabei als Celinda im alten Kriegshafen landete, auch wenn ich zugeben muß, der Anblick war erschütternd. Ein großer Hafen, größer als der von Atlantis - aber in was für einem Zustand. Die wuchtigen Kaimauern geborsten, die zwei Schutztürme umgestürzt, blockierten die Einfahrt. Ein ganz neuer Mélanaden-Turm an der Mole wirkte etwas deplaziert, winzig gegen diese gewaltigen Brocken. In den Becken Gebilde, halb unter Wasser, die ich nicht erkannte “Schiffe wie die Xanthor, noch im Bau halb fertig, gesunken, weil sie von Vulkanbomben getroffen wurden. Aber das ist nichts Schlimmes, diese Zerstörung geschah lange nachdem wir den Hafen aufgegeben hatten. Dabei kam kein Mensch zu Schaden.” Celinda stieg sofort Treppen hinauf, die vom Hafen zur Stadt führten; dort erwartete uns kein schönerer Anblick. Häuser wie in allen Städten hier, großer, klotziger, aber keines davon intakt. Ganz anders als Conartis, dachte ich sofort, man sah ohne lange zu überlegen daß hier schwerste Erdbeben gewütet hatten; weiter oben war alles von einem Lavastrom verschüttet -  das sah fast besser aus. Celinda scherte sich nicht darum, ging zielstrebig und sehr schnell bergauf, bis wir die alte Stadtmauer erreichten deren Wehrgang noch teilweise die Lava überragte, aber auch diese schwere Mauer war alle paar Meter gebrochen, manche der gewaltigen Steinblöcke waren völlig zerbröselt....ich hätte bei diesem Erdbeben sicher keine Live -Reportage gemacht, da war ich mir sicher. Celinda ging langsamer, sah sich gründlich um, suchte sichtlich etwas.

“Hilf mal mit, Norman. Eine Geheimtür im Boden, sicher nicht so leicht zu sehen, vielleicht auch beschädigt. Sie sollte sich mit einem Stein öffnen lassen, wenn nicht, müssen wir Arbeiter holen.” - “Eine Geheimtür die man sieht? Blödsinn. Weißt du denn wo sie sein soll? Diese Mauer ist ja endlos lang.” - “Ja, ungefähr. Am höchsten Teil der Mauer..und da sind wir ja wohl.” Zu sehen war gar nichts, der übliche Steinplattenboden, hier weniger beschädigt und ziemlich schmuddelig, Schlamm, Algen, Muscheln, Steinbrocken...hier eine Geheimtür finden...”Moment, Celinda. Tasten...was man nicht sieht, kann man vielleicht spüren - hoffen wir daß dieses Erdbeben die Tür verzogen oder etwas geöffnet hat.” Es war grotesk. Wir krochen auf dem Boden herum, schoben die ausgebreiteten Hände durch den grünlichen Belag, warfen Schuttbrocken über die Brüstung und sahen bald aus wie die Kanalwatze. Und doch...

“Hier ist was” sagte Celinda und machte den Fehler sich die Haare aus der Stirn zu wischen. Grün und grinsend fingerte sie einen Mélanaden aus ihrem Umhang und fuhr damit durch den Schlamm. Ich spürte einen Ruck, der Boden hob sich etwas, mehr nicht. “Mist. Das Ding ist natürlich auch kaputt.” Celinda richtete sich auf “ich habe ja gleich gesagt, schickt einen Reparaturtrupp hin. Nein, die mußten ja mich schicken - so eilig hatten sie es.” Na, na...aufgeben? Natürlich nicht. Wir schoben Schlamm weg bis wir die Tür erkennen konnten, eine große Steinplatte, eigentlich ohne Schäden. Nur, sie hatte sich wenige Zentimeter gehoben und klemmte wohl.  Also wieder zudrücken, wieder den Kristall daran halten...Ruck, etwas weiter kam sie hoch - aber wir mußten das etliche Male wiederholen bis wir unter die Platte fassen und sie aufziehen konnten, verdammt schwer war das Ding, aber dann staunte ich. Eine Treppe ging abwärts, blitzsauber und trocken, aber auch sie hatte Risse. Das Wasser war in dreitausend Jahren nicht eingedrungen...unfaßbar. “Was ist das, Celinda?”

“Eine Wehranlage. Ein Gang der durch den Berg nach Geromantis führt, parallel zu der Schlucht die es mit Kavothrakis verbindet. Der fragliche Bericht besagt daß in der Schlucht die ägyptische Armee umgekommen ist...und unsere.”  - “Wie denn das?” - “Abwarten. Gehen wir nachsehen, ja?”

Leider war nur diese Treppe schön sauber und trocken. Es ging durch eine weitere Steintür, die aber richtig funktionierte. Weiter unten war es mehr als naß, aber das war es nicht. Ich habe schon einige Kriegsschauplätze besucht und darüber berichtet, aber eine Beklemmung wie an diesem Ort habe ich noch nie erlebt. Irgendwie war ich plötzlich ein kleiner Bub und fürchtete mich so sehr wie es nur ein Kind kann...auch Celinda hatte ihren schnellen Schritt hinter sich, sie ging tastend, langsam, leuchtete jede Biegung gründlich aus bevor sie weiter ging...dabei gab es nichts übles zu sehen. Ein grober Stollen, schlechter ausgebaut als die Bergwerke, unebener Boden, Wasserpfützen..nicht schön, aber was machte mir solche Angst? Keine Ahnung...

Alle paar Meter gab es einen Riß im Fels auf der linken Seite. So kam ein wenig Licht in diese Unterwelt, und die Luft war frisch und gut. Sah man hindurch, blickte man in eine steile Schlucht mit einem Bach. “Schießscharten” sagte Celinda ganz leise “das stimmt also. Die Ägypter dachten angeblich diese Schlucht sei unbewacht, aber das war sie nicht. Ein Gang rechts, einer links. Von der Schlucht aus nicht erkennbar, aber voll mit Soldaten - keine Chance, hier nach Kavothrakis zu kommen, jedenfalls weder unbemerkt noch  lebend. Und dann...wenn man dem Bericht glaubt, haben sie das griechische Feuer eingesetzt, als sie angegriffen wurden. Unsere Leute sind verbrannt, aber die Ägypter auch. Dann soll auch noch der Tharrokan ausgebrochen sein...direkt über uns. Als dann unsere Leute aus Kavothrakis kamen um zu helfen, sind auch diese Helfer umgekommen. Davon müßte noch etwas zu sehen sein..oh mein Gott, da ist es wohl.”

Celinda zitterte und trat zurück. Ich sah durch einen Spalt und sah was mir solche Panik einflößte. Der Bach floß über einen Haufen Lavaschutt, im Wasser lagen Totenschädel, teilweise zerbrochen, einige ganz schwarz, aber der Schrecken war uns noch viel näher. Direkt vor uns, im Gang, lagen ebenfalls Skelette. Dazwischen Waffen aus Mélaneisen, wie neu...glänzend und völlig intakt, Speere, Lanzen, Schwerter. Scherben dazwischen, wohl aus Ton..ich wußte was das war, aus einem Museum. Feuertöpfe...eine furchtbare Waffe. Ich konnte mich lange nicht rühren, rang nach Luft, Celinda drückte sich zitternd an mich “ich hatte so sehr gehofft daß dieser furchtbare Bericht erfunden wäre” stammelte sie und wir standen lange so da, bis wir uns etwas gefangen hatten. Dann stiegen wir vorsichtig über den Skeletthaufen, denn weiter vorne wurde es heller. Ich war zunächst erleichtert als wir eine Stelle erreichten an der die Wand aufgebrochen war. Wir kletterten aus dem Gang in die Schlucht und fanden uns zwischen zwei glatten Felswänden auf einem Haufen grober Lava wieder - nun sahen wir zwar besser, aber der Schrecken nahm noch zu. Ich fühlte mich beobachtet, Celinda sprach kein Wort mehr. Die dunklen Risse in den Wänden flößten mir ein unbeschreibliches Grauen ein, als ständen dort Feinde die uns töten wollten...

Wir gingen also wieder schnell. Der Bach fiel von weit oben auf uns, wusch uns sauber, aber das beachteten wir kaum; wir hatten den höchsten Punkt erreicht, es ging abwärts, nun war der Boden trocken - aber kaum hatten wir die Lava hinter uns, mußten wir wieder aufpassen daß wir nicht auf Schädel traten. Ich wünschte mir nur noch eines herbei, das Ende der Schlucht. Das kam auch bald, und war nicht ungefährlich. Senkrecht fiel der Boden vor uns ab, unten sah ich Mauern, bedeckt von Algenfilzen - wir mußten uns einen Weg suchen, hier hatte es wohl einen Felssturz gegeben. Immerhin, wir hatten Geromantis erreicht.

Es war ein Albtraum. Ich erinnere mich nicht wie wir herunter gekommen waren, auch nicht an den Weg durch die kleine Stadt. Was ich wieder weiß, wir saßen an einem kleinen Hafen, genossen die frische Seeluft und kamen langsam wieder zu uns. Ich sah mich um, und wieder dachte ich an das gerade aufgetauchte Conartis - aber der Vergleich paßte nicht. Hier war alles eine Nummer kleiner, der Hafen, die Häuser, die Brunnen. Auch war hinter dem kleinen Ort keine freundliche Hügelkette, sondern ein schwarzer Steilhang mit einem bedrohlichen Vulkankegel darüber. Celinda sah meinen Blick, verstand - “der Gerokan ist erloschen, Norman. Keine Gefahr, auch wenn es so aussieht.” - “Wie kann man das so genau wissen? Der sieht aus als würde er nur eine kurze Pause machen.” - “Stimmt, er sieht übel aus. Er war auch übel, damals, als er und sein westlicher Kollege, der Tharokan, Kavothrakis zerstört haben. Das war aber sein letzter Streich, er ist aufgerissen, über die ganze Höhe, nach Westen hin - das war ja das Unglück für Kavothtrakis, die ganze Lava ist schlagartig ausgetreten. Heute liegt sein Krater in der westlichen See, einige Kilometer vor dem alten Kriegshafen, in dreihundert Metern Tiefe. Ist nur noch eine heiße Quelle unter Wasser, die See ist in ihn eingedrungen - aus. Jaja, von hier aus macht er einen äußerst intakten Eindruck, aber das ist eine leere Hülle. Außerdem ist mir ein Vulkan tausendmal lieber als das was wir vorhin gesehen haben. Norman, ich gehe da nicht nochmal durch. Laß uns nachher versuchen den Palast zu erreichen, daß sie einen Gleiter herschicken.”

“Celinda, so gut bin ich noch nicht. Alida kann das...ich leider nicht. Was willst du noch hier?” - “Geromantis besichtigen. Das soll ein ganz und gar romantischer Ort gewesen sein, der schönste der Nordregion. Ich brauche jetzt sowas...brrr...dieser Gang, diese Schlucht...man sollte das zuschütten und einen Grabstein darauf setzen.” Sie stand auf, sah sich ihren Umhang an - sauber. Ich kontrollierte mich - auch sauber. Der Sturzbach hatte uns gewaschen, wir hatten es nicht bemerkt. Langsam gingen wir auf den Ort zu, und wirklich, das war richtig gemütlich, auch wenn ein paar schwatzende Leute mir jetzt gut getan hätten, aber wir waren wohl die Ersten die Geromantis besuchten. Kleine, einstöckige Häuser waren das, ohne prachtvolle Eingangshallen, dafür aber waren die Mauern mit Reliefs verschönert, Ornamente, aber auch Darstellungen von Fischern und Booten. Gut erhalten, ganz anders als Kavothrakis vorhin.. .in einigen Fenstern gab es sogar noch Scheiben und Rahmen aus Mélaneisen, schmutzig, aber intakt. Irgendwelche Spuren eines Krieges sahen wir nicht. Witzigerweise fanden wir in engen Gassen noch Pfützen in deren Umgebung einige verwirrte Krabben nach dem Meer suchten - das Wasser war wohl gerade erst gewichen. Das kleinste bißchen Leben tat mir sehr gut, aber Celinda blieb nicht stehen, sie suchte offenbar etwas.

Wir betraten einen kreisrunden Platz, Celinda blieb stehen “das muß es sein, das Wunder von Geromantis.” Ich sah mich um, konnte aber kein Wunder entdecken. Schön gestaltete Häuser, mehr nicht. Die gab es hier doch überall...”Celinda? Wunder? Wo denn?” - “Unter deinen Füßen. Hoffentlich...” Celinda kniete nieder und rieb mit den bloßen Händen Algen und Muscheln vom Boden ab, zog ihren Umhang aus und tauchte ihn in eine Pfütze, scheuerte damit den Boden, sah hoch “nun hilf mir schon, Mann....” Tja, da wurden die Umhänge wieder schön dreckig...” Warum machst du das?” - “ich will den Boden sehen . Man sagt...da, sieh nur, es ist wahr.” Nun kniete ich auch nieder. Vom grünen Schlamm befreit, lag ein kleiner Fleck eines erstaunlichen Bodens vor uns. Glatt ist kein Wort...wie Glas, aber nicht so langweilig. Wie eine Holzmaserung zogen sich rote, weiße, blaue Linien durch diesen Boden -  er bestand nicht aus Steinplatten und hatte keinerlei Fugen, aber...”Celinda, was ist das?” - “Das ist Lava vom Gerokan. Die hat einmal den Marktplatz überflutet, und anstatt sie später mit Spitzhacke und Schaufel abzutragen, haben diese Leute hier sie geschliffen. Das war auch nur eine Sage, aber wie du siehst, hier werden Märchen wahr.” Nun wischte ich kräftig  mit, wir legten eine kleine Fläche frei und staunten wie die Kinder. Wunderschön ist gar kein Ausdruck, und absolut einmalig. wir sahenm zwar erneut aus wie eben aus der Kanalisation gekommen, aber irgendwie verwischte dieser Anblick das Grauen der Schlucht und verwandelte den menschenleeren Platz in ein Kunstwerk. Man konnte sich in diesem Boden spiegeln, den Linien folgen, sich Bilder darin vorstellen oder die Wolken auf dem Boden ziehen sehen.  Da war aber noch etwas....

Celinda sah auch erstaunt hin, sah mich an “kann Lava Menschen abbilden?” Das dachte ich auch gerade, aber daß es auch noch das Gesicht von Rathurnida war, das ging zu weit. “Norman, Celinda, seht doch nach oben, ihr Spinner.” Die Stimme war laut und klar, und kam aus dem Himmel über uns. Ach so... .Rathurnida war auf Zagornia und benutzte das Licht der Alten. Wir sahen erleichtert hoch, sie feixte.... “aha, kapiert. Wie geht’s euch?” Celinda lachte befreit los, es tat gut auch hier gefunden zu werden. Wir erzählten der Königin was wir entdeckt hatten und sie nickte nachsichtig lächelnd...klar, sie sah es ja auch.

Eine halbe Stunde später landete ein Gleiter am Hafen und holte uns ab. Bekandor lachte sich krumm als er uns sah und fragte ob wir die Putztruppe wären. Wir erzählten ihm nur von Geromantis, alles Andere sagten wir später Rathurnida, die nickte nur “ich habe es geahnt. Nun, Kavothrakis bleibt wie es ist und bleibt auch gesperrt, aber Geromantis wird wieder leben, wenn sich bestätigt daß der Gerokan wirklich ungefährlich ist. Dazwischen....nun, das ist ein Friedhof - lassen wir den Wald das regeln. Kein Mensch sollte diesen Ort jemals wieder betreten, tut mir leid daß wir euch das zugemutet haben. Norman, es wundert mich ein wenig daß du so geschockt bist. Da oben mußt du doch viel schlimmere Dinge gesehen haben.” - “Ich weiß nicht, mag sein, aber hier hatte ich so etwas nicht vermutet. Das war so real..als wäre es gerade eben passiert. Was hatte eigentlich Geromantis mit Kavothrakis zu tun? Unterschiedlicher können zwei Orte ja gar nicht sein.” - “Überhaupt nichts, Norman. Geromantis war ein total altmodisches Fischerdorf, die Leute dort waren auch dagegen daß man den Kriegshafen so nah bei ihnen angelegt hat. Kavothrakis dagegen, eine künstliche Stadt, war modern, wenn man das so sagen will - von heute aus gesehen natürlich nicht. Dort wohnten nur Wenige, dort wurde fast nur gearbeitet. Als der Kriegshafen aufgegeben wurde, hat sich die Stadt völlig geleert, wurde zur Geisterstadt - und so kam auch niemand zu Schaden als der Tharokan sie dann zerstörte. Sie hätte ein Museum sein können...nun, das ist heute eben nur die Xanthor. Kavothrakis wird allmählich verschwinden, weil man ja nach und nach alles gute Baumaterial dort holt und woanders wieder verwendet. Irgendwann wird es dort wieder so sein wir vor der Kolonialzeit, eine Landzunge mit Wäldern und Klippen, und einem Museumsschiff.”

Ich wußte genug, ging ins Erdgeschoß um einen Bericht zu machen - und war echt froh als ich damit fertig war.

Gedanken

Ich sitze also hier oben, unten auf dem Hafenplatz brummt das Leben von Conartis, Alida spielt mit mit unserer Tochter Elingaria, unten im Innenhof. Drei Jahre ist sie jetzt alt, und ein prächtiges Mädel. Sie kann schon schwimmen und liebt das Meer, tobt oft mit anderen Zwergen auf dem Platz herum...Conartis ist eine wunderbare Stadt. In diesen massiven Häusern fühlt man sich sehr geborgen, die mächtigen Wände lassen noch nicht einmal des Gerumpel der Westkette -Vulkane nach innen dringen, wenn die mal wieder Lust auf Ausatmen haben, und das ist oft. Die Wälder dieses Landes sind schon gut angewachsen, aber die Gärtner arbeiten noch immer. Der Hafen hat sich gefüllt und ist sehr lebhaft, neuerdings ist er für einige Zeit der Stammhafen von Malcolms Flotte. Ja, Malcolm. Der alte Seebär fühlt sich pudelwohl wenn er unterwegs ist, sein Projekt läuft gut. Vahrsonia hat sich zur Chefin entwickelt, er mag diesen Bürojob nicht; sie organisiert die Güter die er dann exportiert, die meisten davon kommen inzwischen aus West-Avalonia.

Es gibt inzwischen viele Kinderhäuser hier, einige braucht Conartis für die hiesigen Kinder, auch Elingaria verbringt manchmal einen Tag dort wenn wir unterwegs sind, und sie ist gern dort. Andere Kinderhäuser sind gefüllt mit den Kindern, für die Avalonia sorgt, bis sie wieder stark sind und heim gehen können - wenn sie das wollen. Viele werden wohl lange bleiben, und manche für immer. Inzwischen kommen aber nicht nur Kinder mit Malcolms Schiffen. Nein, auch Handwerker, Ärzte und Vertreter anderer Berufe bilden sich hier weiter, und werden nebenbei gesundheitlich aufgebaut; am oberen Kongo gibt es ein ausgedehntes Gebiet  das wir unterstützen, es entwickelt sich gut.  In den drei Jahren seit die Flotte Malcolms aus elf Schiffen besteht, ist dort der Bürgerkrieg beendet worden und inzwischen gibt es fast in jedem Dorf eine einfache Schule, die außer den üblichen Kenntnissen auch gesunde Ernährung und heilen lehrt. Das wird gut angenommen, man will bald versuchen eine Landwirtschaftsschule aufzubauen. In einer kleinen Stadt gibt es sie schon. (Flussaufwärts)

Unsere Arbeit, das Informationszentrum, ist gewachsen. Zweihundert Scheiben hat die neue Anzeigetafel, und wir haben jetzt auch zwei Mitarbeiter die hier geboren sind, Walgaria und Menathor. Beide aus Atlantis und mit besten Verbindungen, zum Markt und zum Hafen. Ständig stehen Leute vor der Tafel, inzwischen erhalten wir auch Nachrichten frei Haus, die Leute klopfen einfach an die Fenster. 

Alida hat in den drei Jahren, seit Elingaria bei uns ist,  nicht mehr in der Kristallwelt gearbeitet. Sie war ganz für unsere Tochter da, erst seit zwei Monaten geht Elingaria manchmal tagsüber ins Kinderhaus, und Alida auch - als Betreuerin, eine ganz neue Aufgabe für meine Frau. So kann sie Elingaria um sich haben und doch wieder arbeiten. Ich bin meist den ganzen Tag im Erdgeschoß des Palastes, wenn ich nicht irgendwo im Land eine Geschichte recherchiere...mit bald fünfundsechzig Jahren, weder müde noch desinteressiert, und von keiner Verrentung bedroht. Die Arbeit macht mir mehr Spaß als jemals zu vor, es ist eine ganz andere Sache wenn die Redaktion offene Fenster zur Straße hat und dort jederzeit ein Schwätzchen drin ist, aber auch Informationen herein kommen. Auch sehen wir, ganz anders als bei einer Zeitung, wie unsere Leser reagieren. Niemals käme ich auf die Idee, nach Hamburg zurück zu gehen. .jedenfalls nicht länger als für ein paar Tage.

Ein normaler Tag...

...in Conartis fängt mit Lärm an, der vom Hafen kommt. Die Fischer kommen herein, bringen ihren Fang an Land und schwadronieren dann auf dem Platz. Später kommen Kunden, es ist zwar kein Fischmarkt, aber manchmal nicht weniger laut und hektisch. Wir stehen später auf, wenn es unten schon wieder ruhig wird; dafür wird dann Elingaria wach und duldet es nicht, daß wir noch im Bett bleiben. Es gibt also Frühstück, und an den Tagen wenn ich in Atlantis arbeite, bekomme ich das weitere Stadtleben nicht mit. Bleibe ich, dann wird es erst einmal ruhiger; ich oder Alida bringen Elingaria ins Kinderhaus oder gehen mit ihr spielen, oft am Strand, aber auch in den langsam wachsenden Wäldern bei der Stadt. Nachmittags, das hat die Kleine inzwischen gelernt, muß sie alleine oder mit anderen Kindern spielen; auch Eltern brauchen Zeit für sich. Diese Stunden verbringen wir ganz für uns, mal in einer Stadt, mal mit Besuchen bei Freunden, oder auch im Bett. Abends sitzen wir gern an der Mole bis wir die nötige Bettschwere bekommen um gut zu schlafen. Es gibt aber auch völlig unnormale Tage....

Wir saßen beim Frühstück auf der Dachterasse. Elingaria war schon bereit, sie wollte mit anderen Kindern zusammen zum Kinderhaus gehen, ihre ersten eigenen Schritte, mit dreieinhalb Jahren. Ich saß gemütlich da, sah in den Himmel als dort ein Bild auftauchte. Rathurnida sprach mich an, ich erlebte das erst zum zweiten Mal, sie benutzte das Licht der Alten. Wir sollten so schnell wie möglich zur Kristallwelt kommen, sagte sie, und niemandem etwas sagen - britische Spione hätten den Eingang gefunden. Unmöglich, dachte ich, schon möglich, sagte Alida - wir brachen auf als Elingaria mit den anderen Kindern losgezogen war.

In der Kristallwelt herrschte Aufregung. Der Tunnel war gesperrt, nur die Wächter durften hinein, und ständig kamen weitere Wächter an und verschwanden im Tunnel. Ein sehr großer Mann kam auf uns zu, Gerador, der Leiter der Kristallwelt. “Da seid ihr ja. Norman, du kannst auch englisch? Gut. Kommt mit, ihr müßt uns helfen diese Leute auszufragen.”Wir gingen zu einem Raum der fast leer war, an einem Tisch saßen ein Mann und eine Frau, in “oberer” Kleidung, an Stühle gefesselt und von vier Wächtern beaufsichtigt. Alida lächelte “ist dieser Aufwand wirklich nötig? Bindet die Leute los, schließt die Türen ab - das genügt doch sicher. Wie heißen sie?” - “Donald, Rachel. Daß sie Briten sind, geben sie zu - mehr aber nicht. Seht hier...” er nahm eine Kamera aus einer Truhe “wir haben sie erwischt als sie die Kristallzüchtung fotografierten. Wer weiß, was sie noch fotografiert haben. Das sind weder Gäste noch Zuwanderer, aber sie reden nicht mit uns. Versucht ihr mal euer Glück.” Alida seufzte. “Das mußte ja einmal passieren. Der neue Eingang?” - “nein, das Bergwerk. Sie haben nur einen Mélanaden, und wir vermuten, sie haben jemanden erwischt der ausgereist ist, und ihm den Stein weg genommen.” - “Waffen?” - “keine. Wir haben sie ausgezogen und gründlich durchsucht, sie sind sauber. Mehr wissen wir aber leider nicht....”

Wir setzten uns zu den Engländern an den Tisch, baten die Wächter den Raum zu verlassen. In astreinem englisch sprach Alida die zwei an, erklärte sie würden gefangen gehalten bis sie uns Auskunft gäben - keine Reaktion. Dann sagte sie, auch von uns müsse schließlich niemand mit ihnen reden, wir könnten sie auf einer kleinen Vulkaninsel aussetzen und dort vergessen... wieder nichts, und das war schon hart an der Lüge, sowas würde Rathurnida niemandem antun. Alida breitete die Arme aus und sah mich an. “Oder wir schicken sie zurück, ohne Kamera, stockbesoffen und verdreckt, mit blauen Flecken auf den Ärschen, weil wir so oft reingetreten haben.” Alida grinste, Rachel zuckte kurz, aber auch das wirkte nicht. Das waren jedenfalls keine unerfahrenen jungen Soldaten, dachte ich und überlegte. Dann kam ich darauf, die Kamera zu untersuchen - was die beiden sichtlich nervös machte. Da lag ich wohl richtig...zuerst fielen mir die Batterien auf. Olivgrün, mit einer Nummer anstelle einer Type - Militärware also. Ich machte ein ernstes Gesicht und suchte weiter. Ganz innen, im Batteriefach, war ein kleiner Aufkleber “Property of the Royal Navy” stand da drauf, und wieder eine Nummer.

“Alida, das ist nicht die Polizei. Das sind Militärspitzel, oder sogar Geheimdienstler. Das können wir lassen, die werden ohnehin in den Vulkan geworfen.” Zum Glück begriff Alida meinen Bluff...”Ja, wir können gehen, kein Grund noch mit ihnen zu reden, die sind ohnehin hinüber.” Sie stand auf, ich nahm die Kamera und wollte ihr folgen, da verließen Rachel die Nerven. “Bleibt, bitte.” sagte sie leise und fing sich einen wütenden Blick von Donald ein. Wir setzten uns wieder “na, und? Eine Minute, es lohnt sich ohnehin nicht mehr.” sagte ich streng, aber die Antwort kam ganz anders. “Bitte...ich will nicht für mein Land sterben. Gibt es keinen anderen Weg?” fragte Rachel noch leiser, und Donald brummte, anhören würde er sich das auch, könnte ja nicht schaden. Alida übernahm...

“Da müßten wir einen wirklich guten Grund sehen, euch zu vertrauen. Ihr wurdet doch ausgebildet um Menschen hinters Licht zu führen. Legt mal los, gebt uns einen Grund - aber ich warne euch, lügt nicht. Wir lesen eure Gedanken.” Donald und Rachel tauschten unsichere Blicke aus, dann schwieg er, sie sprach. “Wir sind Mitarbeiter eines Dienstes, das stimmt. Was wir hier untersuchen sollten, hat man uns nicht genau gesagt. Irgendwie reinkommen, darum ging es.Wir sollten ein altes Bergwerk überprüfen, haben tagelang dort gelauert. Dann haben wir den Eingang gefunden und wurden festgenommen.” Sie sah uns unsicher an, auch ich hatte bemerkt daß sie teilweise gelogen hatte. “Das stimmt nicht.” sagte Alida ebenfalls streng “noch eine Lüge, und wir gehen. Dann kann euch keiner mehr helfen.” Donald zuckte mit den Achseln, Rachel sprach weiter. “Gut, ja. Wir haben nichts gefunden...nur alten Schrott. Dann kam jemand aus einem Gang, den wir vorher untersucht hatten. Dort war niemand gewesen...wir nahmen die Person fest.” - “Ohne einen Vorwurf...oder wurdet ihr etwa angegriffen?” - “nein, gar nicht. Stimmt, anständig war das nicht...aber es war unser Auftrag.” - “Schön blöd, wenn ihr euch solche Aufträge geben laßt. Wen habt ihr da verhaftet, was ist aus ihm geworden, oder wird aus ihm? Wie seid ihr dann hier reingekommen?” Donald seufzte “laß mal, Rachel. Wir haben uns ganz korrekt verhalten, es war eine Frau, wir haben sie zu einer Wache gebracht. Dort wurde sie allerdings verprügelt bis sie uns gesagt hat woher sie kommt und wie man reinkommt. Wir haben ihr einen eigenartigen Stein abgenommen und sind reingegangen, wurden auch freundlich begrüßt, aber hier unten wohl beobachtet, und festgenommen. Ich möchte betonen, wir haben sie nicht geschlagen. Ich war entsetzt was die Kollegen da gemacht haben...” - “Gut, gut ...wo ist die Frau jetzt?” - “In einem Gefängnis auf Adarnia. Die Wache am Viehhafen, wenn ihr euch da auskennt.” - “Was wird mit ihr passieren?” - “Keine Ahnung. Sie wird wohl bald nach England verlegt, und weiter ausgequetscht...darauf haben wir keinen Einfluß.” Alida schüttelte den Kopf....

“Ihr werdet darauf Einfluß nehmen müssen, wenn euch euer Leben lieb ist. Diese Frau kommt hierher zurück, dann sehe ich Hoffnung für euch.” - “Aber wie denn das...wir sitzen hier fest, und sie ist da oben. Bewacht, hinter Gittern, weit weg vom Eingang. Und ihr könnt uns ja doch nicht laufen lassen, oder? Wir haben schon zuviel gesehen, nehme ich an. Tja, und wenn wir euch helfen und sie kommt frei - und wir etwa auch, dann sind wir dran wenn wir wieder oben sind. Schöne Scheiße.” Alida nickte “Ja, das wird nicht einfach, aber ihr seid ja wohl nicht gezwungen worden, in diesen Dienst, geht mich nichts an. Wer weiß noch vom Eingang? Eure Kollegen da oben etwa?” - “Nein. Wir haben sie allein ausgefragt, und als wir es wußten, gab es ja keinen Grund mehr sie weiter zu verhören.  Wenn sie aber nach England kommt...?” - “Das wird nicht geschehen. So. Überlegt schnell, und entscheidet euch richtig. Helft ihr uns, sie zurück zu holen?” Rachel sagte sofort ja. Donald überlegte kurz “Ja - nur aber eines: Ihr werft uns nicht gleich danach raus, ja? Sonst könnt ihr uns auch gleich hier unten abschießen.” - “Gut - Nein, nicht sofort, so einfach ist das nicht. Strafbar habt ihr euch ja auch dann noch gemacht, aber wenn wir euch nicht umbringen, werden wir ja auch nicht wollen daß es eure Kumpels tun, was?. Moment. Ich kann das nicht entscheiden”

Sie ging raus, Rachel sprach mich an “Wie könnte das gehen, wenn wir euch helfen..und dann? ” - “Das muß die Königin entscheiden, aber sie ist menschlich ..komplizierter Mist, da werden ein paar Kurven schon nötig sein. Nach England werdet ihr aber nicht zurück dürfen, oder erst nach langer Zeit. Verheiratet, Kinder?” beide schüttelten die Köpfe. “Na, dann wird es ja keine schlimmen Folgen haben daß ihr erst mal verschwindet.” Rachel nickte, lächelte Donald zu, der grinste säuerlich, Alida kam zurück. Sie war aufgeregt, flatterig “kommt mal mit.” Die Wächter kamen zurück und begleiteten uns in einen anderen Raum, eine Truhe wurde gebracht, seltsame, braune Kleidung war darin. Alida kam zu mir, flüsterte “Das ist selten, Norman. Die Kleidung der alten Krieger;  kaum sichtbar im Sonnenlicht, nur im Licht der Mélanaden. Und ihre Waffen...furchtbare Waffen, glaub mir. Wir dürfen sie nur im äußersten Notfall einsetzen..und leider müssen wir den beiden auch diese Ausstattung geben, und auf sie aufpassen.” - “Wir gehen also diese Frau befreien.” - “Ja, verrückt, nicht?  So alt und nun in Uniform...gut, ziehen wir dieses Zeug an, es muß schnell gehen. “

Wir zogen uns um, schweres Zeug war das, und in den Ärmeln waren seltsame Stäbe eingearbeitet. Unbequem, steif und etwas hölzern bestiegen wir einen großen Gleiter, Rachel und Donald mit uns, und sechs Wächter. Auf dem Weg nach oben wurden uns die Waffen erklärt...”Einfach zu bedienen, aber schrecklich in der Wirkung: ihr zeigt auf jemanden und drückt den Stab mit dem Ellbogen an den Körper. Der Jemand wird gelähmt, für einige Tage. Drückt ihr zweimal, verbrennt er allerdings...also Vorsicht, und nicht damit spielen.” - “Und Gegenstände? Mauern? Können wir damit ein Haus aufbrechen?” - “Ja, zweimal drücken...aber mit etwas Abstand, bitte. Und seht zu, daß niemand im Weg steht. Wenn irgend möglich, überlaßt es uns, die Dinger einzusetzen - wenn überhaupt.” Ich konnte nur hoffen daß wir geschickt genug sein würden,  den Einsatz der antiken Waffen zu vermeiden; als ich Alida fragend ansah, breitete sie die Arme aus “nein, ich kenne diese Waffen nicht und weiß auch nicht wie sie funktonieren. Sie gehören eigentlich ins Museum...ich habe nie erlebt daß sie eingesetzt wurden.” Rachel und Donald zitterten als wir aus dem Bergwerk kamen, im Nebel über die Weiden gingen, schnell, entschlossen und sauer, selbst für einen Briten deutlich spürbar. Die beiden führten uns einige Kilometer weit, durch ein ärmliches Dorf, zu einem primitiven Hafen, zu einer lächerlichen Polizeistation. Etwas abseits davon hielten wir an, der Nebel schützte uns fast so gut wie diese Anzüge; unsichtbar waren wir zwar nicht, aber nur verwischte Schatten. Wer nicht genau hinsah, sah gar nichts in dieser Nebelsuppe. Um uns zu unterhalten, hielten wir kleine Mélanaden hoch....”Was sollen wir jetzt tun?” fragte Donald “die denken doch, wir sind bei euch da unten. Wir können doch nicht einfach reinspazieren und fragen ob die Gefangene noch da ist.” - “Wenn sie da ist, wo ist sie?” - “Auf der Rückseite, eine kleine Zelle. Da kommen wir aber nicht ran,  da ist ‘ne Mauer drum. Was machen wir?”

Einer der Wächter sah sich um “gibt es hier etwas, das abbrennen könnte?” Rachel nickte. “Die Schiffstankstelle. Ein Sauhaufen, vergammelt, schlampert, halb kaputt. Da drüben, die Kollegen rechnen täglich mit einer Katastrophe..aber es tut ja keiner was.” Der Mann grinste “Das ist gut, dann tun wir eben was. Ist da jetzt jemand der in Gefahr kommen könnte?” - “nein, nur wenn ein Schiff einläuft.” - “Gut. Pariador, du kommst mit mir. Rachel, Donald..führt den Rest zum Hinterhof. Wenn’s kracht, loslegen.” Schon war er weg, und ein anderer mit ihm. Rachel winkte uns zu, wir gingen in eine enge Gasse und zu einem vergitterten Tor. “Das ist es. Bekommt ihr das auf?” Die Wächter nickten, bedeuteten uns etwas Abstand zu nehmen, und stellten sich breitbeinig hin. Wir warteten....

Ein lauter Knall, eine Rauchsäule, Flammenschein, Stimmen, Sirene...wir hörten wie es in der Wache hektisch wurde, dann ruhig. Vom Hafen her kam dunkler Rauch, viele Stimmen. “zeigt auf das Tor, und wenn ich es sage, zweimal drücken” sagte unser Anführer “eins, zwei, los.” Wir zielten so gut es ging, Ellenbogen an den Körper, nochmal...zinnggg...ein greller Blitz schoß aus meinem rechten Ärmel, auch bei den Anderen, aber ganz leise. Das Tor glühte auf und schmolz doch tatsächlich vor uns zusammen. Fast geräuschlos löste es sich auf, der Weg war frei. Schnell gingen wir hinein, ein enger Hof, eine kleine Tür, ein vergittertes Fenster. Der Anführer rief leise “Alare vador” und bekam Antwort. “Weg vom Fenster” rief er und schon schossen wir wieder, auf die Wand mit dem Fenster. Das ging nicht so leise, die Steine flogen nur so herum, glühend und krachend schlugen sie auf den Boden. Entsetzt aber froh kam eine Frau aus der Staubwolke, die war furchtbar zugerichtet. Blaue Flecken, Lumpenklamotten und die noch zerrissen...der Anführer sprach kurz und leise mit ihr, nickte, schickte sie aus dem Hof und sah uns an. “Vergewaltigt, nochmal verprügelt, gefoltert. Alida, Norman...geht mit den Gefangenen und Saghira vor, wir haben noch etwas zu erledigen.” Wir gingen schnell zurück in den Nebel,  Rachel ging sofort zu Saghira “mein Gott, das wollten wir nicht. Wenn wir das gewußt hätten...” Saghira sah sie nur verächtlich an, dann ging sie weiter. Hinter uns krachte es gewaltig, der Feuerschein wurde sehr viel heller, dann kamen erst zwei, dann nochmal zwei Wächter hinter uns her. “Auf dieser Wache wird niemand mehr gequält. Die brennt noch ein Weilchen..” grinste der Anführer “schnell, weg. Die Polizisten haben wir nicht angegriffen, die werden wissen wo sie suchen müssen. Saghira, auf Ehre und Gewissen, hast du geredet? Ich meine, zu anderen Leuten als zu diesen Idioten hier?” - ”Kein Wort. Die hätten mich ja doch totgeschlagen, warum noch etwas sagen. Nein, ich habe gehofft daß ihr schneller seid als die.” Der Mann grinste “Na, dann müssen wir sie ja nicht töten falls sie uns auflauern. Leute, also, falls: nur einmal drücken..das reicht - okay?”

Bis zum Bergwerk brauchten wir die Waffen nicht, aber die Reifenspuren hatten wir gesehen. Vorsichtig gingen wir hinein, und natürlich flammten bald Scheinwerfer auf. Vier Polizisten standen vor uns, mit Maschinenpistolen im Anschlag, aber sie zitterten...natürlich, dachte ich, die sehen uns ja nicht. “Siehst du was, Mac? Ist das Nebel, oder gibt es hier Gespenster?” sagte einer mit zittriger Stimme “keine Ahnung. Ich wollte ich wäre daheim.” Alida schob sich vor und sprach plötzlich, sehr laut “Mac, ich habe dich gewarnt. Jetzt holen wir dich.” Der Mann fuhr zusammen, ließ seine Waffe fallen und floh nach hinten, ins Dunkel der Grube. Einer, zwei...folgten ihm. Ein Mann blieb stehen. Seine Waffe zielte genau auf mich,  sehen konnte er mich ja nicht, aber nervös machte mich das schon. Rachel schob sich noch vor Alida. “John, laß die Waffe fallen. Ich ziele genau auf dich, versuch es nicht, denk’ noch nicht mal dran.” - “Rachel? Wo steckst du denn?” - “Direkt vor dir, du Sau. Mal eben eine Gefangene vergewaltigen....laß die Waffe fallen, oder du wirst es bereuen.” - “Ich denke ja gar nicht daran. Zeig dich...?” - “Wie du willst.” Wir sagten alle, Rachel, nicht....aber Rachel drückte einmal, zweimal...John wurde zu einer grausigen, großen Flamme und war verschwunden. Noch nicht einmal zum Schreien hatte er noch Zeit gehabt. Rachel ließ den Arm sinken und starrte auf die sich auflösende Rauchwolke “Mein Gott...was ist denn das...er hätte geschossen, glaubt mir. Einfach ins Dunkle, und die Waffe schwenken...so hat man es uns gelehrt. Leute, ich kann nicht mehr. Macht was ihr tun müßt, aber laßt mich hier bleiben...mir ist so übel...” Die Wächter verfolgten die geflohenen Männer, wir standen fassungslos um Rachel herum, die allmählich zusammensackte, sie sagte nichts mehr.

Bald darauf fuhren wir mit fünf Gefangenen und einer befreiten Bürgerin zurück. Rachel saß nur stumm da, Donald schwieg ebenfalls. Die drei Bullen sahen nichts, ihnen waren die Augen verbunden worden. Alida und ich brachen direkt aus der Kristallwelt wieder auf, heim. Wir waren beide völlig fertig. “Nun hast du gesehen, wovon unser Land sich abgewendet hat. Furchtbar, nicht?” - “Ja, grausam. Ist so etwas oft nötig?” - “Nein, ganz selten. Ich habe es zum ersten Mal erlebt.” - “Der Eingang im Bergwerk taugt nichts.” - “Ja, leider. Wir werden ihn aufgeben müssen, oder jedenfalls sehr lange nicht benutzen. Norman, warum hat sie nur sofort geschossen?” - “Haß, Alida. Eine Frau gegen einen Vergewaltiger. Mag sein, er hätte geschossen; mag sein, nicht - hasz sie ja gehört. Falsch war es nicht, richtig aber auch nicht. Wir wissen ja auch nicht, ob zwischen den beiden schon früher einmal etwas vorgefallen ist. John hatte die Wahl....er hat falsch gewählt.” - “Menschen sollten keine Waffen tragen...die oben nicht, und wir können dann auch die letzten im Museum vernichten. Ich verstehe das gar nicht; was hatte dieser John nur davon? Nun ist er tot, und wofür?” Alida lachte bitter. “Laß uns nur schnell daheim sein, und ab ins Bett...ich hoffe, ich habe nur schlecht geträumt.”

Ich hatte früher jahrelang über solch schlechte Träume berichtet....

Der Albtraum war damit noch nicht zu Ende. Eine Konsequenz war einfach; das Bergwerk wurde zum Einsturz gebracht, gleich am nächsten Tag. Nun gab es nur noch Malcolms Schiffstunnel. Der war nicht entdeckt worden, und ohnehin größer, besser gesichert, schlechter einzusehen. Auch die gefangenen Polizisten machten niemandem Kopfzerbrechen, sie hatten nichts gesehen und wußten auch gar nichts, der Einzige der Bescheid wußte war tot. Sie wurden wenige Tage später, stockbesoffen und wieder mit verbundenen Augen mit einem der Schiffe nach Afrika “exportiert” und dort in der Nähe einer Stadt an einem Strand freigelassen. Während ihres Aufenthalts hier hatten sie nur ein Zimmer gesehen, ohne Fenster, und drei europäisch gekleidete Wächter hatten sie verhört, ohne Ergebnis. Gelogen hatten sie nicht, und Johns Verhalten auch ausdrücklich mißbilligt, die Typen waren eigentlich ganz in Ordnung “nur etwas doof” meinte Alida. Wir nahmen beide an, sie würden eher nichts erzählen, um nicht im Irrenhaus zu landen...

Donald und Rachel dagegen waren ein weitaus härteter Fall; sie hatten spioniert, aber auch geholfen. Rachel hatte getötet, aber in Notwehr. Rathurnida mochte das nicht allein entscheiden und berief den Rat zu sich, uns auch, und die Wächter die dabei gewesen waren. Der Rat ging nun erstaunlich scharf zur Sache, das Verhör dieser zwölf alten Menschen war das härteste das ich je miterlebt habe. Warum sie überhaupt diesen Auftrag angenommen hätten, wie genau er gelautet hatte, was in ihrer Dienststelle über Avalonia bekannt war und was ihnen nur eingefallen war, eine Frau zu verhaften die kein Verbrechen begangen hatte “oder ist es in England verboten, über Weideflächen zu laufen?” Dabei blieb es aber nicht, die zwei wurden auch nach ihrem Glauben, ihrer Haltung anderen menschen gegenüber und möglichen früheren Verbrechen gefragt - und sie konnten ja nichts verbergen. Donald und Rachel versuchten keine einzige Lüge, das hatten sie schon begriffen; aber sie versuchten einiges zu verschweigen. Das gelang ihnen aber auch nicht,  als drei Stunden vergangen waren, kippten sie fast um und der Rat war zufrieden, was die Rolle der beiden Spione anging. Es war klar geworden, daß man auch sie betrogen hatte; es war ihnen erzählt worden, eine geheimnisvolle Unterweltgruppe würde hier für die “Gauchos” arbeiten um Falkland doch noch argentinisch zu machen. Was wirklich die Absicht war, begriffen sie erst so nach und nach, was dann auch bewirkte, daß sie innerlich so halb die Seiten wechselten. “Mensch Rachel, wir waren die Bösen...” sagte Donald nachdenklich, als die Fragen endeten... Sie wurden vor die Wahl gestellt, sich hier zu integrieren und zu arbeiten (nicht zuletzt um Saghira für das angetane Unrecht zu entschädigen) oder sich stur zu stellen und somit einige Jahre im fast menschenleeren Gefängnis zu verbringen.

Beide entschieden sich für die bessere Lösung: sie arbeiten hier und dürfen erst nach fünf Jahren frühestens ausreisen, wenn sie das wollen, aber auch bleiben, wenn es ihnen hier gefällt. Ich habe selten solche Erleichterung gesehen. Sie hatten eine strengere Strafe erwartet...ja nun, wäre möglich gewesen - kam ja auch auf ihr inner Haltung an, und die hatte sich verändert. Geholfen hatten sie nur um zu überleben; danach aber war ihnen aufgefallen daß sie hier als Gefangene besser behandelt wurden als oben, in ihrem Dienst. Das hatte einiges bewegt...

Konsequenzen....

 Es hat seine Vorteile, wenn man britischer Bürger ist oder war. Kurz nach dem Ende des Bergwerks kam Malcolm auf eine geradezu unverschämt gute Idee “warum sollen uns die Briten nicht aus der dummen Lage helfen, die sie geschaffen haben?” fragte er und als wir nicht wußten was das heißen sollte, sagte er uns das auch nicht, er grinste nur so breit er konnte und war dann für ein paar Tage verschwunden. Als er wieder da war und dann doch erzählte was er gemeint hatte, hielten wir ihn für komplett durchgedreht...

“Also, Adarnia kennt ihr ja. Es gibt aber noch eine kleine Insel weiter westlich, Endrina, dort wohnt kein Mensch. Das hat Vorteile; da kommen keine britischen Patrouillen hin, obwohl das einmal ein Marinehafen war. Ich also nach Port Stanley, mit meinem alten britischen Paß, und kaufe diesen Hafen. Nicht daß der noch zu etwas tauglich wäre. Der liegt voll mit Schrott. Ich meine aber, diese Kristallwelt-Tüftler können sicher etwas damit anfangen. Meint ihr nicht?” Na, was wir meinten gefiel ihm gar nicht.

Er hatte jedoch richtig gelegen. Die Arbeiten nahmen zwar Monate in Anspruch, aber dann gelang es. Malcolms “Africania”-Schiffe können jetzt auch über diesen Hafen einreisen, aber nur diese tauchfähigen Schiffe können das. Sie steuern den alten Hafen schon unter Wasser an und brauchen dann nur im alten Hafenbecken zu tauchen, und schon sind sie in einem Unterwassertunnel der ‘rüber nach Adarnia führt, und in den alten Tunnel einmündet. Was den Vorteil hat, daß man den Vorgang nicht beobachten kann - für U-Boote ist der Schacht zu eng, für Taucher nicht erkennbar, denn er hat eine Art Falltür, die eine “Africania” aufdrücken kann, so wurde mir das erklärt, ich war selbst nie auf Endrina. Über Wasser ist das eine Marineschrott-Landschaft...”das ist noch nicht einmal eine Schafsinsel, das ist eine garnix-Insel” sagte Malcolm dazu “sicherer geht es nicht. Die kämen ja auch nie auf die Idee, daß ausgerechnet ein Stützpunkt ihrer Majestät, sei er auch hinüber...versteht ihr?” Den Hafen hatte die argentinische Marine gründlich “bearbeitet”, als sie das noch konnte; stattdessen hatte man nun den Hafen von Stanley ausgebaut. Die Idee war wirklich gut.

Schreibpause

Nehmen sie mir das bitte nicht übel, aber hier hat meine Erzählung eine große Lücke. Als unsere Elingaria drei Jahre alt wurde, nahm ich die Großzügigkeit meiner neuen Heimat in Anspruch und arbeitete für zwei Jahre nicht, um mich ganz wie meine Frau, auf unser Kind und die neue Umgebung zu konzentrieren. In dieser Zeit habe ich auch keine Notizen angelegt und so kann ich heute nichts zusammenhängendes aufschreiben. Die Erzählung geht dann noch ein wenig weiter, beginnend mit Elingarias fünftem Geburtstag.

Immerhin ist es mir gelungen in der schreibfreien Zeit, Alida zu überreden auch ein wenig beizutragen.  Lesen Sie bitte eine Seite von Alida, die eine alte Legende berichtet - Elévra. Meine Erzählung geht danach noch ein wenig weiter, mit

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