Heimat, wo...?

Der Gedanke hatte sich festgesetzt. Avalonia war mir etwas zu groß; ich habe eher einen regionalen Heimatbegriff, früher umfaßte der Hamburg, die Unterelbe und ein bißchen das alte Land. Ganz Deutschland war mir zu groß gewesen, und hier ging mir das auch wieder so. Atlantis, ja...faszinierend, quirlig, so alt wie jung und natürlich das Zentrum; aber wir lebten in Conartis - aber dieser erst halb lebendigen Stadt fehlte noch etwas Gesicht. Vanartis. Ja, da war etwas. Sicher, die Stadt war halb ausgestorben und ziemlich dreckig von den vielen Bauarbeiten, aber wann immer ich dort hin kam, berührte mich das innen, stärker als jeder andere Ort hier. Warum, wußte ich nicht zu sagen.

“Alida, sag mal, ist an Vanartis irgendwas besonderes, daß ich so auf die Stadt reagiere? Ich meine auch, das geht vielen so - aber es wollen nur wenige dort leben. Erzähl’ mir was darüber.” Alida legte ein Buch weg und kam zu mir. “Warum da nur wenige leben wollen - im Moment - das ist ja klar. Die südlichen Viertel sind vom Atalan begraben, die alte Küstenstraße auch und der Tunnel gerade erst fertig geworden. Der Hafen an der Feuerhalle geht auch erst allmählich wieder in Betrieb, und das Land das zu Vanartis gehörte, liegt unter dem feurigen Meer im Norden. Die Stadt ist sozusagen beraubt worden.” - “Ja klar, aber es gibt auch neuen Betrieb durch den Hafen auf Illardia...das meine ich aber gar nicht.  Irgendwie zieht mich die alte Stadt an., das läßt mich nachdenken, wo doch im Moment wenig daran ist.”  - “Das wird wieder. Ja, Vanartis...das ist die älteste noch belebte Stadt, wußtest du das nicht?” - “In Avalonia.” - “Nein, auf der ganzen Welt. Sie ist so alt wie Babylon oder Ur, aber lebendig. Etwa fünftausend Jahre alt, als Stadt. Möglicherweise an die sechstausend Jahre als Siedlung. Vielleicht spürst du das - für mich ist Vanartis eine ganz normale Stadt.” - ”Erzähl mir mehr.”

“Ja, was ist da zu erzählen. Du mußt wissen, was ich dir jetzt sage, steht in keinem Buch. Nein, falsch...es wurde nachträglich aufgeschrieben, nicht als es geschah. König Arnathor hat es eingeführt daß Geschichte aufgeschrieben wurde, also vor etwa dreitausendsechshundert Jahren.  Und Arnathor, der kam aus Vanartis. Übrigens, du wirst es kaum glauben, seine Familie gibt es noch, sie leben dort, wir könnten sie besuchen. Ja, Vanartis...wo fange ich an....kennst du die Kanarischen Inseln? Die Bahamas?” - “Wir haben mal auf Porto angelegt, weißt du noch. Die Bahamas nur als Blick aus dem Flieger. Was ist damit?”

“Dort kam unser Volk her. Es gab auch dort einmal ein Inselreich, diese Inseln sind davon übrig, und auch dieses Land versank im Meer, langsam, nicht schlagartig, es war viel Zeit sich umzusehen, neues Land zu finden, und das geschah etwa vor sechstausend Jahren - nach und nach sind die Stämme eines Landes das sich “Avarg” nannte hierher ausgewandert. Soweit wir das wissen, zuerst wurde Illardia besiedelt. Durch die fruchtbaren Täler davor kam das Volk dann in die Gegend von Vanartis, und gründete den Ort. Das sah damals ganz anders aus, mußt du wissen. Der Atalan war noch klein, die Feuerhalle größer und südlich von Vanartis eine grüne, bewaldete Hügellandschaft - da, wo heute der neue Atalan ist. Das feurige Meer im Norden der Stadt war ein schmaler Meeresarm  oder ein breiter Fluß - denk an die Elbmündung, etwa so. Ein weiterer Meeresarm kam vom Westen und endete an der Feuerhalle. Vanartis war also die ideale Hafenstadt; mit Meeresarmen nach Westen, nach Osten, nach Norden - jeder nicht breit, und bei üblem Wetter keine Gefahr für die Stadt. Dazu der überdachte Hafen, die Feuerhalle...sowas könnten wir ja heute noch nicht bauen, geschweige denn damals. Da sind dann also nach und nach alle Avarg-er hierher gekommen, bis auf wenige, die heute noch dort leben.”

“Also lag Plato doch nicht so falsch als er die Lage von Atlantis angab?” - “Doch, völlig falsch. Atlantis ist nunmal hier, und einen Ort mit diesem Namen gab es in Avarg nicht. Jedenfalls wissen wir nichts davon, und er hat ja die Stadt auch teilweise richtig beschrieben - diese hier. Mag sein er wußte daß Avarg und Avalonia zusammen gehörten, aber zu seiner Zeit war schon nicht mehr viel von Avarg übrig. Städte wie wir sie hier haben, gab es dort auch gar nicht, das war ja die Steinzeit, sprechen wir lieber von Dörfern. Eine Stadt am Meer wäre dort unmöglich gewesen, das Wasser stieg ja ständig an. Avarg war ein Land von Bergdörfern, würden wir heute sagen. Tja, und nur die Berge sind davon übrig...irgendwann hat es dem Volk wohl gereicht, immer weniger Land, immer mehr in Inseln unterteilt, weitere Wege, schlechte Böden...aber eine Auswanderung gab es nicht, das ging ganz langsam. Also, lange vor Atlantis, Mirathris und wie sie alle heißen, die Städte südlich vom Atalan, war der Norden besiedelt und die Hauptstadt war - Vanartis. Das Reich der Könige mit den zwölf Städten, das kam viel später. Plato dagegen sprach von zehn Königen. Es gab einmal elf, und später viel weniger, aber nie zehn. Was da in Vanartis regierte, würde man heute als einen Rat von Stammesfürsten bezeichnen. Von Vanartis aus wurde Mirarthris gegründet, später Conartis und dann - König Arnathor - Atlantis. Aber auch Kavothrakis, also Vanartis, das steht auch für die schlimmen Zeiten.”

“Mach mal langsam. das Volk kam also aus Avarg, und Avarg war...?” - “Eine langgezogene Insel die von der spanischen Küste bis fast nach Amerika reichte. Im Osten bergig, im Westen sandig und flach. Und im Osten ebenfalls vulkanisch. Das Wasser stieg an, und von Westen her versank immer mehr Land.” - “Dann waren also auch schon die Avarger ein Volk von Seefahrern?” - “Nicht wie das hier ist, aber es gab Schiffer. Handel in der Steinzeit, weißt du, das mußt du dir klein-klein vorstellen.” - “Aber von dort hierher, das ist ein Stück Weg, wenn man daran denkt wie klein damals die Schiffe waren.” - “Das ist sicher so,  aber du mußt nicht meinen man wäre wie heute in Avarg auf ein Schiff gegangen und direkt hierher gefahren. Unmöglich, denke ich. Die werden nach Nordafrika gegangen sein, an der Küste runter, und dann wieder auf Schiffe. Afrika war damals in einem guten Zustand, ganz anders als heute. Die haben ja auf Illardia gesiedelt, und das ist nicht der nördlichste Ort hier, aber der östlichste. Die kamen vom afrikanischen Festland, und von da aus gehen ja auch starke Winde nach Westen. Wären sie mit dem Schiff von Norden gekommen, sie wären zuerst auf Arganthia oder Rifè gestoßen. Arganthia war und blieb unbesiedelt, Rifé ist eine spätere Gründung.”

“Gut, also halb Land, halb Wasser. Dann sind Avalonier ja fast Europäer...” Alida lächelte breit “Ganz, Norman, ganz. Oder Europäer sind Avalonier...es sind nämlich nicht alle nach Süden gezogen. Spanien lag ja viel näher, und ein Stamm ging nach Osten, nach Europa. Du kennst sie, jeder kennt sie. Ihre Haupt “Stadt” auf Avarg hieß “Celtica” - die Kelten.” - “das müßten unsere Wissenschaftler erfahren.” - “Oh, sie wissen es. Sie tun sich nur schwer damit weil das Land aus dem die Kelten kamen, heute nicht mehr existiert. Aber das weißt du doch, nach nichts wird so lange und so ausgiebig gesucht wie nach  Atlantis, dem Land, das es so nicht gibt und nie gab.”  - “ja, und die Kelten stecken heute in den Europäern drin...na sieh mal an, ist zufällig auch ein Stamm nach Westen gewandert? Die Indianer?” - “Nicht daß ich wüßte. Das Land versank von Westen her - vermutlich ist man nach Osten wo Hügel und Berge waren. Aber weißt du was? Wenn dich das so interessiert, laß uns nach Vanartis fahren und die Nachkommen von Arnathor besuchen. Die kennen sich besser aus in alter Geschichte, und freuen sich bestimmt wenn dich das neugierig macht.” - Was treiben denn die Nachfahren des größten Königs heute?” - “Sie sind Baufachleute. Das sind die Baumeister die den neuen Tunnel zur Feuerhalle gebaut haben, und die Schutzmauer. Sie haben Vanartis gerettet - du wirst sie mögen, eine ganz handfeste Familie ist das. Und gleichzeitig haben sie das größte private Archiv hier, nur wenig kleiner als das im Palast.” - “Ja, gern -  gleich?” -”Besser gleich morgen früh. Das wird Zeit brauchen, wie ich dich kenne. Wenn du einmal anfängst zu fragen...” - “Und du zu erzählen...”

Arnathor’s Erben

Wir kamen wirklich früh in Vanartis an. Die vielen Baustellen füllten sich gerade erst , auf den Straßen war noch wenig los, der Hafen lag ganz leer da, denn in den gefährlichen Wassern im Norden fischt man tagsüber. Es sah aber besser aus als bei umserem letzten Besuch, sauberer und lebendiger auch. Es waren doch schon einige Familien zurück, rund um den Hafen wirkte die Stadt völlig normal - aber je weiter wir den Hang hinaufstiegen, umso mehr wurde noch rundherum gewerkelt. Alida ging vor, wir kamen an der Josefskirche vorbei und es ging noch etwas höher hinauf. Dann, an einem kleinen Platz, steuerte sie ein mächtiges, sichtlich uraltes Haus an. Durch einen Rundbogen ging es in einen kleinen Innenhof,  dort saß eine Famile noch beim Frühstück zusammen - ein romantischer Anblick, wegen der kleinen Bäume die dort standen, geschickt geschnitten ließen sie die Mitte offen und dort stand ein großer runder Tisch, um den acht Leute zusammen saßen, Männer, Frauen, Kinder und unter dem Tisch zwei dicke Katzen.

“Hallo, Alida!” ein bärtiger, kräftiger Mann sprang auf und umarmte uns. “Sag nichts, das ist Norman, ich weiß nicht wie oft uns das erzählt wurde, aber ihr laßt euch ja nicht blicken...willkommen, habt ihr Hunger?” Eigentlich nicht, aber ich kam gar nicht dazu das zu sagen. Er drückte uns auf freien Stühle und schon hatten wir volle Teller vor uns und volle Gläser in den Händen. Die Fragerei die nun losging, meist ohne den Mund zu öffnen, war enorm. Die Kinder fragten laut, und Alida antwortete auch laut. Dazwischen verdrückten wir das was uns angeboten wurde, und hörten Neuigkeiten aus Vanartis. Kinderhaus wieder in Betrieb, Schule auch.  Die Kirchen fast täglich voll, und allmählich auch etwas Verkehr im neuen Tunnel “aber die Leute sind Gewohnheitstiere. Die fahren mit Gleitern übers Meer oder am Atalan entlang, dabei ist es durch den Tunnel nur halb so weit - wer Zeit hat kann ruhig laufen, auf der alten Küstentraße wäre das nicht drin gewesen. Und der Atalan kann machen was er will, man hört es, wird aber nicht dreckig” grinste der Mann der hier wohl das große Wort führte - wenn er sprach, sagte sonst keiner etwas. Nandor hieß er, das hatte ich mitbekommen, und seine Frau Valania - der Rest der großen Familie schnatterte derart durcheinander, daß ich kaum schlau daraus wurde.

Es wurde aber schnell ruhiger, die Kinder gingen zur Schule, ein älteres Paar - wohl Großeltern - machte sich auf in die Stadt, bald saßen wir nur noch mit Valania und Nandor zusammen, und nun verstand ich auch jedes Wort.  “Und, Nandor” begann Alida “kein blauer Kittel, heute keine Arbeit?” - “ich hatte gestern abend das bestimmte Gefühl, ich sollte heute zuhause sein. Habt ihr euch den Besuch am Abend vorgenommen?” Alida nickte “Norman wollte sofort zu euch, aber das war schon spät, und wenn der einmal loslegt...” Nandor strahlte mich an “mal sehen ob du mich übertriffst, Norman. Womit kann ich denn dienen?” - “Ja, weißt du, wir sprachen von Arnathor und davon woher das Volk einmal kam. Alida sagte dann, hier wäre die Quelle für solche Informationen.” Valania seufzte “das stimmt allerdings, aber wenn er euch erschlägt mit seinem Detailwissen, dann ruft mich. Ich kann ihn bremsen, sonst wohl kaum jemand.” Sie stand auf und ging ins Haus, also in eine von etlichen Türen an diesem kreisrunden Innenhof.

Nandor freute sich, das war gut zu sehen. Er trank sein Glas aus “ja dann, Norman - stell Fragen,  ich werde antworten wenn ich kann. Was ich nicht weiß, steht in Büchern die wir haben, oder auf alten Steinen...du wirst sehen. Ihr habt also von Avarg gesprochen?” - “Ja, Avarg, die Kelten, die Besiedlung von Illardia...eigentlich ging es mir um Vanartis, weil mir die Stadt so gut gefällt, aber wir kamen immer weiter...” - “Ja, das ist kein Wunder wenn du nach Vanartis fragst, Norman. Die gute alte Stadt hier ist wie ein Buch, wenn man sie lesen kann. Die Seiten sind aus Stein und sehr dauerhaft, also was soll ich erzählen? Avarg, die Kelten, Vanartis, Arnathor? Jedes für sich ist gut für einen ganzen Tag.” Alida warf mir einen “siehst du?”-Blick zu und ich überlegte was mir wohl wichtiger wäre. “Eigentlich alles” sagte ich dann “aber du mußt uns ja nicht alles haarklein erzählen. Mach es in groben Zügen, und ich hake ein wenn ich etwas genauer wissen möchte...ja?”

“Ja, gut. Tja, Avarg...keine Bücher, keine Schrift, noch nicht einmal eine einheitliche Sprache gab es. Was vor dieser Zeit war, liegt im Dunklen, wir wissen es nicht. Das Land war riesig, in der Länge von Ost nach West, und schmal in Nord-Süd-Richtung; nicht überall besiedelt und von drei engen Meeresarmen unterbrochen. Der Osten vulkanisch, der Westen sandig und heiß, dazwischen eine waldige Hügellandschaft, und dort lebten die drei Stämme von Avarg - von einem Volk zu sprechen wäre übertrieben, sie waren uneinig und sehr verschieden. Es gab keinen König, keinen “Staat” wie wir das heute kennen und man kann annehmen daß es kaum mehr als zehntausend Menschen waren, die dort zusammen waren. Avarg war aber nicht etwa arm; das Klima war freundlich warm und die Insel bot alles was zum Leben nötig ist, nur daß sie ständig schrumpfte. Der Westen versank allmählich, in der Mitte wurden die Meeresarme breiter und tiefer, und im Osten ging der Küstenstreifen vor den Bergen verloren. Knapp genug?” Er sah Alida an, die nickte ihm freundlich zu “nur weiter, Nandor. Der Punkt an dem Norman einhakt, wird gleich kommen.”

“Ja, also, das war eigentlich nicht schlimm bis zu dem Moment an dem das Wasser in die Täler zwischen den Hügeln einbrach. Plötzlich gab es tausende von Inseln, und das Leben wurde schwieriger. Das Salzwasser verdarb gute Weiden, bei Stürmen gingen auch Dörfer unter und ohne Boote lief gar nichts mehr. Boote, weißt du, Norman. Schiffe, das ist etwas größeres. Avarg hatte nicht diese Haltung wie Avalonia, Wissen zu sammlen und schnell anzuwenden, wo immer es auch herkommt. Das waren Bauern, Jäger, Fischer und Handwerker.” - “Du sagst, sie haben nichts aufgeschrieben - und doch kannst du es genau erzählen. Wie das?”

Nandor lächelte, stand auf und als ich dachte, jetzt geht er Bücher holen, fing er an zu singen. Mit einer tiefen, kräftigen Stimme sang er, und hätte mir Alida nicht leise übersetzt, ich hätte kein Wort verstanden.

Calare verdan osmar tanarviar
volan trazur kamand tanarvia
sogran hellur ar vangardicer
batan sagran devere tanaviand
ashed devere nang katrund as.

Calare sund ekomd elevend
venar calared eromans tenur
senadar elvendar ekandared ned
a sangar tellur drefans henarad.

 

Wir wachten auf und sahen nur Wasser
können aber nicht vom Wasser leben
der heulende Wind verspottete uns
ich treibe eure Boote übers Wasser
bis ihr da draußen ertrinkt.

Also fragten wir Gott
wohin sollen wir gehen
doch Gott gab keine Antwort
und ein Stern glühte auf im tiefen Süden.

 

Er brach ab und setzte sich wieder, für einen Moment schwiegen wir, es war als hätten die Vögel, die Bäume, der Wind die Luft angehalten und kamen jetzt langsam wieder zu sich...”das Lied hat über hundert Strophen, Norman. Diese hier war wohl die Wichtigste, was eure Fragen angeht - würde ich sie alle singen, meine gute Valania würde mir etwas an den Kopf werfen. Ich weiß nicht ob ihr es bemerkt habt, diese Stadt, das Land hier, alles um uns herum kennt das Lied und alles fällt in Trance, wenn man es singt. Es wurde früher oft gesungen, heute seltener - Avarg ist vergessen und versunken. Es heißt “die Melodie des Ursprungs” und wurde nur durch Singen überliefert, aber es ist alles drin, bis zur Ankunft der Stämme hier.”

“Aber das war nicht avalonisch. War das avargisch, oder wie die Sprache hieß?” - “Avargisch, das gab es nicht. Es gab keltisch, menardisch und sinardisch; dieses war menardisch. Die Menaren waren die ersten die hier ankamen, die Sinarden kamen später.” - “Und die zwei Völker sind dann hier zusammengewachsen?” Er lächelte “sie wollten es nicht, die Menaren haben auf Illardia gesiedelt, die  Sinarden hier in Vanartis; aber die Zeit hat es anders eingerichtet. Eines Tages brannten die riesigen Wälder auf Illardia, und die Menaren mußten hier Zuflucht suchen und brauchten später Hilfe, ihr  Land wieder aufzubauen. Inzwischen gab es dann so viele sindar-menarische Kinder, es ließ sich keine Trennung mehr durchsetzen - und Hilfe in der Not schafft Freunde. Die Völker sind langsam verschmolzen und haben dann gemeinsam auch den Süden Avalonias besiedelt. Auch, weil man dort nicht so nah an den Vulkanen leben muß - es ist einfach mehr Platz dort.”

Alida schubste mich. “Siehst du, Norman. Schon damals, Erotik macht Geschichte, denk’ immer daran.”  - “Als wenn ich nicht längst kapiert hätte daß es hier besser läuft als oben. Aber das eben war fast eine historische Fundierung von “ make love, not war ” - und das ist ein Spruch von oben.”  Nandor amüsierte sich ohne daß wir ihm unsere vergangenen Reibungspunkte erklären mußten. Man sah ihm an daß er es verstand. Er stand auf “kommt mal mit, ihr zwei”.

Könige werfen lange Schatten

Er ging vor, trat durch eine enge Pforte in einen dunklen Gang ein und öffnete einige Meter weiter eine schwere, knarrende Tür die reich geschnitzt und mit fein ziselierten Melaneisenbändern verziert war. Dahinter war ein seltsamer Raum. So groß wie ein Wohnzimmer in luxuriösen Villen, aber viel höher  verengte er sich in drei Metern Höhe zu einem umlaufenden Fensterfries der das Licht beider Atalane auf die Wände fallen ließ, nicht auf den Boden, nicht auf die zwölf Sitznischen in den Wänden. Keine Möbel lenkten von den Wänden, der Decke, dem Boden ab.

Der Boden war ein Mosaik und zeigte die Landkarte von Avalonia, vor dem Unglück. Die Wände waren komplett mit Reliefs überzogen, keine Farbe, nur äußerst fein gearbeitete Zeichen die ich nicht verstand. Die Decke war ein einziges großes Gemälde; an den Rändern eher ornamentisch, fügten sich die Symbole zur Mitte hin zu einer weißen, leuchtenden Wolke zusammen. Ich ohnehin, aber auch Alida - wir erstarrten in Ehrfurcht. Nandor mußte uns nicht erklären was für ein Raum das war, es war als könnten wir die Könige hier sitzen sehen. Beratend, streitend, beschließend...ganz auf das Land konzentriert, durch nichts abgelenkt...ja, es war still wie in einem tiefen Keller. Alida hatte diesen Raum offenbar auch nicht gekannt...”Nandor, sind das Mauern oder ist das Fels?” - “Es ist purer Fels, Alida. Kein Gebäude in ganz Avalonia ist so aufwändig wie dieses. Man hat einen kleinen Hügel so ausgehöhlt und zurecht gemeißelt, daß ein Haus entstanden ist in dem es keine einzige Mauerfuge gibt. Unser heutiges Haus ist jünger, es wurde später drum herum gebaut, als es den neuen Palast in Atlantis schon gab.” - “Dann ist dieser Raum also so alt wie Vanartis?” - “Nicht ganz, auch Vanartis begann als Dorf. Man hat dann wohl überlegt wie man Häuser bauen kann die den Erdstößen des Atalan widerstehen, und kam zuerst auf diese Technik. Später kam dann die Bauweise mit großen Blöcken, die wir bis heute anwenden.  Von den ersten festen Häusern von Vanartis steht nur noch dieses, wohl weil es einmal so wichtig war, da hat man dann nichts daran ändern wollen. Man sieht es von außen auch gar nicht, unseres und andere Häuser haben es sozusagen umschlossen - wir pflegen die alte Halle und können nichts mit ihr anfangen, als sie manchmal Besuchern zu zeigen.”

Er setzte sich in eine der Nischen und bedeutete uns, auch Platz zu nehmen. “So, hier haben die Beratungen stattgefunden, hier hat Arnathor die Gründung einer gemeinsamen Hauptstadt durchgesetzt, Atlantis, südlich am Atalan - genau in der Mitte des Landes. Hier wurde die Gründung von Kavothrakis beschlossen und die Kolonisierung, und in Atlantis wurde sie später wieder beendet. Vanartis hat alles gesehen, die Anfänge, die schlimmen Zeiten, das Unglück und den Neuaufbau - derzeit wird es einmal mehr erneuert, wer weiß zum wievielten Mal.”  - “wenn du das nicht weißt” lächelte Alida “aber dieser Raum ist fantastisch. So einfach, und doch ein großartiges Kunstwerk.” Nandor zeigte auf die Wände “hast du gesehen was das ist, Alida?” - “Alt-Avalonisch, warum? Moment...sowas...das Gesetzbuch??” - “Ganz genau. Vor Arnathor wurde nichts aufgeschrieben, nur hier in die Wände gemeißelt, und nur das Wichtigste. Das konnten aber nur die Könige lesen. Schrift gab es längst, ich weiß nicht ob dir das bekannt ist, Alida - die haben die Händler erfunden. Und doch mußte erst einer kommen dem die ganze Tradition völlig egal war, um wirklich etwas damit anzufangen, nicht nur Preistafeln auf Körben mit Fisch oder Gemüse.”

Nun kam ich zum Zuge. “Arnathor also, Nandor?” - “Ja, Arnathor. Ein unbedeutender Baumeister aus Vanartis.” - Wie kam das?” - “Sozusagen nebenher. Arnathor war jung, hatte noch keine Familie und sein Haus - da wo heute unseres steht - hatte einen Nachteil. Die Vanardia - heute nicht mehr zu sehen, ein kleiner, warmer Fluß - lief genau an seinem Haus vorbei, und damit war das Haus warm, aber auch der Keller. Damit fing alles an, weil sich Arnathor ärgerte daß seine Vorräte so schnell verdarben. Da hat er sich dann über die üblichen Ängste hinweg gesetzt und eine Mauer aufgebrochen, eine Mauer zwischen seinem Keller und einer Höhle dahinter. Die Höhle war kühl - und sein Problem gelöst. Von bösen Geistern nahm er nie etwas wahr, und die Erde verschluckte ihn auch nicht, und der junge Arnathor hatte etwas gelernt, nämlich, daß man nie einer Tradition folgen sollte die sich nicht belegen läßt. Das war seine erste Tat, und die Nachbarn taten es ihm bald nach, denn Höhlen gibt es in diesen Hängen überall.  Die meisten sind kühl, und etliche haben auch klare Quellen darin, das beste Wasser das man finden kann - und schön sind sie auch, wenn man sich nicht unnötigerweise fürchtet.”

“Das wußte ich nicht.” Alida lachte leise “ein warmer Keller macht den großen König...verrückt, nicht?” - “Verrückt wie das Leben überhaupt” meinte Nandor “aber der Keller war es ja nicht. Da hat er nur gelernt nicht so furchtsam zu sein, was ihn groß gemacht hat, kam später. Er hatte dann nämlich auch keine Angst vor dem Höllenloch....Alida, weißt du was so hieß?” - “Die Feuerhalle, nehme ich an.” - “Ja, die Feuerhalle - aber damals war sie “das Höllenloch” denn sie raucht ja ständig aus der großen Öffnung, und die Spalten drinnen...ihr wißt es. Man nutzte sie fast gar nicht, nur bei Sturm brachte man Schiffe hinein um sie später schnell wieder heraus zu holen, oder auch bei großen Ausbrüchen des Atalan. Kein Mensch war jemals zu Fuß hinein gegangen, das wagte man nicht. Nun, Anathor tat es. Er war schlicht neugierig was für ein Loch das wäre, und ging hinein. Als er heraus kam, hatte er einige braune Brocken in den Taschen, die sahen aus wie das Eisenerz daß wir damals für teures Geld den Kelten oder Phöniziern abkauften - er hatte sie in einer Nebenhöhle gefunden, brachte sie zum Schmied von Vanartis und hatte einen glücklichen Mann vor sich. Es war nämlich wirklich Eisenerz, und nun konnte man es einfach aus den Gängen und Nebenhöhlen der Feuerhalle brechen und verhütten, hier in Vanartis, und mußte nicht mehr teuer dafür bezahlen. Bald fuhren also schwere Schiffe in die Halle und Männer brachen das Erz im Schein großer Fackeln - nun konnten wir Erz verkaufen, und Eisen - gut für das Land, und gut für Arnathor. Er wurde bekannt.”

“So wurde er also König?” - “Nein, nein...so schnell nicht. Er wurde so etwas wie der Zunftführer der Handwerke von Vanartis. Seine Kollegen hörten ihm mit Ehrfurcht zu, aber außerhalb des Handwerks kannte ihn noch fast niemand. Er gründete die ersten Bergwerke hier, bei der Feuerhalle, es gibt sie heute noch . Die brachten dann Vanartis großen Wohlstand, denn bald wurde auch Kupfer gefunden, Zink,  und Blei. Vanartis, ohnehin Hafenstadt, blühte auf und nun herrschte reges Leben im Hafen der Feuerhalle, denn der kleine Fischereihafen hier war schnell zu klein. Vanartis produzierte Eisen, Bronze, Bleirohre - und es gab nicht genug davon um all die Handelsschiffe zu bedienen, die dann hier anlegten.” - “Laß mich mal raten. Arnathor suchte nach weiteren Erzlagerstätten?” - “Fast, Norman. Fast. Es gab Erz genug, aber zuwenig Männer die sich in den Berg zu gehen wagten. Und da half Arnathor erneut der Zufall .” - “Die Mélanaden?” - “Genau die. Er kannte sie schon, denn wenn er mit Fackeln durch die Feuerhalle ging, leuchteten sie auf. Aber auch Arnathor war kein Wunderkind, es dauerte bis er auf die Idee kam das näher zu untersuchen. Die Bergleute hielten das rosa Funkeln für eine Geistererscheinung und waren froh daß es das nicht in den Bergwerksstollen gab. Arnathor - erneut - glaubte das nicht, brach sich einen Stein ab und nahm ihn mit ins helle Sonnenlicht. Da sah er aber ganz unscheinbar aus, etwas trüb, nicht sehr hell - Arnathor vergaß ihn, legte ihn daheim ab und kümmerte sich um andere Dinge; aber als die Sonne sank war es hell im Zimmer. Das Licht blieb fast bis zum Morgen, und nun mußte er nur noch herausfinden daß man den Stein in der Sonne wieder “auffrischen” kann, und er hatte die Beleuchtung für die Halle und die Bergwerke, die nicht rußt und nicht bei Wind verlöscht.” 

Alida nickte. “Den Rest kenne ich wohl. Man sah nachts Licht in seinen Fenstern...” ja, und bald waren viele Fenster in Vanartis nachts nicht dunkel, und auch einige Straßen, die Hafeneinfahrt...und dann sahen es die Könige als sie hierher kamen um zu beraten.” - “Es wurde hell in einigen Palästen.” - “Zuerst in diesem Raum. Warum, meint ihr, leuchtet eine gemalte Wolke?” Wir sahen nach oben. Ja, da waren sie - ganz kleine Steine, und sehr viele davon. “Ja, und so kam Arnathor zum ersten Mal in diese Halle - er baute die Steine ein und mußte viele Fragen der hohen Herrschaften beantworten. Einige ließen sich dann solche Steine geben und nahmen sie mit. Damit war er mit den Königen bekannt, und sie sprachen öfter mit ihm, dem “Herrn der Berge” wie man ihn jetzt nannte, denn seine Bergwerke brachten ja auch Wohlstand in die Paläste. Er wurde hier - und dorthin geholt um Erze zu finden und Ratschläge zu geben, wie man ein Bergwerk anlegt. Aber Arnathor wollte alles Andere als König werden -  er suchte sich eine Frau, gründete eine Familie und blieb was er war, ein Baumeister, wenn auch ein einflußreicher. Es war wohl Gottes Wille mit seiner Hilfe Avalonia zu einen und auf einen Fortschrittskurs zu bringen, dem wir bis heute folgen.”

“Und wie das, Nandor?” - “Über die Bergwerke kam das. Arnathor baute sie aus und fand schließlich einen Lavatunnel der bis zur Südseite des Atalan reichte. Er kam da ans Licht wo heute Atlantis ist, ein flacher Hügel, genannt “Vengoran” von dem aus man einen sagenhaften Ausblick auf eine große Bucht hat, und freien Blick - damals - bis zu den heutigen Malvinas, außerdem gab es klare Quellen an vielen Stellen. Ein idealer Platz für eine Siedlung, fand Arnathor, und für was war er Baumeister? Er ging ans Werk, und viele Arbeiter der Bergwerke mit ihm, denn Vanartis platzte aus allen Nähten, der Hafen war zu klein...es war nur so, dieses Gebiet gehörte zu keinem der kleinen Königreiche. Es war schlicht unbesiedelt, und es gab viel Platz bis zur nächsten Stadt, Sonartis. Da standen dann also einige Häuser, und man arbeitete an einem kleinen Hafen als der König von Mirarthris auf dem Weg nach Vanartis dort vorbei kam. Phelandor, der König, wunderte sich daß es hier eine neue Siedlung gab. Er verlangte den zu sprechen der das angeordnet hatte und bekam einen einfachen Handwerker zu sprechen...”

“Das wußte ich wieder nicht” sagte Alida erstaunt “ich dachte, Arnathor hätte die Könige überzeugt eine neue Hauptstadt zu gründen?” - “Hat er ja auch, aber so wie das ein Handwerker macht. Er konnte ja nicht vor dem Rat sprechen. Er sagte einfach zu Phelandor, ob der sich einen besseren Platz für eine neue Stadt vorstellen könne. Nein, sagte der und amüsierte sich über den einfachen Mann. Und das hat Arnathor wörtlich aufgeschrieben “Also bist du jetzt der König von...ja wie nennen wir den Fleck...Atalan-tis? Wir wünschen dir den Segen des Himmels, König Arnathor.” Arnathor hat noch notiert daß er total erschrocken war und Ärger befürchtete, aber Phelandor zog lachend weiter und berichetet seinen Kollegen, nun gäbe es einen neuen König der statt eines Zepters einen Hammer in der Hand hätte. Sie ließen ihn gewähren, kannten ihn ja, trauten ihm aber nicht zu eine ganze Stadt hinzustellen. Aber Arnathor schaffte das, und wurde dann in den Rat bestellt. Was er mit der neuen Stadt denn im Sinn hätte, wurde er gefragt. Und, einfach wie er dachte, sagte er, das wäre die Mitte von Avalonia und es gäbe viel mehr Platz dort als in Vanartis, da könnten viele der Könige leichter hinkommen  - ob es denn nicht klug wäre, dort einen neuen Palast zu bauen und das Land von dort aus zu regieren?  Er kam aus der Versammlung und war als König bestätigt, und daß er seinen Hammer nicht aus der Hand legte, war seinen neuen Kollegen sehr recht. Nun bekam Atalantis also viele neue Bürger, und wuchs schnell. Es zeigte sich bald daß die neue Stadt günstig lag, vor allem der Hafen wurde gleich mehrmals vergrößert und neue Straßen angelegt - nach wenigen Jahren war es die größte Stadt hier, und als der neue Palast fertig wurde kam es so wie Arnathor es gedacht hatte, die Könige trafen sich dort. Das gab ihm großen Einfluß, so bescheiden er auch war, aber auch seine Art sich über Traditionen hinweg zu setzen trug dazu bei. So gab es viele Neuerungen - er war der erste König der an manchen Tagen auch Leute empfing die keine Krone trugen, und wen er nicht sprechen konnte, der konnte sich an die Schreiber wenden - wie heute noch, und die notieren alles. Arnathor ließ alles aufschreiben was geschah und sorgte dafür daß Angelegenheiten die dem Palast zugetragen wurden, auch schnell geregelt wurden. Damit hat er sozusagen den modernen Staat gegründet, und wenn sich Rathurnida heute als Vermittler sieht, steht sie auf seinen breiten Schultern.”

Etwas machte mich stutzig. “dann gab es also dreizehn Könige?” - “Ach...nein, leider. Zu Arnathors Zeiten war ein Königreich zusammengebrochen, Tenar, ganz im Süden, heute die Malvinas. Erst eine Hungersnot, dann Abwanderung nach Norden - König Halardor dankte ab, hatte keinen Nachfolger und das Land fiel an Lingartis - gibt es nicht mehr, heute steht dort die Kristallwelt, Lelianth wurde dann von einer ebenfalls neu gegründeten Stadt aus regiert.” - “Und dann hat er auch noch das ‘Licht der Alten’ entdeckt.” - “Viel später. Er war schon lange König, blieb aber auch immer Baumeister und Bergmann -  als Zagornia besiedelt wurde, ließ es sich der alte Arnathor nicht nehmen, dort persönlich nach Erzen zu suchen. Na, er fand keine, dafür aber dieses eigenartige Gebilde.  Und wieder zeigte sich daß er einfach eine Nase hatte die gut riechen konnte, er fand schnell heraus wie das Ding funktioniert. Bis heute suchen unsere Wissenschaftler nach einer Erklärung dafür, das war ihm ganz egal, er fand es praktisch, und das ist es ja auch.”

Nandor saß da und schwieg, und es reichte auch vollkommen. Arnathor war eine Legende für mich gewesen, nun war er ein Mensch geworden den ich mir vorstellen konnte. Ich sah Nandor an und er hätte es glatt sein können, ein kräftiger, großer Mann mit klaren Gesichtszügen und einer deutlichen Sprache.. .”sag mal, ist Arnathor nicht angeeckt bei seinen Kollegen, mit seiner Handwerkersprache, seinem schnellen Zupacken...?” Nandor lachte. “Wäre er vielleicht, wenn er dem Land nicht so großen Nutzen gebracht hätte. Aber so...er konnte sich alles erlauben, wirklich. Ich sage dir nur ein Beispiel, den Rest kannst du dir denken. Da hat der König von Conartis einen Diener beschimpft, als dreckigen Lumpen sogar. Da ist Arnathor aufgestanden, hat sich einen wirklichen Lumpen geben lassen, ihn König Garadian in die Hand gedrückt “das ist ein Lumpen, Garadian. Siehst du so schlecht? Und versuch ruhig mal, hier den Boden zu wischen - dann kannst du vielleicht etwas Achtung vor Arbeit bekommen.” Auch das hat er wörtlich notiert, und auch, daß Garadian nichts darauf erwidert hat. So war Arnathor, und nicht zuletzt deshalb hat das Volk ihn so verehrt.”

“Der würde heute gar nicht auffallen” lächelte Alida “aber damals? Das war ja ein Halbgott...” Nandor wehrte ab “Nein, nein, Alida. Ich habe vom Baumeister Arnathor gesprochen, und vom König. Der private Arnathor...weißt du, zehn Kinder, davon sechs mit seiner Frau.” - “ist doch hier kein Thema?” warf  ich etwas zu schnell ein “Damals schon, Norman. Er war nun mal in jeder Hinsicht immer schnell bei der Sache. Aber weil das Land genau das brauchte, hat man ihm das nachgesehen.” Er wollte sicher noch mehr erzählen, aber da wurde er unterbrochen. “erschlag’ sie nicht mit deinen Geschichten” sagte Valania die ganz still eingetreten war und auch schon länger zugehört hatte “und beweg’ dich ruhig einmal. Zeig ihnen dein Vanartis, oder soll ich das machen?” - “Mach du” sagte er “ich sollte jetzt wenigstens kurz auf der Baustelle sein.” er sah mich an “wir bauen eine Brücke nach Illardia. Und ich werde nervös wenn ich nicht täglich dabei bin. Geht mit Valania, ihr werdet staunen - auch wenn sie etwas wortkarg ist.”

Vanartis, wie Alida es nicht kannte

Nandor ging schnell, Valania war ruhiger, wartete ab bis wir uns noch einmal gründlich im Raum umgesehen hatte “ich nehme an, Hafen, Marktplatz, Kirchen - das kennt ihr schon?” Wir nickten “na, dann steigen wir mal noch ein wenig höher. Gehen wir?” Sie ging vor, zurück in den runden Hof, durch den Torbogen, eine enge Gasse hinauf. “Aufwärts, Valania? Ist da nicht alles verschüttet?” - “Nicht mehr, Alida. Wir haben uns mächtig angestrengt, das wegzuschaffen. Aber nachdem Nandor davon erzählt hat, wollt ihr doch sicher das ganz alte Vanartis sehen?” - “Was denn, hier oben? Nicht am Hafen?” - “Nein, schön weit über dem Meer. Die, die damals herkamen, hatten von Wasser die Nase voll. Avarg, du weißt doch.  Immer höher kam das Wasser...und hier wollten sie ganz sicher gehen. Das was du als Altstadt kennst, ist der Teil der das Unglück überstanden hat, das alte Zentrum. Hier oben, das ist sozusagen das sinardische Dorf, was davon übrig ist, also nicht die ersten Häuser die ja aus Holz waren. Die heutige Stadt entstand um die Königshalle herum, also später nach etwa tausend Jahren, als es Könige gab. Da war dieser Teil schon alt...seht ihr? Oder sieht das aus wie in Atlantis?”

Viel sahen wir nicht. Die massiven Häuser blieben unter uns zurück, es gab einen freien Streifen, darüber eine Mauer. Die sah nicht wie gewohnt aus, aus kleinen Steinen bucklig gemauert, unten breiter als oben, ein bißchen wie Mittelalter in Europa. Was mir aber richtig gefiel war, daß Alida schon seit Stunden ständig überrascht wurde, nicht im Bild war oder nur halb, nachfragen mußte und oft Dinge hörte, die ihr nicht oder nicht so bekannt waren. So auch hier; als wir durch eine schmale Pforte durch die Mauer den alten Teil von Vanartis betraten, staunte sie so wie sonst ich meistens, während ich ein Gefühl hatte wie in einer Kleinstadt am Rhein oder in Frankreich. Diese Häuser waren niedrig, bucklig und eng beisammen, die Straßen schmal und krumm, und die Gärten nicht auf den Dächern - vor den Häusern, und ebenfalls sehr klein. Mit einem Gleiter hier durch zu fegen, wäre ziemlich gefährlich. Aber, dieses Dorf in der Stadt war äußerst lebendig. Ganze Horden kleiner Kinder jagten durch die Gassen, vor vielen Häusern saßen Leute die irgendetwas taten, von Näharbeiten bis zu Schnitzerei sah ich so einiges, dessen Ergebnisse mir bekannt waren, aber hier wurde es gemacht. Langsam begriff ich daß diese krummen Gassen kreisrund um einen Platz liefen, der wohl das Zentrum war. Valania sagte fast nichts, deutete nur hier - und dorthin, wir wurden freundlich begrüßt, angelächelt - aber niemand kannte Alida.

Dann bog Valania ab und steuerte den Platz an. Da ging sie direkt auf die Mitte zu, wo eine Reihe Bänke im Kreis aufgestellt und gut besetzt waren, aber auch hier hatten viele kleine Arbeiten dabei, die sie erledigten während viel geschwatzt wurde. Valania setzte sich, grüßte einige die ihr zulächelten und meinte dann, so hätten wir wohl noch keinen Ort in Avalonia vorgefunden. Schon legten viele ihre Arbeiten weg...

Unglaublich. Im Nu waren wir in etliche Gespräche verwickelt, die “Dörfler” gaben sich Mühe uns zu erklären wie es in alt -Vanartis so läuft, wovon sie leben,  was ihnen Mühe macht...gefragt wurden wir gar nichts, noch nicht einmal wo wir herkämen. Valania erklärte uns dann, die Mauer um das Dorf sei eine wirkliche Grenze, zwischen Stadt und Dorf. Dann wurde sie aber unterbrochen. “Valania, Vorsicht” sagte ein alter Mann dem man sein Alter wirklich ansah “das kann mißverstanden werden. Vanartis ist wie eine Familie, und die Mauer stört kein bißchen - wenn es uns verschüttet kommen die Städter von unten, helfen uns - wenn es Stadt oder Hafen erwischt, gehen wir runter und helfen dort. Da unten lebt man glanzvoll, hier dörflich, aber wir verstehen uns gut. Es ziehen Leute von uns runter an den Hafen, oder Städter hier herauf - jeder wie er mag, und alle zusammen für die ganze Stadt. Es ist nur so, wir hier oben sind altmodisch, oder leben altmodisch, so wie es ganz früher war - äußerlich. Wir haben auch warme Häuser weil wir heiße Quellen nutzen, fahren mit Gleitern und arbeiten mit allen modernen Techniken; aber wohnen tun wir wie unsere Vorfahren. Was für die gut war, paßt uns auch, und die Stadt als Ganzes unterstützt uns dabei, so bleibt ihre Geschichte sichtbar. Ihr sitzt hier auf dem Platz der vor sechstausend Jahren das erste Stadtzentrum war. Das sollte man nicht modernisieren, oder was meint ihr?” - Was denn, dieses Pflaster, diese Bänke..?” Er lachte. “der eine oder andere Stein ist sicher einmal erneuert worden, und die Bäume auch. Aber genau so war er, er ist niemals umgebaut worden. In meinem Haus ist unten im Keller ein Grundstein, der trägt noch den Namen Avarg. Den haben sie von dort mitgebracht...so ist das in vielen Häusern. Grüner Sandstein ist das, den gibt es hier nirgendwo. Wir haben etwas zu bewahren, solange der Atalan es zuläßt. Na, mit der neuen Mauer ist es besser geworden. Die Alte hat er neulich beinahe umgedrückt, mit seinen Lavamassen. Jetzt steht sie wieder frei, und dabei hat ganz Vanartis mitgearbeitet.”

“Und viele von überall” sagte Valania dazu und erntete beifälliges Kopfnicken rundherum. “Ja, es hat gebrummt von Leuten” sagte der Alte “und die meisten haben sich gründlich umgesehen. Kaum jemand kennt uns hier oben.” - “Und ihr? Kennt ihr den Rest des Landes?” - “Aber ja doch. Manchmal wohnen wir ja zeitweise in einer Stadt, wenn es gefährlich wird. Und viele arbeiten unten oder in Atlantis...nein, wir sind wie alle hier, nur eben altmodisch.” Mehr sagte er nicht, es gab genug Leute die noch etwas sagen wollten und munter durcheinader schwatzten. Naja, und als dann Flaschen herumgereicht wurden war das nicht Cualarin, sondern kräftiger Rotwein. Gut für’s Sitzfleisch und die Lust am Reden...Wir saßen da bis die Lichter auf dem Atalan ausgingen und die Stimmung sich änderte. Gedämpftes Licht aus kleinen Fenstern und von kleinen Leuchtern in den Gassen, der Platz füllte sich immer mehr - zum ersten und einzigen Mal hatten wir hier in Avalonia einen richtigen Schwips. Dann wurden Instrumente geholt, Musik gemacht und getanzt, wir waren gern dabei und bekamen später noch so ein Haus von innen gezeigt, inklusive Grundstein im Keller.

Valania sagte kaum etwas, auch nicht spät, als wir langsam zurück bummelten. Das war auch nicht nötig, daß wir eben keltische Lebensart erlebt hatten, war uns klar - mir mehr als Alida, ich kenne Frankreich. Als wir wieder bei ihrem Haus ankamen sagte sie nur, da oben würde sich Nandor auch wohler fühlen als irgendwo sonst. “das sind die Wurzeln, wißt ihr? Und die sind herrlich lebendig.” Alida war ganz still...

verzaubert

So still bummelten wir in Richtung Hafen, wo wir den Gleiter gelassen hatten. Aber einzusteigen und heim zu fahren, darum ging es eigentlich nicht. “Weißt du was, Alida? ich hätte Lust auf ein Lokal wie das Faß, gibt es so etwas auch hier?” - “In jedem Hafen, natürlich. Die ‘Galeere’, gleich bei den Fischerstegen. Aber noch mehr Wein, das wäre zuviel.” - “Es ist nicht der Wein, Alida. Es ist die Stimmung...ich mag nicht heim fahren, noch nicht. Ein wenig Zeit hier verbummeln, bevor alles wieder seinen gewohnten Gang geht.” - Einverstanden, aber dann gehen wir ein wenig bis ich wieder einen klaren Kopf habe.” Bucht von Vanartis bei Nacht

Wir waren schon an den Kirchen vorbei, und so still die Stadt jetzt war, hörten wir das Donnern großer Wellen. Durch einen Torbogen kamen wir zu einer Terasse an der Ostseite der Stadt, hoch über dem Meer. Ein sagenhafter Anblick, irgendwo da draußen mußte es gestürmt haben, hier unter uns liefen große Wellen an die Küste und krachten gegen die Lavafelsen, bei völliger Windstille. Nur das Wasser war zu hören, als wären wir irgendwo an einer leeren Küste. Vanartis schien zu schlafen, tief und fest.

Es gab auch einen Fußweg von dort hinunter zum Hafen, nach Norden, immer unter den östlichsten Häusern der Stadt, und der endete genau am Fischereihafen. Das Donnern der Wellen war dort noch zu hören, aber entfernt, und hier gab es auch andere Geräusche. Es war nicht nur die “Galeere” die noch regen Betrieb hatte, rund um den Hafenplatz waren drei Lokale, alle hatten offene, baumbestandene Gärten - eines, wie bei Davorian , roch schon von weitem nach Fisch; ein kleineres eher wie eine Bäckerei, und das kleinste von ihnen war die “Galeere”, die Alkoholdunst verströmte. Kein Mensch hätte uns in dieses überfüllte kleine Haus gebracht, aber der Garten war wirklich schön. Kastanien überschatteten dort die Tische, und auf jedem dieser Tische stand - nein, kein Mélanade - eine Kerze. Es war so windstill daß sie kaum flackerten, und es saßen nur wenige Leute draußen. Drinnen war es umso voller - wir setzten uns an den Rand des Gartens, mit Blick zum Meer. Es kam auch kein alter Seebär wie Polardor, sondern eine junge Frau. Und nun war es Alida, die Wein orderte noch bevor ich etwas sagen konnte.

Die junge Frau brachte eine Karaffe und Gläser, sah Alida an “Alida...Mercuria? Bist du das?” - “Alida Weinstein, schon etwas länger” sagte Alida schmunzelnd “warum, ist das wichtig?” - “Sieh mich doch einmal genau an.” - “Wieso...was denn...Sabine Feuermann? Dich hat es hierher verschlagen? Na, das ist ja...hol dir ein Glas, trink mit uns.” Ich kramte in meinem Gedächtnis und ahnte, Köln, lange nicht gesehen, eine Freundin von Alida aus traurigen Zeiten. So war es auch, Sabine war die eine von drei Freundinnen die Alida hier besucht hatten, und sie war “hängen geblieben” wie Alida das erzählt hatte. Auch sie hatte ihren Namen geändert, nannte sich Sangara - Arnaband. Als Alida das hörte, faßte sie sich an den Kopf. “Hörst du das, Norman. Arnaband...Arnathors Familie , die wir heute besucht haben. Wen von den Dickköpfen hast du denn abbekommen?” - “Aldor, wen sonst. Nandor ist ja versorgt und Dangardor zu jung. Wir wohnen aber nicht im alten Haus, wir bauen auf der neuen Landzunge. Na, und du bist auch nicht mehr solo...hey, Norman...und wo seid ihr daheim? Sag jetzt nicht, auch hier.” - “Nein, in Conartis.  Meistens, manchmal aber auch noch in Hamburg.” - Was, Hamburg? Und da fahrt ihr noch hin? Ich habe Köln nie wiedergesehen, du weißt ja wie ich hier sofort begeistert war, Alida.” - “Ja, aber du verrücktes Huhn bist doch nach Therarthris? Hast du dort den Aldor kennen gelernt?” - “Nein, genau hier. Dieser Angstschisser, der Tivedor, dem dieser Laden gehört, ist vor drei Jahren bei dem großen Ausbruch abgehauen -  er ist bis heute in Atlantis, und Aldor hat den Laden am Laufen gehalten. Macht er abends immer noch...naja, und ich war so leichtsinnig Rathurnida zu erzählen daß ich mich langweilte. Den Rest kannst du dir denken, sie hat mir gesagt, hilf in der “Galeere” aus, der Aldor schafft das nicht alleine. Ich habe ja schon in Köln manchmal gekellnert...so kam das. Er ist drin, soll ich ihn holen?” - “Komm’ erst mal her.” Sie küßten sich lange, dann bekam auch ich eine Ladung Zärtlichkeit ab, und Sangara ging, Aldor holen.

“Da siehst du wie Vanartis ist, Norman” sagte Alida strahlend “Aldor ist...ich glaube er ist es noch...Bürgermeister. Und macht hier den Kneipier, wenn er abends etwas Zeit hat. Dann baut er noch ein Haus, und wer weiß was er sonst noch macht - da kommt er, soll er es selbst erzählen.”  Sangara kam mit einem Mann zurück der Nandor so ähnlich sah, ich hätte sie nicht unterscheiden können. Große Begrüßung, natürlich kannte er Alida, und bei mir tat er so als wären auch wir alte Kumpels. Schon saß er bei uns am Tisch, und Alida war neugierig. “Ihr macht aber auch wirklich alles hier, Aldor. Dein Bruder baut, du verwaltest und was ihr noch so nebenher treibt, will ich gar nicht wissen. Und auch noch die “Galeere” - sag mal, schlafen tust du nicht, was?” Aldor feixte. “Seit Sangara bei mir ist, kaum noch. Aber du mußt ja ganz still sein, Alida. Tust dich mit Norman zusammen, läßt dich nicht blicken und jetzt, seit Jahren zum ersten Mal, tauchst du hier auf  - bist ja wohl auch überall und nirgends.” - “Ja, wir sind ein wenig viel gereist. Ist dir klar daß du eine gute alte Freundin von mir zu deiner Frau gemacht hast?”  Er hatte wohl nichts davon gewußt, aber ein Blick zwischen den beiden und das war klar. “da haben wir uns also beide ‘was deutsches geangelt” lächelte er “da könnten wir ja auch einmal zusammen reisen, was? Aber...kann ich etwas für euch tun?”

“Ja, mag sein. Dein Bruder hat uns viel aus der Geschichte erzählt, Valania hat uns das Dorf gezeigt. Ich lerne mein Land neu kennen...hast du auch noch etwas auf Lager?” Sangara lächelte breit und ging wieder in den Schankraum. Aldor nickte, nahm sein Glas, erhob es “kann sein. Aber erst einmal, auf  dieses wahnsinnige und großartige Land...Norman, stimmst du mir zu?” - “Voll und ganz. Prost, Aldor.” Wir tranken, er setzte das Glas geräuschvoll ab und zeigte über das Meer nach Nordwesten. “Weißt du was dort liegt, Alida?” - “Na...das feurige Meer, dahinter Rifé - außer kleinen Inseln doch nichts, oder?” Aldor lachte. “Du hast dich mehr im Süden herumgetrieben. Kleine Inseln... die meisten schon, aber sagt dir der Name “Delios” etwas?”  Alida legte den Kopf schief “Na, eine der kleinen Inseln, aber ich war nie dort.” Er nickte “die größte von ihnen. Klein ist etwas frech, du würdest zwei Tage brauchen, von ihrer Südspitze zum Nordkap, wenn du strammt gehst und nicht schläfst. Nie davon gehört?” - “Nur von den Inseln allgemein - warum, ist Delios etwas Besonderes ?” - “Das möchte ich meinen.” - “Erzähl.”

Aldor schüttelte den Kopf “erzählen wäre zuwenig. Fahren wir doch ‘rüber.”  Alida erschrak einen Moment, ich wußte warum - aber das verging schnell. “ist das denn ungefährlich?” - “Mit dem Gleiter ja. Mit einem Boot ...nachts besser nicht. Ihr habt doch einen Gleiter dabei? Hier sind immer noch zu wenige.” - “Drüben, am Hafen.” - “na, dann...laßt euch überraschen.” Schon stand er auf, wir gingen zum Hafen. Aldor nahm das Steuergestell...huiii, gegen seinen Fahrstil war Malcolm ein Waisenknabe. Der Wind, den wir nicht spürten, heulte um uns herum als Aldor schnell hochzog und über die Feuerfontänen des unruhigen Meers hinwegzog - nach wenigen Minuten war das Wasser unter uns tiefblau und ruhig. Vor uns tauchte ein massiver Schatten auf, mehrere waldige Berge von erstaunlicher Höhe. “Das ist Delios” sagte Aldor “na, Alida? Kleine Insel?” - “Unglaublich” staunte sie “ich war oft auf dem Atalan - warum habe ich eine so große Insel übersehen?” - “hast du nicht” lächelte Aldor “du hast sie nur unterschätzt. Wir sind ganz schön weit weg vom Atalan.  Naja, er ist schon höher, wenn auch nicht viel.  Aber darum geht es nicht...ihr werdet es gleich sehen.” - “Wir werden nichts sehen” wandte ich ein “man sollte tagsüber herkommen.”

Aldor zog den Gleiter am Hang des höchsten Berges hoch “Geduld, Geduld” sagte er schmunzelnd. Oben angekommen, ging es sofort wieder herunter, in eine nachtschwarze Tiefe, in der ich ab und zu ein Funkeln sah, als wären wir über dem Meer. Aldor zog wieder etwas hoch, dann knirschte Kies unter dem Kiel des Gleiters. Mit einem Ruck kamen wir zum stehen - und sahen rein gar nichts. “Bleibt sitzen, Moment” sagte Aldor und stieg aus “und seht nicht nach oben.” Ich hörte ein metallisches Klirren, dann war plötzlich eine derart blendende Helligkeit um uns, wir schützten die Augen mit den Händen. Aldor kam zurück und drückte uns dunkle Brillen in die Hände “Ich hab’ nur eben den Leuchter abgedeckt” sagte er gleichmütig “gewöhnt euch dran, seht nicht hoch, aber seht euch um.” Es dauerte einen Moment bis meine Augen das mitmachten. Dann holte ich tief Luft - ich hätte gern etwas gesagt, aber was?

Wir waren auf dem Gipfel eines steilen, kleinen Berges. Der lag inmitten eines kreisrunden Kratersees von so außerordentlicher Schönheit, auch Alida ließ nur nur ein “oooohhh” hören. Weit entfernt ragten die hohen Kraterwände auf, fast senkrecht und farbig; von grellem gelb bis tiefrot auf der Ostseite, bis zu blendendem weiß im Westen. Der See so still wie eine dunkle Glasscheibe, der Hügel auf dem wir standen, schwarz. “Der Deliokan” sagte Aldor ruhig  “und sage keiner, der Atalan wäre hier der größte Vulkan - er ist nur der höchste. Dieser Krater ist gut fünf Kilometer im Durchmesser.” - “Gewaltig” stammelte ich - mehr fiel mir nicht ein. “der...ist ...doch...erloschen?” fragte Alida ganz und gar fasziniert und Aldor nickte. “Schon lange. Also, nicht ganz tot - der See ist wunderbar warm, aber das ist auch alles was man vom Feuer der Erde noch spürt. Keine Erdbeben, kein Gegrummel, und schon gar kein Feuer. Aber es ist nicht nur die Natur...seht genau hin!”

Ich brauchte einen Moment bis ich sah was er meinte. Zuerst dachte ich, es wären Höhlen, die da ringsum, dicht über dem Wasserspiegel, im Kraterrand lagen. Dann, als meine Augen nicht mehr tränten, holte ich tief Luft. “Wohnhöhlen???” fragte ich verblüfft und Aldor nahm das Steuergestell “was für ein Wort. Sehen wir uns deine “Höhlen” doch mal an.” langsam zog er, dicht über dem Wasser, zu den steilen Felswänden hinüber. Die waren unten, bis etwa zwanzig Meter hinauf, perfekt geglättet worden. Am Wasser lief eine Plattform entlang, wie in der Feuerhalle, kaum einen halben Meter über dem Wasserspiegel, und gut zwanzig Meter breit. In der Felswand dann Türen, Fenster, Säulen, Friese...die meisten offen, aber einige auch mit schönen Mélaneisenfenstern und Türen darin,  und das rund herum, im ganzen riesigen Rund des Kraters, eine kreisrunde, unbewohnte Stadt. “Venedig auf avalonisch” sagte Aldor “wir geben uns Mühe sie langsam instand zu setzen, aber solange der Rat es nicht erlaubt sie zu besiedeln, ist es nicht leicht.” - “Warte mal” sagte nun Alida “ist das Deliartis? Dieser Name sagt mir was, aber ich dachte, sie wäre ganz zerstört?”  - “Ja, Deliartis. Das war der Name, vor ewigen Zeiten. Aber zerstört war die Stadt nicht, nur vergammelt und komplett zugewachsen. Wir haben den Wald gerodet, sauber gemacht und die schönsten Häuser wieder mit Türen, Fenstern und Treppen ausgestattet - aber nun müßte der Rat beschließen, daß Delios bewohnt werden darf. Schließlich ist die Insel ohne jede Gefahr, und sehr schön. Nur etwas abgelegen; und übers Wasser zu fahren ist so eine Sache - also, auf dem Meer, der See ist harmlos. Sehen wir uns so ein Haus einmal an?”

Wir nickten still, er setzte auf dem Plateau auf. Wenige Schritte, und er hielt die Hand vor eine der schön verzierten Türen, sie schwang lautlos auf.  Drinnen fehlten uns weiterhin die Worte, denn das “Haus” war von innen unserem sehr ähnlich. Ein Brunnen plätscherte in der Eingangshalle,  eine breite Treppe führte ins Obergeschoß, die Wände waren bemalt und des Gefühl war alles Andere als das in einer Höhle. Warm, nicht feucht,  und so geräumig wie jedes gemauerte Haus. Alida ging an den Wänden entlang und besah sich die Bilder, ich ging hinauf und sah oben aus den großen Fenstern, faszinierend...der schwarze Kegel in der Mitte des Sees, mit dem funkelnden Leuchter obenauf, das glänzen des dunklen Wassers, das weite Rund mit den vielen, unterschiedlich gestalteten Fassaden, die bizarren Kraterwände darüber...ein perfektes, windgeschütztes Paradies. Und dazu, eine Luft die nach Nadelwald duftete und nach Blumen, die ich nicht sah. Nur an einigen Stellen des Felskranzes sah ich die Sihouette mächtiger Bäume....ich stand sicher eine Viertelstunde nur da und staunte.

Ich kam herunter, fand Alida und Aldor zärtlich schmusend zusammen...ganz okay, ich war längst daran gewöhnt...aber ich?  “Aldor, das ist nicht fair. Du hättest Sangara mitnehmen sollen.” Er grinste “ich hatte nichts vor. Alida ist ganz verzaubert von diesem Ort...und ich jetzt von ihr. Aber Sangara ist schon lange hier, kein Problem, Geduld, Geduld...” Er lachte, Alida lachte mit, hatte sich aber wohl allmählich wieder auf die Erde begeben. “Also, das ist doch... .morgen gehe ich zu Rathurnida. Wie kann man diesen märchenhaften Ort nur sperren, das ist doch Schwachsinn. Aldor, weißt du warum?” - “Ich weiß warum es einmal so war. Damals, als es noch keine Gleiter gab. Da war es einfach zu gefährlich, hierher zu kommen, weil das Meer so unruhig ist. Aber das ist doch eine Ewigkeit her, und heute - größere Schiffe können ja auch auf dem Nordmeer fahren, und das ist erlaubt. Ja, Alida, geh zu ihr - hoffentlich hört sie auf dich. Am besten, du schleppst sie her. Die ganze Insel ist mit Wald bedeckt, ein Urwald seit Jahrtausenden. Den gäbe es nicht, wenn auch nur ein winziger Krater noch am Leben wäre. Man hätte ja auch nie hier eine solche Stadt gebaut.”

Uns war nicht mehr nach reden zumute. Wir spazierten noch über das Uferplateau, ließen die Füße ins Wasser hängen und genossen die warme Luft, dann stiegen wir wieder in den Gleiter. Nochmal zum Kegel in der Mitte, Aldor schloß den Leuchter und die ganze Pracht versank wieder in der Nacht ... es ging zurück, langsamer als auf dem Hinweg. Wie ein großer Wal lag Delios still hinter uns, bis der Dunst des Meeres es verschluckte. In der “Galeere” brannte noch Licht, aber die Kneipe und ganz Vanartis lag still. Es war schon früher Morgen. Aldor sprach einige leise Worte mit Sangara, die nickte und kam zu mir, nahm mich mit in ein Zimmer außerhalb des Schankraums. ”hat es euch also gepackt, Aldor’s Hobby?” - “Aber sehr. Alida noch mehr als mich, da konnte ich nur noch zusehen.” - “Er hat es mir gerade gesagt. Schon fast ungewöhnlich, daß er in Delios nicht ans renovieren dachte. Komm her.” Na, also - ich bekam auch meine Schmuseeinheiten und bemerkte dabei, daß ich mich inzwischen schon ärgerte, wenn das nicht so war. Sie fing den Gedanken schnell auf  “Wie lange hast du gebraucht um dich daran zu gewöhnen?” fragte sie dann “bei mir hat’s ganz schön gedauert.” - “zwei Jahre so etwa.” - “Doch so schnell? Nicht mehr eifersüchtig?” - “Ach was. War ich nie...aber anfangs dachte ich, hier denken alle nur an eines.” - “haha...ich auch. Damals in Deutschland wäre das ja auch so gewesen, das bringt man erstmal mit hierher. Na, mit der Zeit lernt man, was angenehmer ist, was?” - “Aber hallo. Wird nur kompliziert wenn man manchmal dort ist - wir haben das ein paar Mal erlebt, inzwischen sind wir lieber hier.” - “Wie schön....mal sehen was die zwei treiben.”

Wir fanden Alida und Aldor bei einem intensiven Gespräch am Tresen. Er wischte dabei alles blank, sie trank grünen Saft, stellte ihr Glas ab und umarmte Sangara für einen langen, sanften Kuß...Sangara warf mir dann einen erstaunten Blick zu. “Ihr habt uns unglaublich beschenkt” sagte Alida dann ganz abwesend “ich habe heute mein Land neu kennen gelernt. Bitte besucht uns in Conartis, ja?” Sangara strahlte. Aldor nickte “nur zu gern. Ich habe Conartis noch nie gesehen - dann gebt ihr uns eine Tour, ja?” - “das auch” sagte Sangara, und beide Frauen kicherten.

Wir mußten uns losreißen. Noch eine Stunde, und ich hätte Aldor gefragt ob er uns ein Haus auf Delios geben könnte....

Warum, zum Teufel....

Die Sache ließ Alida keine Ruhe. Wir waren schon tagelang zurück, und sie kam ständig auf Deliartis zurück “da geben wir uns wer weiß was für Mühe, Conartis wiederzubeleben, und da gibt es eine Stadt, wo man einfach einziehen könnte. Das ist doch gar nicht Rathurnidas Art, Verbote auszusprechen, ich verstehe das nicht.” Diesen Satz hörte ich so oder ähnlich fast jeden Tag, und ich konnte nichts darauf sagen, sah es ja ebenso. Aber Rathurnida war auf Rifé, ich bekam sie nicht zu sehen wenn ich tagsüber im Palast meine Arbeit machte und die Schreiber wußten nicht mehr als wir. Ich ließ sie eine Notiz aufnehmen, daß ich unbedingt mit ihr über Delios reden wollte, und das nicht um darüber etwa ein Info zu schreiben. Aber ich mußte warten, die Königin ließ sich Zeit im tropischen Rifé - verständlich, aber eben deshalb, der Kratersee im Deliokan war eher wärmer als der Atlantik bei der kleinen Insel.

Sie kam nicht zu uns runter als sie zurück war, ich dachte schon sie mag nicht darauf angesprochen werden - da klopfte sie abends bei uns daheim ans Fenster. Allein, ohne Begleitung war sie gekommen und hatte ein altes Buch unter dem Arm. Nach Umarmung und Nachrichten vom oberen Atlantik kam sie dann aufs Thema. “Ich kann mir denken was ihr wollt. Ihr wart bei den Arnabands, höre ich. Die liegen mir schon lange damit in den Ohren - ihr müßt wissen, an mir liegt es nicht. Der Rat ist uneins was Delios angeht, schon lange, und da kann ich ja nicht einfach...aber ich habe nachgelesen, weil mir alle im Rat sagten, es gäbe ein striktes Verbot von Hagarthor, einem König vor über achthundert Jahren. Und das stimmt so nicht ...lest es selbst.” Sie schlug die alte Schwarte auf, zeigte auf einen Absatz und der las sich gar nicht so übel.

“Man lasse Delios wie es ist, unberührt und ungenutzt, denn wo sonst zeigt sich die Natur wie sie war bevor wir sie umgestaltet haben. Wir haben genügend Häuser die keiner bewohnt, dort mache man Anstrengungen, und nicht auf der fernen Insel. Ich trage Sorge was geschehen könnte, wenn sich dieser gewaltige Vulkan auch nur ein wenig rührt und bitte alle, das zu verstehen.”

Rathurnida lächelte freundlich als wir das Buch zurück gaben “ein wirkliches Hindernis ist das nicht - wenn die Arnabands recht haben und der Deliokan nicht nur schläft. Ich habe in der Kristallwelt Auftrag gegeben, das zu untersuchen - aber sagt mir eines, übertreibt Aldor nicht in seiner Begeisterung? Ich war nie dort, ist diese Stadt nicht völlig hinüber? Sie wurde damals jedenfalls verlassen, vollständig - sonst gäbe es heute keine Frage. Nach dem Unglück sind alle Bewohne ausgezogen. Das muß doch einen Grund gehabt haben.” Alida schüttelte den Kopf “besser im Zustand als Conartis, als es trocken fiel. Und diese Schönheit, dieser See...ein Märchen von einem Ort. Aldor sagte, es lag nicht an der Stadt. Es waren die Häfen - der Westhafen völlig zerstört, der Osthafen überflutet. Nun, der Osthafen - wir haben ihn nicht besucht, aber Aldor sagt, er ist trocken und intakt - ist ja wieder benutzbar seit man den Leuchter aufgestellt hat. Und der Westhafen ist ja nutzlos, wohin sollte man von dort aus fahren, da wir ja unter dem Meer sind.” - “Du meinst die Seehäfen? Deshalb...ich weiß daß es unendliches Leid auf Delios gab, durch die Welle. Also der Westhafen....seltsam daß ich nichts davon weiß. Und die Stadt ist unbeschädigt? Wirklich ?” - “Naja, gut erhalten, und du mußt unbedingt hin und dir das ansehen. Was Aldor und seine Leute da geleistet haben, ist unglaublich. Etliche Häuser sind so gut hergerichtet, man könnte sofort einziehen.”

Rathurnida seufzte. “Ich will dir das gern glauben, Alida. Aber ich müßte wohl den ganzen Rat hinschleppen...aber hört mal, ganz so einfach ist das nicht. Man kann wohl nur von Vanartis aus dort hin?” - “Mit dem Gleiter ist das doch egal.” - “Ja, aber nicht jeder kann mit Gleitern fahren. Manche bekommen Angst in der Luft...also, eine Fähre müßte es schon geben. Und so weit ich weiß, ist die Stadt außer per Gleiter völlig unzugänglich. Ich weiß zuwenig über Deliartis, wie kommt man denn hin, wenn man im Osthafen ankommt? Über diesen hohen Berg, diesen steilen Kraterrand, da geht doch wohl keine Straße?” Das wußten wir nicht. Aber es mußte ja etwas geben, oder gegeben haben, als die Häfen in Betrieb waren. Das reichte der Königin aber nicht “also, hört mal auf zu schimpfen und meine Leute verrückt zu machen. Ich lasse das untersuchen, und wenn die Stadt so ein Juwel ist,  verspreche ich euch, wird sie wiederbelebt. Aber Norman...bitte noch nichts im Infocenter. Ich möchte nicht unter Druck geraten, es kann dauern bis der Rat nachgibt und sich die Sache ansieht. Dann hätte ich euch gern dabei, und die Arnabands auch - ich sage Bescheid.”

Viel Zeit hatte sie nicht , noch ein wenig plaudern und sie brach auf. Alida war halb zufrieden, immerhin “da bleibe ich dran. Bei der nächsten Einführung mache ich Dampf in der Kristallwelt. Ist doch Unfug, die Stadt hat sicher tausende Jahre auf dem Buckel, und da hat sich der Vulkan nicht gerührt. Überflüssig. ..” Manchmal dachte und reagierte Alida wie ich, wenn ich einen Politiker interviewt hatte, stellte ich fest.... Es dauerte zwei Wochen, dann kam Celinda in die Redaktion  und strahlte “Norman, und ihr alle...morgen ist Ortstermin auf Delios. Ihr sollt alle kommen, und berichten ist jetzt freigegeben. Nur bitte nicht heute den Termin ankündigen, der Rat möchte sich in Ruhe umsehen können - alles klar?” Anstatt einer Antwort bekam sie einen langen, zärtlichen Kuß - ich war froh Alida diese Nachricht bringen zu können.

Morgens am Kai von Vanartis. Die Arnabands waren komplett angetreten, über zwanzig Leute zwischen drei und hundertzehn Jahren. Am Kai schaukelte die kleine Fähre die normalerweise nach Illardia fuhr. Rathurnida und der Rat verspäteten sich kräftig, aber sie kamen und waren ganz gut gelaunt. Rathurnida begrüßte die alte Familie und sagte dann grinsend zu Aldor, er solle sich um den alten Bernador besonders kümmern “der sieht schon die ganze Stadt im Vulkanfeuer verbrennen. Gib dir Mühe, Aldor!” Aldor fing sofort ein Gespräch mit Bernador an, und das ging so bis wir im Osthafen von Delios anlegten, nach einer unruhigen Überfahrt bei der Aldor mehrmals den lästigen Fontänen aus Feuer, Wasser und Gesteinsbrocken ausweichen mußte. Bernador fühlte sich bestätigt “ohne Verdeck hätten wir alle schon Brandlöcher in den Umhängen. Woher weißt du nur, wo so ein Ding hochgehen wird?” - “Man hört es” sagte Aldor nur, erklärte das aber nicht.

Auch im Tageslicht wirkte Delios gewaltig, als wir den Hafen ansteuerten. Nicht groß war er, aber bltzsauber und gut geschützt in einer tiefen Bucht, aber ungewöhnlich. Keine Wohnhäuser....nur Hallen, breite Kais und gleich dahinter der Urwald, der jetzt am Tage gar nicht still war. Vogelschwärme darüber, Tiergeräusche von überall - und wieder Bernador “da hört ihr es. Lebendig wie der Garten Eden. Wie wäre das, wenn die Insel bewohnt wäre?” - “Genauso” sagte Aldor “mit den steilen Außenhängen kann man nichts anfangen als Wald da haben. Das Flachland im Westen ist ja noch überflutet, und am Naturschutz möchten wir auch nichts ändern. Es geht nur um die Stadt, den See. Der Rest der Insel ist mit oder ohne Verbot schlicht unzugänglich.” - “Und wie kommen wir in die Stadt? Ich klettere nicht da rauf, in meinem Alter.” Aldor lächelte nur...

Sangara kam zu uns “es ist kaum zu glauben, aber die Stadt liegt kaum höher als das Meer. Der Krater ist unglaublich tief...ihr werdet staunen, ich freue mich auf Bernadors Gesicht - gleich.” Zuerst machte Aldor die Fähre fest, half den alten Herrschaften beim aussteigen  und ging dann vor, direkt auf das hintere Ende des Hafengeländes zu, wo der Wald begann. Dort stand ein kleines Haus, es hätte gut eine Bar sein können, sah aber eher nach Verfall aus - und genau dort öffnete er eine Tür und bat uns alle herein. Innen war gar kein Verfall, dafür halb restaurierte Gemälde, Farbeimer, Leitern...und etwas das ich gut kannte, eine glatte Felswand mit zwei kleinen Löchern darin. Und, wie auf Adarnia, als Aldor dort Mélanaden hineinsteckte, öffnete sich eine Tür. “Sicherheitstüren??” Rathurnida staunte. “Warum hier, Aldor? habt ihr die eingebaut?” - “nein, die sind alt. Du weißt wirklich zuwenig, Rathurnida. Deliartis war so etwas wie der Vorgänger von Kavothrakis, man könnte sagen, eine Fluchtburg. Du weißt doch was “Delios” bedeutet?” - “Natürlich. “Das Verborgene” - ach so...ich verstehe..die Stadt ist von nirgendwo zu sehen...” - “Genau. Ich leihe dir später ein paar Bücher, ja?” Rathurnida nickte und staunte, wie alle, auch wir. Vor uns lag ein hell erleuchteter Tunnel, geräumig und mit deutlichen Spuren von Karrenrädern im Boden. “So, Bernador - nicht klettern, aber laufen mußt du schon. Karren haben wir noch nicht hergebracht.” 

Es war ein Stück zu gehen, und genug Zeit für viele Fragen -  der Rat bedrängte Aldor regelrecht während wir gingen. Wir hielten uns an die ebenfalls mit offenem Mund staunende Königin, die eher still geworden war. Der ganze Tunnel war ausgemalt, noch nicht restauriert und verblaßt, aber noch gut zu erkennen. Szenen aus einem Leben das keiner von uns je erlebt hatte. “Was haben denn die Kristallweltler herausgefunden, über den Deliokan?” - “Was? Ach, Alida...er ist harmlos. Die Wärme kommt aus einem großen Süßwasserreservoir das einmal wohl die Magmakammer war; aus enormer Tiefe. Gutes Wasser, fast schon ein Heilwasser, jedenfalls sehr gesund, voller Mineralien. Der Vulkanismus hat sich nach Osten verlagert, ins Meer, wir haben es je erlebt, und ist ja auch eher minimal - du, überhaupt, es fühlt sich hier ja an wie im geheizten Wohnzimmer....wenn die Stadt so ist,  habt ihr schon gewonnen.” - “Sie ist besser” sagte Alida nur - beide schwiegen und sahen sich um, wie  alle. Auch Bernador war ganz still geworden. Aber das war nichts gegen den Moment als Aldor erneut eine Tür öffnete, frische Waldluft hereinströmte und der See vor uns lag, mit dem schwarzen Kegel in der Mitte und dem Funkeln des Leuchters darüber...

“Oh...” das kam aus vielen Mündern, und dann nichts mehr. Aldor zeigte auf den Plattenboden und setzte sich hin, nach und nach folgten alle. Es verging wohl eine Viertelstunde mit staunen und umsehen, während über uns Möven und Reiher herumflogen - dann ging es los. Bald hatten die Arnabands genug zu tun, öffneten Türen, zeigten Häuser, erklärten, erklärten...die Gruppe verlief sich in Besichtigungen, übrig blieben Rathurnida, Holger, Susanne, Alida und ich. “Willst du nichts besichtigen, Rathurnida?” - “Danke, Norman, nein. Ich sehe genug und kann es nicht fassen. Ich dachte, unser Atlantis wäre die schönste Stadt der Welt - aber das hier...ein See als zentraler Platz...genial...stell dir nur vor, vor jedem Haus ein Boot, und badende Kinder...du, ist der See wirklich so warm?” - “Probier’ es doch aus.” Sie nickte, ging zur Uferkante, probierte mit dem Fuß - und ließ ihren Umhang fallen, mit einem lauten Platsch war sie drin. Wir sahen uns kurz an und folgten ihr. Während der Rat seinen Wissensdurst stillte, tobten wir im warmen Wasser herum - was heißt hier Kinder, wir können das auch....

Alida zeigte erstaunliche Fähigkeiten, tauchte minutenlang und brachte Muscheln hoch “seht euch das mal an, unter uns - eine Märchenwelt. Also, den Naturschutz dürft ihr nicht lockern, Rathurnida.” Die steckte nur kurz den Kopf ins Wasser und nickte dann still, ganz erschlagen von der Schönheit um uns herum, wie wir in der Nacht, als Aldor den Leuchter abgedeckt hatte. Dann reagierte sie wie Alida in dieser Nacht, umarmte und küßte mich, und das war nicht nur die Freude. “zeig mir so ein Haus, Norman” sagte sie leise “ich komme ja glatt in Versuchung, hierher umzuziehen.” Das ließ sich mühelos steigern. Wir sahen uns nicht nur ein Haus an, und von Besichtigung zu Besichtigung wuchs ihre Begeisterung, was mir etliche sagenhafte Küsse einbrachte “ich hätte auf die Arnabands hören sollen. Mensch, waren wir dämlich.. Natürlich wird Delios freigegeben, und wenn ich den Rat glatt an die Wand reden muß.”

Die Arnabands schleppten den Rat ums halbe Rund, Alida hatte sich mit Susanne ebenfalls still verdrückt und Holger der Tour angeschlossen. Wir sahen aus einem Fenster als Rathurinda plötzlich sehr nachdenklich wurde  “Weißt du Norman” sagte sie im Flüsterton  “manchmal möchte ich nicht mehr Königin sein, einfach nur Frau. Ich dachte nur immer, wer kommt nach mir? Jetzt, denke ich, weiß ich es - an wen denke ich wohl?” - “An Aldor etwa?” Sie nickte. “Ich habe ja keinen Einfluß darauf. Aber nach dieser Tour wird der Rat wohl sehr nachdenklich sein...und das freut mich. Ich möchte noch ein paar Jahre einfach nur leben. Und weißt du was? Genau hier. Einen schöneren Ort gibt es ja gar nicht.” - “Und dein Mann?” sie lächelte fein “der ist eher noch romantischer als ich. Ich werde bald zurücktreten...und ich freu mich darauf. Ach, komm her...laß mich spüren daß es noch nicht soweit ist, daß noch ein paar Jahre kommen....”

Ich weiß nicht warum sie so dachte, sie war so schön und leidenschaftlich wie eine ganz junge Frau und diese Stunde mit ihr wirklich unvergeßlich. Wir verließen das stille Haus erst als wir draußen viele Stimmen hörten, der Rat war zurück und heftig am diskutieren. Rathurnida ärgerte sich als Bernador immer noch Einwände brachte “also wirklich Bernador, nun hör’ aber auf. Wenn dich das nicht überzeugt was hier um uns ist, bist du zu alt für den Rat. Sag’ einmal von ganzem Herzen ja, ich bitte dich.” - “Ja, aber...” - “Nix aber! jetzt reicht’s mir.”  Mit einer langen Armbewegung schubste sie ihn ins Wasser...Bernador prustete, lachte, schwamm, warf seinen Umhang ans Ufer “also wirklich Rathi, ein Benehmen...” - Wie ist das Wasser?” - “...herrlich...” - “na also. Schluß mit der Debatte, wir sagen ja. Soll ich noch jemanden reinwerfen?”

Das war unnötig, nach langer Besichtigung und vielen Argumenten endete die Ratsitzung im warmen Wasser des Kratersees, und wir blieben lange drin. Dabei ging die Beratung zwar weiter, aber jetzt ging es um Details. Eine Fähre, Hafenausbau, und schließlich ein großes Fest zu Einweihung. Aldor sagte nichts mehr, sein Gesicht leuchtete....wenn der wüßte was er sich eingehandelt hat, dachte ich. Aber ich sagte ihm kein Wort und war ganz einverstanden mit Rathurnida was ihn betraf, aber ihr Rücktritt gefiel mir nicht. Eine solche Königin kann man sich doch nur wünschen...und doch auch verstehen daß sie nach langer Regentschaft das einfache Leben zurück haben wollte...viele Gedanken, und das ging wohl allen so, auf der Rückfahrt war es eher still auf der Fähre.

Zurück zur Gegenwart

Es ging dann ziemlich schnell. Wir hatten eine Menge zu berichten, als Handwerker die stille Stadt renovierten und Gelehrte dort Wandbilder und Inschriften studierten, eine neue Fähre gebaut wurde und schließlich die ersten Bewohner einzogen. Dann das große Fest als die Arbeiten beendet waren und sich alle die dort wohnen wollten, einfach ein Haus aussuchen konnten. Wir hatten ja vermutet daß Deliartis sich nur langsam beleben würde, weil es so abgelegen ist und schließlich kein Mangel an Häusern ist;  aber da lagen wir falsch. Eher wurde es in den großen Innenstädten von Atlantis und Mirarthris ruhiger, weil Familien ihre Stadthäuser dort aufgaben und umzogen.

Das lag nicht zuletzt an Bernador, dem das unerwartete Bad im See überraschend gut getan hatte. Er, mit seinen hundertfünfzehn Jahren etwas geplagt von schmerzenden Gelenken, war nämlich ohne Schmerzen und erstaunlich beweglich aus dem Wasser gekommen, war total verblüfft davon und ging dann öfter dort schwimmen, was er schon lange nicht mehr getan hatte. Und so wie er vor diesem Bad laut seine Bedenken vor sich hergetragen hatte, war er nun nicht zu halten, die Vorzüge der verborgenen Stadt zu preisen, was seine Wirkung nicht verfehlte. Aber Deliartis ist groß an Fläche und Schönheit, nicht groß an Einwohnerzahl - die Stadt ist heute vollständig bewohnt, von knapp zehntausend Leuten, mehr geht nicht weil man ja nur an den Kraterinnenwänden Licht bekommt und der Rat streng blieb was den Naturschutz angeht. Maximal zwanzig Meter hoch können die Häuser vergrößert werden, wo der unbearbeitete Fels beginnt, ist Schluß. Das ungewöhnliche Stadtbild darf sich nicht verändern,  und außerhalb des Kraters darf schon gar nichts gebaut werden. Einem Abbau der Erze, die die leuchtenden Farben der Felswände ausmachen, wurde ebenfalls nicht zugestimmt. Und so wurde wahr was Aldor gesagt hatte, nichts veränderte sich in der Natur der Insel. Und auch Rathurnidas Vision von vielen Booten und spielenden Kindern wurde Wirklichkeit, “Venedig auf avalonisch” ist ein wirkliches Juwel.

Darüber hatten wir die Arnabands fast vergessen. Aber sie kamen uns besuchen, Sangara und Aldor, wie versprochen, nur erheblich verspätet weil sie so viel zu tun hatten. Und nun waren wir die Fremdenführer die das wiederbelebte Conartis vorführten und hier und dort wirklich stolz darauf waren, was schon erreicht war - besonders weil es den beiden ausnehmend gut gefiel. Wieder zurück, verschwand Alida mit Sangara sofort nach oben, und das kam nicht nur von Sangara. Ich saß also mit Aldor am Brunnen, und verplapperte mich fast sofort.

“Was hat Rathurnida gesagt? Aber nein...sie ist die beste Königin die man sich vorstellen kann, und ich bin Bürgermeister - das möchte ich auch bleiben. Du mußt dich verhört haben.” - “Bestimmt nicht, aber es war dumm es auszuplaudern. Das kann ja nicht sie bestimmen, erst der Rat, dann das Volk - nimm es einfach als ihre private Meinung.” - “Aber eine ziemlich wichtige Meinung. Hör mal, was qualifiziert denn mich zum König? Ich bin zu jung, mehr als beschäftigt und Vater von drei Kindern - das reicht doch wohl.” - “Und zu bescheiden. Du hast etwas gezeigt was die Leute an deinen berühmten Vorfahr erinnert. Wie Arnathor hast du dich nicht um allgemein übliche Meinungen geschert, und diese Meinungen umgestoßen, mit großem Erfolg - ich würde mich wundern wenn es anders käme.” - “Mein Gott, Arnathor...heute sind andere Zeiten. Frechheit und Unbekümmertheit sind ja wohl kaum genug, und überhaupt, wenn schon, dann Nandor. Der hat doch viel mehr Ahnung von allem und jedem, und ebenfalls Großes geleistet.” - “Ja - aber sie sprach nun mal von dir. Aber vergiß es, ich hätte den Mund halten sollen.” Aldor stand auf, sah aus den Fenstern auf den Abendbetrieb am Hafen “Ich würde das vermissen, weißt du. Den Trubel, die Leute die wegen Kleinigkeiten  kommen - wer würde schon einen König bitten, ihm ein neues Fenster zu machen? Mal ehrlich, Norman. Würdest du für mich stimmen?” -”Ja.”- “Einfach ja? Du kennst mich kaum. Manchmal fluche ich wie ein Rohrspatz, dann wieder verbringe ich Tage allein auf dem Meer...oder ich bastele an altem Gemäuer herum. Ha, ein König mit schwieligen Händen...unmöglich.” - “Wie Arnathor.” - “Ach, laß den doch aus dem Spiel. Seine Schuhe sind zu groß für mich.” - “Tja, dann kannst du im Falle eines Wahlvorschlags nur eine anti -Wahlrede halten. Auch du hast keinen Einfluß darauf, ganz wie Rathurnida.” - “Ich weiß, und das gefällt mir nicht. Sie ist derart beliebt...wenn sie mich vorschlägt, bin ich gewählt. Und dann stehe ich da wo ich zittere, weil ich Angst habe zu versagen.” - “Ach komm, du und Angst? Wovor denn? So wie du die Dinge angehst,  was soll denn schiefgehen? Du wirst viele Konferenzen halten müssen, jetzt, wo die Tür zur oberen Welt halb offen ist. Und das kannst du - wer eine Kneipe voll Leute im Griff halten kann...”

Aldor lachte. “Du bist da erfahrener als ich. Du kennst diese Politiktypen. Ich wäre en schlechtes Aushängeschild für die älteste Kultur der Welt.” - “nein, im Gegenteil. Ein handfestes. Aber laß den Rat und das Volk entscheiden - wenn irgendwer das weiß, dann doch eure Familie. Das Volk hat ein Gespür für den Richtigen, oder gab es hier jemals schlechte Könige?” - “Oh ja, aber das ist lange her.” - “Na siehst du. Und wenn dir Arnathor zu groß ist, denke an Vanghedor.” Er sah mich verwundert an “du weißt von Vanghedor? Wie lange bist du hier?” - “Über fünf Jahre?” - “Sowas...aber du hast recht, der gefällt mir besser als Vorbild.” (Vanghedor: siehe “Elevra”)

Die Frauen kamen zurück, wir ließen das Thema fallen. Sangara, sehr aufgekratzt, machte wenig Umwege als sie einen Vorschlag machte, der selbst Alida erstaunte. “Wie wäre es mit einer etwas ungewöhnlichen Nacht? Liebster...du mit Alida, ich mit Norman? Ich bin so in Stimmung, jetzt heim und am Ende noch in die “Galeere”, nein, heute nicht. “ dann sah sie unsere erstaunten Gesichter “oh, ich vergaß...war das zu frech? Ich bin auch für andere Vorschläge zu haben, nur nicht ein Abend wie jeder Andere.” - “Frag’ Norman” sagte Alida grinsend “so weit sind wir bisher noch nie gegangen. In Hamburg ist das unanständig.” - “Ja, weiß ich ja...aber ich fange an, Deutschland zu vergessen. Norman?” - “Du...nicht weil es in Deutschland nicht üblich ist, das ist längst vorbei. Nette Idee, aber wenn es nach mir geht, machen wir das nicht.” - “Alida? - “Ich auch nicht. Mag sein, weil wir schon etwas älter sind...aber warum zurück in die Kneipe? Gefällt es euch hier denn nicht?” - “Oh doch...mach einen Vorschlag.” - “’Rüber nach Zagornia? Auch hier gibt es eine interessante Insel .” - “Ach, ich weiß...das berühmte Licht. Ja, gern! Ist ja ein Gegenbesuch...zeigt es uns.”

Wir fuhren also zu der kleinen Insel und wunderten uns daß wir so spät noch warten mußten, bis wir in den kleinen Tempel gehen konnten - es war noch viel los. Einer nach dem Anderen...Aldor zuletzt. Alida und ich kannten den “hellsehenden Baum” ja schon, Sangara war sehr beeindruckt, aber Aldor...ganz still kam er heraus, winkte ab als ihn seine Frau fragte was er denn gesehen hätte und fand erst wieder Worte als wir längst wieder bei uns zusammen saßen. “Sangara” sagte er dann ganz ernst “unser Leben wird sich sehr verändern. Die werden mich zum König machen, stell dir das nur vor. Mir ist das gar nicht recht, aber es wird wohl so kommen.  Bist du dabei?” - “Wie meinst du denn das?” - “Ich mach’ das auf keinen Fall allein. Du und ich zusammen, ja. Allein trau’ ich mir das nicht zu. aber mit dir zusammen - was sagst Du?” - “Daß ich mir das auch nicht zutraue...”  - “Siehst du. Packen wir das gemeinsam an?” - “Wenn’s denn sein muß...” Alida und ich waren nur noch still dabei., als sich die beiden mit dem befaßten was auch wir uns niemals zutrauen würden. Irgendwann gingen wir still zu Bett und kamen auch am Morgen erst wieder herunter als wir Geräusche im Haus hörten.

Ja, Aldor und Sangara machten schon Frühstück. ”Na, habt ihr’s verkraftet?” Sangara sah mich lange an “das wird dauern” sagte sie “aber wir sind uns einig. Wenn es so kommt, tun wir was verlangt wird - und hoffen daß wir uns nicht allzu dumm anstellen. Rathurnida nachzufolgen, das ist schon was. Aber du hast Aldor sehr geholfen, danke.” - “Womit denn?” - “Na, du hast ihn an Vanghedor und Elévra erinnert. Auch ganz schön große Schuhe, aber so wollen wir es versuchen.” - “Na komm...ihr habt nicht solche Brocken zu bewältigen wie diese beiden. Das schafft ihr schon.” Aldor sagte kein Wort zu alledem...

Das war es aber auch. Kein Wort fiel noch darüber, nach dem Frühstück zogen unsere neuen Freunde ab.  Nun sagte ich Alida was ich von Rathurnida gehört hatte, und wie Aldor reagiert hatte. “Deshalb” sagte sie “er hat so seltsam gefragt, ich dachte, er will seine Männlichkeit bestätigt bekommen...hatte mich schon gewundert....aber hör mal, wer denn sonst. Daß sie irgendwann abtritt, wußte ich schon. Und es ist weit und breit niemand zu sehen, der ihr nachfolgen könnte; bis auf Aldor.” - “Meine ich auch. Er will lieber Bürgermeister bleiben.” - “Bescheidenheit ist auch kein schlechter Charakterzug...na, da haben wir ja doch eine ganz besondere Nacht gehabt, was? Mit dem kommenden Königspaaar ein Schwätzchen...so viel Zeit werden die beiden wohl bald nicht mehr haben.” - “Anfangs sicher nicht. Aber Aldor gefällt mir - der weiß gar nicht was in ihm steckt.”

“Er wird es bald wissen” sagte Alida “der wächst an seinen Aufgaben. Du wirst sehen...”

 Machtwechsel

Es ging erstaunlich schnell. Kurz nach der großen Feier auf Delios kündigte Rathurnida öffentlich ihren Rücktritt an, der Rat stimmte ab und schlug Aldor - einstimmig - zur Wahl vor. Zwei Wochen später  war dann die öffentliche Beratung, die mit der Frage begann, ob sich jemand außer Aldor selbst vorschlagen oder jemanden empfehlen wollte; aber das geschah nicht. Also trat Rathurnida vor, bedankte sich für “viele großartige Jahre, und das gegebene Vertrauen” - dann war Aldor dran. “Nur Mut” sagte die scheidende Königin “sag’ ihnen, was du im Sinn hast, was du ändern möchtest, sag’ einfach was du denkst.” - “Leicht gesagt” brummte Aldor und trat zögernd vor.

“Es war nicht meine Idee” begann er stockend “wer mich kennt, weiß ja daß ich gern Bürgermeister von Vanartis bin. Ich werde nicht für mich stimmen...” leises Gemurmel, dann Lachen auf dem weiten Platz  “seht ihr, das meine ich. Ich bin gut als Bürgermeister, hoffe ich, und als Handwerker. Was ich für ein König sein werde....” dann wurde seine Stimme plötzlich fester “aber wenn ihr mich wählt, macht euch auf etwas gefaßt. Ich werde euch Arbeit machen, glaubt mir. Ich habe den Traum, daß wir den Norden wieder lebendig machen, nicht nur Delios. Alle Inseln, und die weiten Täler...aber das ist es auch schon. Ach nein, doch nicht - was Rathurnida begonnen hat, die Öffnung zur oberen Welt, das würde ich gern fortsetzen.” er machte eine Pause, und bekam Applaus. Dann machte er eine weite Armbewegung “ja, und noch eines. Ein guter Freund hat mich an Vanghedor erinnert. Es ist eine andere Zeit, das weiß ich, aber eines würde ich machen wie er. Sangara, komm, tritt einmal vor.” Sangara trat etwas zögerlich neben ihn “das ist meine Frau, Leute. Und nun sage ich was er gesagt hat, ihr könnt nicht nur mich haben. Wenn ihr mich wählt, wählt ihr ein Paar. Ich werde erwarten daß ihr Wort beachtet wird, wie meines.  Das wollte ich noch sagen, damit ihr wißt was ....” weiter kam er nicht. Tosender Applaus übertönte seine Worte. “Er ist König” sagte Alida neben mir “die Wahl ist reine Formsache. Hör’ dir das an. Sie lieben ihn.” - “Er ist doch wohl auch sehr bekannt?” - “nein, nur in Vanartis. Seit der Sache mit Delios reden alle von ihm, aber ohne ihn zu kennen. Er hätte es nicht besser machen können, nun weiß jeder, nach der geballten Weisheit kommt jetzt ein starker Arm. Und das ist doch auch nicht verkehrt.”

“Nicht so schnell, Herr Bürgermeister” eine kräftige Stimme schallte über den Platz “ein Wort über die Zukunft. Aldor, der Norden - sag’ das mal etwas konkreter. Was hast du vor?” Aldor nickte, überlegte “Gut, ganz konkret. Du wirst wissen daß mein Bruder Nandor an einer Brücke baut, Vanartis - Illardia. Das tun wir weil Geromantis wieder besiedelt werden kann, und weiter nördlich der neue Hafen entsteht, und dabei die neue Stadt, Illardis. Ob mehr möglich ist, wissen wir noch nicht; wenn ja, werde ich mich mit aller Kraft darum kümmern. Es sieht aber so aus, daß wir auf Illardia tun können was wir wollen, die Vulkane haben sich ins Meer verlagert, also können wir die große Insel auch nutzen. Was die kleineren Inseln angeht, wird das gerade untersucht  - außer Arganthia. Die ist und bleibt Naturreservat.” Dann wartete er ab ob es weitere Fragen gäbe, aber es blieb still.

Aldor trat zurück und überließ den Schreibern das Wahlverfahren. Die zogen das routiniert durch, anders als bei den Themen-Beratungen: an jeder Seite des Platzes stand ein Tisch, und nur an einem dieser Tische vorbei konnte man den Platz verlassen. Dort wurden Namen notiert, ein Tisch für ja, einer für nein. Am nein-Tisch war kaum etwas los...als der Platz leer war, wurden die Tische weggeräumt, die Leute kamen zurück und Rathurnida führte ihre letzte Amtshandlung aus. Sie bekam einen Zettel, strahlte auf  “Ihr habt mit über 93% mit Ja abgestimmt! Ich danke euch. Nun feiert das Königspaar...ich weiß nicht ob ihr es alle wißt, Aldor ist ein Nachfahre von Arnathor. Ich verabschiede mich von euch, folgt ihnen wie ihr mir gefolgt seid. “ Dann verbeugte sie sich tief vor Sangara und Aldor, und trat ab. Wieder Applaus, minutenlang. Nun verbeugten sich Sangara und Aldor mehrmals, und Rathurnida kam doch noch einmal auf die Terasse. Sie trug zwei Kronen, in jeder Hand eine. Alida ergriff meine Hand “Wahnsinn...die Kronen von Venghador und Elévra, aus dem Museum. Wenn das kein Zeichen ist...”

Rathurnida trat wortlos ab, Aldor und Sangara hatten feuchte Augen. Sie verschwanden im Palast als draußen die Musik zu spielen begann, kurz danach kam Celinda zu uns “kommt bitte mit. Sie wollen euch sehen.” Wir gingen also hoch, und gleich hinter den großen Türen erwarteten sie uns. Sofort umarmten sie uns “ich hoffe ihr erstarrt jetzt nicht vor Ehrfurcht” sagte Aldor “wir werden unsere Freunde brauchen. Mein Gott, was ich für ein Gefühl habe...so eine Aufgabe, und wir sind nur zwei...” Sangara nickte still. “mach’ den Mund auf, Sangara Elévra Arnaband” sagte Alida und küßte sie lange “deine Familie ist nun etwas gewachsen..” Sangara nickte wie abwesend “du gibst mir einen neuen Namen” sagte sie leise “und der ist zu groß für mich, wie Arnathor für meinen Mann. Mein Gott, steht uns bei wenn wir an die Arbeit gehen. Werden sie uns folgen? Aldor hat das ernst gemeint, mit dem Norden. Bisher war das ein Traum...ab morgen wird es das Einzige sein, was wir verlangen werden. Ansonsten werden wir es halten wie Rathurnida, vermitteln, zuhören, ausgleichen - wenn wir können. Werden sie uns folgen?”

Alida hatte nun auch feuchte Augen. “Es ist doch auch mein Traum, Sangara, du weißt es. Natürlich werden sie euch folgen. Viele träumen davon... aber nun, geht raus und laß euch feiern. Mensch, 93%! Was wollt ihr denn mehr? Sie werden alles tun was ihr verlangt. Raus mit euch, seid keine Hasenfüße...”

Aldor nickte still und nahm seine Frau an der Hand. Langsam ging er auf eine Tür zu, die Schreiber öffneten sie, und sie traten hinaus in den Jubel der Menge . Alida umarmte mich “laß uns heim fahren. Ich fange gleich an zu heulen...sowas, Freunde von uns auf dem Thron. Ich dreh’ noch durch, so schön ist das....”

Mußte ich noch etwas sagen? Mir fiel jedenfalls rein garnichts ein. Wir feierten still daheim....

und zum Ende der Erzählung: kein Ende

nebenher erzählt, als Aldor noch nicht lange im Amt war : Vera und die Nonne

Quellen zu den Themen dieser Seite

die Kelten , Foto-Dokus(Kelten), die Keltin