“König”als Lehrberuf....

Es dauerte nicht lange, und es war klar daß unsere königlichen neuen Freunde uns nicht vergessen hatten. Sie ließen mich rufen, kaum daß sie drei Wochen im Amt waren. Oben im Arbeitszimmer dann, ein heilloses Chaos von Büchern auf dem großen Tisch, ein müder Aldor, den Kopf in die Hände gestützt und eine nicht weniger erledigte Sangara bei ihm. “Gut daß du im Haus bist, Norman” sagte Aldor etwas heiser “ich wollte, Rathurnida hätte wenigstens das noch erledigt was jetzt ich tun muß. Die Rede vor der UN-Vollversammlung, und ich begreife nicht wie dieser Laden organisiert ist. Weißt du da Bescheid?” - “Hoffe ich doch. Worum geht es denn?” - “ich habe tausende von Seiten durchgelesen, vielleicht zuviele - mir schwirrt der Kopf. Ich lese ständig von einem Sekretariat, einem Sicherheitsrat und etlichen weiteren Organisationen. Einen Sekretär gibt es - einen Chef nicht?” - “Nein. Zu einer Weltregierung hat man sich noch nicht aufraffen können. Du sprichst also zu den Vertretern der Nationen;  der Generalsekretär hat wenig zu sagen, er leitet die Organisation, aber beschließen müssen Delegierte, oder die Regierungen.” - “Schon wieder dieses “oder”! Das ist nicht klar geregelt, kommt es mir vor.  Delegierte also...sind das Minister, oder was?” - “Nein. Die Regierungen senden Leute ihres Vertrauens in die Versammlung, nur wenn es um die Wurst geht, kommen die Regierungschefs selbst.”

“Um die Wurst...” er lachte. “Ihr habt Sprüche in Deutschland...aber gut, ich verstehe. Aber dann weiß ich jetzt gar nicht, zu wem ich sprechen werde - ist das so?” - “Im Prinzip ja. Du wirst zu den Ländern sprechen, egal wer sie gerade vertritt. Wenn du ein Land ansprechen willst, sagst du sowas wie an die schwedische Delegation:. ...die haben Schilder mit dem Namen der Länder vor sich, so schwierig kann das nicht sein.” - “warst du schon mal dabei?” - “ja, mehrmals, aber nur als Gast. Da wirst du Geduld brauche, sehr viel Geduld. Ein großer Saal, und wenn du sprichst, wahrscheinlich brechend voll. Und wenn du Pech hast, melden sie sich alle zu Wort. Hast du denn schon klar, was du sagen wirst?” - “Das ist einfacher. Rathurnida hatte schon ein Konzept gemacht, und ich habe ja die Ratsbeschlüsse. Gar nicht so viel; ich werde kurz skizzieren was wir für ein Land sind, und etwas gegen die üblichen Vorurteile anreden. Dann das Wichtigste, daß wir uns freuen würden mit allen Ländern der Welt freundschaftlich zu verkehren. Halt, noch etwas - was zum Teufel sind denn “Fraktionen”? Sowas haben wir hier nicht, oder?”

“Nein, so nicht. Aber manchmal schon..stell dir mal vor, die Fischer hätten eine gemeinsame Sache und würden sich verabreden, wie sie bei einer Beratung abstimmen wollen. Das wäre dann die Fischerfraktion. Das Wort bedeutet “Bruchteil” - es gibt mehrere. Die westlichen Länder, die armen Länder, die ehemals kommunistischen...wenn du mich fragst, das geht uns gar nichts an. So wie du sagst, mit allen Ländern...also auch mit allen Fraktionen. Schließen wir uns einer Fraktion an, bekommen wir Probleme mit den Anderen. Das fände ich nicht klug.”

“Das klingt als fände der Krieg heute in diesem Saal statt...” - “Ja, so könnte man sagen. Und da sollten wir keine Partei ergreifen. Wenn du dich nach Vanghedor richtest, dann nehmen wir an keinem Krieg teil - auch nicht an einem Wortkrieg.” - “natürlich nicht. Mensch ist das kompliziert...” - “Es geht ja auch um ein paar mehr Leute als wir hier haben.” Er nickte. “Und die Unterorganisationen? Ich habe einen Brief bekommen von diesem Kaffee...wie heißt der Kerl doch...” - “Kofi Annan. Der Generalsekretär.” - “Ach, der ist das. Ja, der...man fände unsere Afrikahilfe sehr gut, ob wir uns der UNESCO anschließen wollten. Und was ist das schon wieder?” - “Eine Hilfsorganisation. Die tun das was Malcolm hier macht. Ich denke, das können wir gar nicht - die UNESCO würde Geld von uns wollen, und das haben wir ja nicht. Aber mit ihr zusammen arbeiten vielleicht...da solltest du aber Malcolm fragen.” - “Danke. Jetzt ist mir wohler. Ja, und das kannst du unten gleich ausrichten, ein paar von euch hätte ich gern dabei. Mag sein, wenn ich dort bin, daß ich noch mehr Fragen habe. Und dann könnt ihr hier auch gleich berichten, wie ich mich dort blamiert habe.” - “Wen denn? “ - “Dich, und jeden der sich auch in Politik auskennt. Das wirst du ja wissen.” - ”Wann geht es denn los?” - “Nächste Woche Montag. Wenn ich bis dahin nicht einen Hirnschlag erleide.”

Nun lachte Sangara im Hintergrund “Aldor, du tust als gingest du zu deiner Hinrichtung. Die werden dich feiern, stellvertretend für das Land. Oder, Norman?” - “Das auch - aber auch ausfragen, schlimmer als ein Geheimdienstler. Gut schlafen, gut frühstücken und dann deutlich sprechen, und alle Fragen einfach beantworten. Das schafft ihr schon.”

Aldor war sich da wohl nicht sicher. Ich kam in die Redaktion “Holger, Vanessa, Susanne. Nächste Woche geht’s ab zur UNO.” - “Was denn, wir auch?” - “Ja, ihr. Mal wieder Weltpolitik..vermißt ihr das denn nicht?” - “Nicht wirklich” meinte Susanne “Ohne kann ich auch ganz gut leben.” - “Na, zwei, drei Tage...ist nun mal unser Job.” - “Jaja, klar...machen wir schon. Und wie? Mit der Xanthor nach NY? Das dauert ja Ewigkeiten.” Tja, danach hatte ich nicht gefragt...

 Aldor im Big Apple

Es war etwas eng im Gleiter. Aldor, Sangara, Vanessa, Susanne, Holger, Alida, ich, Fenador und Celinda saßen darin und amüsierten uns darüber was die New Yorker sagen würden wenn wir mit dem Ding dort landen würden. “Das wird den Ufo-Wahn erneut anheizen” meinte Susanne “oder die schießen uns ab weil sie einen Terroranschlag vermuten.” - “Werden sie nicht” brummte Aldor “die letzten Kilometer werden wir ganz brav auf den Wellen schaukeln. Nix mit Ufo oder Terror. Nur ein kleines Boot. Aber jetzt...schon mal über Arganthia nach Rifé gefahren?” Wir verneinten. Vielleicht schon, aber mit der Xanthor, und in dem metallenen Walfisch bekam man ja nichts mit. Aldor steuerte selbst, und nicht weniger rockerhaft als wir es kannten. Erst als Arganthia erreicht war, mäßigte er das Tempo. Es ging zur Nordspitze, und dort auf einen der Seen herunter. Erst jetzt bemerkte ich den großen Mélanaden, der vorn am Horn des Gleiters befestigt war, mit der Spitze nach vorn. Sein Lichtstrahl traf einen Fels am Ufer, der strahlte etwas auf und wir gingen unter, wie mit einem Tauchgleiter. Aber es war Licht um uns herum, helles Licht. Ein starkes Rauschen kam auf, wir wurden nach hinten gedrückt, dann nach unten. Und kurz darauf, es konnten nur Sekunden gewesen sein, tauchten wir auf; und fanden uns auf einem kleinen Fluß der zum Hafen von Rifé strömte...es gab nur eine Frage, von uns allen, fast gleichzeitig “wie denn das???”

“Fragt keinen Baumeister danach” sagte Aldor gleichmütig “das weiß ich nicht. Savonedor hat mir nur gezeigt wie man es macht. Wahrscheinlich wußte er es auch nicht.” - “Und woher wußte er davon?” - “Hat er mir nicht gesagt. Er tat ja gern geheimnisvoll, das wißt ihr ja. Aber heute geht es ja wohl nicht um die Geheimnisse dieser Inseln. Festhalten....”

Also, so rasant war ich noch nie unterwegs gewesen, auch nicht mit Düsenjets. Rifé verwischte zu einem Schemen, ich konnte nur vermuten daß der große Kristall da vorn etwas dazu tat, den Gleiter zu einer Rakete zu verwandeln. Das Geheul der Luft um uns herum war unangenehm laut, aber Aldor mäßigte die Gangart bald.  “Es ist weit, und zeitweise muß ich einfach so schnell fahren” meinte Aldor “ständig halte ich das aber auch nicht aus.”  Wir legten den weiten Weg also mit wechselndem Tempo zurück, und als die Freiheitsstatue in Sicht kam, ging es runter aufs Wasser. Kreuzgemütlich schaukelten wir dann die paar Meilen bis zum UN-Gebäude, das ja direkt am Wasser liegt. Aber dann hieß es stop...

Die UN

“Wer, sagen Sie, sind Sie?” Der Wachmann musterte uns wie ein paar ausgeflippte Hippies. “Aldor, König von Avalonia, mit meiner Delegation.” - “Jaja, und Sie sind also hergerudert.” Aldor wurde dunkelrot - bevor er sein Temperament zeigen konnte, holte ich schnell meinen Mélanaden aus der Tasche, gab ihn dem staunenden Wachmann “geben Sie das der Leitung des Hauses. Dort weiß man Bescheid.” - “Mach’ich gern. Aber Sie rühren sich nicht vom Fleck bis ich zurück bin!” Er ging ins Haus, telefonierte...Aldor war stinksauer. “Wenn das so weiter geht, frage ich mich was wir hier tun.” - “Warte ab. Das ändert sich gleich.”

So war das auch. Erst kam der Wachmann ganz verdattert zurück “Entschuldigen Sie bitte vielmals...kommen Sie, Sie werden gleich abgeholt.” - “Und unser “Ruderboot”? Wohin damit?” - “Wir übernehmen das, Sir. Nochmal, tut mir leid, aber Sie haben keine Ahnung was für Spinner hier täglich aufkreuzen. Bitte, nehmen Sie Platz. Nur einen Moment...” Er machte sich davon, und Aldor witzelte wo der wohl landen würde, wenn er versehentlich das Gestell anheben sollte...dann kam er persönlich auf uns zu, “Kaffee” Annan.

“Bitte vergeben Sie einem vorsichtigen Wachmann” sagte er “und herzlich willkommen bei den UN. Wer von Ihnen ist denn König Aldor? Sie sehen verwirrend gleich aus, und wir haben noch nicht einmal ein Foto...?” Aldor trat vor, begrüßte ihn freundlich, aber gekonnt europäisch mit Handschlag. “Wir sind es gewohnt unsere Gäste im Flughafen abzuholen. Wir haben uns schon gefragt ob Sie vielleicht doch nicht kommen...und dann, per Boot - äußerst ungewöhnlich. Aber das gilt ja wohl für Ihr ganzes Land.  Bitte, überraschen Sie uns weiter. Hier...noch so ein Wunder Ihres Landes...” er gab den Mélanaden zurück “die Sitzung beginnt in einer Stunde. Möchten Sie vorher noch ins Hotel?” - “nein, danke. Wir waren ja nur kurz unterwegs.” - “Oh...ich hoffe ich werde Zeit haben sie auszufragen. Ja, dann...in mein Büro? Ich würde Ihnen gern etwas über das Procedere sagen?” - “Sie sind der Hausherr” sagte Aldor nur, sie lächelten sich an - die Chemie stimmte.

Oben im Büro des Generalsekretärs waren die beiden dann sofort bei einem längeren Gespräch, der Rest von uns saß still dabei. Was ich Aldor nicht erklärt hatte, erfuhr er jetzt und es tat ihm sichtlich gut, daß er diese Erklärungen bekam. “Und Sie haben also das Einverständnis Ihres Volkes im Gepäck?” fragte Annan dann schließlich “erleben wir gleich eine Überraschung?” - “Nein, das Volk hat abgestimmt als es mich gewählt hat. Wir sind voll dabei, wenn die Welt uns will.” Der freundliche Generalsekretär lachte herzlich. “das steht außer Frage. Einige Länder sind etwas vorsichtig, soweit ich das erfahren konnte, aber die Mehrheit wird Sie auf Händen tragen. Es wurde mir etwas zugetragen...trifft es zu daß Ihre Gemahlin mit ihnen gleichberechtigt regiert? “ - “So ist es.” - “Oh, wie wunderbar. Allein das wird Ihnen die Sympathie der Mehrheit sichern...ja, dann..können wir?” - “Ja. Bringen wir’s hinter uns.” Wieder dieses herzliche Lachen...besser hätter er nicht machen können, sagte Susanne leise.

Nun gingen wir getrennte Wege. Sangara und Aldor folgten Kofi Annan, wir wurden an einen Tisch im Saal geführt - nicht in den Presse-Glaskasten, wie Holger erfreut bemerkte “daß wir einmal hier sitzen...wir haben zwar nichts zu sagen, aber allein das war die Reise schon wert. “ Naja, zwischen Kuba und Uruguay, von deren Tischen aus man uns neugierig musterte...aber Niemand sprach uns an.  Ich hatte meine Bedenken, wie vor allem die Nachbarländer reagieren würden. Aber ich hatte wenig Zeit für solche Gedanken. Der Präsidiumstisch füllte sich, eine Glocke erklang, Kofi Annan bat um Ruhe.

“Ladies and Gentlemen, they are here. King and Queen of the Legend, Avalonia, the missing Civilisation, ready to adress the world. Please pay attention to her Highness Sangara and his Majesty, Aldor.” Sangara und Aldor kamen zum Rednerpult, es wurde mucksmäuschenstill im Saal. Dann, die unfaßbare Geste...Sangara und Aldor verbeugten sich tief. Die Stille schien den Saal zu weiten, als Aldor ans Mikrofon trat. “Wir sind keine Legende” begann er leise und langsam “wir sind ganz normale Menschen. Es war die Natur, nicht unser Wille, die uns von Ihnen allen getrennt hat. Es hat gedauert, bis wir in der Lage waren uns die Frage zu stellen ob wir denn dazu gehören wollen. Diese Frage haben wir mit ja beantwortet. Also, hier sind wir und würden gern am Geschick der Welt teilnehmen, wenn Sie gestatten. Sangara?” Es gab nun leises Gemurmel, das aber sofort verstummte als Sangara sprach. “Wir sind es nicht gewohnt hier zu sein, und wissen nicht wie es hier üblich ist. Also sage ich es so wie wir es daheim tun. Wir sind richtig glücklich daß man uns hierher eingeladen hat. - also vermute ich, daß ich das sagen darf - Liebe Freunde, wir überbringen die Grüße unseres Volkes, und wollten nur sagen, alle Menschen sind in Avalonia herzlich willkommen. Und nun hat Aldor noch etwas auf dem Herzen...?” - “Ja, weil ich weiß was man alles über uns erzählt. Glauben sie kein Wort - und stellen Sie Ihre Fragen. Und, bitte - gerade diejenigen, die vielleicht Befürchtungen hegen. Sprechen Sie diese Dinge aus, lassen Sie uns einen neuen Anfang machen. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.”

Holger, Vanessa und Susanne saßen mit offenem Mund da - ich dachte auch, was denn, das war alles? Aber Alida sagte nur “großartig” und dann brach der Saal in Beifall aus. Sangara und Aldor standen überrascht da, verbeugten sich erneut - der Applaus hielt minutenlang an. Dann bat das Präsidium um Ruhe “stellen sie bitte ihre Fragen.”

Es wurde dennoch weiter geklatscht, und ein Gemurmel kam auf, zunächst fragte niemand. Aber vom kubanischen Tisch her sah uns zunächst ein bärtiger Mann an, dann kam er zu uns. “Senores, Senoritas...wir frrreuen unns ja serr daß sie hierr sind. Aberr saggen sie unns bitte, zu wellcherr Welt wollen sie denn gehörren?  Wirr unterrstützen gerrrn jedes Land, das fürr die Schwachen derrr Welt eintrritt. Ist es wahrr daß sie in Afrikka schon längerr Hilfe leisten? Wenn ja, dann brravvo.. wirr auch.” Wir schüttelten die Hand dieses Bären, und versicherten ihm daß wir das auch weiter tun wollten. Daß wir aber Kalaschnikows nicht als Hilfe betrachten würden. “Verrleumdungen” sagte er “Ärrzte, Lehrrerr, Ingenieurre...und sie?” - “Nahrung, Schulen, Erziehungshilfe.. .” - “Ja Brravvo...können wirr späterr mit ihrrem König sprechen?” - “Ihr würdet ihn ja doch nur stürzen wollen.” Er lachte. “Wenn err ein Schwein wärre, sicherr.. aberr das klang ganz gutt. Bitte, einen Terrmin...” Alida nahm einen Stift, einen Zettel “wie lange wird die Sitzung dauern?” - “Biss ettwa zwannzigg Uhrr...aberr man kann ja jedderrrzeitt mal eine Pause machenn..kommenn siee, Senorita - neun Uhrr?” - “Ja, gut. Wo?” - “sechtserr Stockk, Kubanisches Bürro?” - “Wir werden kommen.” - “Grazias. Ah, sie werrden munterr...”

Er ging zurück zu seinen Leuten, sprach mit ihnen, wir wurden nun freundlich angelächelt. Die amerikanische Delegation hatte sich erhoben...

“König Aldor, Königin Sangara, das amerikanische Volk läßt ihnen Grüße bestellen. Sie haben gebeten daß wir unsere Bedenken aussprechen, und das möchte ich nun tun. Es ist mehr als ungewöhnlich daß ein Land unter dem Meer existiert, und wir fragen uns ob sie das über Ihnen liegende Meeresgebiet als Hoheitsgebiet beanspruchen? Das könnte amerikanische Interessen berühren, bitte beschreiben Sie ihre Position dazu.” Allgemeines Murren kam auf, bei den Kubanern neben uns wurde auch gelacht. “Jetzt bin ich aber gespannt” sagte Holger “was Aldor dazu sagt. Damit hat er sicher nicht gerechnet.” Aldor trat vor. “Sir, sie lassen mich erstaunen. Liegt denn Nordamerika nun plötzlich auf der Südhalbkugel? Was diese Dinge angeht, haben wir noch keine festen Absichten. Ich nehme an, sie denken an militärische Interessen. Nehmen sie bitte zur Kenntnis, wir haben kein Militär. Präzisieren sie bitte, was genau sie meinen.” - “Hoppla” Holger sah sich den Amerikaner genau an “das war deftig, und richtig. Da, der Typ ärgert sich...er hat einen roten Kopf. Jetzt wird’s spannend.” - “König Aldor...so weltfremd können Sie doch gar nicht sein. Sie werden wissen, welches Land die stärkste Macht ist - natürlich liegen wir im Norden, aber unsere Schiffe sind überall. Sie fahren auch schon immer über ihr Land hinweg, von dem wir nichts wußten. Wir lassen uns das nicht verbieten.”

Aldor holte tief Luft...aber Sangara bedeutete ihm, laß mich mal. “Sir, ihre Macht ist uns völlig egal - tut mir leid das so deutlich zu sagen. Über unser Land hat Amerika keine Macht, das ist naturgegeben unmöglich. Wir bedrohen Niemanden, und lassen uns nicht bedrohen. Wir werden über diese Dinge beraten, und das Volk wird bestimmen - unser Volk.  Sollten wir beschließen, daß das Meer über uns zu uns gehört, werden ihre Schiffe eben drumherum fahren - was ist so schlimm dabei? Aber das bestimmen nicht wir, sondern das Volk. Mehr kann ich ihnen heute nicht sagen.” Es gab Beifall, die Kubaner tobten vor Begeisterung, aber auch viele andere. Das Präsidium schaltete sich ein und erklärte, Avalonias Lage sei zwar ungewöhnlich, aber das Seerecht ganz klar. “Wenn ein Land einen Anspruch auf dieses Gebiet erheben kann, dann Avalonia, nicht die USA.” Der amerikanische Delegierte setzte sich, sichtlich unzufrieden. Nun erhob sich jemand aus der chinesichen Delegation.

“Sir, Madam..das waren starke Worte. Wir haben nachgeforscht und gefunden daß Avalonia vor langer Zeit einmal die größte Macht auf der Welt gewesen sein soll. Was ist dran an diesen Berichten? Sie sagen, es gibt kein Militär. Ich verstehe daß Sie das nicht benötigen, die Natur beschützt sie. Aber könnten und würden Sie sich gegen...” er lächelte ” die stärkste Macht der Welt, heute, verteidigen können?”

Aldor nickte, überlegte, trat vor “zum ersten Teil der Frage: ja, das war möglicherweise so. Aber das ist lange her, und wir haben uns völlig umorientiert. Um es ganz klar zu sagen, kein Land der Welt muß irgendetwas befürchten, das von uns ausgehen könnte. Wir suchen und geben Freundschaft. Zum zweiten Teil: ich würde es nicht gern erleben, daß man uns bedroht oder angreift, wenn das überhaupt möglich ist. Aber seien Sie versichert, der Angreifer würde es bitter bereuen. Es gab Versuche, unerlaubt einzureisen oder zu spionieren. Das ging ausnahmslos schief - deshalb ist so wenig über uns bekannt. Wir sind nicht...sozusagen zurück gekommen um uns in Machtkämpfe oder gar Kriege einzumischen, bestimmt nicht. Aber wer uns unter den Stiefel treten will, verliert den Stiefel.”

Der Chinese lächelte, setzte sich und sah mit einem Grinsen zum amerikanischen Tisch hinüber. Sangara trat ans Mikrofon “Ein kleiner Zusatz. Wir haben aber auch nicht vor, in die bestehenden Machtverhältnisse in irgendeiner Weise einzugreifen. Nicht für, und nicht gegen irgendwen. Das ist wichtig.” Alida staunte laut...”woher nimmt sie das nur. Sie hat kaum eine Ausbildung...ich habe es doch gesagt, Sangara Elévra Arnaband. Der gute Geist ist wieder bei uns - dem Himmel sei dank dafür.”  - “Ja, sagenhaft” sagte Vanessa  “blitzschnell in die neue Rolle hineingewachsen...aber Aldor auch. Mal sehen, was noch kommt.”

Es kam noch viel, aber weniger kritisch und etwas entspannter, aber ich nehme an, die zwei am Rednerpult hatten eine schwere Prüfung zu bestehen. Auch wir, denn vom amerikanischen Tisch kam eine Frau herüber und fragte nach, ob wir denn bereit wären, über diese “einzige mögliche Differenz” zu verhandeln. Nun waren wir etwas ratlos, konnten die zwei Herrscher ja nicht fragen, die da oben weiter Fragen beantworteten. Wir berieten kurz, dann sagte Alida, nein, das wäre nicht möglich. “Wir können dem Volk nicht vorgreifen, Aldor und Sangara werden das öffentlich abstimmen lassen. Und wenn es so ist daß das Seerecht ohnehin keine andere Möglichkeit vorsieht, können wir uns ja auch nicht darüber hinwegsetzen. Madam, das geht einfach nicht.” Die Lady zog leicht angesäuert ab...davon abgesehen, lief es aber gut. Daß wir einen Konflikt mit den USA bekommen würden, nahmen wir nicht an. “Versuchen konnten sie es ja” meinte Susanne “vielleicht wären wir ja so hinterwäldlerisch, uns einfach unterzuordnen. Gut daß unsere zwei Könige das nicht getan haben.”

Hinter den Kulissen

Eine Stunde Ruhe hatten Sangara und Aldor, dann besuchten wir die Kubaner. Die Begrüßung dort war herzlich, aber sie hatten uns doch mißverstanden, obwohl Sangara versucht hatte das zu verhindern “ich sehe, wir haben neue Verbündete” sagte der ältere Leiter der Delegation in lupenreinem englisch “Avalonia ist also auch ein revolutionäres Land. Wie sie den Amerikaner abgebürstet haben...herrlich. Tun Sie das öfter, und wir werden uns gut verstehen.” Aldor lachte...”wir würden uns auch nicht scheuen, sie abzubürsten, wie sie das sagen. Der Mann hat schlicht versucht uns in die Tasche zu stecken, und das geht nun mal nicht. Wir sind die älteste Kultur der Welt, Senor. Mit uns macht man keine Machtspielchen.” - “Oh, pardon...wollen wir auch nicht. Aber lassen Sie mich das verstehen. Sie machen eine gute Arbeit im Kongo, höre ich. Wir sind auch dabei in Afrika Hilfe zu leisten, das haben wir doch gemeinsam. Sie treten also für die Ärmsten der Welt ein...das muß doch auch bedeuten, den Reichen ihre Grenzen aufzuzeigen...?”

“Das ist nicht zwingend so” sagte Sangara “auch die USA leisten Hilfe, und sie sollten das anerkennen. Was wir nicht gemeinsam haben: ihr Land unterstützt auch gewaltsame Aktionen. Das tun wir auf keinen Fall, aber wir pflegen die Opfer dieses - pardon - Wahnsinns. Sie hätten in uns Verbündete, wenn wir uns in diesem Punkt einigen könnten.” Der grauhaarige Mann nickte bedächtig. “Sie sind erstaunlich gut informiert, und ich will nicht lügen - ja, das tun wir. Aber wir wissen fast gar nichts über Ihr Land. Kapitalismus ist eine Schande, Kommunismus eine Krücke...was haben Sie für ein System?  Hören Sie, wenn es ohne diese widerlichen Mittel möglich wäre, die Not zu beseitigen, wir wären sofort dabei. Wie viele Bürger hungern denn in Avalonia?”

Ich dachte, nun wird Aldor laut. Aber er freute sich sogar. “Bei uns hungert kein Mensch. Sie können sich jederzeit davon überzeugen - herzlich willkommen, aber ohne Waffen. Ich nehme Sie beim Wort, und biete meines dafür: es geht nur ohne Waffen und Gewalt. Gewalt halten wir sogar für eine Ursache der Not. Ein Soldat produziert keine Nahrung, nicht wahr? Wir haben lange Erfahrung damit, früher auch mit Gewalt. Damals gab es Not...seit wir friedlich sind, nicht mehr.” - “Wie lange denn?” - “Etwa dreitausendfünfhundert Jahre.” - “Das ist unmöglich...nochmal, mit welchem System?” - “Wenn es ein System ist, hat es keinen Namen. Kurz beschrieben, wir haben kein Geld, gleichen Unterschiede über Lagerhäuser aus und erheben als Steuer nur den Zehnten. Das ist es eigentlich schon.” - “Und wie viele Reiche gibt es? In Prozent?” - “Keine, genausowenig wie Arme. Ich weiß nicht ob Sie sich das vorstellen können, aber wir, meine Frau und ich, bekommen gar nichts dafür daß wir als Könige Verantwortung tragen. Der Fischer bekommt nichts dafür, daß er seine Fische zum Markt bringt. Und wir alle zahlen nichts dafür, wenn wir Waren aus dem Lagerhaus holen. Wir müssen unsere Häuser nicht kaufen, und können Sie nicht verkaufen. Wenn Sie das analysieren, könnten Sie zum Schluß kommen, das Geld macht dieses Problem, das Sie mit Kommunismus angehen und doch nicht lösen können.” Der Kubaner holte tief Luft. “Wenn das wahr ist und funktioniert, dann machen wir es falsch. Ich nehme die Einladung an. Compadres...das müssen wir feiern. Da ist eine neue Hoffnung aufgetaucht..haha, stimmt ja wörtlich.  Da sitzen wir Revolutionäre und verstehen uns gut mit einem Königspaar...Fidel würde uns für verrückt halten. Genug für heute, aber ich bin froh daß wir uns getroffen haben. Dürfen wir Sie einladen?”

Natürlich, und wir alle waren froh als der anstrengende Teil des Tages vorbei war. Kubanisches Essen und scharfe Getränke gab es dann, und keine “harten” Themen mehr. Aldor und Sangara waren ziemlich erschöpft, aber ganz zufrieden. .”ich glaube, wir haben unser Land nicht blamiert” sagte er später  als wir zum Hotel gingen “aber das war schon heftig, wirklich. Und doch nicht so unfreundlich wie ich es befürchtet hatte.” - “Ich hab’s dir gesagt, Aldor “ sagte Sangara mit belegter Stimme, müde vom reden “ England war das Problem, wegen der Inseln. Und das ist ja nun erledigt.”

Auf ausdrücklichen Rat des Sekretariats blieben wir einen weiteren Tag. Es ging nun zwar um Themen, von denen wir kaum etwas wußten und ans Rednerpult trat keiner von uns. Aber erst jetzt ergaben sich viele Gespräche mit anderen Delegationen, meist ging es um wirtschaftliche Themen, also ob wir denn Häfen hätten, welche Waren wir anbieten könnten und welche brauchen. Aldor war etwas enttäuscht als es schon Nachmittag war und kein Land dem Beispiel Englands folgen und Botschafter austauschen wollte. Immerhin, Argentinien kündigte einen Besuch des Außenministers bei uns an - das schien es gewesen zu sein, der Saal war nur noch halb voll. Da kam doch noch etwas in Gang, als wir schon aufbrechen wollten. Ein ziemlich junger, kompliziert sprechender Deutscher kam zum Tisch - ob wir dem Außenminister einen kurzfristigen Termin geben könnten.

Ich hatte ihn ja mehrmals interviewt, den Joschka Fischer - und hier nicht gesehen.  “Er ist oben im Büro” sagte der junge Typ “und nur heute. Ginge das?” Aldor sagte sofort zu, und wir verließen die Versammlung. Oben dann ein erstaunter Blick “Herr Weinstein?? Machen Sie eine Reportage, oder...?” Ich schüttelte den Kopf, er begrüßte zuerst Sangara und Aldor. Dann wollte er es aber wissen...

“Herr Fischer, Susanne hier, die kennen Sie ja auch. Wir sind ausgewandert...ein großer Teil der Politikredakton. Sie werden heute Ruhe vor uns haben.” Er lächelte, man sah aber, in ihm arbeitete es. “Das erklären Sie mir später genauer. Ja, Königin und König aus dem Sagenland... ich falle mit der Tür ins Haus. Wir möchten dem Beispiel Englands folgen, und diplomatische Beziehungen vereinbaren. Damit wir nicht zu lange allzu höflich drumherumreden.  Sie haben Freundschaft angeboten....das nehmen wir gern an, und erwidern es.”Aldor lächelte “ich könnte Ihr Haus instandsetzen, Herr Fischer. Vor kurzer Zeit war ich noch Baumeister. Wir freuen uns über Ihr Angebot - angenommen.” - “Ja - wunderbar, sie sind auch fürs direkte? Ich habe auch als Handwerker angefangen. Dann sollen sich doch unsere Fachleute gleich mal zusammensetzen und den Kleinkram regeln? Ich hätte nämlich noch ein paar Fragen, wenn Sie gestatten.”

Aldor sah uns an “wer von euch traut sich das zu?” Dann, zu Joschka Fischer gewandt “das sind nämlich keine Diplomaten, das haben wir noch gar nicht. Es sind Journalisten - das wissen Sie ja wohl schon.” Vanessa stand auf “Holger, darüber geschrieben haben wir genug. Heute machen wir’s...komm schon.” Herr Fischer lachte fröhlich “wenn die so sind wie der Weinstein, ist das kein Problem. Herr Manter, regeln Sie das.” Der junge Beamte nahm die beiden mit, in verkleinerter Runde beugte sich der Außenminister vor. “Ich sage Ihnen nun etwas, das ich nur vermute.  Wenn wir uns einig werden, folgt bald die ganze EU. Man hat mich sozusagen vorgeschickt. Die wissen alle nicht, was man von Ihnen halten soll...sagen Sie es mir. Kann denn ein Land das so seltsam versteckt ist, am Weltgeschehen teilnehmen? Ich höre, bei Ihnen gibt es kein Geld, keine Banken, kein Militär...das läßt mich an meine Jugend denken. Aber wie wird dann Ihre Teilnahme aussehen?”

Sangara nickte bedächtig “ja, das beschäftigt auch bei uns viele. Es sind zwei große Häfen im Bau, auf Inseln die nicht so versteckt sind. Es wird ein wenig dauern, aber wir werden einen ganz normalen Warenverkehr ermöglichen.” - “Gut zu wissen. Aber der Wertausgleich? Haben Sie Zölle, Einfuhrbestimmungen, Beschränkungen? Fragen für Wochen, fürchte ich.” - “Zölle werden wir nicht erheben, haben wir nie getan” sagte Aldor “und was Beschränkungen angeht, wir erzeugen oder kaufen keine Militärwaren. Solche Dinge dürfen nicht in unsere Häfen kommen, aber das ist auch schon alles. Tja, und was den Wertausgleich angeht, können wir das nur natural machen.” - “Oh, meine Nerven...wie mit der verblichenen Sowjetunion. Aber gut, wir sind daran gewöhnt. Sie werden also nicht den Kapitalismus importieren?  Ich bin ehrlich gespannt wie das laufen wird. Ich habe heute Morgen mit den Kubanern gesprochen, die sind ganz und gar erhitzt, diskutieren pausenlos. Ich hoffe, Ihr Land wird sich nicht einseitig binden?” - “Haben wir nicht vor. Wir lassen uns weder von den USA in die Tasche stecken, noch von den Kubanern einspannen. Wir möchten mit allen Ländern gleich freundschaftlich verkehren.”

“Da haben Sie sich etwas vorgenommen... gestern klang es ja so als würden Sie gleich mal Uncle Sam deckeln wollen....Mut haben Sie ja, alle Achtung. Aber seien Sie vorsichtig, das kann Folgen haben.” Aldor nickte “ja, einverstanden. Das war auch unsere Absicht. Die haben uns so angefaßt wie wir vor ewigen Zeiten unsere Kolonien - und das war so falsch wie nur irgendetwas.” - “D ‘accord. Aber die USA werden nicht locker lassen. Rechnen Sie mit unserem Beistand, falls...”

Aldor strahlte, das war nun mehr als er erwartet hatte. Wir saßen lange nur still dabei, Susanne, Alida, ich...es war kein politisches Gespräch, da unterhielten sich drei, die sich gerade anfreundeten. Aber viel Zeit hatte der Minister nicht, die Runde endete mit der Frage, ob er denn kurzfristig auf Besuch kommen könne. “Jederzeit” sagte Sangara “und solange Sie wollen. Kommen Sie nach Rifé, alles andere wird geregelt.” - “Ich könnte vielleicht einen Franzosen und einen Italiener mitbringen?” - “Aber gern. Nochmal, bei uns ist jeder willkommen, der in Frieden kommt.” Umarmungen folgten, und ein erstaunter Minister bekam einen zärtlichen Kuß von Sangara, danach war der redegewandte Fischer ganz still. Er fragte im Nebenzimmer nach - ja, es war alles geregelt. Wir wurden freundlich verabschiedet und gingen - das heißt, ich nicht. “Herr Weinstein, einen Moment bitte.” - “Ja?” - “Wie viele Deutsche sind denn da unten bei Ihnen?” - “Oh, da bin ich überfragt. Aber eine ganze Menge sicher.” -  ”Können Sie mir in einem Satz sagen, warum?” - “In einem Wort, Herr Fischer. Menschlicher .”  Er schluckte. “Das von Ihnen... da haben Sie also gefunden, was Sie gesucht haben?” - “Oh ja, und mehr. Aber erwarten Sie keine Erklärung.” - “nein, nicht heute. Aber wenn ich auf Besuch komme holen wir das nach, ja? Sie waren doch nie mit etwas wirklich zufrieden. Wenn das heute so ist, möchte ich bald mehr darüber hören.”

Das war es, mehr Zeit hatte er nicht. Schon ganz gut müde, schlichen wir zum avalonischen Büro, das noch nicht fertig war. Einige Sessel, ein Telefon - ein Schreibtisch und Schränke fehlten noch. Kaum hatten wir uns in die Sessel geworfen, klopfte es auch schon. “herein” sagte Aldor hörbar erschöpft - und der Leiter der amerikanischen Delegation kam herein, allein, und sichtlich vorsichtig. “ich bin Morris Desmond, State Department, König Aldor” sagte er leise “das lief gestern etwas unglücklich. Ich würde gern die Wogen glätten, wenn Sie gestatten?” Aldor zeigte auf einen freien Sessel “aber bevor Sie loslegen, eine Volksabstimmung konnten wir natürlich noch nicht abhalten.” - “Wird auch nicht nötig sein. Wir haben uns schlau gemacht, und was der Annan über das Seerecht gesagt hat, stimmt. Überfahrtsrechte können wir also nicht verlangen. Aber sagen sie mir bitte, was daran eigenlich so schlimm wäre? Wir fahren ja schon immer durch dieses Seegebiet.” - “Schlimm ist gar nichts - sie haben das Thema aufgebracht, und da ging es ja wohl darum, uns gleich mal zu zeigen wer der große Wolf ist. Nun, wir haben keine Angst vor Wölfen, verstehen Sie? Um es ganz einfach zu sagen, zivile Schiffe sind jederzeit willkommen und können auch gern unsere Häfen anlaufen. Ihre militärische Flotte fährt aber bitte nicht in unseren Gewässern herum. Ein Falklandkrieg war ja wohl genug...verstehen Sie mich richtig, wir wollen kein Militär. Kein eigenes, kein fremdes. Und falls ihnen das Sorgen macht, das gilt für alle Länder, nicht nur für Ihres.”

Mr. Desmond lächelte hintergründig. “Der Falklandkrieg, das waren wir nicht. Übrigens finden wir es gut, daß Falkland jetzt zu Ihnen gehört. Und es stimmt auch daß wir gleich mal einen dicken Nagel einschlagen wollten. Nun, der ist nun krumm...” er lachte “wir werden’s überleben. Aber die Übereignung von Falkland schafft Probleme für uns. Darum geht es eigentlich; wir konnten jederzeit Port Stanley anlaufen, wenn wir Diesel oder Reparaturen benötigten. Und das ist jetzt wohl vorbei?” - “Für Kriegsschiffe ja. Aber wenn ich in einer Volksabstimmung die Frage stellen soll, ob wir in Notfällen Hilfe leisten sollten - sagen Sie’s einfach.” - “ das wäre ja wenigstens etwas, tun Sie das bitte. Also, wir machen einen Bogen um Ihr Land, einverstanden. Ist es nur Port Stanley, das Zivilschiffen offen steht?” - “nein. Sie können auch Rifé anlaufen. Ich mache Sie aber darauf aufmerksam, daß unsere Wächter niemanden an Land lassen, der eine Waffe trägt.” - “Sie sind ganz schön radikal. Aber gut, Sie sind wie Sie sind - dürfen wir Ihr Land besuchen? Also, Colin Powell, unser Außenminister. Man sollte sich mal gründlich unterhalten. ” - “Aber gern - jederzeit. Übrigens kann er dann auch selbst Fragen an das Volk richten.” - “So? Ich sehe schon, wir wissen nicht genug. Ich kann aber davon ausgehen daß unsere Ländern jetzt nicht etwa verfeindet sind?” - “Aber nein, warum denn. Sie müssen sich nur daran gewöhnen, daß man uns weder bedrohen noch beherrschen kann. Und auch das gilt für alle Länder.” - “Wir werden uns das sehr genau ansehen - wenn das so ist, Respekt. Ich kann also berichten daß Avalonia den USA freundlich gegenüber steht?” - “Sie haben gehört was wir gesagt haben. Wir stehen jedem Land freundlich gegenüber, wenn auch nicht jeder Regierung.” - “das wäre auch unmöglich - ich hoffe sie meinen nicht die Unsere ?” - “Ich dachte eher an einige selbstherrliche Diktaturen. Sie wissen vielleicht was wir im Kongo tun?” - “Verstehe. Das freut mich. Demokratie mit Königen an der Spitze?” Aldor nickte.

Morris Desmond lehnte sich gemütlich zurück. “Jetzt ist mir wohler. Die Briten haben uns vorhin schwer angerüffelt, wegen gestern. Wie haben Sie es nur geschafft sich ausgerechnet mit denen anzufreunden? Nach der Vorgeschichte?” - “Wir haben uns gründlich ausgesprochen, Königin zu Königin, das war noch meine Vorgängerin Rathurnida. Soweit ich weiß, war das gar nicht schwierig - ich war allerdings nicht dabei.”  - “Tja..mit einem Monarchen können wir nicht dienen. Gut, ich werde Bericht erstatten, das State Department wird sich bald melden. Nein, eine eher private Frage noch: Sie führen Gespräche mit den Kubanern? Denen wird es kaum gefallen, daß Sie eher Militär-feindlich sind?” - “Mr. Desmond, wir sind nicht hier um jemandem zu gefallen. Die Kubaner respektieren unsere Haltung jedenfalls...und wir verlangen ja nicht, daß Kuba sie übernimmt. Aber wirklich, das sind doch nur erste Versuche, wie auch mit Ihnen. Haben Sie ein wenig Geduld, wir müssen auch erst lernen wie das hier läuft. Aber es stimmt schon, wir reden - sehr gern übrigens - mit jedem Land, wir mußten lange darauf verzichten. Bereiten Sie Ihren Außenminister darauf vor, daß wir noch Anfänger sind, was internationale Beziehungen angeht.” - “Soso...das kam mir gar nicht so vor. Aber gut, ich danke für das Gespräch.  Dann will ich Sie nicht länger aufhalten, Sie haben sicher noch viele Gespräche zu führen.” Er ging, Aldor gähnte. “will hier noch jemand ein Gespräch führen?” Es gab keine Antwort.

Verlegenheiten....

An das Hotel habe ich kaum eine Erinnerung, so müde waren wir. Wir saßen morgens gerade beim Frühstück und ich amüsierte mich über Aldor, der Kaffee mit Cualarin mischte “schmeckt das denn?” - “Grauenhaft. Aber es macht hoffentlich wach.” als es auch schon wieder los ging. Zwei in grau gekleidete Herren und eine etwas netter anzusehende Dame mit slawischem Akzent setzten sich ohne lange zu fragen zu uns “guten Morgen. Man hat uns gesagt, Sie würden bald abreisen - da wollten wir doch noch ein paar Takte mit Ihnen reden.” Aldor setzte sein dunkelgrünes Glas ab “aha, so wie Sie klingen - Rußland?” - “Im Auftrag Rußlands sozusagen, Ungarn ist unsere Heimat.” - “Angenehm. Was haben Sie auf dem Herzen?” - “Ja, wissen Sie, daß die Kubaner vorneweg waren  hat unser großes Nachbarland etwas in Verlegenheit gebracht. Was uns angeht, nichts, wir folgen der europäischen Linie, und die wird noch diskutiert.” - “Ja, warum kommen denn die Russen nicht selbst?” Die Delegierten Ungarns grinsten. “das denken Sie sich bitte... also, es geht um Folgendes. Zunächst sollen wir Glückwünsche übermitteln, wegen der kalten Dusche für die Amerikaner...”

“Ach so...und nun befürchtet die zweite Großmacht daß sie auch geduscht wird? Das käme ganz auf die Art an wie sie uns begegnet. ” - “Ach...übervorsichtig, würde ich sagen. Nun, die Amerikaner haben wohl wenig Ahnung von Geschichte. Bei uns, und auch in Moskau, hat man erst einmal einiges gelesen, bevor man anfing nachzudenken, was von Avalonia zu halten ist.” - “Kommen Sie, machen Sie nicht solche Umwege...” - “Na gut. Ich wollte ja nur sagen, wir sind vielleicht weniger ahnungslos. Daher wissen wir auch daß Ihr Land über eine ungewöhnliche Energiequelle verfügt - und darum geht es. Handelt es sich dabei um ein Staatsgeheimnis?” - “Aber nein. Jeder Besucher bekommt das gründlich erklärt.” - “Ersparen Sie mir das, ich würde es doch nicht verstehen. Madame Lukoschy  hier ist Physikerin, sie kann das besser.”

Der grauhaarige Mann lehnte sich zurück, Aldor lächelte nun Frau Lukoschy an “ja, bitte?” - “Ich weiß nur eines, König Aldor. Ihre Energie verschmutzt nicht die Umwelt, und das interessiert uns brennend.” - “Sie wissen es. Was Sie aber wohl nicht wissen: sie beruht auf einem Stoff den es offenbar nur bei uns gibt, und das nur in geringen Mengen.” - “Und das wäre?” - “Mélanhydrat - Kristalle” -”Mélan? Was ist denn das, bitte?” Aldor faßte in seinen Umhang, reichte einen Mélanaden herum “Ein flüssiges Metall, das zusammen mit Wasser diese Kristalle bildet. Sie speichern  Licht und Wärme, und können das Schwerkraftfeld verändern” Die Frau betrachtete den Kristall lange, drehte ihn “ja, das ist zu spüren. Aber von Mélan habe ich nie gehört.” - “ja, und das macht Ihren Wunsch wahrscheinlich zunichte; es gibt nicht genug davon um diese große Welt damit zu beliefern, und ich wüßte nicht daß es Mélan woanders gibt als bei uns, an einem einzigen von vielen Vulkanen.” - “Könnte man es künstlich erzeugen?” - “Das wäre Alchemie. Nicht daß ich wüßte; unsere Forscher versuchen das schon lange. Ich verstehe sehr gut was das bedeuten würde, aber man hat das auch lange mit Gold versucht, nicht wahr? Unmöglich, leider.”

Frau Lukoschy seufzte. “Immerhin beweist es daß unschädliche Energie möglich ist. Also, der Vorschlag aus Moskau ist dieser: man hat dort auch hervorragende Forscher. Wären Sie einverstanden, daß einige davon zu Ihnen kommen um mit Ihren Forschern zu arbeiten, und einige Ihrer Kapazitäten nach Moskau? Eben um solche Energien zu entwickeln?” Aldor grinste. “Auch wir wissen ganz gut Bescheid, Frau Lukoschy. Man würde uns ausspionieren , und ich sage Ihnen, das wäre Unfug - das was Sie da in Händen halten, ist kein Geheimnis. Es ist nur leider sehr selten.” Die drei lachten “Sie lehnen also ab?” - “Aber nein, ich sage nur, erwarten Sie keine Ergebnisse wenn Moskau Geheimagenten sendet. Unsere Forscher würden es merken. Wenn echte Wissenschaftler kommen, aber gern. Und nur solche würden wir senden, aber wirklich, das müßten wir doch mit dem Kreml direkt vereinbaren.” - “Natürlich, und das wird bald geschehen wenn wir von diesem Gespräch berichten.” Sie verzog das Gesicht zu einem schelmischen Grinsen “was ist bei Ihnen die Strafe für Spionage?”

“Früher war das eine schlimme Straftat. Seit wir die Türen öffnen, weniger...ehrlich, auf die Frage war ich nicht vorbereitet. Rauswurf, würde ich sagen. Moskau wird also...?” - “Aber klar machen sie das, aber es werden auch sehr gute Leute kommen. Eben beides. Dann sollte sich Moskau bald bei Ihnen melden. Wir fädeln das ein - Sie würden also kein Mélan exportieren?” - “Auf gar keinen Fall, für uns ist es überlebenswichtig. Das Wissen stellen wir gern zur Verfügung, aber vielleicht sollte man sich eher darum kümmern ob es irgendwo auf der Welt  weitere Fundstellen gibt?” - “ich nehme an, da kann Rußland einiges leisten. Wenn sie Leute haben, die das Zeug erkennen können.” - “Die werden wir gern entsenden. Sagen Sie das Herrn Putin.” - “Machen wir. Da Sie wohl Bescheid wissen...es wird ein wenig dauern.” - “Rußland ist groß und Moskau weit.” - “Haha, genau. Sie wissen verdammt gut Bescheid.” - “Wir geben uns Mühe. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit...”

Nach einigen Höflichkeiten verabschiedeten sich die Ungarn, und Aldor lächelte uns an “habt ihr es auch bemerkt?” Alida grinste “Na klar, der Typ der nichts gesagt hat, ist ein Russe.” - “Ja, genau. Und ich wette, vom Geheimdienst. Das wird sicher nicht schaden...die spinnen, die Russen.” - “Sollen sie. Tun wir ja auch ganz gern...” - “ja, und eben drum...fahren wir heim?”

Und damit war auch unser Besuch in New York am Ende angekommen, Aldor und Sangara waren zu müde um noch einen Stadtbummel zu machen. Alida saß am Steuergestell, als es zurück ging - sie fuhr wesentlich vorsichtiger, aber viel bekam auch ich nicht mehr davon mit.

Wir erreichten Atlantis, alle außer Alida im Tiefschlaf...

Nacharbeit

Wir hatten nun viel zu schreiben, um den Bürgern mitzuteilen was erreicht war und was nicht. Für einige Wochen war das unser Hauptthema , was ist die UN , was tun wir dort und was wird auf uns zukommen - als wenn wir das so genau gewußt hätten. Immerhin sah man schon ein wenig von dieser Zukunft, nahe beim Palast wurden ältere, wegen Delios nicht mehr bewohnte Häuser renoviert und zu den Botschaften Englands und Deutschlands ausgebaut. Aldor schickte Freunde aus Vanartis als Botschafter in diese Länder , das war es fürs Erste. Die Botschafter verbrachten einige Tage in der Kristallwelt, um sich gründlich zu informieren, dann öffneten die Botschaften ihre Türen.

Auf Rifé und in Stanley begann der Umbau. Die Häfen beschäftigten zeitweise tausende von Handwerkern, Aldor machte Druck um sie so schnell wie irgend möglich in Betrieb nehmen zu können. Die “XanthorII” bekam zwei Schwesterschiffe, die nicht mehr den alten Namen bekamen. “Tenaria” und “Rifenia” wurden sie getauft - die neuen Fähren, und die “XanthorII” wurde zur “Africania13”, denn sie diente nun wieder ihrem ursprünglichen Zweck, dem Verkehr mit Afrika. Aber Aldor machte sich Sorgen, ob sein schwerer Schritt nun überhaupt etwas bewirkt hätte, denn die erwarteten politischen Besucher kamen nicht. Nur der Touristenstrom schwoll weiter an, und die neuen Schiffe waren schnell voll ausgelastet. Drei Monate vergingen so, dann begann es.

Die Kubaner waren wieder die Ersten. Inzwischen gab es Telefonverbindung von Rifé und Stanley zum Palast, und Andira rief aufgeregt an weil ein kubanisches Militärschiff vor dem Hafen lag  und einfahren wollte. Ich bekam das gerade mit, ich stand am Empfangstisch und Fenandor sprintete die Treppe hoch, um Aldor zu holen. “Was für ein Militärschiff” fragte er “...ach, ein Minenräumer. Laß’  ihn einfahren, aber wer an Land kommt, muß seine Waffen auf dem Schiff lassen. Die Wächter sollen das Schiff bewachen, das genügt wohl. Ja, das ist in Ordnung. Schick’  mir die Leute schnell runter, ja? Ja , sie sind eingeladen. Grüße...alles klar.”

Wenig später kamen sie an, der alte grauhaarige Mann namens Raoul Mendez und eine ganze Gruppe jüngerer Leute, die alle in grünen Uniformen steckten, etwas zittrig nach der Fahrt mit der Rifenia, und alle sahen ängstlich nach oben...Aldor und wir Schreiberlinge erwarteten sie am Hafen. Aldor versuchte sie aufzulockern “bei uns hängt der Himmel nicht voller Geigen - es sind Fische” sagte er fröhlich “aber kommen Sie, erst einmal eine Stärkung.” Er führte sie nicht zum Palast, sondern zu Davorian’s Lokal. Auf der Terasse gab es dann reichlich gutes Futter, und schon ging die Fragerei los. “Ich habe doch richtig verstanden” sagte Raoul “der Wirt bekommt nichts für seine Dienste?” - “Kein Geld. Aber zufriedene Gesichter würde er schon gern sehen.” - “Die kann er haben - sagenhaft. Also, die Fische, das Gemüse, und so weiter, muß er auch nicht bezahlen. Wird denn gar nicht kontrolliert, daß einer nicht mehr nimmt als er gibt, oder umgekehrt?” - “Nein. Raoul, diese Kontrolleure würden ja wieder verbrauchen ohne zu erzeugen. Das mindert aber den Nutzen...verstehen Sie?” - “Ja, schon...und das führt nicht zu Ungleichheiten, Versorgungsproblemen?” - “Würde es sicher, wenn wir nicht die Lagerhäuser hätten. Natürlich haben wir hier in Atlantis zuviel Fisch. Der wird in die Orte gebracht, die im Gebirge liegen, und es kommt zum Beispiel Holz zurück, oder Gestein, Baumaterial. Das ist dort im Überfluß vorhanden. Aber ich sehe schon, ihr wollt es praktisch. Moment bitte...”

Er stand auf, holte Davorian. “Davorian, fehlt es heute an irgendetwas?” - “Ja, an Kartoffeln. Heute gibt es fast nur Reis.” - “hast du Bescheid gesagt?” - “Noch nicht, aber gegen Abend werde ich wohl...” - “Laß mal, heute mach’ ich das ausnahmsweise.” Er lächelte den Gästen zu, ging zur Hafenmole, sah sich um und sprach zwei junge Männer an, die da saßen und schwatzten. “Nichts zu tun, Jungs?” - “Schon erledigt.” - “Gut. Geht rüber zum Gleiterplatz, fahrt nach Henartis und bringt Davorian eine Ladung Kartoffeln, ja? Wenn’s zuviel für ihn ist, ihr wißt ja. “ - “Stadtlager oder Hafen?” - “Stadt. Danke.” Dann kam er zurück “ist normalerweise nicht meine Arbeit, aber so läuft das. Davorian wäre sonst gegen Abend zum Palast gekommen und hätte den Schreibern gesagt , was er braucht - oder er hätte das dem Stadt-Lagerhaus gemeldet. Die hätten dann jemanden losgeschickt .” Raoul staunte “wie viele Schreiber hat der Palast?” - “Im Moment zwanzig. Das schwankt, je nachdem ob hier viel oder wenig los ist.” - “das ist also euer Ersatz für Bürokratie...wie groß ist Atlantis?” - “Mit der neuen Stadt zusammen, etwa zweihunderttausend.” - “Und das bekommt ihr mit so wenigen Leuten hin? Es gibt sicher weitere Beamte?” - “Ein paar Wächter. Zehn bis fünfzehn, so genau weiß ich das nicht, die Zahl schwankt ebenfalls.” - “Und das ist alles? Ja, dann...ich sehe ja, es läuft rund hier. Ich überlege mal...Havanna, wer von euch weiß es? Tausende. Gut, mehr Einwohner, aber wenn ich runterrechne...dann müßtet ihr hier etwa achttausend Beamte haben.” - “Müssen wir eben nicht. Siehst du, Raoul...stell’ dir mal vor, man würde eure achttausend Leute in Handwerken, Geschäften, als Arbeiter beschäftigen. Wieviel mehr würde dann erzeugt, gehandelt, transportiert, gebaut?” - “eieieieiei...ganz schön viel. Ich begreife nur nicht, wie das möglich ist - alles freiwillig?” - “ja, ganz und gar. Du mußt aber bedenken, wir haben das nicht per Revolution schlagartig so machen können. Das hat sich langsam entwickelt, hat Jahrtausende gebraucht. Aber wie du siehst, es geht.”

“Ja...naja, ihr hattet ja wohl auch kein Vorbild dafür. Heute könnte man so eine Wirtschaft doch wohl schneller einführen.” Aldor lächelte “ihr könnt es ja versuchen. Damit haben nun wir keine Erfahrung. Aber nun habe ich eine Frage: weiß euer Fidel, daß ihr hier seid? Und wenn, ist er einverstanden?” - “Er weiß es und hat es erlaubt. Aber er denkt wohl, das wird nichts bringen. Aber wer weiß was der alte Mann denkt? Wir sollen ihm jedenfalls Bericht erstatten .” - “Dann bestellt ihm auch meine Grüße. Ganz ehrlich, ich halte Kommunismus für einen Irrtum - andererseits finde ich es aber auch gut, etwas zu versuchen. Nun wollt ihr euch sicher umsehen, weil ihr denkt, wir verstecken unsere Armen irgendwo?” Raoul grinste “unsere jungen Hitzköpfe hier - ja. Ich glaube dir. Dürfen wir uns frei bewegen?” - “Natürlich. Machen wir es doch so: geht und seht euch mein Land an. Wenn ihr genug gesehen habt, kommt zum Palast - da oben. Soll ich euch einen Wächter mitgeben, oder wollt ihr einfach so herumstreunen?” - “Danke, wenn wir uns verlaufen, werden wir uns an so einen wenden - woran erkennen wir die Leute? Uniformen tragen ja wohl nur wir.” - “Sie tragen lange Stäbe mit sich. Sonst sehen sie aus wie alle anderen Bürger. Wenn ich einen Vorschlag machen darf, laßt euch erklären wie unsere Gleiter zu fahren sind, dann habt ihr es leichter. Und geht auch in die Kristallwelt, ganz im Süden. Da gibt es einiges zu bestaunen. Norman - zeig ihnen wie man die Dinger bedient, ja?”

 “Ja. Vamos, Companeros. Das machen wir sofort...ich bin ehrlich gespannt.” Wir verließen das Lokal, ich erklärte am Gleiterplatz wie man so ein Gestell hält und damit lenkt “wie ein Fahrrad, aber eben auch nach oben.” - “Hierher zurückbringen?” - “Ja, oder an einem anderen Gleiterplatz abgeben. Ihr könnt auch Fähren benutzen, von hier in den Norden, nach Mirarthris, von dort zur Kristallwelt. Viel Vergnügen...”   Die Jungen sahen mich zweifelnd an, ich überließ sie ihrer Neugier. Nach ein paar seltsamen Hüpfern zog der Gleiter ruhig nach Süden, dicht über dem Boden und äußerst vorsichtig. Ich ging langsam zum Palast zurück und schätzte ab, wann sie wohl wieder aufkreuzen würden.

Ich hatte mich glatt um Tage verschätzt. Sie blieben lange weg, erst am Wochenende waren sie zurück, und die Stimmung war verändert.  Raoul war so ruhig und überlegt wie immer, die jungen Leute dagegen richtig aufgeregt. Sie warteten in der Halle, Aldor war nicht im Haus, und Sangara hatte nicht sofort Zeit für sie. “Oh, hallo...na, überall gewesen?” begrüßte sie die Gruppe schon von der Treppe aus. “Nicht überall, aber wir sind ganz schön herumzigeunert . Wir hatten uns das Land kleiner vorgestellt. Das ist ja paradiesisch hier...fragen Sie mal die Grünschnäbel, warum..” Raoul lachte - man konnte es sich denken, Sangara fragte auch nicht. Man setzte sich “aber eines muß ich einfach wissen” begann nun ein rothaariger “Grünschnabel” namens Pedro “Ihr Mann..pardon, der König...hat uns so nebenher kritisiert, weil wir Revolutionen unterstützen. Ich habe mich sehr darüber geärgert - und jetzt verstehe ich ihn . Die haben uns in der Kristallwelt ja Geschichtslektionen erteilt...unfaßbar. Aber eines will mir nicht in den Kopf. Sie arbeiten im oberen Kongo...da gibt es doch eine Rebellenarmee. Wie kann Ihre friedliche Arbeit dort gehen, wenn die Dörfer von Rebellen kontrolliert werden? Verstehen Sie, wir alle wären froh wenn es ohne Waffen ginge. Aber diese Holzköpfe...wir kennen uns da aus...da hilft doch nur, stärker zu sein. Oder haben Sie ein besseres Mittel zur Hand?” Sangara überlegte. “ich wüßte nicht, daß wir dort Schwierigkeiten hätten. Aber das macht nicht der Palast, man müßte...Norman, ist Malcolm in der Stadt?” - “ich denke, im “Faß” - heute morgen angekommen.”

Sie ging zum Empfangstisch “Fenandor, spring mal eben zu Polardor runter und schlepp’ Malcolm her. Das ist sein Metier.” Fenandor ging, Sangara erklärte wie die Hilfe organisiert ist. Dann zog sie den jungen Typ auf “soso, sie kennen sich da aus. Sagen sie es offen, Kuba unterstützt doch diese Holzköpfe.” Raoul schaltete sich ein “stimmt, aber denken Sie nicht wir hätten dort viel zu sagen.  Geld wollen sie haben, Waffen, Rum...aber weise Ratschläge nicht. Wir sind keine Rassisten - die schon.” - ”Warum unterstützen Sie sie dann?” - “Weil sie Kommunisten sind - mit dem Mundwerk. In der Praxis...schweigen wir darüber. Dummköpfe.” - “Tja...vielleicht würden Bücher mehr helfen als Gewehre?” Fenandor kam, Malcolm mit ihm. “Kubaner, hey? Weiter Weg. Womit kann ich dienen?” Sangara wiederholte Pedros Frage. Malcolm grinste breit. “na klar haben die uns schon angemeckert. Mehr aber nicht, das wäre dumm von ihnen. Ich habe immer einen Arzt dabei, und der flickt die Löcher, die eure Waffen machen.” Die ganze Gruppe lachte. “das sehen sie falsch” gackerte Raoul “das sind amerikanische Löcher.” - “So? Ich kann das nicht unterscheiden. Wie sieht denn ein kubanisches Loch aus?” Unsere Gäste hielten sich an den Sesseln fest...”jaja, genauso. Aber bleiben wir doch ernst. Eine Gruppe von Amerika unterstützt, die andere von uns und China. Und da können Sie einfach so dazwischen Ihre Arbeit tun?” - “Ja -  wir flicken auch kapitalistisch infiltrierte Neger zuammen.”  Das Lachen nahm kein Ende. Sangara ging schließlich dazwischen “Malcolm, nichts gegen deinen brutalen Humor. Aber unsere Gäste wollen das wirklich wissen. Wie macht ihr das?” - “Ganz einfach. Den Arzt habe ich erwähnt, der ist wichtig. Und dann ist da noch was unsere Lehrer tun, unsere Handwerker. Wir fragen nicht danach, an welchen politischen Mist einer glaubt -  das schert uns gar nicht. Wir fragen, was ihm fehlt - und glauben Sie mir, da sind alle gleich.” dann wurde er ernster.

“Auch eure Leute sterben an Malaria, an Aids, oder an Kugeln” sagte er ruhig und sah Raoul direkt an “und würdet ihr nur dagegen kämpfen, der Kongo wäre längst kommunistisch. Aber es muß ja immer irgendeine Fahne sein, ob sie nun Sterne zeigt oder Hammer und Sichel. Fahnen helfen nicht gegen den Hunger. Und ein Vater, dem sein Kind stirbt, wird sich wenig für Fahnen interessieren. Da greifen wir ein, und verlangen keine Parteilichkeit dafür. Avalonia verfolgt keine politischen Absichten außerhalb seiner Grenzen.” - “ja, das ist uns klar. Sie helfen also auch denjenigen, deren Ansichten Sie völlig falsch finden.” - “Genau. Man wird nicht krank wegen politischer Meinungen, sondern aus Hunger, wegen schlechtem Wasser oder auch, weil man nicht schreiben und lesen kann.” - “Sie wurden nie angegriffen?” - “Doch, schon, anfangs.”- “Und wie haben Sie reagiert?” Malcolm lachte. “Ja, was denken Sie denn. Den Kopf eingezogen. Und dann laut und deutlich gesagt, wer auf uns schießt, dem können wir nicht helfen. Und er soll sich in acht nehmen, wehrlos sind wir nicht.” - “Sie haben also doch Waffen?” - “Nicht wie Sie das kennen. Aber es kann schon jemand drei Tage im Wald stehen und sich nicht rühren können, weil wir auf ihn geschossen haben. Aber das war nur ...warten Sie...dreimal nötig, vor Jahren. Können Sie sich vorstellen, wie man von den Mücken bearbeitet wird, wenn man stocksteif ist und sich nicht rühren kann? Und der Hunger, der Durst...Nicht angenehm, aber nicht tödlich. Mit den gleichen Leuten kommen wir heute bestens klar “ dann zwinkerte er” ..und die nehmen es uns auch nicht so übel, als wenn wir sie getötet hätten.”

Wieder lachte die ganze Runde.   Raoul stand auf, schlug Malcom auf die Schulter “der erste Brite den ich mag. Ihr seid mir sonst viel zu steif.” - “Oh, keine Ursache. Kubaner sind uns einfach zu laut.”  Sie umarmten sich “trinken wir einen darauf?” fragte Malcolm und schon zog er mit Raoul ab. Sangara lud dann den Rest der Gruppe in ihr Büro ein, alle gingen, einer blieb sitzen.”Was sind sie für einer” fragte er “Sie sagen ja fast nichts.” - “Norman Weinstein, Journalist.” - “A-ha. Carlos Jimenez, Parteisekretär. Morgen steht in der Zeitung, wir wären zu laut gewesen?” - “nein. das können wir auch - was haben Sie auf dem Herzen?” - “Ja, vielleicht sind sie der richtige Mann dafür. Es ist so - Raoul ist in der Klemme. Er möchte mit Ihnen zusammenarbeiten, wir waren anfangs dagegen. Nach dieser Tour, und dieser Erklärung hat sich das sicher erledigt, aber wir haben da ein Problem, und das ist achtzig Jahre alt, hat einen Bart, und feste Prinzipien.” - “Fidel.” - “Ja. Er würde ja auch, wenn wir ihm berichten, aber Ihr Land ist nun mal eine Monarchie. Das macht er nicht, und es wird ihm gleichzeitig leid tun - aber so ist er nun mal. Offizielle diplomatische Beziehungen sind also nicht möglich. Würde denn Avalonia mit uns zusammenarbeiten wollen?” - “Nicht für den Kommunismus.” - “Natürlich nicht. Ich meine, Entwicklungshilfe, da können wir uns sicher einigen. Und offenbar auch von Ihnen lernen.  Aber das müßte im Stillen geschehen.” - “Woran denken Sie denn?” - “Na, das hat sich doch eben schon fast ergeben. Lieber mit Ihnen als mit diesen “Holzköpfen” - ich denke, Raoul war deutlich genug. Die werden es nie zu etwas bringen, und wir haben eben sehr gestaunt. Wir sind nicht alle strenge Ideologen. Raoul ist mehr auf Ihrer Seite als er sagen darf. Es wäre uns sehr daran gelegen, da wir ja auch im Kongo arbeiten, unsere Kräfte zu bündeln. Sehen Sie eine Chance dafür?” - “Ich denke, Raoul und Malcolm werden sich schon darüber unterhalten. Sie würden das aber offiziell und heimlich zugleich vereinbaren wollen?”  Er grinste. “Sie haben Erfahrung-ja. Wie?” - “Ich überlege noch. Dieser Raoul hat einigen Einfluß bei Ihnen?” - “Aber ja...sagen Sie nur sie wissen nicht wer das ist?” - “Sie werden es mir hoffentlich sagen..” - “Sein Nachname ist nicht Mendez, sondern Castro.” - “Fidels Bruder?” - “Genau der. Also, wie?” 

Ich überlegte kurz. Ja, so ging es. “Gehen Sie rüber zu dem großen Tisch, und sagen Sie daß Sie Neubürger werden wollen. Sie bekommen einen Kristall und können jederzeit unbegrenzt hier sein. Bleiben müssen Sie natürlich nicht. Dann gehen sie rauf zur Königin und sprechen privat mit ihr. Natürlich machen wir das. Wenn Sie dann jemandem aus Malcolms Organisation einen kubanischen Paß besorgen könnten?”  Er verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen “Filou. Genau sowas schwebte mir vor. Geht das einfach so?” - “Kommen Sie...aber ja.”

Celinda nahm also einen Neubürger ins große Buch auf, reichte ihm einen Mélanaden. Dann eine Umarmung, ein langer Kuß “Willkommen in Avalonia. Verlieren Sie den Stein nicht.” Der etwas erstaunte Carlos ging langsam die große Treppe hinauf, öffnete die Tür - schallendes Gelächter kam da heraus. Beste Laune im Büro...ich ging nun auch ins Faß und schloß mich Raoul und Malcolm an. Die waren sich längst einig geworden, und freuten sich über das Gentleman Agreement. Ich kam dann angeheitert heim, verschlief am nächsten Morgen - und verpaßte die Abreise der Kubaner.

Mit Joschka Fischer und einigen europäischen Kollegen, einige Wochen später, gab es weniger politische Debatten. Sie kamen per Hubschrauber vom Festland nach Rifè und ließen sich dort erst einmal von Andira herumführen, bevor sie dann zu uns herunterkamen. Besser vorbereitet durch die Botschaften, wurde sehr wenig gefragt. Es ging direkt zum Praktischen über, was schon bei der UN angesprochen war. Also Wirtschaft und nochmal Wirtschaft. Für mich ein Schlafmittel...nach einer Stunde überließ ich das berichten Holger und Susanne und fuhr heim. Am nächsten Tag fand ich die Gruppe ganz entspannt plaudernd im großen Saal, und worum es nun ging, überraschte mich dann doch - Geschichte. Da schwebte der Geist König Artus’ im Raum, Plato war auch zugegen, und die Wanderung der Kelten. Europa auf der Suche nach den Wurzeln, fiel mir ein. Aldor führte dann die ganze Gruppe durch das Museum, und schließlich auf den Atalan. “Jedes Jahr etliche Meter gewachsen” sagte er “bis vor etwa dreißig Jahren. Nun hat er genug.. .als wir dieses Land besiedelt haben, war er kaum größer als der kleine Hügel da drüben” er zeigte auf den Vengoran, wo einmal Atlantis gegründet worden war. “da war Griechenland noch eine unzivilisierte Gegend, wo es nur ein paar Dörfer gab. Wir gründeten Vanartis, da im Nordosten.” - “Ohne die Kelten” ergänzte ein Franzose “die kamen damals zu uns.” -”Nein, es gab euch noch nicht. Ihr seid es, die damals nach Osten gingen” lächelte Aldor “weit seid ihr ja nicht gekommen.”

Die Runde war gut drauf. dann kam es auf, daß sie ihren Aufenthalt hier gern ausdehnen würden “Hotels habt ihr hier ja wohl noch nicht?” meinte Joschka, und Aldor lächelte hintergründig. “Nein, aber etwas viel besseres.”

Ich schreibe nicht mehr...

Aldor war in seinem Element. Er steuerte hinunter nach Vanartis, führte die immer stiller werdenden Minister durch Vanartis, die Kirchen, den Königssaal und schließlich zum Hafen. Dort trafen wir Alida...welch ein Zufall. Aldor hatte sie natürlich benachrichtigen lassen. Sie wußte nicht warum...das erfuhren wir erst später. Sangara schloß sich uns wenig später an, Aldor steuerte abwärts, wo einmal mehr die kleine Fähre lag. Aha, Delios...na, da würden die Gäste aber staunen.

Aldor machte sich einen Spaß daraus, dicht an den Feuerfontänen entlang zu fahren. Langsam, und dabei erklärte er wie man Meter für Meter Land trocken gelegt hatte, daß etliche Städte lange unter Wasser gelegen hatten, andere aufgegeben worden waren “da drüben, Kavothrakis. Da liegt unsere kriegrische Vergangenheit in Trümmern.” - “das bauen Sie nicht wieder auf?” Aldor lachte “das fehlte noch. Auf keinen Fall. Ganz im Gegenteil, wir nehmen die Reste auseinander und verbauen, was noch gut ist, woanders. Bald wird nichts mehr vom Kriegshafen zu sehen sein.” - “Und wo fahren wir jetzt hin?” wollte der Italiener wissen “Deliartis. Die Stadt die wir erst im letzten Jahr wiederbesiedelt haben.  Damit Sie einen Begriff davon bekommen, wie tief manche Wurzeln sind.” - “Sagten Sie nicht, Vanartis wäre der älteste Ort hier?” - “Stimmt ja auch. Aber Deliartis lag seit dem Unglück unbewohnt da, nichts hat sich dort verändert - ganz anders in Vanartis. Wir reisen gerade in das, was man bei Ihnen “Jungsteinzeit” nennt und für eine Zeit hält, in der die Menschen Lehmhütten bewohnten. Das stimmt aber nicht. Jedenfalls nicht bei uns.”

Das beendete das Gespräch. Ich sah mir die mächtigen Herren genau an - jeder reagierte anders.  Da gab es spöttisches Grinsen, und ehrfürchtiges Nachdenken, gespannte Erwartung und eine Haltung namens “was der schon erzählt” ebenso wie große Ruhe, und genaue Blicke die die Umgebung abscannten. Delios, KraterseeMan sah ja nichts von einer Stadt. Aber allein der mächtige Berg der da vor uns aufwuchs, tat schon seine Wirkung. Dann wiederholte sich, was wir mit dem Rat erlebt hatten. Großes Erstaunen im Zugangstunnel, und fassungsloses Schweigen als Aldor die große Tür öffnete. Es war aber weder still noch einsam hier, es brummte nur so vom Leben. Aldor sagte gar nichts, wie wir alle. Langsam gingen wir durch das weite Rund, immer wieder stehen bleibend, weil man sich Details der Fassaden ansah oder Aldor bat, eine gemeißelte Inschrift zu übersetzen. Dann ging der König etwas schneller, öffnete eine besonders große Tür “meine Herren, es ist mir eine Freude - das nagelneue, uralte Gästehaus steht Ihnen zur Verfügung.”

Es war in der Tat ein ganz besonderes Haus. Wir erfuhren es erst jetzt, auch nach seiner Krönung hatte Aldor hier noch oft zum Meißel gegriffen um es bald fertig zu stellen. Vier Stockwerke waren in den Fels geschlagen worden, keines davon erst jetzt . Eine etwas verwaschene Zahl am Treppenaufgang zeigte “294” und Aldor erklärte, so viele Jahre seit Gründung der Stadt. “Und wann war das?” wollte Joschka wissen “soweit wir das sagen können, etwa zweitausenddreihundert Jahre vor Christus.” - “Also viertausend Jahre alt - gewiß mehrmals nachgearbeitet?” - ” Kaum, nur sauber gemacht in diesem Jahr - und etwas vorsichtig modernisiert, innen. Die Stadt wurde ja beim Unglück aufgegeben, vor dreitausendfünfhundert Jahren.” - Was denn, die Gemälde, die Fresken, die Figuren...original?” - “Aber ganz sicher. Wir haben nur Kleinigkeiten verändert. Also, die Fenster und Türen sind natürlich neu. Wir haben aber Reste der Originale gefunden, und diese nachgebaut - in Mélaneisen, nicht in Holz. Aber das war es auch schon fast. Sehen Sie hier herein...”

Ein Badezimmer, mit einem großen Becken, direkt aus dem Fels gemeißelt. Sehr warm, und ständig geflutet durch eine warme Quelle. “Die Warmwasseranlage haben Sie geschickt versteckt, nehme ich an?” - “Es gibt keine. Wir sind in einem Vulkan, und aus dem aufgemeißelten Fels fließen viele warme Quellen.” - “Und das war schon damals so?” - “Aber ja. Obwohl man das eigentlich nicht braucht; Sie sollten einmal im See baden. Der ist nämlich auch warm.” - “Sagenhaft. Und hier dürfen wir wohnen?” - “So lange Sie wollen. Machen wir es uns bequem?” Er öffnete eine Tür, trat hinaus auf einen breiten Balkon, wo bequeme Sessel bereit standen. Wieder trat Schweigen ein, alle sahen sich um und das dauerte lange. Dann hielt ich allerdings den Atem an...

Aldor beugte sich vor, sah einem Mitglied der französischen Gruppe tief in die Augen “Wie lange haben Sie noch zu leben, Monsieur?” fragte er leise und eindringlich. Dem Mann traten Tränen in die Augen “zwei Monate vielleicht. Woher wissen Sie das?” - “Ich sehe es eben. Ist es Ihnen recht so?” Der Mann lachte bitter “heute weniger als zuvor. So etwas zu sehen...ich könnte Monate hier verbringen, die ich nicht mehr habe.” - “Doch, doch...Jahre, viele Jahre. Alida?” - “Aber Aldor...du kannst doch nicht einfach...” - “Monsieur De Courville..einverstanden daß wir Ihnen etwas Zeit schenken?” Der Mann stammelte, schluckte, nickte “wenn Sie das können?” - “ich nicht. Alida hier kann...hoffentlich. Alida, versuch es bitte. “ Alida sah sich den Mann genau an, nahm seine Hand, sah ihm in die Augen “...aber das hätten Ihre Ärzte doch auch gekonnt. Warum...?” - “Zu spät bemerkt. Angeblich nichts mehr zu machen.” - “ja, das sieht nicht gut aus. Ich wollte, Rathurnida wäre hier.”

“Ja? Hat mich jemand gerufen?” Niemand hatte sie kommen gesehen. Da stand sie, und ich warf Aldor einen erstaunten Blick zu. “Später” sagte er “Erst mal was dringender ist.” Nun sah sich auch Rathurnida den Mann an, seufzte “hören Sie Monsieur, stärken Sie sich zuerst. Sie könnten mir bei der Kur abrutschen, wenn Sie so schwach sind. Warum essen Sie so wenig?” - “Die Angst...” er zitterte “ich bekomme nichts rein.” - “Auch bei uns nicht? Hat es Ihnen nicht geschmeckt?” - “Doch, schon...dieser Saft hilft wohl, habe ich das Gefühl.”  - “Ja, er stärkt enorm. Gehen Sie rein und trinken Sie sich den Bauch damit voll, und dann hauen Sie rein wie ein Holzfäller - compri?” - “Oui, Madame...können Sie wirklich noch etwas tun?” - “Sie werden wieder gesund. Aber so wie sie das zugelassen haben, rate ich Ihnen nach der Kur einiges zu tun um wieder zu Kräften zu kommen. Aber das später. Gehen Sie, essen Sie, und dann werden Sie ihre Plage los. Und keine Angst mehr. Ich schneide Sie nicht auf.”

Daniel de Courville ging ins Haus und Aldor strahlte. “Überraschung gelungen? Meine Herren, das ist Rathurnida, meine Vorgängerin.  Sie wollte nicht ganz aufhören etwas für das Land zu tun. Nun betreut sie eben das Gästehaus.” - “Bravo, Madame...” Die Herren standen auf und applaudierten. “Und Sie können den armen Teufel wirklich kurieren? Das wäre ein Wunder.” Der Außenminister Frankreichs sah sich um” aber wir sind ja von Wundern umgeben. Ich werde wieder an Gott glauben, wenn Ihnen das gelingt.” Rathurida sah ihn lange an, dann lächelte sie “das tun Sie doch ohnehin. Warum erst zugeben wenn er helfend eingreift? Sie können ihn jederzeit darum bitten.” - “Er hilft aber nicht immer.” - “manche Wünsche sind ja auch zu dämlich “ lachte Rathurnida und erntete erneut Applaus. Dann saßen wir wieder still da, eine eigenartige Stimmung kam auf. Leichte Dunstschleier legten sich auf den See, es wurde ruhiger unter uns. Die Boote legten allmählich alle an, und Aldor trat an die Brüstung, sprach mit einem Mann da unten “deckt den Leuchter bitte nur halb ab. Es wird spät werden bei uns.” Der Mann nickte, stieg in ein Boot und wenig später wurde es dämmrig, aber nicht dunkel. Daniel kam zurück.

“Es hat mir zum ersten Mal wieder richtig geschmeckt. Gehen wir es an?” Rathurnida ging zu ihm “Nehmen Sie Platz, ganz bequem sitzen bitte. Und so tief atmen wie es geht. Dann sehen Sie mir in die Augen...ganz ruhig. Alida, du weißt was du tun mußt?” - “ja.” Alida trat hinter den Mann, faßte seine Schultern, zog sie nach hinten. Wir alle hielten den Atem an...

Rathurnida kniete nur vor ihm, hielt seine Hände, sah ihn an - er erwiderte den Blick ruhig, es kam mir wie Stunden vor. dann, ganz ruhig und sehr leise, aber äußerst eindringlich, sagte Rathurnida “es ist nicht wahr. Es ist ganz anders. Du bist nicht schuld. ” Der Mann zuckte. “Du konntest es nicht ändern. Es war nur ein Unglück. Laß los. ”  Tränen flossen aus seinen Augen, aber er rührte sich nicht, sah sie mit weit aufgerissenen Augen an  “ Lebe weiter, Daniel.

Seine Augen schlossen sich, Alida und Rathurnida  lösten ihren Griff, atmeten durch. Daniel fing an, hemmungslos zu heulen...”aber was...eine Krankheit beseitigen, indem Sie ...ja, was? Eine Meinung in ihm ändern?”  Das war einer der Italiener. “Und das heilt ihn??” Rathurnida nickte “Daniel, darf ich es sagen?” - “ja...” schluchzte er “Er hat seine Frau verloren und sich die Schuld dafür gegeben. Sie ist aber einfach nur unvorsichtig gewesen, und verunglückt.  Dann wollte er nicht mehr leben..und sein Herz hat gehorcht, sich langsam aufgelöst.”Daniel, Sie haben nicht versucht ein anderes Herz zu bekommen, nicht wahr?”  - “nein...” - “Nun...ist auch nicht nötig. Spüren Sie das alte Ding wieder?” - “Und wie...es tut weh...”- “Ja, es ist sehr schwach. Sie müssen es neu trainieren. Arbeiten, Daniel...nicht am Schreibtisch - körperlich. Je härter, desto besser. Gehen Sie am besten gleich mal schwimmen, gleich hier im See. Das wird Ihnen gut tun. Ach, ja...und noch eins. Sie werden sich wiedersehen.” - “Wirklich?” - “ja - allerdings nun nicht so  wie Sie es vorhatten. Das wäre Ihrer Eve auch gar nicht recht - leben Sie, Menschenskind! Noch recht lange, und alles Gute - ab ins Wasser.”

Er stand auf, umarmte sie und ging.

Ich nehme an, ich sah es zuerst. Aber bald folgten alle Blicke meinem, zum Ende des Balkons. Dort, vor dem Schimmern des Sees, stand eine Frau. Ich kannte sie nicht, sie war auch nicht in hiesiger Kleidung; und etwas sagte mir, versuche nicht, sie anzusprechen. Sie sah zum See hinunter, wo Daniel ins Wasser stieg  - in ihren Augenwinkeln standen Tränen, sie folgte Daniel mit den Augen, sah nicht zu uns...es war totenstill, bis Rathurnida sehr leise sagte “danke, Eve.” da traf der Blick der Unbekannten auf Rathurnida, sie nickte leicht. Dann ging sie ins Haus, Momente später stieg sie unten ins Wasser, folgte Daniel, der sich allmählich weiter vom Ufer weg wagte. “laßt die beiden in Ruhe” sagte Rathurnida zu uns.....

Natürlich ging es nun nicht mehr um “irdische” Themen. Diese Demonstration von Fähigkeiten die auch hier selten sind, hatte alle dermaßen verblüfft, daß es nun sehr leise zuging und natürlich um Religion. “Ich glaube ja nicht an einen alten Herrn da oben” sagte Joschka, aber nur die Worte waren schnodderig, sein Ton absolut nicht. “Aber das konnten Sie doch gar nicht wissen. Wenn Sie mir das erklären können, werfe ich mich hier und sofort in den Staub.” - “Erkennen Sie daß hier eben ein Wunder passiert ist? Sie haben völlig recht, ich konnte das nicht wissen. Das wußten nur Daniel und Gott. Aber ich glaube nicht daß Gott Sie im Staub sehen will. Es wird sicher genügen daß sie es begriffen haben - und das haben sie doch.” - “Ja, das habe ich...und kann’s doch nicht glauben.” - “Sehen Sie Daniel und Eve da unten schwimmen? Was gibt’s da noch zu zweifeln? Seien Sie doch nicht bockig, das wäre schade.”Er nickte still und sah auf den See hinaus “wir brauchen viele Wunder. Sehr viele. Werden sie auch geschehen?” - “Ja - eines nach dem Anderen.  Wenn wir unseren Teil dazu tun.” Damit zog sich Rathurnida wieder etwas zurück, nach einer langen Pause wandte sich Joschka an Aldor.

“Dieses Land könnte wohl einiges dazu tun, damit diese Wunder geschehen. Was hat Avalonia für Pläne, was die Welt angeht? Ich meine, über Nothilfe hinaus?” - “Langsam, langsam. Wir haben gerade mal den Fuß in die Tür gesetzt. Im Moment geht es doch eher darum, da oben anerkannt zu werden.” - “Was uns angeht...nicht mehr. Was wir heute erlebt haben, und gerade eben - mehr als genug. Ich will nach diesem Erlebnis nicht von diplomatischem Kleinkram anfangen, das regeln wir morgen. Ich glaube, wir alle würden gern hören was man hier von uns da oben denkt, und ob es vielleicht Anstöße von hier aus geben könnte?”

Aldor wiegte den Kopf bedächtig, Sangara sprach aus, was er dachte. “Die furchtbaren Waffen machen uns Sorgen. Gäbe es die nicht, schon Rathurnidas Vorgänger hätte die Tür zur Welt geöffnet. Wir haben ja auch solche Horrorwerkzeuge - Sie haben es ja gesehen, aber im Museum. Wenn wir etwas anregen würden, dann das. Weg mit dem Zeug, würden wir gern laut herumbrüllen, seid ihr denn wahnsinnig....oh...verzeihen Sie, ich habe mich etwas gehen lassen.”- “Nein, ist schon richtig so. Ich bin froh wenn das so klar gesagt wird. Das ist eines der Wunder, auf die ich hoffe. Was ich nicht begreife - helfen Sie mir bitte - wie war das nur möglich, daß Avalonia diesen Schritt schon vor so langer Zeit getan hat? Bei uns ist der Gedanke noch nicht alt. Und die Schritte in der richtigen Richtung klein.  Wie kam es denn hier dazu?” - “Möchten Sie eine alte Sage hören? Eine genaue Aufzeichnung gibt es leider nicht.”

“Bitte, ja, wenn es hilft und wir vielleicht etwas davon lernen können..?” Alle Köpfe nickten, alle hörten still zu als Sangara, manchmal ergänzt von Aldor, von Elévra und Vanghedor erzählte. Dann trat eine lange Stille ein. “Zu uns kam ja Jesus...” sagte jemand mit einem harten italienischen Akzent “aber wir haben zweitausend Jahre gebraucht ihn zu verstehen. Aber sagen Sie...seltsame Parallele...nun gibt es ja wieder ein Königspaar - Sie beide. Ist das hier normal ?” Sangara schüttelte den Kopf. “Nein, nicht oft. Vanghedor hat es damals eingeführt, und für meinen Mann ist er auch ein Vorbild. Alida hat mich schon Elévra genannt...aber es steht ja wohl keine Zeitenwende an, wie damals.” - “Oh doch...vielleicht nicht hier, wenn der Schritt in die Welt zurück nicht auch so etwas bedeutet. Bei uns schon, unbedingt...”

So ging das, allmählich gingen die Gedanken der Runde nach oben, wo über dem dunkelblauen Himmel noch ein Himmel ist, der Atomexplosionen gesehen hatte und unter dem noch immer, wenn auch geschickt verborgen, tödliche Raketen auf ihren Einsatz lauerten. Alidas Augen suchten meine, und wir unterhielten uns auch, wortlos. Und da geschah es. Plötzlich kam mir meine journalistische Tätigkeit lächerlich vor, ungenügend angesichts dessen was vor uns lag und unbedingt getan werden mußte. Ich achtete nicht mehr auf das sehr interessante Gespräch, überlegte was für eine Wende ich denn noch machen könnte, bevor das Alter mir die Möglichkeit dazu nehmen würde. Meine Frau sah was in mir vorging, sagte kein Wort, aber ihre Zustimmung spürte ich deutlich.

Wir saßen noch da als sich die Runde allmählich auflöste und in die makellosen Zimmer zurück zog, Sangara, Rathurnida, Aldor, Alida und ich. Schließlich sagte Aldor ganz ruhig “das solltest du tun, Norman. Wir haben uns schon gefragt wann du darauf kommst. Beides...”

Ich sagte zu. Schon am nächsten Tag war ich kein Journalist mehr. Erst fing ich an, von Alida zu lernen wie man heilt, einige Monate später führte Rathurnida das fort. Ich fand schnell heraus daß es nicht schwer ist wenn man es wirklich will; und nur eines hat mich noch mehr fasziniert als die Heilkunst, damit beginne ich jetzt. Ich besuche Länder, zu denen wir Kontakte aufnehmen möchten und versuche das zu bewirken, bin so etwas wie ein reisender Bote Avalonias geworden, der aber immer wieder heim kommt um weiter zu lernen.

Und deshalb habe ich die Feder weggelegt, oder die Tastatur verstauben lassen. Ich habe keine Zeit mehr dafür.  Wir wissen ja nicht wieviel Zeit uns bleibt , bis etwas wie die Flut damals über die Welt hinweg geht, und diesesmal werden keine kleinen Kristalle helfen, die Folgen abzumildern. Später werden sich sicher genügend Leute finden, die dann aufschreiben wie genau das verlaufen ist. Heute geht es doch darum, daß es diese Leute überhaupt geben wird. Leute, die die Sage aufschreiben können deren Namen ich noch nicht kenne. 

Die Sage von der Umkehr der ganzen Welt.

Norman Weinstein

........hier endet die Erzählung. Die eigentliche Geschichte endet hoffentlich nie......

   Nebengeschichten: unmöglich...?
                                grosse Fahrt>>

Quellen zu den Themen dieser Seite

Vereinte Nationen (UN) , UNICEF, UNESCO ; Kuba