Wieder auf der Saskia

Susanne war kribbelig bis wir beim Schiff waren. Ich hatte die Saskia inzwischen auf einer Werft durchchecken lassen, wir konnten kurz entschlossen aufbrechen. Bei schönstem Sommerwetter tuckerten wir die Elbe hinunter, und ab auf die Nordsee. Die war ebenfalls freundlich, vom ersten Tag an hatten wir eine großartige Zeit.  Alida und Susanne steckten oft die Köpfe zusammen und kamen sich auch näher, so ungestört wie wir hier waren; und ich hatte Zeit sie in Ruhe zu beobachten. Zwischen ihnen lief das wirklich ganz anders als bei Alida und mir; keine Spur von Verliebtheit oder gar mehr - aber große Zärtlichkeit und tiefe Freundschaft, das schon - aber mein Begriff “Schmusekatze” war völlig verfehlt gewesen. Bei aller Nähe, es war wie ein tagelanges Gespräch, unterbrochen von warmen Nächten, fortgesetzt beim Frühstück, und schließlich war ja auch Susanne Journalistin. Sie verglichen ihre beiden Kulturen, Sanne setzte ihre ganze Analytik ein und ich mußte oft grinsen weil sie bei all  der Fragerei dennoch vieles nicht verstand. Nun, wir fuhren ja hin wo ihre Fragen Antworten finden würden.  Wir waren auf dem Atlantik, etwa bei der Biskaya und es wurde wärmer. Die Frauen sonnten sich auf Deck, und ich legte mich still zu ihnen, wartete ab  bis sie sich rührten und Susannes Wuschelkopf hoch kam...

“Nun, Susanne? Magst du die Reise?” - “Richtig gut, ja. diese Ruhe hier draußen tut mir gut.” - “Ja, Horizont und sonst nichts. Sag mal, was ist aus deinem Freund geworden? Kein bißchen Bedauern?” Sie schüttelte den Kopf. “Was für eine Frage...also, den Martin, den kannst du vergessen. Nein, ich möchte einen Partner der mir nicht genau sagt wie er mich haben will, und das ist nicht Martin, definitiv nicht. Du, ich bin auch anspruchsvoller geworden. Wenn es nicht Liebe ist, wenn ich nicht komplett verrückt werde ohne ihn, dann nicht. Ich beobachte euch genau...so wie ihr seid, so möchte ich leben. Ganz offen und ehrlich, und ohne sich gegenseitig einzuengen...aber auch dermaßen verliebt, daß es keine andere Möglichkeit gibt. Ist vielleicht viel verlangt, aber darunter tu ich es nicht mehr.” - “ist es nicht” sagte Alida und kam ebenfalls hoch “ich erlebe es zum zweiten Mal. Unmöglich, hätte ich noch vor kurzem gedacht. So kann man sich irren.. Nein, bleib dabei. Wenn du dran glaubst, wird es auch wahr werden.” - “Mach ich auch. Warum fragst du nach, Norman?” - “ich habe mich nur gewundert - schon zum zweiten Mal - wie jemand einfach so, von einem Moment auf den anderen, sein bisheriges Leben aufgeben kann. Ich habe Monate gebraucht, mich so zu entscheiden.” - “Du wrast damit wohl zufriedener als ich, oder hast nicht drüber nachgedacht...” - “Mir fehlte vielleicht die Zeit zum nachdenken...”

Die Tage vergingen also weiter mit sonnenbaden, ruhigen Gesprächen und vielen zärtlichen Stunden. Alida fand allmählich Gefallen am langsamen Gang der Saskia, aber richtig gefiel es ihr erst als wir in Sichtweite der südamerikanischen Küste fuhren, Vögel über uns und Delfine vor uns hatten, und gelegentlich am Strand anlegten um für einen Nachmittag festen Boden unter uns zu haben. Ich tuckerte auch kurz in die Flußmündung zu Malcolms “oberer” Behausung, aber dort war niemand, wir fuhren bald weiter. Susanne machte sich auch gut auf dem Schiff, angelte gern und erfolgreich, und nahm auch öfter das Steuer. Wir beschleunigten die Fahrt in keinster Weise, und doch kam es mir kurz vor, als die Steilküste von Adarnia vor uns auftauchte. Dann wurde es doch ein wenig kompliziert, wir verbargen die Saskia in der bekannten Höhle, packten den kleinen Gleiter aus, warteten die Dunkelheit ab und fuhren dann zum neuen Eingang von Avalonia. Susanne wurde ganz still, staunte wie ein Kind als wir tauchten und in der Höhle hochkamen..von dort bis in die Kristallwelt sagte sie kein einziges Wort. Es ging schnell, wir wurden kurz von den Wächtern kontrolliert und konnten dann selbst durch den Tunnel fahren, verließen die Kristallwelt auch sofort wieder..und landeten in einer kleinen, schattigen Bucht um für die nächsten Stunden nur Fragen zu beantworten, die Susanne stellte. Ich kannte das ja schon, aber es gefiel mir ausgezeichnet, meine vergangene Verwunderung bei Susanne zu erleben. Dann ging es weiter nach Atlantis, und in unsere Wohnung. Wir machten Essen, räumten etwas herum...Susanne stand nur am Fenster und sah hinaus, erstaunt, still und wie verzaubert.

Natürlich hatte sie dann Bedenken die landestypische Kleidung zu tragen, lief dreimal durch die Wohnung und ließ sich nur mühsam erklären, wo alle so rumlaufen, da mußt du auch keine Sache draus machen. Dann fragte sie sich wie man sich eine Lampe auf einem Vulkan erklären soll...das Programm für die nächsten Tage war klar.

Sir Malcolm of Deventer

Nach dem Essen gingen wir mit Susanne durch die Stadt, zeigten ihr dies und jenes und warteten darauf daß sie wieder zu sich käme. “Ich brauche was zum trinken” sagte sie schließlich “..und kneif mich mal, ich muß träumen.” Poseidons Faß wartete schon auf uns, und auch Vahrsonia. Die sprudelte über von Neuigkeiten, erzählte viel zu viel und zu schnell um es zu begreifen, ich verstand nur eines, Malcolm hatte es geschafft. Sein Schiff fuhr, tauchte und konnte viel Ladung aufnehmen, war ganz aus Holz...und Malcolm mal hier, mal dort “hektisch, unruhig, ständig unterwegs..kaum wieder zu erkennen.” - “Gefällt’s dir?” - “Sehr. Er ist super-gut drauf, flucht kaum noch und brennt darauf die erste Fahrt zu machen.” - “Wo hängt es noch?” - “Die Beratung. Rathurnida besteht darauf daß er sich der Beratung stellt, und das liegt dem alten Bär gar nicht. Er würde lieber einfach losfahren...” - “Kann er doch bald. Oder meinst du, es könnte kritisch werden?” - “Wohl kaum. Rathurnida ist dafür, und wir haben mächtig geworben für seine Idee. Nein, das läuft wohl glatt.”  - “Was läuft glatt?” Malcolm war gekommen, ich hatte ihn nicht bemerkt und erkannte ihn kaum wieder. Sein Rauschebart war gestutzt, der Bierbauch verschwunden, der ganze Kerl schlanker - er sah wesentlich jünger aus, und auch zufriedener.

Er setzte sich zu uns, begrüßte die ihm noch unbekannte Susanne herzlich und orderte Cualarin. Dann hörte er zu was Vahrsonia zu berichten hatte und verzog das Gesicht. “So, also morgen früh. Na, das wird was werden...Neubürger bin ich ja inzwischen, aber davor habe ich Bammel. Vor dem ganzen Volk reden...und Zustimmung bekommen, ich wollte es wäre schon vorbei.” damit war er am Tisch aber ganz allein, bis auf Susanne, die nicht so recht wußte worum es ging. Schließlich erzählte er wie sie das Schiff gebaut hatten, wie die Steuerung funktionierte und wie groß die Laderäume wären, war wieder in seinem Element und fühlte sich wohl. Etwas später gingen wir zusammen am Strand entlang, wechselten uns ab bei Susannes vielen Fragen, und gingen spät heim - und sofort schlafen.

Es war laut draußen. Ich wälzte mich einige Male hin und her, nein, schlafen war nicht mehr drin. Ich sah hinaus, der Platz füllte sich mit Leuten, es mußte schon bald Mittag sein. Alida wachte auch gerade auf, Susanne mußten wir wecken. Zum frühstücken war es zu spät, die Beratung wollten wir nicht verpassen . Also standen wir bald darauf in der wachsenden Menge vor der Palasttreppe, sahen Malcolm und Vahrsonia dort, konnten sie aber nicht erreichen - zu voll. “Zumindestens kommen wohl alle” sagte Alida “ein gutes Zeichen. Da, es geht los - Rathurnida.” Die Königin erschien auf einem Balkon über den vielen Türen, sah sich um, wartete ab. Es wurde ruhiger, schließlich völlig still. Die Schreiber kamen aus dem Palast und stellten sich oben an der Treppe auf. Rathurnida breitete die Arme aus “Willkommen, Bürger. Schön, daß ihr alle gekommen seid. Es gibt heute nur einen Punkt zu beraten, aber der ist sehr wichtig. Malcolm of Deventer wird gleich dazu sprechen, ich möchte nur eines dazu sagen: der Palast befürwortet seinen Vorschlag. Wir meinen, es ist Zeit daß Avalonia sein Gewicht in die Waagschale wirft, und zwar um gegen den Hunger auf der Welt über uns vorzugehen. Aber nun hört bitte Malcolm an, er wird euch erklären was er tun will. Malcolm, sprechen sie bitte.”

Malcolm ging langsam die Treppe hinauf, grüßte Rathurnida, verbeugte sich vor der Menschenmasse. “Ja, also...verzeiht, ich bin es nicht gewohnt zu so vielen zu sprechen. Wir haben ein Schiff gebaut, ein großes Schiff, das tauchen kann. Damit können wir Nahrung die wir hier zuviel haben, nach Afrika bringen und dort den Hunger bekämpfen. Dann können wir auch Kinder aus den Hungergebieten hierher bringen, sie gesund machen und auf die Schule schicken. Sie später wieder in ihre Heimat bringen und ihnen helfen, dort etwas aufzubauen. Landwirtschaft, zum Beispiel. Ja, und wir haben dafür gesorgt, daß niemand unser Schiff verfolgen kann, Avalonias Geheimnis bleibt also gewahrt - ich bitte euch um die Zustimmung, dieses wunderbare Land ein wenig näher an die obere Welt zu bringen.”

Schweigen. Malcolm schwieg auch, es erhob sich auch kein Widerspruch. Rathurnida breitete erneut die Arme aus “ich bitte alle die seinen Vorschlag unterstützen, auf die Treppe zu treten.” Vahrsonia trat sofort vor, ging zu Malcolm. Alida sagte nur “komm schon” und drängte sich durch die Menge.   Wir gingen auch zu ihm hinauf. Dann, ein Raunen, Rathurnida kam aus einer der Türen und stellte sich zu Malcolm. Leliador, Yanerdia, Emeraldia, allmählich kamen sie alle. Dann auch viele die ich nicht kannte, die Treppe füllte sich etwa halb. Erneut bat Rathurnida um Ruhe “also, das ist kein ja und kein nein. Wenn es Widerspruch gibt, so sagt es. Ansonsten erwarte ich euch alle hier auf der Treppe.”

“Ja, ich möchte widersprechen.” Ein großer bärtiger Mann mitten in der Menge hob die Hand “Mergador, aus Mirarthris. Ich spreche für etwa hundert Freunde. Malcolm, wie habt ihr den neuen Eingang abgesichert, und könnt ihr garantieren daß die Briten nicht hier eindringen werden? Wir stimmen nur zu, wenn das gesichert ist.” Malcolm war sichtlich verlegen, Vahrsonia trat vor. “Mergador, er ist besser abgesichert als der Alte. Doppeltore, eine geflutete Höhle davor und eine Möglichkeit ihn mit einer Sandmechanik endgültig zu verschließen. Du kannst ihn jederzeit besichtigen, er ist weitaus besser als das Bergwerk.” - “Wer verbürgt sich dafür?” - “Ich.” Rathurnida trat vor “Ich und die Baumeister der Kristallwelt. Er ist sicher, Mergador. So sicher wie du ein Angsthase bist.” Gelächter, auch Mergador lachte mit. “Dann bin ich dabei. Rathurnida, auch Angsthasen sind Bürger.” Er betrat die Treppe, eine beträchtliche Menge folgte ihm.  “Ich möchte auch widersprechen.” Eine Frau trat vor, und etliche Leute scharten sich hinter ihr. “Sonaldira, Vanartis, und etwa dreihundert mehr.” - “Sprich , Sonaldira.”

“Es ist ein ungeschriebenes Gesetz seit dem Unglück, ja schon davor, daß wir uns nicht einmischen. Mir wurde berichtet daß Malcolm die unheilvolle Technik von der Xanthor verwenden will. Die Xanthor, mein Gott. Ein böser Geist aus bösen Zeiten. Das bringt Unglück, Malcolm, nimm bitte Stellung dazu. Stimmt das?” Malcolm trat vor, war rot im Gesicht, wohl zornig. “Aber Sonaldira...bist du abergläubisch? Ungeschriebene Gesetze gibt es nicht, kein Mensch muß sie beachten. Zu deinem Vorwurf: ja, wir verwenden eine Technik der Xanthor, aber eine gute. Nicht die Lichtlkanonen, nicht den Mélanantrieb. Nur den Lichtsammler! Um unter Wasser zu sehen wo wir sind. Wir wollten keine Technik von denen da oben verwenden um nicht entdeckt zu werden, und der Lichtsammler ist großartig. Ich schwöre dir und deinen Freunden, das ist kein böser Geist - wenn es sowas überhaupt gibt. Es ist eine großartige Leistung der Kristallwelt, der es gelungen ist das Rätsel zu lösen und einen neuen Lichtsammler zu bauen. Ihr könnt ihn bald auf euren Schiffen haben, und glaub mir, ihr werdet ihn lieben. Klare Sicht auch bei Dunkelheit und Nebel...und keine Gefahr mehr einen Unfall zu haben. Nein, deine Sorgen sind unbegründet und ihr könnt das Schiff nach der Beratung natürlich besichtigen. Komm zu uns, Sonaldira.” Er trat zurück, schnaufte und hatte meine Bewunderung. Er hatte perfekt geantwortet...unten auf dem Platz wurde heftig diskutiert, Rathurnida wartete ab, und richtig, Sonaldira und ihre Gruppe kamen auf die Treppe. Jetzt sah es nach einer Mehrheit aus, aber es standen noch immer viele unschlüssig auf dem Platz.

“Was haben wir davon?” hörten wir eine Stimme, sahen aber nicht wer sprach. Rathurnida gebot erneut Stille “wer hat eben gerufen? Vortreten, Namen nennen , sprechen. Ihr wißt doch wie das geht. Also...?” Ein alter Mann trat vor. “Tanerdor, Ostlande. Ich spreche nur für mich, oder für die die schweigen. Was Afrika davon hätte, wissen wir. Eine Sache ist nur gut wenn beide Seiten was davon haben, nicht wahr? Also, was nutzt es uns?” Malcolm stutzte, Vahrsonia auch. Alida trat vor “Na, hör mal, wirfst du gern gute Fische weg weil du zuviel hast, Tanerdor? Du kannst mit ihnen Leben retten, das müßte dir genügen.” Malcolm umarmte sie sofort “mit so einem Einwand habe ich nicht gerechnet. Danke.” Tanerdor bekam inzwischen die Antwort von den anderen unten auf dem Platz, sie pfiffen ihn aus.  Langsam kam er auf die Treppe, und hinter ihm kam die Menge in Bewegung. Es blieben nur wenige auf dem Platz stehen, und die sahen sich erstaunt um, nach und nach kamen noch einige von ihnen nach. Rathurnida trat vor.

“So, es sieht so aus als hätten wir dem Vorschlag von Malcolm zugestimmt. Also, wer dafür ist applaudiert jetzt, und wenn ich noch einen Widerspruch höre, sind das zuwenige.” Der Applaus war sehr laut, und beim besten Willen, es war kein Widerspruch zu hören. Ich sah auch hinunter, die wenigen auf dem Platz standen still, niemand sagte etwas. Die Schreiber notierten wohl das Ergebnis, gingen durch die Reihen, zählten die Leute auf der Treppe. Dann gaben sie Rathurnida ein Zeichen, sie trat erneut vor, es wurde wieder still.  “Also, Bürger, die Mehrheit ist eindeutig, ich danke euch. Malcolm of Deventer, sie haben das Recht ihren Dienst zu starten, und die Pflicht, sich jetzt feiern zu lassen.”  Damit ging sie ab, und Malcolm wurde auf Schultern gehievt, die Treppe hinunter getragen und dann mitsamt der Menge zum Hafen, wo sein neues Schiff lag. Dort hatte er jetzt eine Pflicht die Stunden in Anspruch nahm, viele wollten das Schiff besichtigen und ihm auf die Schulter klopfen. Bald standen Vahrsonia, Susanne, Emaraldia und ich mit den Schreibern auf der leeren Treppe, Rathurnida öffnete eine Tür halb und winkte uns herein. Sie umarmte Vahrsonia lange, und küßte sie noch länger...Susanne fielen fast die Augen raus . Dann bat sie uns alle an einen Tisch. Rathurnida begrüßte Susanne (wesentlich zurückhaltender) und ließ dann Gläser bringen. “Also, ihr habt das ja ausgeheckt - Malcolm ist beschäftigt, also sage ich euch das. Malcolm wollte bei den Bauern und Fischern Überschüsse sammeln, ich sage nun, er bekommt die Überschüsse aus den Lagerhäusern. Wir haben schon allen Bescheid gegeben, sie sollen ihre Überschüsse nicht selbst wegwerfen, sondern in die Lagerhäuser geben. So kann er Arbeit sparen und fahren, das ist sein Gebiet - und er kann auch mehr Ware bekommen. Und weil es um Malcolm geht , feiern wir das mal wie die Engländer - Cheers.” Sie trank, wir tranken, es war tatsächlich Wein. Dann ging sie die Treppen hinauf und verschwand. Vahrsonia strahlte, Susanne war sichtlich fertig. “Du küßt einfach eine Königin..und wie....ja, kannst du etwa auch noch mit ihr schlafen oder was???” Vahrsonia lachte lange “Woher soll ich das wissen, ich habe es nicht versucht. Susanne, was denkst du denn, Rathurnida ist kein Gott, sie ist ein Mensch wie wir. Außerdem kannten wir uns schon gut, da war sie noch Lehrerin. Dann haben wir bei diesem Projekt eng zusammen gearbeitet...sie ist erleichtert, ich bin erleichtert. Du mußt nicht immer gleich an Sex denken, wenn wir uns küssen - wir tun das nicht so oft. Vor Freude...kennst du das nicht?”

Susanne nickte “ja, schon. Es stört mich auch nicht..ich war nur so verwundert, weil ich an die englische Queen denken mußte.” - “Die hätte ich nicht geküßt” lachte Vahrsonia “keine Sekunde.” Klar, was jetzt kommen mußte. Alida und Vahrsonia nahmen Susanne in die Mitte und zogen mit ihr ab, es gab wohl eine volle Ladung Einführung für Anfänger. Ich ging runter zum Hafen und reihte mich in die Schlange vor Malcolms Schiff ein.

Ich mußte lange warten bis ich dran war, dafür bekam ich alles sehr gründlich gezeigt. Am Lichtsammler blieben wir stehen, Malcolm war erschöpft und heiser , er winkte jemand herbei den ich nicht kannte “Pinador, übernimm du jetzt. Ich kann nicht mehr, und muß auch mit einem Freund reden.” Pinador ging, Malcolm setzte sich. “Uff, also wirklich, das ist anstrengend. Immerhin, wir haben das okay. Ich hätte es nicht geglaubt... “ - “Unsinn. Du hast das Schiff gebaut, doch nicht, um nicht damit zu fahren.” - “Stimmt schon, aber ich hatte Bammel vor der Beratung. Nun gut..was hältst du davon? Klein, für obere Verhältnisse?” - “Schon, für hier ist es groß. Es ist ein Anfang. Sag mal, ging das so einfach mit dem Lichtsammler? Emeraldia sagte, es wäre eine komplizierte Technik.” - “Oh ja, das ist es. An die hundert ‘Augen’ außen am Schiff, alles geschliffene Kristalle, lange Röhren, innen vergoldet. Und dieser Riesenkristall...die haben bald sechzig Güsse in den Sand gesetzt bis einer gelungen ist.” - “Und jetzt? Stimmt das, man kann jetzt einfach so produzieren?” - “Sie sind schon dabei. Na, jeder zweite Guß gelingt inzwischen, es ist noch nicht perfekt. Wird aber. Du, wir sind schon getaucht - es ist besser als Sonar, Radar...und hilft auch nachts, über Wasser. Ist wirklich gelungen, der Kahn. Nächste Woche geht es los..willst du mitfahren?” - “Nein danke. Wir sind gerade erst angekommen. Wie geht es Lorna?” - “Oh, Lorna. Na, prächtig, denke ich. Sie lebt jetzt in den Ostlanden mit ihrem Viehzüchter...” - “Sie hat einen Mann gefunden?” - “und was für einen. Miguel Rodriguez, ein Mexikaner, Neubürger wie sie. Züchtet Rinder in... wie heißt das doch....Zingoris. Das ging ganz schnell, so drei Wochen nachdem ihr abgereist wart, haben sie sich kennen gelernt. Vor ein paar Wochen dann das Versprechen - und weg ist sie. Na, sie war lange genug allein. Ist richtig glücklich, soweit ich das beurteilen kann.”

“Du, Malcolm...du hast nicht ein einziges Mal geflucht.” - “Ach..vermißt du etwas? Fluchen verdunkelt die Seele. Ich habe wohl endlich was von Vahrsonia gelernt, denke ich. Wir leben jetzt zusammen, Norman, du hast einen glücklichen Mann vor dir. Ich scheiße auf die englischen Frauen..da, nun hätte ich beinahe doch geflucht, aber ehrlich, hier verstehen sie zu leben, da oben können sie nur klug drüber reden.  Ich hoffe, wir können außer gutem Futter auch ein bißchen Lebensart exportieren. Vahrsonia will mitfahren...” - “Alida begleitet mich auch fast immer.” - “Ja, du..mit Alida hast du wirklich den Vogel abgeschossen, oder den Engel. Das hat mir auch den letzten Stoß gegeben, mich an Vahrsonia zu verschenken. Und, Norman? Glücklich?” - “Das kannst du laut sagen. Ich lobe den Tag an dem mein Motor gestreikt hat, dicht bei deiner Hütte.” - “Das hast du schön gesagt. Komm, gehen wir einen trinken. Ich weiß übrigens gar nicht ob ich die dreckige Bude überhaupt wiedersehen will.”

Neue und Alte Dinge

Poseidons Faß war übervoll. Viele waren wohl nach Atlantis gekommen um an der Beratung teilzunehmen, und hatten sich dann einen schönen Tag gemacht. Der verdämmerte nun langsam, wir mußten lange warten bis wir Wein bekamen.  Wein und Cualarin, und Malcolm mischte das. Es schmeckte ungewohnt, aber nicht übel; und war echt gut gegen den Durst. Es brummte nur so um uns herum, und öfter kam jemand an unseren Tisch um Malcolm etwas zu fragen; es ging immer um die neue Schiffahrtslinie. “ich könnte schon zehn Schiffe fahren lassen, so viele Leute wollen mitarbeiten” sagte er schließlich, nahm einen Zettel, schrieb etwas darauf, faltete ihn und stellte ihn auf unseren Tisch. “Vanar calimbor”(“Heute nicht mehr”) stand darauf, und so mancher der später an den Tisch kam, grinste und ging wieder.  Schließlich kamen Alida, Susanne und Vahrsonia auch. Susannes Augen strahlten, ich mußte nicht fragen, es gefiel ihr sehr hier. Alida war eher ein bißchen müde, Vahrsonia mußte Malcolm noch von Rathurnidas Mitteilung erzählen...ich schlug schließlich vor, uns rüber zu dem vorzüglichen Fischlokal zu verziehen, es wurde mir einfach zu laut im ‘Faß’.

Dort war es zwar auch gut voll, aber nicht so laut. Das Essen war gewohnt sagenhaft, der Wein gut und der Abend schön warm, und dann kam auch noch der Wirt an und bedankte sich für unseren Tip, Cracker zum Wein zu servieren “ich hatte früher kaum Gäste die Wein wollten. Die sind immer ins Faß gegangen.. .jetzt habe ich schon zwei Fässer im Keller, und zwei Bauern die mich beliefern. Vielen Dank.” Wir ließen es uns gut gehen, auch Malcolm war endlich mal entspannt. “Nur eines macht mir noch Sorgen, wenn wir nächste Woche Kinder mitbringen. Alida, hat Rathurnida etwas gesagt, ob das neue Kinderhaus rechtzeitig fertig wird?” - “Kinderhaus? nein, kein Wort. Wolltet ihr nicht Adoptionen machen?” - “Ja, das war meine Idee. Vahrsonia meinte, das wäre unklug - Patenschaften, sagt sie, denn die Kinder sollen ja groß werden und dann wieder heim gehen. Ja, und Rathurnida wollte dann ein Kinderhaus bauen lassen. In der neuen Stadt...Demiarthris, nicht, Vahrsonia?” - “Demipartis. Ja, dann sollten wir noch mal bei ihr reinschauen.”

Susanne schüttelte schon wieder den Kopf “mal eben bei Königs vorbeigehen? Geht das so einfach?” Malcolm nickte “wenn es ihr zu spät ist, muß sie ja nicht aufmachen.” Wir brachen auf, und schlenderten zum Palast hinüber. Die große Treppe war völlig leer, auch auf der Terasse niemand, aber alle Fenster noch hell. Wir gingen rein, ein Schreiber war noch an seinem Tisch. “Rathurnida ist oben” sagte er sofort “sie hat sich schon gefragt ob du gar nicht kommst, Malcolm. Geht rauf, sie erwartet euch.”

“Ich glaube ich spinne” meinte Susanne “das geht ja wirklich.” - “Krieg dich ein, Sanne” Alida ging vor “es ist nicht die englische Queen. Es ist Rathurnida, und du wirst sie mögen. Jeder mag sie. Du wirst sehen.” Susanne bestaunte schon die klassisch schöne Innengestaltung des Palastes, die vielen Türen, Skulpturen...Alida stieß eine Tür auf, drinnen ein großer Tisch, Papiere, und Rathurnida darüber gebeugt. “Oh, Alida, Malcolm. Endlich.” Sie kam auf uns zu, umarmte Alida, umarmte Malcolm “Setzt euch zu mir. Das Kinderhaus, Malcolm, stimmt’s? Hier, sieh dir die Pläne an.” - “Ja gut, Pläne...wie weit ist es denn?” - “Na, fast fertig, denke ich. Morgen früh fahre ich hin, komm doch mit. Was für Leute wirst du herbringen..sind das Moslems, Christen, oder was?  Müssen wir eine Kirche haben, eine Moschee, einen Tempel? Du hast zu wenig erzählt.” - “Christen, und einige haben wohl Stammesgötter. Das ist doch nicht so wichtig, sie werden es uns schon sagen.” - “Nein, Malcolm. Sie sollen sich hier wohlfühlen. Jetzt hast du die Zustimmung, nun mußt du auch sagen was wir brauchen. Also, eine Kirche, nehme ich an.” - “Ja, und einen Versammlungsraum.” - “So wie eine Dorfhalle in deren Dörfern?” - “So ähnlich, aber kleiner. Für Rauchopfer und ähnlichen faulen Zauber.” - “Sprich nicht so, Malcolm. Die glauben daran wie du an Gott. Wenn du ihnen helfen willst, mußt du sie respektieren.” - “Tu ich doch -  würde ich mir sonst so viel Arbeit machen?” - “dann behalte deine Meinung über Voodoo und Stammeszauber für dich. Sie werden lernen, und selbst entscheiden können. Also, eine oben offene Halle?” - “Ein Holzbau, mit Schilf gedeckt, offene Wände. Und oben ein Rauchabzug.” - “Na also -geht doch.”

Rathurnida zeichnete flink eine Skizze auf ein Blatt “Holzboden? Lehmboden? Steinplatten?” - “Bretter.” - “Gut, Holz. Wie eine Kirche, Ost-West oder sowas?” - “Nein, egal. Du, wir fahren also morgen hin. Laß uns das vor Ort besprechen...ich kann doch nächste Woche fahren?” - “Ich wüßte nicht, warum nicht. Komm morgen gleich zum Frühstück, ja?” - “In Ordnung. Gut, gehen wir.” Vahrsonia und er standen auf, drückten Rathurnida kurz und gingen. Susanne saß mit offenem Mund da, ich war schon aufgestanden, aber Alida blieb sitzen. “kann ich noch was für euch tun?” fragte Rathurnida und sah Alida an. “Ja...sieh dir mal die Susanne an, die kippt gleich um vor Ehrfurcht. Sie kennt die britische Königin, und jetzt ...nun, du siehst ja selbst.” Susanne schloß zwar den Mund, sah aber noch immer aus als hätte sie einen Geist gesehen. Rathurnida lächelte “Soso, diese distanzierte alte Dame. Susanne, ich bin älter als Elizabeth.” - “Ja. .mag sein..aber viel netter..” - “Oh, danke. Was genau haut dich so um?” - “Du bist so normal, wie eine gute alte Freundin. Und eine ganz normale Frau...” Rathurnida lachte “Ja, was denn sonst? Das Volk kann entweder einen Mann oder eine Frau wählen. Mit allem was dran ist, Stärken, Macken...nun, sie haben eine alte, freundliche Lehrerin gewählt. Und das ist so..besonders?” - “ich weiß auch nicht. Ich habe das starke Gefühl dir ganz nahe sein zu wollen, bei unseren Royals da oben hatte ich eher das gegenteilige Gefühl.”

“Na, dann komm mal näher, Susanne.”  Die ging sehr zögerlich zu Rathurnida, und wurde sofort zärtlich geküßt. Dann wollte sie sich sofort zurückziehen, Rathurnida zog sie nur noch näher an sich “nein, nein..bleib...du küßt gut...überzeug dich, ich bin keine alte Hexe, die man fürchten muß..” Ich konnte es Susanne nachfühlen, wie unsicher sie war. Aber bald erwiderte sie Rathurnidas Küsse ebenso zärtlich wie sie gemeint waren...Rathurnida lächelte zu uns, behielt Susanne in der Umarmung “ihr könnt ruhig schon mal gehen. Susanne wird nachkommen.” Alida nickte, ich verbeugte mich kurz, wir gingen.

Zuhause dann staunte Alida lauter. “das ist irre. Kaum ist Susanne da, bekommt sie die Bestätigung für ihre Gefühle, von der höchsten möglichen Stelle. Die wird schweben wenn sie zurück kommt.” - “komm, das hast du doch gefingert  - ihr habt euch irgendwie verständigt.” - “ich schwöre, nein. Außerdem würdest du das längst mitbekommen. Nein, ich dachte, ein bißchen plaudern wird helfen; daß Susanne an was ganz anderes dachte, muß Rathurnida mitbekommen haben. Trotzdem, ich staune. Sie ist sonst nicht so direkt...obwohl Vahrsonia sagte, sie hätte es schon einmal erlebt. Ich jedenfalls nicht...na, warten wir ab wie Susanne zurück kommt.”

Susanne war auf Wolke sieben, als sie später ankam. Alida ging direkt auf sie zu “sag nur, du warst wirklich mit ihr zusammen.” - “Also...jetzt spinn nicht, dafür müßte ich mir Mut antrinken...ist sie wirklich älter als die Queen?” - “Sie ist über hundert, Sanne.” - “das gibt es doch nicht...und so eine attraktive Frau.” - “na, graue Haare hat sie schon.” - “Das ist aber auch alles. Sie sieht aus, und fühlt sich an, wie eine dreißigjährige.” - “So temperamentvoll?” - “Kann man sagen. Ist sie einsam, oder ist das normal, daß sie keine Distanz braucht?” - “nein, ihr Mann ist auch noch gut beisammen; und Distanz braucht sie schon - manchmal , kommt darauf an zu wem. An was hast du gedacht, Susanne? Als du sie betrachtet hast?” Susanne schmunzelte...”oh ja...nicht direkt, aber ihren Körper habe ich schon bewundert...in dem Alter.... Wow, ja, sie hat das mitbekommen. Daran muß ich mich gewöhnen, sozusagen öffentlich zu denken.” Alida lachte, schlug auf Susannes Schulter “gut, das war’s. Rathurnida ist eine ganz normale Frau, und du hast es kapiert. Oder etwa nicht?” - “Doch. Gehen wir schlafen...” ich hatte das Gefühl daß Susanne nicht einschlafen konnte, aber das war nicht mein Problem, ich konnte das noch denken und weg war ich.

Den nächsten Tag verbrachten wir ruhiger, bis auf einen Spaziergang auf dem alten Atalan, mit Susanne. Stundenlang saßen wir dann am Kraterrand, Alida zeigte Susanne die Städte, die Berge, nannte die Namen und erzählte vom Unglück, und was Plato daraus gemacht hatte. Susanne hatte aber Plato nie gelesen, sie bestaunte einfach nur die fantastische Landschaft und hörte aufmerksam zu. Alida freute sich als sie sah, daß West-Avalonia wieder viel größer geworden war und erklärte ein wenig, wie man das machte. Auch das war Susanne ganz egal...”als Kinder haben wir geglaubt, das Paradies ist über uns” sagte sie versonnen “und man käme nur hin, wenn man stirbt.  Ist das falsch? “ - “Wer weiß?” Alida strich ihr über die Stirn “wir wissen auch nicht, wohin es geht wenn wir sterben. Und das Land hier ist Avalonia, nicht das Paradies. Nahe dran, wenn du mich fragst. Aber: im Paradies wird nicht gestorben.” - “Hoffentlich..”sagte Susanne und stand langsam auf “und hoffentlich haben wir noch viel Zeit, bis wir das wissen. Es kommt mir vor wie ein zweites Leben...” - “das geht auch mir und Norman so” sagte Alida ebenso verträumt “nun, Sanne: steigen wir runter, gehen wir schön essen?” - “Ja, gut.”

Wir kamen mit dem Gleiter unten an, und trafen Malcolm, der eben von Demipartis zurück kam. Er war gut drauf, das Kinderhaus war fertig und er hatte sich mit Rathurnida abgesprochen, was eine kleine Kirche und ein Opferhaus anging. “Die haben sofort angefangen, Norman. Diese Beratung war doch gut...jede Menge Leute, die helfen wollen. Hey Alida, du stehst doch auf dieses Westland. Fahr mal hin, es ist ganz viel Land trocken gefallen. Und eine kleine Insel, ganz im Westen. Da steht noch ein Tempel aus der alten Zeit, unglaublich - unbeschädigt.” - “Etwa die Insel Zagornia? Halbmondförmig, nicht sehr groß?” - “Ja , könnte sein. Wir sind kurz drüber geflogen, Rathurnida war ganz begeistert. Was ist damit?” - “Das war damals der westlichste Punkt, im alten Avalonia. Eine heilige Insel, haben die Alten geschrieben. Nun, das waren die Dummköpfe, die uns die Kolonialkriege eingehandelt haben. Ich freue mich nur, weil es bedeutet daß wir fast das ganze westliche Land wieder haben.” - “Warum heilig?” - “Es soll dort etwas geben, was sie ‘die Wahrkristalle’  genannt haben. Ähnlich wie Mélanaden, aber ganz klar und wenn man hinein sah, konnte man die Zukunft sehen. Das ist aber wahrscheinlich nur ein Märchen, es ist niemals ein solcher Stein gefunden worden. Nicht in Atlantis, nicht irgendwo sonst, auch nicht im Königspalast. Muß Unsinn sein, hätte es das gegeben, sie hätten ja das Unglück voraussehen und es vermeiden können. Aber ich würde mir die Insel gern ansehen.”

Wir waren uns einig da mal hinzufahren, aber nicht sofort. Malcolm ging mit uns essen, dann hatte er wieder viel vor. Den Nachmittag verbummelten wir am Hafen, ich überlegte mal wieder ob ich hier etwas arbeiten könnte, und kam auf die Idee, in Malcolms entstehendem Unternehmen mitzumachen; warum nicht noch einmal neu anfangen. Konkret war das natürlich nicht, man mußte ja erst mal sehen ob die Sache so gut ging wie sie geplant war. So  verbrachten wir einige Tage im Wartezustand, Alida war drei Tage mit Einführungen beschäftigt, ich zog mit Susanne etwas herum, sprach mit vielen Leuten, half Malcolm.. .und schneller als erwartet lag sein Schiff startbereit am Kai, voll beladen mit Nahrung und mit ihm fuhren drei Mann, die bis dahin keine Arbeit gehabt hatten. Rathurnida und ihre Schreiber kamen auch zur Abfahrt, der Kai füllte sich mit Neugierigen und schließlich gab es Applaus als Malcolm das letzte Tau löste und Richtung Kristallwelt in See stach. Alida und ich nahmen einen Gleiter und blieben bei Malcolms “Africania” bis das Schiff in die Kuppel der Kristallwelt einfuhr, um durch den Tunnel nach oben zu gleiten.

Einmal unterwegs, schlug Alida vor, doch jetzt einmal ganz nach Westen zu fahren um die neu aufgetauchte Insel zu besichtigen, ich war gern dabei, und so ging es einmal mehr über die Westkette, dann über das neugewonnene Land, einen stillen Meeresarm...”das ist Zagornia. Genau wie auf den alten Bildern, nur die Wälder fehlen. Sieh nur, da auf dem Hügel...” der Tempel war grün überzogen, Algen, aber sonst wohl voll intakt. Alida drehte eine Runde über die Insel und ging dann beim Tempel herunter. Alles war noch nass und glitschig, der steinige Boden mit einem Algenpelz bezogen, der teilweise schon trocknete - wir mußten vorsichtig gehen. Hinter dem Tempel, geschickt gebaut und kaum sichtbar, stand ein brandneuer Turm der wohl diese Insel trocken gelegt hatte, sonst war alles noch wie es aus dem Meer gekommen war. Wir gingen rein, durch massive Säulen die vielleicht Inschriften trugen, aber das war schwer zu erkennen; drinnen, im halbdunklen großen Raum war nichts, dachte ich zunächst. Ich dachte an griechische Tempel und war enttäuscht, hatte bei dieser äußerlichen Ähnlichkeit eine prächtige Statue oder wenigstens einen Altar erwartet; aber da war nur ein kleines Becken im Boden eingelassen, noch voll Meerwasser, und darin war es irgendwie nicht so dunkel wie es hätte sein sollen. Alida ging direkt dort hin, faßte hinein und zog einen Algenfilz heraus, legte ihn auf den Boden...und ein heller Lichtstrahl kam aus dem Becken, traf die Decke und zeichnete dort einen Lichtkreis, in dem unklar Umrisse zu erkennen waren, aber was? Alida sah hinauf, griff erneut ins Becken und holte weitere Algen heraus “komm, sieh dir das an. Es ist doch was dran an den Legenden.” Im Becken, das nicht tief war, saß in der Mitte ein Kristall, den Alida jetzt mit ihrem Umhang abwischte. Das Wasser trübte sich dabei, es half nicht viel; aber ich sah einen wasserklaren Stein der wie ein Mélanade eine Säule bildete, mit einer Spitze aus der dieses Licht austrat; aber der Stein hatte keinerlei Färbung, als das Grün der Algen erst mal entfernt war und war auch nicht leicht milchig wie die Mélanaden. Es hätte ein Diamant sein können, aber die Form stimmte nicht. Alida bemühte sich redlich, Wasser aus dem Becken zu werfen, aber das half nicht viel, auf dem flachen Boden lief das meiste davon doch wieder ins Becken zurück.

Ich sah wieder hinauf, das Bild war klarer geworden, ich erkannte es: die Umrisse von Avalonia, mit den größeren Bergen, Inseln und dem Meer darum. Alida sah sich das auch an “du, laß uns bleiben bis es dunkel ist. Das ist fantastisch. Vielleicht sieht man hier keine Zukunft...aber die Umgebung. Auch nicht übel...ich frage mich nur, warum sich noch niemand darum gekümmert hat. Hier sollten Arbeiter sein, die den Tempel reinigen, und Forscher, die Zagornia kartieren. Wir haben doch nur alte Bilder...eigenartig. Siehst du, jetzt könnte ich ein bißchen von eurer Technik gebrauchen, ein Handy. Ich würde im Palast anrufen...ob ich Rathurnida über diese Entfernung erreiche, das ist fraglich.” Sie schloß die Augen und war einen Moment ganz still. “Geht nicht” sagte sie und öffnete die Augen wieder “vielleicht ist sie im Norden, oder im Osten. Laß uns ein wenig herumstöbern, diese Insel gefällt mir.” - “Mir auch..kein Vulkan.” - “Oh , wirklich...nein, das ist ein Irrtum. Sie ist der Kraterrand eines ehemaligen Vulkans, sein höchster Teil. Der ist vor über sehr langer Zeit explodiert, Zagornia blieb übrig. Das Meer zwischen der Insel und West-Avalonia, das war sein Krater. Es ist sehr, sehr tief...aber es stimmt auch ein wenig, der Zagornikan ist erloschen.” - “Ungemein beruhigend. Der muß ja damals das  Westgebiet ganz schön verwüstet haben.” - “Im Gegenteil, er hat es geschaffen. Das flache Land mit seinen kleinen Hügeln, seinen Flüssen und den endlosen Stränden, das ist der Zagornikan, oder das was davon übrig ist. Es war früher ein flaches Meer, jetzt besteht das Land aus felsigem Grund und feiner Erde - und all das  ist bei der Explosion des Zagornikan dort abgelagert worden. Die Insel hier ist der einzig feste Teil, der den großen Knall überstanden hat.” - “Weißt du eine Erklärung für dieses Licht?” - “Kein bißchen. Zumal das alles ja unter Wasser war...eine Art Sammlung wie bei den Mélanaden kann es nicht sein; ich nehme an es ist noch etwas unter diesem Tempel, das Energie liefert - laß uns ein wenig auskundschaften.”

Das war gar nicht so einfach. So flach der Tempelhügel oben war, so steil waren seine Flanken; und auch dort alles mit dem rutschigen Algenteppich darauf. Nach Osten zu fiel der Hügel immer steiler ab, ganz unten fielen senkrechte Klippen direkt in tiefes Wasser; nach Westen war er weniger schwierig zu begehen. Die Enden des Halbmonds waren nicht so hoch, und liefen spitz aus in messerscharfe Riffe, die sich allmählich im Blau des Meers verloren. Kein angenehmes Gewässer für Schiffe, dachte ich. Wir blieben an den westlichen Hängen, gingen unten am Küstenstreifen entlang, dann etwas höher, dann nicht weit unter dem Tempel, sahen aber nur steinige Böden und einige zerfallene Treppenstufen, Reste von Wegen oder Straßen, aber alles völlig hinüber. Um so erstaunlicher fand ich den astrein erhaltenen Tempel...”Hier, das muß es sein.” sagte Alida und schob mit den Füßen Algenbüschel von einer völlig glatten Felsplatte, die eben im Boden eingebettet lag, groß wie eine Telefonzelle und nicht aus dem grauen Stein dieser Insel. Fast weiß sah sie aus, aber kein Marmor. “Kalkstein aus dem Norden” sagte Alida “das muß eine Tür sein, oder eine Falltür. Hilf mir mal, vielleicht kriegen wir das Ding auf.”

Das war gar nicht schwierig...irgendwie hatte ich wohl auf den unteren Rand der Platte getreten, sie gab ein wenig nach, ich trat zur Seite und das massive Ding hob sich. Ein Schrei, und Alida wurde von der Wassermasse die sofort herauskam, umgeworfen und einige Meter den Hang hinunter gespült. Lachend und triefnass kam sie wieder hoch, wir sahen zu wie tausende Liter Wasser den Hang hinunter rauschten...die Tür hatte sich fast senkrecht aufgestellt und einen Gang freigegeben, der wie die Tür aus dem hellen Kalkstein gebaut war. Vorsichtig gingen wir hinein, aber es kam nicht mehr viel Wasser. Der Gang war nicht sehr lang, und endete in einem runden Raum mit einer völlig glatten Steindecke, einem ebenso glatten Boden und geradezu glänzend polierten Wänden, hier drin ohne Algen, richtig sauber. Das war es aber nicht....in der Mitte des Raumes stand etwas, das verschlug sogar Alida die Sprache. Es sah aus wie ein Baum aus Glas, dessen Stamm durch die Decke nach oben verschwand. Mächtige “Wurzeln” liefen zu den Außenwänden, verschwanden aber davor im Boden. Das ganze Gebilde strahlte ein mildes, schwaches Licht ab, farblos, kalt und ein wenig unruhig, als fiele es durch Wasser das kleine Wellen bildet. Wir standen lange nur da und bewunderten dieses Etwas, alles was mir einfiel war, daß wir unter dem Tempel sein mußten und der Kristall da oben wohl die Spitze dieses “Baums” war.

“Stell’ jetzt nur keine Fragen. Ich habe nicht die geringste Ahnung.” sagte Alida schließlich und faßte das Gebilde an. “Völlig glatt...” - “Kalt?” - “Nein! Probier selbst. Lauwarm...du, ich kenne noch nicht einmal dieses Material. Das ist kein Glas.” Ich berührte es auch, ja, es fühlte sich nicht wie Glas an. Härter wohl, und viel glatter. Angenehm auf der Haut....”ob das Menschen gemacht haben?” - “Kann ich mir nicht vorstellen. Wie denn? Gießen kann man so etwas Großes nicht. Meißeln? Schleifen? Wohl kaum. Nein, das muß ein Naturwunder sein. Vielleicht hat man den Tempel und diesen Raum um es herum gebaut, oder könntet ihr da oben so etwas erschaffen?” - “Aus Glas schon...aber dann..ich nehme an, es würde zerbrechen beim abkühlen. Es ist ja auch kein Glas.. .und so ein Material gibt es nirgends? Oben jedenfalls nicht..oder warte mal, schon...Obsidian, Vulkanglas. Das ist aber immer gefärbt, rot, braun, grün. .niemals völlig klar, und es hat scharfe Kanten. Das kann es nicht sein...vergiß es, wir wissen es nicht. Müßten wir nicht jetzt irgendwen benachrichtigen?” - “das kannst du laut sagen, natürlich, den Palast. Rathurnida wird wissen wen sie hierher schickt, ich nehme an, sie wird die ganze Insel gründlich untersuchen lassen. Ja, laß uns fahren..und diese Tür wieder schließen, und tarnen. Nicht daß jemand hier versucht dran herum zu basteln.”

Wir schlossen also die Tür und bedeckten sie wieder mit Algen, gingen noch einmal in den Tempel und sahen uns das “Dia” an der Decke an, dann fuhren wir direkt zum Palast. Die Schreiber kamen uns entgegen “Alida...da muß was passiert sein, wenn du einen Gleiter auf der Terasse absetzt.” - “Ausnahmsweise, Bekandor. Ist Rathurnida im Haus?” - “Eben gekommen. Sie hat Besuch...” - “Egal, ich muß sie sofort sprechen.” - “Hoppla, Alida...ein Unglück?” - “nein, im Gegenteil. Ein Wunder. Nun lauf schon, ich sage es nur ihr.” Bekandor sprintete die Treppe hinauf, wir folgten ihm ohne abzuwarten. Dann kam er mit Rathurnida aus einer der vielen Türen und verzog sich, Alida nahm sich kaum Zeit für eine kurze Umarmung, sprach rasend schnell und sehr leise, Rathurnida hörte ruhig zu, aber dann wurde auch sie hektisch. Sie ging mit drei großen Schritten zur Balustrade, rief hinunter “Bekandor, Tore schließen . Valondia, rufe alle aus der Kristallwelt nach Zagornia. Ich komme auch hin, Palast ist heute geschlossen, Tunnel auch. Keine Besucher, keine Ein- oder Ausreisen. Bis ich Bescheid gebe. Und, Bekandor...Bekanntmachung auf dem Platz, heute Abend: das Licht der Alten wurde gefunden. Posidons Faß soll an Getränken ausgeben, was verlangt wird - wir liefern nach. Sieh zu, daß du eine Musikgruppe her bekommst, fahr zum Rumbokan. Alles klar?”

Bekandor und Valondia rannten unten herum, Rathurnida schloß Alida in die Arme, ein langer Kuß, dann kam sie zu mir und auch ich spürte ihre große Freude deutlich, nur, ich verstand gar nichts. “Was ist das, ‘das Licht der Alten’ - was ist so besonders daran?” Alida zuckte mit den Schultern, Rathurnida wollte uns erst noch einmal lange küssen, dann zog sie uns in ihren Raum, holte Gläser, setzte sich zu uns “also, euch zwei wird man heute abend feiern wie die Götter...ihr wißt gar nicht, was ihr da entdeckt habt, was? Das Licht der Alten,  das ist als säße man auf dem Mond und sehe hinunter auf die Erde, und jedes noch so kleine Ding wird erkennbar, und wenn du eine Ameise am Amazonas suchen würdest, Norman. Sagt mir eines: ist die Anlage in Ordnung, oder beschädigt?” - “Völlig intakt, so weit ich das beurteilen kann. Es wirft eine Art Bild an die Tempeldecke, nicht ganz klar, aber es ist ja auch alles schmutzig. Nein, es sollte voll intakt sein.” - “Oh, das sind wunderbare Nachrichten. Niemand wird mehr verloren gehen, wir können ihn finden. Nichts wird uns verborgen bleiben...Alida, hier hast du deine Antwort. So wußten wir was in den Kolonien los war, wo Hilfe gebraucht wurde, wenn eine Armee uns bedrohte oder schweres Wetter aufzog. Ich wußte nur bis eben nicht, daß es eine wahre Erzählung ist, es klang zu fantastisch - und es hätte ja auch beim Unglück verloren gehen können. Generationen von Forschern haben danach gesucht, und keine Spur davon gefunden. Die alten Aufzeichnungen sagten ja auch nicht , wo es sich befand. Wir hatten es am Atalan vermutet, wie so viele wunderbare Dinge. Zagornia, das ist wirklich...weit draußen, unbewohnt, unfruchtbar.. .eigentlich der ideale Platz dafür.” - “haben das die Alten gebaut?” - “Wohl kaum. Wenn es so ist wie in den Schriften, dann kann das doch kein Mensch. Ein Baum aus Licht, ja?” - “So kann man es beschreiben. Wir waren ganz benommen von dem Anblick.” - “na, dann..will ich mich auch berauschen lassen, ich fahre sofort hin. Tut mir leid, aber ihr dürft zunächst nicht hin, bis das alte Wunder erforscht ist. Ein paar Tage, sauber machen, Wege anlegen, einen Landeplatz...dann wird gefeiert auf Zagornia. Und heute schon, unten auf dem Platz. Entschuldigt mich....”

Schneller als ich sie je gesehen hatte huschte sie die Treppen hinunter, verschwand durch eine kleine Tür. Bekandor ließ uns durch eine der großen Türen hinaus und schloß sofort wieder ab. Unten auf dem Platz standen schon diskutierende Grüppchen, von allen Seiten strömten die Bürger von Atlantis zusammen, weiter draußen landeten pausenlos Gleiter, Boote kamen herein. Es würde wohl voll werden in Atlantis....

Alida breitete die Arme aus “uns feiern, wofür? Hätte sich jemand drum gekümmert - jeder hätte das entdeckt, fällt ja direkt auf. Na gut, feiern wir halt. Ich fände es ja besser, man würde das gute alte Wunder herrichten und dann dort feiern, wo man es auch gleich besichtigen kann.” - “So viel Platz ist da aber gar nicht .” - “Auch wieder wahr. 

Die große Feier

Ich verstand die Aufregung nicht so ganz. Ein eher kleiner Tempel, eine seltsame Skulptur, und eine Projektion der Umrisse von Avalonia. Ähnlich wie auf einem Lichtsammler. “Alida, warum das ganze Buhei? Was bringt uns das Licht der Alten?” - “hast du Rathurnida nicht zugehört? Alles, wirklich alles. Ihr würdet es ein ‘Kommunikations- System’ nennen..ach was, komm mal mit.” Sie ging vor, um den Palast herum, bog in eine enge Gasse ein mit musealen Häusern aus der alten Zeit, und ganz am Ende der Gasse, direkt am Hang des alten Atalan öffnete sie eine schwere, schwarze Tür in einer ebenso schwarzen Fassade “das alte Museum. Fast völlig vom Atalan begraben, aber innen voll erhalten. Hier kannst du alles nachlesen, was die Alten wußten, übrigens auch Plato. Aber das machen wir heute nicht, komm mit.” Wir gingen durch lange Reihen von Regalen, hoch und angefüllt mit schweren, alten Büchern. An der Rückwand des Gebäudes blieb sie stehen “lies selbst.”

Das war alt-avalonische Keilschrift, in die Wand gemeißelt, für mich schwer zu lesen obwohl es mir nach und nach, Wort für Wort, wie althochdeutsch vorkam.

Dieses Land hat große Wunder, aber das größte von allen ist das Licht aus der Tiefe.  Es wurde entdeckt von König Arnathor, dem Meister der Berge. Er suchte nach Kristallen und fand den Baum des Lichtes, und als er des nachts von der Arbeit ruhte, siehe, da stieg das Licht in die tiefen Wolken und zeigte ihm die ganze Welt. Er dachte, wo ist Ägypten und er sah es. Er fragte sich wo unsere zehn Schiffe gerade seien und fand sie auf dem Nil. Er dachte, Grimkador der Seefahrer solle zurückkommen und seine Waren bringen. Er sah Grimkador und sprach mit ihm. Und Grimkador wußte daß er mit Arnathor gesprochen hatte und er kehrte um. So entging er dem Krieg der Ägypter mit den Hethitern.

Arnathor sprach daß man Tag und Nacht Wache halten solle bei dem Baume und alles aufschreiben was man sehe, und daß man eine Hülle baue mit einer weissen Decke damit nicht der Wolken gebraucht würden um zu sehen, und es geschah also. Tag und Nacht sassen heilige Männer um den Baum, sahen und schrieben, sprachen und hörten.  Seit dies geschah wußten wir um den Sturm bevor er losbrach, um fremde Schiffe bevor sie unseren Hafen erreichten, und sprachen mit den Unseren wo auch immer sie waren. es ist der Ort des Baumes der heilige Ort des Landes und keinem Fremden erlaubt ihn zu betreten. Nur die Könige wissen ihn und besuchen ihn, nur sie erfahren seine Botschaften und tragen die Bürde ihnen nachzukommen. Den heiligen Männern am Baume ist Schweigen auferlegt.

Arnathor wird der größte der Könige genannt weil Gott ihm sein Auge geliehen hat und ihn gelehrt damit zu sehen. Wer dieses Land ehren will der ehre König Arnathor.

“Wow..Alida...was für eine Sprache...was für eine Verehrung...und das alles soll also wahr sein? Wir hätten Malcolm suchen und mit ihm sprechen können? Unglaublich.” - “Ja, das gebe ich zu. Wir werden es erforschen müssen, ob das übertrieben oder wahr ist. Du mußt zugeben, es wäre ein wirklich göttliches Werkzeug.” - “ja - wenn es so ist wie hier beschrieben.” - “ Ja, also, Arnathor. Der ist wirklich, er hat Atlantis gegründet und die Mélanaden entdeckt. Er hat damit ohne es zu wissen dieses Land vor dem Untergang gerettet. Daß er auch dieses “Glasgebilde” gefunden hat ist kein Wunder. Bergbau war seine Sache. Aber sonst...wir müssen abwarten was Rathurnida und die Forscher herausfinden.” - “Gut. Gehen wir zur Feier?” - “Ja, gehen wir.”

Der Platz hatte sich gefüllt. Es war erstaunlich ruhig für eine so große Menschenmenge, und die wußte auch gar nicht was los war; die Schreiber hatten nur eine Tafel auf die Freitreppe gestellt ‘heute Abend Versammlung und Feier. Rathurnida spricht.” Das hatte offenbar genügt, um so etwa das ganze Volk zu mobilisieren...ich dachte grinsend daran, wie viele wohl gekommen wären, wenn man in Hamburg so verfahren wäre....Alida wurde ständig von jemand gefragt, was denn los wäre; sie sagte immer nur, abwarten, es lohnt sich. Dann kam ein Gleiter direkt vor die Freitreppe, eine Musikgruppe baute ihre Instrumente auf, und es sprach sich herum daß es im ‘Faß’ auch Getränke für nicht-Gäste gab, dort bildete sich eine Schlange. Vahrsonia trafen wir dort, Yanerdia und Leliador. Auch ihnen verrieten wir nichts, tranken, plauderten bis die Lichter auf dem Atalan erloschen.

Niemand hatte Rathurnida ankommen gesehen. Plötzlich wandten sich alle zur Freitreppe, da stand sie, oben an der Treppe, in helles Licht getaucht das aus Leuchtern kam, die dort eben noch nicht gestanden hatten. Ein Raunen lief durch die Menge “was für ein Aufwand.  Rathurnida muß etwas Bedeutendes erlebt haben” sagte Alida leise, überhaupt wurde es völlig still. Einer der Musiker schlug dreimal eine große Trommel, danach war kein Laut mehr zu hören. Rathurnida breitete die Arme aus und trat einen Schritt vor.

“Liebe Freunde, ihr werdet diesen Tag ehren bis in alle Ewigkeiten.” sagte sie gar nicht laut aber gut hörbar. “heute ist es wieder erstrahlt, das Licht der Alten .” Sie wartete ab, und wirklich, es brummte auf dem Platz, es wußten wohl alle was sie meinte. “Ich komme von Zagornia, das erst seit wenigen Tagen wieder trocken liegt. Dort wurde das Licht gefunden...gestern war es noch eine Hoffnung, heute Nachmittag eine Meldung, und hier stehe ich: es ist wahr. Ich habe das Licht gesehen, und die Forscher auch, wir haben es benutzt und konnten sehen wo Malcolm ist. Er ist den Kongo hinauf gefahren, und noch eines, ich soll euch allen Grüße bestellen. Er ist auf dem Rückweg und bringt hundert hungrige Kinder mit, er wurde sehr freundlich aufgenommen und soll bald wieder kommen. Freunde, wir haben es erst vor wenigen Tagen beschlossen, und schon ist es gelungen, und Gott hat uns das Licht dieser herrlichen Welt zurück gegeben. Das ist ein Tag großer Freude, die Musik wird spielen, und ich bitte euch alle, feiert diese Leute: sie haben Zagornia vom Wasser befreit.” Hinter ihr traten die Forscher und Techniker der Kristallwelt aus dem Palast, und Rathurnida beugte sich vor “ich sehe euch nicht, kommt bitte nach oben, Alida, und Norman.” Alida ging sofort los, ich hastete hinterher... ”..denn sie haben das Licht wiedergefunden.” Alida sagte zwar sofort, wir hätten nur ein paar Algen aus einem kleinen Becken entfernt, aber das hörte wohl niemand außer mir.

Wir kamen oben an, reihten uns in die Gruppe der Kristallweltler ein, tosender Beifall kam auf und hielt lange an. In den Beifall hinein begann die Band zu spielen, die ruhig stehende Menschenmasse kam in Bewegung, das Fest begann. Rathurnida kam zu uns, lud uns zur bevorstehenden Eröffnung des alten Heiligtums auf Zagornia ein und wollte die Treppe hinunter gehen, als Alida sie anhielt. “Es wird doch nicht so sein wie früher? Heilige Männer, die das Licht bewachen und nur du erfährst was vorgeht?” - “Aber was denn, nein. Das war damals. Jeder darf hin, wir werden einige Wächter beschäftigen damit es ruhig und geordnet zugeht und niemand etwas beschädigt; aber davon abgesehen wird das Licht jedem zur Verfügung stehen. Du, das ist aber das nächste Thema. Laßt uns feiern, kommt, heute ist nur große Freude, alles andere kann warten.” Sie ging hinunter in die Menge, schnappte sich einen jungen großgewachsenen Mann und tanzte mit ihm los, verschwand bald in der Masse. “Da drüben steht Susanne” sagte Alida und ging auch hinunter. Ich kam mal wieder kaum nach, unten war der Teufel los. Die Band spielte wild, exstatisch und ganz schön laut, es war unmöglich ruhig stehen zu bleiben...ich tanzte mit Alida und Susanne, aber bald mit jeder Frau die mich gerade ansah, und so machten es alle. Ein, Tanz oder zwei, Partnerwechsel. Es blieb nicht beim Platz; auch in den Straßen darum wurde getanzt, am Hafen,   selbst in den engen Gäßchen hinter dem Palast. Machte die Band eine Pause, wurde geküßt und geschmust, egal mit wem, zärtlich und nicht allzu brav. Bald kam wieder Musik, und es wurde weiter getobt...besser als Rosenmontag am Rhein, dachte ich und ließ mich mitreißen.

Stunden vergingen so, allmählich wurde die Musik ruhiger und am Rand des Platzes standen wieder manche Gruppen still, redeten, sahen den Tanzenden zu oder gingen zum Faß hinüber. Dort traf ich Alida, Susanne und Yanerdia, die gerade auch ihren Durst stillten, und drinnen war es zu voll zum atmen. Wir standen dort, sahen wer kam und ging, begrüßten viele und bekamen einige Glückwünsche, dann kam Rathurnida aus der Menge heraus, im Schlepptau hatte sie eine Gruppe weißhaariger, enorm alter Männer und Frauen. “Mein Gott, der Rat...” sagte Alida “der war lange nicht zusammen, siehst du, hier sind alte Menschen denen du ihr Alter ansiehst. Alle über hundertzwanzig.” - “Der Rat? Was macht der?” - “Sie unterstützen die Königin wenn sie das will. Es sind ehemalige Könige, derzeit drei, sehr gute Wissenschaftler und einfach weise Menschen darin, und wenn etwas zu entscheiden ist was große Tragweite hat, dann ist es üblich daß die Königin sie befragt. Hoppla, was wollen die denn von uns?” Rathurnida kam auf uns zu, und Avalonias geballte Weisheit mit ihr. “So ihr zwei..” Rathurnida war rot im Gesicht, erhitzt, und sprach laut. “Ratssitzung, und ihr zwei seid dabei. Geht mal vor und sagt dem alten Polardor, wir brauchen seinen Laden. Savonedor hier, der mag nicht im Palast tagen. Heute nicht, heute tagen wir mal in der Kneipe.” Ich konnte nur den Kopf schütteln und Alida zutuscheln “Savonedor?” - “Der mit dem Rauschebart. Er war König vor Rathurnida, und seit er abgedankt hat, mag er den Palast nicht mehr betreten.”

Wir gingen zu Polardor, der hatte schon geahnt was kam. “Hört mal, Leute. Geht raus auf die Terasse, Rathurnida mag ihren Palast nicht mehr und will hier einen trinken. Raus mit euch, Getränke gibt es auch draußen.” Dazu läutete er eine Schiffsglocke, Gedrängel, es wurde ruhiger. Elf alte Leute und Rathurnida nahmen an einem großen runden Tisch Platz, sie winkte uns herbei “nun kommt schon, ohne euch fangen wir nicht an.” Polardor kam und brachte Getränke, er wußte wohl genau was jeder wollte. Rathurnida sah in die Runde “Savonedor, leite du die Versammlung.”  Der uralte Mann stand auf, zwinkerte Alida und mir zu “Ja, gern. Ihr zwei jungen...zunächst auch unseren Dank, und gleich eine Frage. Stimmt das, pure Neugier hat euch zum Licht der Alten geführt?” Alida nickte, ich sagte leise ja, der Alte strahlte. “Dann bleibt nur so neugierig. Wirklich, seit dreitausend Jahren haben unsere Klügsten gesucht, und dann finden es zwei, die schlicht neugierig sind. Großartig. Gut, wir trinken auf euer Wohl. “ Er setzte sich wieder, erhob sein Glas....seine Stimme war kräftig, er leerte das Glas in einem Zug, und schlug dann mit der Faust auf den Tisch. Über hundertzwanzig Jahre..und voll dabei. “Die Beratung ist eröffnet” sagte er “Rathurnida, nenne die Frage.” Rathurnida stand auf “es kommt von einem Neubürger, Sir Malcolm of Deventer. Er hat es geschafft, den Kontakt mit Afrika wieder aufzunehmen, bekämpft dort den Hunger und hat schon vorher angefragt, ob es irgendeinen Grund geben könnte, die großartigste Tradition dieses Landes nicht wieder aufzunehmen: unser Wissen an andere Völker weiter zu geben, gegen die Nöte der oberen Welt anzugehen und doch Avalonia zu bleiben, ein Land das auf den Karten der oberen Welt nicht zu finden ist, ein Land das keine Kriege führt und nicht herrschen will. Nun wurde das Licht wiedergefunden, wir können die obere Welt wieder sehen. Es wäre möglich, und ich höre, viele Bürger würden gern dabei mitarbeiten. Die Frage ist, sollen wir das tun?”

Sie nahm wieder Platz, Blicke gingen hin und her, Gedanken jagten durch meinen Kopf, fremde Gedanken, solche, die ich halb auch schon gehabt hatte, und ganz vertraute. Savonedor stand wieder auf. “Viele Meinungen, viele Sorgen. Norman, verstehen sie uns gut genug oder soll ich die Anwesenden bitten laut zu sprechen?” - “Es geht, danke. Ich weiß nur nicht vom wem welcher Gedanke stammt.” - “Das ist ja auch nicht wichtig. Aber sagen sie uns, als Neubürger, würden sie es befürworten? Kann das kleine Avalonia wirklich da oben etwas ausrichten?” - “Aber ja. Vielleicht mit Kinderhaus und Schule noch mehr als mit Malcolms Nahrungshilfe. Eure ...Friedlichkeit...Sanftmut...ich weiß nicht wie ich es sagen soll, das wird oben dringend gebraucht.” Ich setzte mich schnell wieder, in diesem Kreis kam ich mir wie ein Kind vor das zu Erwachsenen spricht, die tausendmal mehr wissen...Savonedor lächelte. “Alida, kennt Norman sich gut aus?” - “Sehr gut. Er ist Journalist, ein sehr bekannter, er kennt Präsidenten und Könige da oben und...ich denke wie er.” Wieder rasten die Gedanken, wechselten die Blicke. Eine Frau stand auf “Halt. Ihr seid im Begriff einfach ja zu sagen. Denkt an die Alten, und an das Unheil das sie über uns und die obere Welt gebracht haben, an die Xanthor und ihren Zweck...überlegen wir was wir tun können damit nicht Ähnliches geschieht. Wir werden in die Sorgen der oberen Welt gezogen, wenn wir das tun - und ihre Kriege sind dann nicht weit. Niemals, sage ich, darf das geschehen. Helfen ja. Einmischen...lieber nicht. Partei nehmen, nein. Wie machen wir das?”

Ich hob die Hand. “darf ich was fragen?” alle nickten. “Wie kam es denn damals dazu? Avalonia war friedlich, dann nahm es Kolonien, dann führte es Kriege. Warum? Aus Not ja wohl nicht.” -”Nein,  nicht aus Not. Wir kannten keine Not.” sagte die gleiche Frau “aber wir waren anderen Völkern weit voraus. Du mußt dir die alte Zeit vorstellen, Europa war fast leer, Afrika war dicht besiedelt und die Sahara noch grün. Außer uns gab es noch andere Hochkulturen, Ägypten, Mesopotamien, Griechenland und Zimbabwe. Außerdem in Südamerika, die Moccé. Wir konnten schon heilen, kannten keinen Hunger, konnten lesen, schreiben, rechnen...und so vieles mehr. In Afrika gab es Hunger, üble Krankheiten und Krieg...wie heute. Wir haben die Kolonien nicht erobert, wir haben sie gegründet - aus ähnlich guten Absichten wie wir sie heute besprechen. Nun, andere Völker waren nicht so friedlich, sie haben die Kolonien angegriffen. Da haben sich die Alten gesagt,  damit werden wir fertig. Also bauten sie Kriegsschiffe, ähnlich denen der Ägypter, und haben sie mit schrecklichen Waffen ausgestattet, die außer uns niemand hatte. Damit konnten wir die Kolonien verteidigen, aber wir verloren unsere Freunde. Dann kamen Leute, die haben gesagt, erobern wir die feindlichen Länder doch und führen dort unsere Kultur ein. Immer noch mit bester Absicht, weißt du? Aber wir mußten töten. Schließlich hatten wir Krieg auch hier, die Nordregion gegen die Westregion, Atlantis gegen Mirathris..und niemand erinnerte sich noch, daß wir das nun wirklich nicht gewollt hatten. Die guten Absichten waren vergessen, und wäre nicht ein Wunder geschehen, ein König aufgetreten der das alles beendete, wir wären ein Land von vielen, die sich im Krieg der Dummköpfe verloren haben.”

Sie setzte sich, und ich verstand was jetzt alle dachten: das könnte sich wiederholen. Ich schwieg, Alida stand auf. “Oben haben sie bekanntlich die UN gegründet, um den Krieg aus der Welt zu schaffen. Damals waren wir und andere Völker nicht so klug. Rathurnida, Malcolm hat sicher nicht gemeint,  daß wir uns Posten auf der oberen Welt schaffen sollten, wie damals die Kolonien. Nein, wir sollten hier bleiben und von hier aus denen helfen, die sich für Frieden und Ausgleich einsetzen, niemals Krieg führen, und keinen Krieg gut heißen. Nichts oben haben, was man angreifen könnte. Und alles was wir tun, im Stillen tun - wie Malcolm mit seinem Schiff, das sie oben nicht orten können. Wir können nicht die Welt retten...das war der Fehler, meine ich. Wir können helfen. .und das sollten wir wirklich tun.” Sie setzte sich auch wieder, Rathurnida nickte. “Das denke ich auch. Solanginia, nicht wie damals, nicht so groß, und ohne Landbesitz. Und die Geschundenen hier unten gesund machen, ihnen zeigen wie man friedlich lebt, und sie dann heim schicken. Viele Schiffe, Ärzte, Forscher, Handwerker, Lehrer. Kein einziger Soldat..wie denn auch, wir haben ja gar keine. Wäre das für dich in Ordnung?” Solanginia nickte still, wieder begannen die Gedanken zu kreisen. Langsam formte sich ein Satz, der länger wurde, wieder kürzer, nochmal länger, und dann lautete “Wir werden den Schwachen der oberen Welt helfen, ohne die Starken anzugreifen; und wir werden das Sterben der Kinder beenden.” Dann folgte ein zweiter “Wir werden beten daß die UN Erfolg hat.” Kein weiterer Gedanke war noch im Raum. Polardor stand hinter Rathurnida und hielt es nicht mehr aus “Verzeiht, aber klüger werdet ihr nicht. Beschließt doch so.” Rathurnida drehte sich zu ihm “was sagen denn die Leute bei dir? Bekommen wir Zustimmung dafür?” - “Ganz sicher. Bis auf ein paar Querköpfe, natürlich. Fast alle. Bitte, traut euch diesen Schritt zu tun.”

Rathurnida stand auf, schmunzelte “Ihr habt den Herrn der Fässer und Meinungen gehört. Ich denke, so geht es. Folgen wir Malcolm, bauen wir weitere Schiffe, senden wir sie aus um zu helfen, zu retten, zu bergen; und ziehen wir sie zurück, wo geschossen wird. Und unser einziger Schutz wird sein und bleiben: das Meer. Soll ich so verfahren?” Savonedor erhob sich. “Ihr habt Rathurnida gehört. Wenn ich keinen Widerspruch höre, soll es so gelten. Niemand ?” Er sah in die Runde. “Polardor, fülle die Gläser auf. Und laß die Leute wieder herein. Man soll aufschreiben, heute kehrt Avalonia in die Welt zurück. Ein wenig jedenfalls. Mensch, bin ich froh das zu erleben.”

Die ernste Stille wich einem fröhlichen Geplauder, wie umgeschaltet. Der Raum füllte sich wieder, was beschlossen war machte die Runde, und die Alten hielten Ernte...ihnen wurde auf die Schulter geklopft, viele Hände mußten sie schütteln, und schließlich wurden sie nach und nach hinausgezogen und tanzten mit. Nur einer nicht, Savonedor. Der rutschte näher zu uns heran, erhob sein Glas “ein Wort, Norman. Als ich so alt war wie du heute...du weißt was da los war ?” ich nickte “Hitler, der Weltkrieg, der Judenmord..” - “Ja. Ich war damals in Amerika. Deutschland habe ich nur durch die Nachrichten kennen gelernt, böse Nachrichten. Sag mir eines: du und die Menschen deines Alters, würden die heute so etwas verhindern?” - “Ja. Und die Alten auch, bis auf wenige. Frag Alida, das Land ist noch zu hart, zu streng, zu ängstlich. Aber es ist friedlich.” - “Das stimmt.” sagte Alida, Savonedor lächelte. “Was kann man nur tun, damit die Menschen es begreifen ohne erst durch die Hölle zu gehen.”

Das war keine Frage, er drückte aus was wir gemeinsam empfanden. Aber Savonedor war ein alter Fuchs...”es stimmt übrigens nicht, daß wir gar nichts in der oberen Welt besitzen - wir machen nur nichts damit. Alida, weißt du wovon ich spreche?” - “ich habe nicht die geringste Ahnung.” - “Na, von Rifé, der winzigen Insel im Atlantik - die ehemalige Nordspitze. Sie ist klein, und außer den Malvinas der einzige Rest des alten Avalonia, der über dem Meer liegt. Norman, hast du von Rifé gehört?” - “Niemals, kein einziges Wort. Was ist damit?” - “Nun, es gehört uns - jedenfalls hat niemals irgendein oberes Land Anspruch darauf erhoben. Dort leben ein paar unserer Bürger - Sonderlinge, wie man allgemein sagt - aber da es oben liegt, haben wir uns nie darum gekümmert, ganz wie auch auf Adarnia, nur daß Rifé nie besetzt wurde, wie die Malvinas. Ist wohl zu klein, uninteressant für England oder andere Mächte. Drei Berge, ein natürlicher Hafen, etwas Urwald - das war es schon. London ist größer. So, das wußtet ihr also nicht; kaum jemand weiß davon.“

Alida sah ihn seltsam an “warum erzählst du uns davon?” - “Ich weiß nicht? Ich dachte nur, ihr solltet es wissen. Mag ja sein, daß man sich an Rifé erinnert, wo wir jetzt nicht mehr so ganz isoliert sind.”- “Ist Rifé mit uns hier verbunden, wie Adarnia mit dem Tunnel?” - “Nein. Liegt ganz einsam mitten im Meer, Tristan da Cunha ist die nächste Insel, aber die gehört uns nicht, hat uns nie gehört - und auch dahin ist es weit. Genau zwischen Südamerika und Afrika. Ach wißt ihr, vergeßt mein dummes Gerede, aber vergeßt Rifé nicht. Es könnte interessant werden, irgendwann.”

Alida versuchte noch mehr aus ihm heraus zu bekommen, aber Savonedor konnte oder wollte nicht mehr sagen...

Die Rückkehr

Drei Tage später. Rathurnida hatte bereits den Bau von zehn Schiffen angeordnet, die nach Malcolms Entwurf entstehen sollten und die gleiche Aufgabe ausführen würden. Wir hatten zwei Tage in West-Avalonia verbracht, und einen bei Alidas Kindern, kamen zurück und wurden sofort in den Palast gerufen. Rathurnida empfing uns sofort, und kam schnell zur Sache. “Also, ihr zwei Entdecker. Das Licht ist gereinigt, der Tempel auch. Am Landeplatz wird noch gebaut, und ich fahre gleich hin. Kommt ihr mit? Ich denke, es wird euch interessieren es zu verwenden. Ich weiß daß du, Norman, nicht recht verstehst was daran so wichtig ist - überzeuge dich selbst. Das Licht wird für sich selbst sprechen, ich habe schon Stunden dort verbracht, es ist genau so wie der alte Text es sagt - nur das mit dem Blick in die Zukunft ist Unfug, oder ich kann es einfach nicht. Seid ihr dabei?”

Natürlich waren wir dabei. Rathurnida steuerte selbst, und sie fuhr derart heiß, Malcolm war ein Anfänger dagegen. Ich schloß zeitweise lieber beide Augen.. .Zagornia sah besser aus. Auf dem Hügel waren die Algenfilze beseitigt worden, der Tempel sah aus wie neu. Dicht darunter legten Arbeiter Platten für den neuen Landeplatz, wir gingen vorsichtig am Hang runter, und direkt in den Tempel. Er war ganz vorsichtig ein wenig umgebaut worden, man sah es nur von innen. Schwarze Vorhänge waren an der Decke aufgehängt worden, Rathurnida ließ sie schließen und sofort sahen wir die Projektion an der Decke strahlend und klar. “Es werden viele herkommen, und die meisten wohl am Tag” sagte sie dazu “und die sollen auch nicht weniger sehen, als die nächtlichen Besucher . Nebenbei wissen wir nun genau daß dieser Kristall nicht etwa das Tageslicht sammelt, wie Mélanaden. Er bekommt sein Licht tatsächlich aus dem seltsamen Baum unter uns. Nun, ihr habt den Text gelesen; setzt euch an das Becken und denkt an ein Ziel, das ihr sehen wollt. Dann seht nach oben. Wenn ihr einen Menschen seht, könnt ihr ihn auch ansprechen. Gut, ich denke, das wird genügen - probiert es aus.”

Wir setzten uns, sahen auch gleich mal nach oben - das Bild war wie schon gesehen, aber heller und ganz klar. Es zeigte Avalonia und seine direkte Umgebung, die Malvinas, und einen Streifen von Südamerika. Einfach, ohne allzu viele Details. “Ich wüßte gerne wo Malcolm jetzt steckt” sagte Alida, und das war auch mein erster Gedanke. Wir dachten also an ihn, sahen wieder hoch. Das Bild hatte sich verändert, es zeigte jetzt nur noch die Kristallwelt und die Malvinas, und die wurden langsam größer. Schließlich sahen wir nur noch Adarnias Südspitze, Schiffe, Boote...und Malcolms Schiff, nicht weit von der Küste. Das wurde größer, bis wir die Leute darauf erkennen konnten. Sie refften gerade die Segel, Malcolm stand am Steuer. “Das ist ja irre..” sagte ich unwillkürlich “Ruhe. Kommentiere nicht, sprich ihn an.” sagte Rathurnida im Flüsterton. “Hey, Malcolm.” der sah nach oben, als säße ich auf der Mastspitze. “Mensch, Norman...wie machst du das denn?” - “Später. Du verstehst mich gut?” - “Ausgezeichnet. Hallo, Alida. ja, wir sind bald da. Müssen gleich tauchen...ist das Kinderhaus fertig?” Ich sah zu Rathurnida, die nickte. “Ja, das ist es. Fährst du gleich dort hin?” - “Wenn ich soll. Rathurnida? Ist sie bei euch?” - “Ja, Malcolm.” sie setzte sich zu uns “Ja, fahr direkt hin, die Kinder werden müde sein. War die Fahrt gut?” - “Regen, Regen, Regen. Aber sonst gut.” - “Bis nachher, Malcolm.” Rathurnida stand wieder auf, wir verabschiedeten uns auch, das Bild löste sich auf und zeigte bald wieder nur Avalonias Umrisse. Wir standen auch auf, die Vorhänge wurden wieder geöffnet.

“Das ist ja besser als Internet” staunte ich, auch Alida sah sehr beeindruckt aus, sagte kein Wort. “Könnte Malcolm auch uns ansprechen?” - “das wohl nicht” meinte Rathurnida “ich nehme an, er müßte auch einen solchen Baum im Schiff haben, um das zu tun. Aber wir wissen noch nicht genug, die Erforschung kommt erst noch. Fürs erste müssen wir uns damit begnügen, herauszufinden was wir damit tun können. Aber, sag mal selbst, findest du die Begeisterung über eure Entdeckung immer noch übertrieben?” - “Kein bißchen. Das ist wunderbar...und das kann jeder benutzen?” - “Es sieht so aus, daß man das direkte Verstehen gut beherrschen muß. Arbeiter haben es auch schon ausprobiert, und einige hatten wenig Erfolg...” sie grinste “..und andere haben sofort mit ihrer Familie geredet. Die Interessen sind sehr verschieden..einer hat Polardor beim Ausschenken angesprochen, der hat nicht schlecht gestaunt. Ich hatte großen Spaß dabei..wie die Kinder. Das wird ein Volksfest, wenn wir hier eröffnen.” - “Wann wird das sein?” - “na, in ein paar Tagen. Ich hätte gern ein bißchen grün um den Tempel herum, und ein paar Blumen. Außerdem können wir ja nicht ständig feiern, heute Abend ist erst mal das Kinderhaus dran. So, nun laßt mich allein, ich muß noch ein wenig üben bevor ich zurück fahre. Venador wird euch zum Kinderhaus bringen, ihr wollt sicher Malcolm begrüßen?” - “Na klar. Bis heute Abend.”

Venador brachte uns also nach Demipartis, setzte uns direkt vor dem Kinderhaus ab - Malcolm war noch nicht angekommen, etliche Nachbarn warteten schon auf ihn. Rathurnida hatte das Licht schon benutzt um hier Bescheid zu sagen, es fehlte nur der berühmte rote Teppich - aber eine mit Blumen bestreute Eingangstreppe ist ja viel schöner. Ich bekam mit als einer der Betreuer plötzlich nach oben sah und auch sprach, dann bat er um Ruhe “Malcolm ist vor einer Stunde aus der Kristallwelt ausgefahren. Die kommen gleich an...also, ruft eure Nachbarn zusammen, und daß mir keiner fehlt. Gehen wir zum Fluß runter..alle, kommt.” Es gab auch schon einen Plattenweg zum Flußufer und eine kleine Mole, die Medurna floß ruhig vorbei, keine Spur von einem Schiff. Eine beträchtliche Menge verteilte sich auf der Mole, ich sah Hénandor nicht weit von uns, er sah mich auch. Großes Hallo...”Hénandor, wie groß ist Demipartis geworden? Als wir euch getroffen haben, war es ja noch eine Baustelle.” - “Das ist es immer noch, aber es sind wohl an die zehntausend Bürger schon eingezogen - aber hier sind mehr, die kommen von überall. Ihr solltet den neugepflanzten Wald sehen, es wird langsam. Na und jetzt die Kinder...wir erwarten unser Erstes auch bald. Demipartis wird schön, ganz sicher. Du..sieh mal...ist er das?” In der Flußmitte entstand eine Welle, wurde größer, dann kamen Aufbauten auf dem Wasser...die Leute staunten, so groß wirkte das Schiff in diesem kleinen Fluß. Malcolm, der Filou, war wohl an der Mündung erneut getaucht um die Überraschung noch zu steigern... das Wasser rauschte vom Deck, der Mast wurde hochgeklappt, Luken öffneten sich. Malcolm, und die Mannschaft, und dann die Kinder. Großes Gejohle auf dem Schiff, Applaus am Ufer. Das Schiff kam langsam an die Mole, wurde vertäut...

Die Kinder waren kaum zu bremsen. Kaum lagen die Laufplanken, stürmten sie von Bord und standen dann etwas zögernd vor der Menschenmasse, die sich langsam teilte, den Weg zum Kinderhaus freigab. Dann ging es stürmisch weiter, die Betreuer wurden fast umgerannt, die Menschenmasse schloß sich und folgte ihnen. “Na, ihr zwei?” Malcolm stand hinter uns. “Mensch, alter Schwede...alles gut gegangen?” - “Unverschämt gut, ja. Wir waren schneller als gedacht, der Kahn läuft gut, nur unter Wasser ist er etwas lahm. Ihr habt mich ganz schön geschockt, da einfach von den Rahen runter einen Seemann anzulabern. Ich dachte, das kann nur Rathurnida...die hatte mich schon auf dem Kongo angequatscht. Ich dachte, ich spinne...na, das erzählt ihr mir sicher auch bald. Ist das Haus gut, und das Kirchlein?” - “Wir sind auch noch nicht lange da. Sag mal, so völlig verhungert sehen die Kleinen gar nicht aus?” - “Die hättest du sehen sollen als wir sie eingeladen haben. Zehn von ihnen mußten wir tragen. Dann haben die unseren ganzen Proviant niedergemacht, seit gestern abend gibt es nur grünen Saft. Es waren immerhin fünf Tage Fahrt...das Schlimmste haben sie hinter sich. Wo steckt meine Vahrsonia? Zwölf Tage ohne sie, das war zu lang.” Alida lächelte, küßte ihn auf die Stirn “erst gar nicht ranwollen und dann eine kleine Seefahrt nicht aushalten. Na, geh schon ins Kinderhaus, ich habe sie zwar nicht gesehen, aber sie ist bestimmt da.”

Wir folgten langsamer. Das Kinderhaus platzte von Leuten, die es besichtigten und kleine braune Gäste umarmen wollten. “Alida, was wird jetzt aus den Paaren, die Kinder adoptieren wollten? Wenn die alle wieder heim gehen, eines Tages?” - “Nicht alle. Malcolm bringt nicht nur Kinder, die ihre Eltern verloren haben. Er hat auch welche gebracht, deren Eltern krank sind, verletzt oder völlig verarmt; die bekommen Hilfe von uns, und später gehen die Kinder zurück. Aber hör mal, eine Patenschaft ist auch eine Aufgabe, unterschätze das nicht.  Diejenigen die keine Eltern mehr haben, können bleiben - wenn sie es wollen und der Stammesrat im Heimatdorf das auch will. Also erst Patenschaft und eventuell später Adoption. Sag mal, was schwingt da in deiner Stimme mit..denkst du über Adoption nach?” - “Alida, ich überlege noch. Laß uns ein paar Schritte gehen, ja?” - “Ja gern..aber spann mich nicht auf die Folter.”

“Na gut. Entschuldige die direkte Frage, aber bist du wirklich schon unfruchtbar? So blühend wie du aussiehst kann ich mir das gar nicht vorstellen.” - “Holla, hört, hört. Mmja, also, wir bleiben länger fruchtbar als eure Frauen da oben..es hört nicht ganz auf, nicht schnell, es läßt langsam nach. Wenn ich mich an bestimmten Tagen nicht zurückhalte, könnte es schon noch möglich sein...Norman, mach damit keine Scherze. Willst du ein Kind mit mir haben?  Ich würde mich so freuen, das glaubst du gar nicht.” Ich mochte nicht sofort antworten, hatte auch Zweifel, und die spürte Alida deutlich. “Norman, nein. Du wirst nicht sterben, bevor es groß ist - und ich auch nicht. Wir müssen vorsichtig sein, ja. Auf Schiffen, mit Autos oder Flugzeugen. Aber das Alter wird uns beiden nichts anhaben können, noch lange nicht. Ist das alles? Sonst keine Sorgen?” - “Keine. Willst du?” - “Oh ja...du..der Tag wäre gut... laß uns gleich zusammen sein, komm..” Wir hatten uns schon von der Menge entfernt, warum nicht. Wir umarmten uns am Flußufer, und blieben lange zusammen, Alida strahlte wie ein Stern...etwas verändert und ziemlich still gingen wir zu der Feier, nahmen am Rand teil, aber es war Malcolms Fest, und das der Kinder.  Früher als die meisten brachen wir auf, schlossen uns einer Gruppe aus Atlantis an, fuhren mit und gingen heim, für eine lange Liebesnacht.

Der nächste Tag brachte einen Entschluß, den wir ganz spontan beim Frühstück faßten: zurück nach Hamburg. Ich hatte immer noch keine Arbeit hier, und war mir unsicher was aus meinem Job in Hamburg werden sollte; auch kam der Gedanke auf, wenn wir wirklich ein Kind bekommen, sollten wir uns doch entscheiden wo wir es aufwachsen lassen, hier oder dort. Für einige Jahre jedenfalls. Und wenn einer einen Entschluß sucht, ist das stille Norddeutschland besser dafür als das quirlige Avalonia, das sah auch Alida so. “Wenn hier, Norman, dann bauen wir in Demipartis, ja? Wenn dort, dann entscheide du. Nehmen wir uns viel Zeit, wir wissen ja auch gar nicht ob es noch geht. Aber die Reise..kurz, bitte. Ich möchte noch den Sommer mitnehmen.”

Das war auch mein Gedanke. Diesmal nahmen wir aber einen großen Gleiter und packten eine Menge Proviant ein.  Aber etwas lief anders; ich hatte Alida das Steuer überlassen und sie fuhr zu meiner Verwunderung nicht zur Kristallwelt, sondern zum Atalan; der war ruhig und sie riß direkt über dem Krater senkrecht nach oben. Bevor ich begriff was sie vorhatte, waren wir schon von unten ins Meer eingetaucht und schossen dann kurz darauf ins helle Sonnenlicht...Alida strahlte wie ein Kind. “das wollte ich schon immer einmal probieren. Geht doch...” Mir fehlten die Worte, aber das war noch nicht alles. Sie murmelte vor sich hin...”Kavothrakis. Illardia. Arganthia.” - “he...Erde an Alida...was treibst du?” Sie lächelte mich an “Ich bin neugierig. Du nicht?” - “???” - “Da vorne, das muß es sein.” - “Was denn?” - “Na, Rifé natürlich. Ist wirklich winzig...aber schön, nicht?”

Die Insel kam näher, wirklich nicht groß, und wie Savonedor gesagt hatte: Berge, ein natürlicher Hafen, eine kleine Stadt ; westlich davor noch eine kahle Felsfläche, Wälder bis fast zu den Berggipfeln hinauf...”und was sagt uns das jetzt?” - “daß wir eine Insel in der oberen Welt haben. Eine schöne Insel...weißt du, Savonedor hatte doch eine Absicht als er uns davon erzählt hat.” - “mag sein..und welche?” - “Wenn ich das wüßte. Er ist ein schlauer alter Kerl, und ihn zu lesen gelingt mir nicht immer. Na, wir werden sehen.” - “Und wo sind seine Sonderlinge? Das sieht doch eher verlassen aus, die Häuser ziemlich vergammelt, der Hafen leer?” Sie wußte es nicht, und als wir tiefer gingen, uns das genauer ansehen wollten, spuckte der kleine Vulkan eine häßliche Wolke aus, keine Sicht mehr - dafür eine fast unerträgliche Hitze. Alida zog wieder hoch “na, dann eben nicht. Wir wollten ja auch nach Hamburg.”

Zunächst sahen wir nur noch Wasser, die Insel lag schon hinter uns. Wir machten kein Tempo, hatten ja genug Futter dabei - also kamen wir nach zwei gemütlichen Tagen im kühlen Hamburg an. Alida war stiller als sonst, oder es lag an mir...jedenfalls überlegte ich immer wieder, was uns eine winzige Insel im Atlantik nützen könnte.

Leider kann ich nicht behaupten daß mir etwas eingefallen wäre...

 

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Quellen zu den Themen dieser Seite

Demokratische Republik Kongo, Repubik Kongo

(UNICEF) Kongo, UNO Flüchtlingshilfe